Die nächsten hundert Jahre revisited

Die nächsten hundert Jahre revisited

George Friedman, 1949 in Budapest geboren, bündelt die in Jahrhunderten des Ghettos erworbene Lebenserfahrung des jüdischen Europas mit einer brillanten Kenntnis der Wahlheimat seiner Eltern, seit 1956, den USA. 1996 hat er in Texas die Denkfabrik Strategic Forecasting, Inc (Stratfor) gegründet, Spezialisten in Sachen Geostrategie und Strategieberatung, die übrigens einen höchst lesenswerten Online-Service unterhalten. 2009 erschien sein Buch Die nächsten hundert Jahre, ein nach des Autors eigenen Worten anmaßendes, in Wahrheit jedoch beeindruckend nüchternes, plausibles und in seiner Applikation historischer Kontinuität überzeugendes Zukunftsgemälde mit einem zentralen Thema: dem 21. als dem eigentlichen Jahrhundert Amerikas.

George Friedman ist sich nicht zu schade zuzugeben, dass alle realistische Politik letztlich aus wenigen Minimalzielen besteht. Das sind die paar Doktrinen jedes auch nur mittelmächtigen Staates, die Grundsätze der politischen Identität eines Gemeinwesens, die jede Generation unterschreibt und um derentwillen die Angehörigen selbigen Gemeinwesens im Extremfall im Schützengraben verbluten. Lewer düad as Slaw.

Friedman stellt uns in dem besagten Buch die Minimalziele der Amerikaner vor: erstens Herrschaft über die Weltmeere; zweitens Herrschaft über den nordamerikanischen Kontinent; drittens Vermeidung der Herrschaft irgendeines Dritten über den eurasischen Kontinent.

Ziele Eins und Zwei sind derzeit in trockenen Tüchern (das ändert sich, Friedman folgend, später in diesem Jahrhundert). Im Moment treibt Washington vor allem Doktrin Nummer Drei um: Wer beherrscht Eurasien? Aufschlussreich ist Friedmans Bewertung der vergangenen eurasischen Kriege mit amerikanischer Beteiligung: die Weltkriege, Korea oder Vietnam, Afghanistan, Irak, der Kampf gegen al-Qaida und die diversen Engagements im Rahmen des "Arabischen Frühlings". Jedes (jedes!) dieser Unternehmen, egal wie desaströs es aus europäischer Perspektive verlaufen sein mag, war für die USA ein Erfolg. Schreibt Friedman.

Warum? Ganz einfach: Amerika will in Eurasien nicht herrschen. Amerika will in Eurasien die Herrschaft anderer verhindern. Stabilität, Verantwortung, Zukunftsfähigkeit, Nachhaltigkeit, der Menschen Leben, Glück, Frieden und Freiheit … alles irrelevant. Was Amerika erstrebt, ist ein unerlässliches Minimalniveau an Chaos von Lissabon bis Wladiwostok und Manila (alles Friedman, nicht Fasbender, kann jeder nachlesen).

Nicht anders als das offensichtliche Gros der Amerikaner erkennt Friedman auch 25 Jahre nach dem Ende der UdSSR in Russland den eurasischen Rivalen Nummer Eins. Gleichzeitig findet er gute Argumente — und die sind keineswegs unplausibel —, weshalb China für diese Rolle gar nicht infrage kommt. Das im Niedergang befindliche Westeuropa scheidet ohnehin aus. Entsprechend dreht sich Friedmans Vorhersage für das laufende Jahrzehnt um Russland, das wirtschaftlich und militärisch an Kraft gewinnt und dem Westen, also den USA, in Ostmitteleuropa entgegentritt.

Die dauerhafte Ausschaltung Russlands ist daher auch das erste einer langen Reihe abwechslungsreicher Politikziele im 21. Jahrhundert. Gewissermaßen, auch wenn Friedman es in seinem Buch so nicht ausspricht, ist es eine letzte, zuvor versäumte Maßnahme aus dem Jahrhundert zuvor. Bis über die Jahrtausendwende hinaus hat man dem Riesenland im Osten Zeit gelassen, einzuscheren ins Glied und auf die Seite von Fortschritt und Zukunft zu wechseln — sie wollen es einfach nicht, diese Russen. Sollen sie sehen, was ihnen das bringt.

Drei Ereignisse hat Friedman für die Zehnerjahre vorhergesagt: das Herausbrechen der Ukraine aus der russischen Einflusszone (nicht ohne aktive Nachhilfe der Amerikaner); das Entstehen und Erstarken einer Allianz osteuropäischer Länder unter polnischer Führung (nicht ohne aktive Nachhilfe der Amerikaner); die zunehmende Bedeutungslosigeit Deutschlands und Frankreichs (auch ohne aktive Nachhilfe der Amerikaner). Am Ende (Friedman: "nach 2020") folgt eine krachende russische Niederlage, die das Land zumindest für den Rest des Jahrhunderts zur Non-Entity stempelt.

Zwischen dem östlichsten Punkt der Ukraine hinter Lugansk und dem westlichsten Punkt Kasachstans kurz vor Aktubinsk liegen 470 Kilometer. Die südlich dieser Linie gelegenen russischen Gebiete sind kaum zu verteidigen, wenn eine entschlossene Allianz — Polen und seine osteuropäischen Nachbarn von Westen und die Türkei im Süden — mit US-Unterstützung die Zange schließt. Containment oder Eindämmung war einmal. Im 21. Jahrhundert wird Russland auf seine mittelalterlichen Grenzen zurückgestutzt. Soweit jedenfalls Friedmans Szenario für die Jahre nach 2020. Wir können davon ausgehen, dass diese in historischen Maßstäben kurzfristige Zielsetzung im Pentagon durch zielgerichtete Planungen bereits untermauert ist. Niemand möge behaupten, das sei an den Haaren herbeigezogen und absurd. Friedmans eigene Worte: Wer hätte, im Vertrauen auf Plausibilität und gesunden Menschenverstand, im Jahr 1913 das 20. Jahrhundert auch nur annähernd vorhergesagt? Oder 1931 prognostiziert, dass zehn Jahre später mit 150 Divisionen Deutschland die Sowjetunion überfällt?

Friedman ist übrigens kein Falke, auch kein "rechter Republikaner". Das hieße ihn auf ein viel zu enges Spektrum festzulegen. Er denkt und spricht für die amerikanische Elite, auch wenn das auf den ersten Blick für das Ostküsten-Establishment nicht zuzutreffen scheint. In Wahrheit ist das der Arbeitsteilung geschuldet. Während die "liberale" Ostküste weltweit alle Menschen mit heller Hautfarbe, Schuldkomplexen und überdurchschnittlichem IQ ins Netz der amerikanischen Soft Power eingarnt, plottet Friedman als Strategie-Offizier im Generalstab die Marschrichtung. Wer hinhört, gewinnt anhand seiner Beiträge auf stratfor.com einen ziemlich genauen Begriff vom geostrategischen Kurs der US-Amerikaner. Allen anderen blasen die Ostküstenmoralisten, bienenfleißig unterstützt von der veröffentlichten Meinung in den "befreundeten" Ländern des Westens, geistige Nebelschwaden ins Hirn.

Drohnenkrieg für den Mittleren Osten, Dollarbündel für die NGO's von Weißrussland bis nach Georgien und gestreckter Stoff für die Moralinsüchtigen in Westeuropa. Wie lautete das Ziel: mit minimalem Aufwand das Chaos am Köcheln halten. Geht doch.

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