Deutsche Geschichte buchstäblich ausgegraben

Deutsche Geschichte buchstäblich ausgegraben

Viele Artefakte aus der deutschen Geschichte unseres Gebietes enthält die private Sammlung des pensionierten Baggerführers Sergej Tschetschulinskij aus Dobrowolsk (ehem. Pillkallen). Das Hobby, dem Sergej Tschetschulinskij sein Leben lang nachgeht, ist es allerlei alte Sachen aus der deutschen Geschichte dieser Gegend zu sammeln.

Die Gegenstände sieht man in seiner Wohnung überall liegen, stehen und hängen: auf dem Fußboden, auf den Tischen und Stühlen, an den Wänden und selbst in der Badewanne, wo er von ihnen den Schmutz und Staub vergangener Jahrzehnte durch Einweichen im Wasser abzulösen versucht.

„Der Bagger ist ok, doch ich bevorzuge einen einfachen Spaten“. Sergej Potschetschulinskij mag keine Unbekannten und Journalisten, daher lässt er sie so gut wie nie über die Schwelle seiner Wohnung treten. Doch ein kurzes und – das ist die Hauptsache – offenherziges Gespräch mit ihm wirkt Wunder: Sergej ändert seine Meinung von mir und zeigt sich von seiner gastfreundlichen Seite. „Es ist in dieser Gegend so gut wie kein einziger heiler Bauernhof geblieben. Die meisten Leute hier – wie übrigens fast überall auf dem Lande – verdienten sich etwas Zubrot dadurch, dass sie Backsteine aus alten Bauten ausbrachen“, sagt Sergej mit Bitterkeit in der Stimme und lässt seinen Blick über die ordentlich aneinandergereihten Bierflaschen, Schlüsselbretter, Geschirr und sonstige Exponate seiner Sammlung gleiten. „Was ich dort an mich genommen habe, kann als vor Raub gerettetes Gut gelten. Als Finder war ich am erfolgreichsten, als ich als Baggerführer einer Meliorationsbrigade auf dem Land arbeitete.“

Mein Lieblingswerkzeug ist aber ein einfacher Spaten.

Die Bewohner von Dobrowolsk behaupten, in ihrem Dorf sei es still wie in einem Moor. Dem begeisterten Schatzsucher Sergej kommt diese Stille gelegen: Er greift zum Spaten und begibt sich zu seinen bevorzugten Ausgrabungsstätten, deren Standort er lieber geheim hält. „Ich schwinge mich aufs Rad und fahre graben. Mit den Händen graben tut gut, ich mag das. Nur hat man dabei immer seltener Glück, ich finde jetzt kaum noch etwas.

Alte Bauernhöfe sind ja mit Planierraupen abgetragen worden. Ich kenne aber einige Orte, alte deutsche Müllhalden beispielsweise, wo man noch fündig wird.“ „Ich staune, warum die Deutschen ihre heilen unversehrten Gegenstände, beispielsweise Aschenbecher, Bierkrüge, beschriftete Teller oder Medaillen einfach so auf Müllhalden entsorgten. Ich habe schon jede Menge davon bei meinen Ausgrabungen entdeckt“, sagt Potschetschulinkij und macht mich auf einen alten Aschenbecher aufmerksam. „Davon habe ich allerdings zunächst nur die Hälfte gefunden. Um den fehlenden Teil zu finden, musste ich über sieben Tage lang herumbuddeln. Stell dir vor, wie ich mich gefreut habe, als ich ihn endlich fand. Ich hab mich richtig glücklich gefühlt!“

Deutsches Parfum pur!

Wir betreten die Veranda, die mit allerlei Tischen bestellt ist. Darauf stehen Regale, die randvoll mit geborstenem Geschirr, Arzneifläschchen und Porzellanfiguren verschiedenster Art gefüllt sind. Man sieht ihnen an, dass sie lange unter der Erde gelegen haben. Der Hausherr entnimmt einer Holzschachtel ein kleines Parfumglas, öffnet es behutsam und lässt mich daran schnuppern: „Riechst du das Aroma? Deutsches Parfum pur! Kaum zu glauben, dass ein Aroma so lange halten kann“. Über Sergejs Gesicht huscht ein wonniges Lächeln. „Ich habe nicht selten Besuch aus Kaliningrad. Das ist fast immer jemand, der allein kommt. Klar, dass es keine formell organisierten Gruppenbesuche sind. Trotzdem wird meine Sammlung in einigen Reiseführern erwähnt.“

Dass es in Dobrowolsk ein solches Privatmuseum gibt, wurde bald deutschen Heimwehtouristen bekannt, die ins Gebiet kommen, um ihre alte Heimat, darunter auch Pillkallen (so hieß die Siedlung früher) wiederzusehen. Daher verwundert es nicht, dass mehrere deutsche Landsmannschaften in ihren Informationsblättern über den Ex-Baggerführer und seine Sammlung schon berichtet haben. „Hält hier mal ein Reisebus mit deutschen Touristen, so isst man hier an diesem Tisch gemeinsam zu Mittag“, Sergej zeigt auf ein wackliges Holzgebilde, das notfalls tatsächlich als Mittagstisch dienen könnte. „Es kommt vor, dass daran an die dreißig Personen Platz finden. Es geht dann hoch her: Bier fließt in Strömen und der Proviant wird kistenweise aus dem Bus herangeschafft. Seit etwa sieben Jahren pflegen deutsche Touristen bei mir Rast zu machen.“ „Verkaufen Sie ihnen etwas aus Ihrer Sammlung?“, frage ich. „Ich verkaufe nichts“, antwortet Tschetschulinskij schroff. „Es sei denn, ein guter Freund bittet mich darum… Wo bliebe denn meine Sammlung, wenn ich alles hier verschachern würde? Natürlich verschlägt es manchen Deutschen bei der Besichtigung meiner Sammlung fast den Atem. Ich höre sie dann: „Mein Gott, meine Oma hat ja mal so ein Ding gehabt!“ oder etwas in der Art flüstern. Es kamen einmal zwei Frauen in Begleitung eines Dolmetschers und einiger Beamter von der Ortsverwaltung, sie konnten sich an einem alten Bierkrug nicht satt sehen. Man sagte mir später, dass sie Geschwister waren. Es war ein ganz gewöhnlicher Bierkrug, die beiden blieben aber lange bei ihm stehen und fragten mich, ob sie ihn mal berühren dürften. Es stellte sich heraus, dass ihr Großvater ein Töpfer in Lasdehnen (heute Krasnosnamensk) gewesen war und solche Bierkrüge hergestellt und sie selbst bemalt hatte. Klar, dass ich ihnen den Krug überlassen habe. Beide Schwestern waren so gerührt, dass sie feuchte Augen bekamen. Ja, so was gibt es auch. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, welche Zufälle und Überschneidungen es im Leben so geben kann.“ 

Der Hobby-Antiquar sagt das und hüllt sich plötzlich in Schweigen. Ich blicke ihn an und sehe, dass er selbst feuchte Augen bekam.

Iwan Markov

Reklame

Kommentare ( 0 )

Um zu kommentieren, müssen Sie sich registrieren oder einloggen.

Autorisierung