Interview mit dem Kaliningrader Dombaumeister Igor Odinzow

Interview mit dem Kaliningrader Dombaumeister Igor Odinzow

„An Stelle des Königsberger Doms hätte man ein Denkmal - ein 20 m hohes Bajonett - errichten können.“ Von dem einzigartigen Wiederaufbau des Baudenkmals aus dem 14. Jahrhundert erzählt der Leiter des Königsberger Doms Igor Odinzow.

Foto: Dombaumeister Igor Odinzow

 

Dass der Königsberger Dom in Kaliningrad wiederaufgebaut worden ist, ist eine Ausnahme. Noch irgendwelche Denkmäler von so einer großen Bedeutung, deren Wiederaufbau nicht aus dem Haushalt finanziert worden ist, gibt es im Gebiet Kaliningrad nicht. Jetzt ist der Dom eines der schönsten Gebäude der Stadt und beansprucht den Titel "Das Symbol Russlands".

Zurzeit sagt man oft, es mangele an Geldmitteln für die Restaurierung von Baudenkmälern. Wie ist es Ihnen gelungen, in den schwierigen 90-er Jahren das Geld und die Restauratoren zu finden?

Damals diente ich in den Bautruppen. Im Jahre 1992 quittierte ich meinen Dienst (ich war Oberst) und schlug dem Stadtratsvorsitzenden Wiktor Denisow vor, den Königsberger Dom wiederaufzubauen. Er stimmte mir zu. Aber uns standen der Gebietssowjet und einige Beamten im Wege. Sie hatten schon beschlossen, an den Ruinen des Königsberger Doms ein Denkmal - das 20 m hohe russische Bajonett - aufzustellen. Geschäftsleute, die ihre Hände auf dieses Stück Land legen wollten, verleiteten die Öffentlichkeit zu Kundgebungen. Wir wurden auch bei Gericht verklagt. Wir gründeten die Baufirma "Der Dom", verdingten uns, die von uns verdienten Gelder wurden in den Dom investiert. Wir schrieben auch zwei Bücher, 1 000 Exemplare jeweils wurden in Russland und Deutschland verkauft. Später fanden wir Sponsoren aus Deutschland, die uns Gelder überwiesen, damit entsprechende Arbeiten geleistet werden konnten.

Was die Fachleute anbelangt, so hatte ich selber die Leningrader Ingenieurhochschule absolviert. Als ich den Dom nach historischen Zeichnungen wiederherstellte, beriet ich mich mit Spezialisten aus Deutschland.

Ist es wahr, dass Sie Deutsch extra dafür gelernt haben, um mit den Sponsoren aus Deutschland arbeiten zu können?

Ich konnte etwas Deutsch noch seit der Kriegszeit. Ich kann vieles davon erzählen, die Faschisten haben meinen Onkel aufgehängt. Das deutsche Volk klage ich jedoch nicht an. Die Politiker haben Schuld daran.

Wie viel Geld hat der Wiederaufbau des Königsberger Doms gekostet?

Es sind schon über 10 Mio. Euro investiert. Wladimir Putin hat 140 Mio. Rubel (umgerechnet 3,5 Mio. Euro) für die Restaurierung der Orgel gegeben. Das ist der einzige Fall, wo uns der Staat geholfen hat. Wir brauchen noch rund 40 Mio. Rubel (umgerechnet 1 Mio. Euro) für die Innenausstattung des Doms. Wir wollen auch Epitaphe wiederherstellen. Seit 1335 wurden hier prominente Adlige und später die Professoren von Albertina beigesetzt. Es gab insgesamt rund 100 Epitaphe, einige davon waren echte Meisterwerke.

Kann sich der Dom schon rentieren?

Exkursionen und Konzerte bringen uns rund 12 Mio. Rubel (umgerechnet 300 000 Euro). Das genügt für die Bezahlung der kommunalen Dienste, für die Steuern und Instandhaltungsarbeiten. Jährlich besuchen den Dom 98 - 100 000 Menschen. Das Kultusministerium hat begonnen, unsere Kulturprogramme mit zu finanzieren.

Im Gebiet Kaliningrad sind viele Kirchen im baufälligen Zustand. Warum gelang es niemandem zu tun, was Sie mal getan hatten?

Das Problem besteht darin, dass die Menschen faul und geizig sind. Alle wollen zunächst viel Geld auf einmal bekommen und erst danach an die Kultur denken. Man zieht es vor, sich im Ausland zu erholen und das Geld hier in Kaliningrad zu verdienen. Sehen Sie mal, im Stadtzentrum wurden viele unförmige Gebäude gebaut. Die Stadt leidet auch unter der lokalen Bebauung, weil das Gesetz über die Schutzgebiete von Architekturdenkmälern noch nicht verabschiedet worden ist. Zusammen mit der Gesellschaftskammer haben wir diese Frage mehrmals aufgeworfen, aber vergeblich.

Zurzeit wird die historisch-kulturelle Expertise des Stadtzentrums durchgeführt, danach wird man entscheiden, ob das Stadtschloss wiederaufgebaut wird. Äußern Sie bitte Ihre Meinung dazu.

Darin sehe ich keinen Sinn. Der architektonische sowie historische Wert des Schlosses ist fraglich, nur zerstörte Fundamente sind ja erhalten geblieben. Das wird also ein Neubau sein, dessen Errichtung viel Geld fordert. Aber die Schlosskeller müssen natürlich konserviert werden, über den Schlossruinen muss auch eine Kuppel errichtet werden. Das Haus der Sowjets ist ein Architekturdenkmal aus dem 20. Jahrhundert, das eine Existenzberechtigung hat. Es besitzt eine hohe Baufestigkeit und es gibt viele Möglichkeiten, das Gebäude attraktiver zu machen und seine Fassade in Ordnung zu bringen.

Sie wollen dem Königsberger Dom den Status eines "besonders wertvollen Objekts" verleihen. Was nützt das?

Man wird das Objekt nicht privatisieren oder seine Zweckbestimmung ändern dürfen usw. Die Entscheidung wird in der russischen Regierung getroffen werden. Im Gebiet Kaliningrad gibt es keine Objekte, die diesen Status besitzen.

Quelle: http://www.klops.ru/news/Kraevedenie/69581/Odincov:-Na-meste-Kafedraljnogo-sobora-mog-bytj-20metrovyj-stykpamjtnik.html

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