Die Deutschland-Reiselust der Kaliningrader Russen scheint ungebremst

Die Deutschland-Reiselust der Kaliningrader Russen scheint ungebremst
In der letzten Zeit erhält unsere Informationsagentur häufiger Anrufe von vermeintlichen und wirklichen Bekannten, die darum bitten, ob wir nicht bei der Visabeschaffung im deutschen Generalkonsulat behilflich sein könnten.
 
Ehrlich gesagt, sind wir eine Informations- und keine Beschaffungsagentur und die Beschaffung von Schengen-Visa ist ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen werden, wenn wir vor lauter Langerweile nicht wissen, was wir sonst noch so tun können.
 
Aber da sich die Anfragen häuften, versuchten wir zu verstehen, warum plötzlich und unerwartet die Hilfe Dritter benötigt wird. Das deutsche Generalkonsulat ist Ende vergangenen Jahres umgezogen in ein Top-renoviertes Haus. Die technische Ausstattung, insbesondere der Visaabteilung, wird erstklassig sein. Es gab nie Warteschlangen vor dem Generalkonsulat und das elektronische Anmeldesystem wurde in der Vergangenheit immer in allerhöchsten Tönen von den Russen gelobt. Und warum sollen wir da helfen?
 
Leute die uns anriefen teilten uns mit, dass sie zu unterschiedlichsten Zeiten, sowohl am Tag, wie auch um Mitternacht versuchten, in das „Buchungssystem“ des Generalkonsulats einzusteigen, um einen Termin für die Visabeantragung zu erhalten. Keine Chance und das über viele Tage. Das konnte ich nicht glauben. Ich glaubte vielmehr, dass die Anrufer vielleicht nicht so richtig mit dem Internet umgehen können.
 
Und so schauten wir, meine Nachbarn und ich, auf die Internetseite des deutschen Generalkonsulates in Kaliningrad und waren begeistert.
Die Reiselust der Russen war schon immer groß, scheint sich jetzt aber noch enorm gesteigert zu haben -  ungeachtet der etwas angespannten politischen Situation, denn in allen drei Beantragungsgruppen sind die Vergabetermine für eine Visumsbeantragung für Wochen, ja man kann sagen für Monate ausgebucht.
Das Auswärtige Amt hat die Antragsteller in drei Gruppen unterteilt:
 
  • Schengen-Visa (Visa der Kategorie C) - Touristische Reise
  • Langzeit-Visa (nationale Visa) - Studium / Stipendium / Sprachkurs / Praktikum / Erwerbstätigkeit / Au-Pair / Familienzusammenführung / Eheschließung
  • Schengen-Visa (Visa der Kategorie C) - Besuch / Transit / Geschäft / Auf Einladung / LKW- und Busfahrer / medizinische Behandlung
 
Zuerst haben wir in die Gruppe für Touristen geschaut. Für den Zeitraum vom 1. -14. August 2014 sind alle Termine belegt und ab 15.08.2014 bis zum Jahresende können keine Termine gebucht werden. Aha!
 
Anscheinend wollen alle Kaliningrader unbedingt in diesem Jahr noch einmal nach Deutschland fahren, bevor vielleicht die Grenzen dicht gemacht werden. Und somit ist das Generalkonsulat komplett ausgelastet. Pech für den, der sich erst jetzt für eine Tourismusreise nach Deutschland entscheidet.
 
 
Dann haben wir geschaut, wie die Zeitfenster für mögliche Antragsteller der zweiten Gruppe aussehen. Da sah es besser aus, aber auch hier scheint es einen Riesenansturm zu geben.
Im Monat August sind alle Termine belegt. Im September sind auch alle Termine belegt, obwohl am 02., 16. und 30.09. sind noch Termine für eine Visumsbeantragung in der zweiten Gruppe frei. Im Oktober verschlechtert sich die Lage rapide, da gibt es nur noch Termine am 14.10.2014. Und für die Monate November und Dezember hat niemand keine Chancen.
 
Ehrlich gesagt, war ich an dieser Stelle schon ein wenig stolz auf Deutschland und seine Beliebtheit – auch als Reiseziel. Schon in den vergangenen Jahren gab es eine äußerst bemerkenswerte positive Entwicklung bei der Visavergabe. Jährlich stark ansteigende Zahlen und im Jahre 2013 wurde sogar die magische Zahl von über 30.000 Visa geknackt – und dies trotz des Umzuges in ein neues Gebäude.
Und wir haben nur eine sehr vage Vorstellung, unter welch angespannten Bedingungen die Mitarbeiter der Visaabteilung jetzt bei diesem Ansturm (und bei diesen Temperaturen) arbeiten.
 
Aber trotzdem schauten wir auch noch in die dritte Gruppe. Da sah es im August sehr gut aus. Am 26., 27., 28. und 29 August gibt es noch Termine. Im September gibt es sogar an 17 Tagen noch Termine und für die Monate Oktober, November und Dezember sind bereits alle Tage voll ausgelastet.
 
Also insgesamt eine Situation, die einen als deutschen Staatsangehörigen stolz macht, aber andererseits auch Bedauern auslöst für die vermutlich sehr stressige Arbeitssituation im Generalkonsulat.
 
Meine Nachbarn teilten aber meinen Stolz nicht so richtig. Sie meinten, dass das irgendwie nicht normal ist. Es kann doch nicht sein, dass sich plötzlich alle Kaliningrader in allen Gruppen entschließen nach Deutschland zu fahren. Und sie sprachen die Vermutung aus, dass vielleicht die Technik nicht richtig funktioniert.
 
Das ist natürlich Unsinn. Natürlich kann es mal Probleme mit der Technik geben, doch aber nicht über Wochen und bis hin zum Jahresende.
 
Dann brachten meine Nachbarn einen noch absurderen Gedanken vor. Sie meinten, dass es sich vielleicht um Sanktionen handelt, die nicht öffentlich gemacht wurden sind. Man tut ganz einfach so, als ob alle Termine vergeben sind und so verringert man unbemerkt die Einreisen nach Deutschland oder in den Schengenraum.
 
Naja, … äh, hm, … nein, auch das ist Blödsinn. So etwas macht Deutschland nicht. Deutschland hat ein offenes Verhältnis zu Russland und außerdem hat man ja immer wieder erklärt, dass es keine Sanktionen geben wird, die den einfachen Russen treffen.
 
Es muss also andere Gründe geben, weshalb man über das Buchungssystem des deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad bis zum Jahresende keine Visa mehr buchen kann – aber was sind das wohl für Gründe?

Uwe Niemeier

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