Das Kreuz mit der Propaganda

Das Kreuz mit der Propaganda

Der Medienkrieg ist voll entbrannt. Der Konflikt in der Ukraine 2014 ist der erste Bürgerkrieg in Europa, der mindestens zur Hälfte an der Internet- und Multimediafront gekämpft wird. Die Jugoslawienkriege in den Neunzigern waren jungfräulich dagegen; die Technik war nicht halb so weit. Der totale Krieg der Zukunft findet immer weniger auf dem Schlachtfeld statt, sondern auf den Monitoren, in den Herzen und Hirnen der Menschen. Weniger blutig, sagen Sie? Der Hass schlägt Wunden, die heilen nie.

Mit den Medien kommen die Lügen. Die Fälschungen, der Spin, die Propaganda. Die montierten Videos, die photogeshoppten Bilder. Was haben wir nicht gesehen in den Monaten seit Beginn der Krise? Im Westen ist man überzeugt, dass alle russischen Putin-Fans überhaupt nur Opfer verlogener, staatlicher Propaganda sind. Jetzt rächt sich das westliche Dogma, alle Menschen seien gleich. Was versteckt sich dahinter anderes als die Überzeugung, alle Menschen seien wie ich? Kein Wunder, dass wir andere nicht verstehen. Wie kann man wie ich sein und zu Putin halten — das können nur Opfer propagandistischer Verblendung sein.

Während einer Tagung des Korrespondenten-Netzwerks für Osteuropa n-ost in Berlin, über die der Blog Wostkinder berichtet, wurde festgestellt, dass die russischen und die ukrainischen Medien sich in Sachen Propaganda in nichts nachstehen. Manch junger westliche Journalist, der 2014 demokratisch konditioniert nach Kiew kam und die Worte der Ukrainer für bare Münze nahm, hat diese heilsame Erfahrung gemacht. Ein anderes Ergebnis der Tagung: Auf allen Seiten gibt es Pitbulls (die wahren Hetzer), Poodles (die vielen Mitläufer und Anpasser) und Watchdogs (die wenigen Apostel der Objektivität). Ein schönes Bild, wie wahr.

Bleibt die nächste Frage: Wenn Russen und Ukrainer (mitunter) lügen, wie sieht es dann im Westen aus? Seit langem wundert es mich, dass niemand das ernsthaft diskutiert. Schon richtig: bei uns ertönt keine Marschmusik aus dem TV, es werden auch (kaum) emotional aufgeladene Bilder oder Videos gezeigt, und kein Moderator spricht mit tragender, tragischer Stimme. Der Stil ist jedenfalls in Deutschland seit 1945 verpönt. Dafür hat man die Sache mit dem "Spin", dem Dreh, der übrigens von den Angelsachsen stammt. Um den Spin kümmert sich der Spin-Doktor, ein Spezialist mit sprachlichem Fingerspitzengefühl. Wie ein richtiger Doktor die Spritzen, so setzt er die sprachlichen Akzente. Entscheidend ist, was hängenbleibt. Das Metier, das eigentlich in der Unternehmens-PR groß wurde, ist spätestens seit Tony Blair ("Saddam […] has existing and active military plans for the use of chemical and biological weapons") von der politischen Bühne Europas nicht mehr wegzudenken.

Doch beim Spin machen auch unsere westeuropäischen Medien nicht halt. Zwei Tage nach dem Abschuss von Flug MH17 konnte der Welt endgültig gezeigt werden, was für Barbaren die prorussischen Separatisten sind: Leichenfledderer, Leichenschänder, Marodeure. Maßgeblich dienten dazu zwei Bilder, die sich mit Lichtgeschwindigkeit verbreiteten. Eines zeigt einen camouflagierten Kämpfer mit MP vor der Brust, der ein Stofftier in die Höhe hält. Auf dem anderen, zumeist vergrößert abgelichtet, ist ein blonder, ebenfalls camouflagierter junger Mann zu sehen, der anscheinend einen Ehering zwischen den Fingern hält und betrachtet. Mit diffamierenden Überschriften voller Verachtung fanden beide Fotos ihren Weg in die westliche Boulevardpresse und ins Internet.

Die Wahrheit war völlig anders. Wer sie noch nicht kennt, hier ist das Video, dem die Fotos entstammen:

Nicht nur die aufgeklärten Bürger, auch die Politiker glauben, was unsere Heimatfront im Medienkrieg von sich gibt. Man wird dem niederländischen Außenminister ein hohes Maß an Betroffenheit zugestehen. Aber entspricht es zivilisierter Westeuropäer Herkommen und Sitte, Anschuldigungen vor dem UN-Sicherheitsrat auf verdrehte Tatsachen, aus dem Zusammenhang gerissene Bilder und Viertelwahrheiten zu stützen? ("… we perceived very disturbing reports; bodies being moved about and looted for their possessions […] and you see images of some fuck, removing the wedding bands off their hands …"). Quod erat demonstrandum. Was sind wir Westeuropäer doch erhaben über diese halbasiatischen Kosaken, über ihre ewige Camouflagerie, die ganze Rückständigkeit ihrer russischen Steppe.

Dass dieser halbe Asiate, dieser "some fuck", sich vor unseren Toten auch noch bekreuzigt, passt da wirklich nicht ins Bild.

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