Europa: Wo ist die Mitte Europas?

Europa: Wo ist die Mitte Europas?

Ein Bericht über ein traditionsreiches, in Vergessenheit geratenes einstiges deutsches Gebiet, das langsam wieder entdeckt wird: Nordostpreußen/Kaliningrader Oblast. Von Helmut Matthies (Wetzlar) - Chefredakteur von idea

Der ferne Osten liegt in der Mitte: Nordostpreußen

Wo genau ist wohl die Mitte Europas? Auf diese Frage würden viele vermutlich Frankfurt am Main oder Berlin antworten. Doch weit gefehlt! Der geografische Mittelpunkt Europas liegt 26 Kilometer nördlich der litauischen Hauptstadt Wilna, also noch östlich von der ostpreußischen Grenze des Deutschen Reiches bis 1945. Der Eiserne Vorhang hat dafür gesorgt, dass das Bewusstsein, was denn zu Europa gehöre, bis heute für viele noch einseitig westlich orientiert ist. Nur langsam wird der frühere „Osten“ wieder das, was er geografisch immer war: die Mitte Europas. Und genau dort liegt das frühere Ostpreußen, das seit 1945 dreigeteilt ist: Der Norden – das Memelland – gehört zu Litauen, der Süden zu Polen und die Mitte (das sogenannte Nordostpreußen) zu Russland. Während der heutige litauische und polnische Teil zu deutscher Zeit evangelisch war, ist er jetzt katholisch geprägt. Nordostpreußen ist dagegen nach 40-jähriger Diskriminierung jeder Religion durch die Kommunisten (1945 bis 1991) weithin atheistisch.

Spannung in Berlin-Tegel

Es ist mittags in Berlin-Tegel. Der Flughafen wirkt ziemlich verdreckt. Überall fliegen Becher von McDonald’s herum. Vor dem Schalter zum Flug nach Kaliningrad/Königsberg hat sich eine lange Schlange gebildet. Ein türkischstämmiger Mitarbeiter von Air Berlin meint offensichtlich, in die 1945 von der Roten Armee besetzte Stadt wollten nur Russen. Ständig ruft er „dawei, dawei“ (also schnell, schnell). Doch es sind fast ausschließlich Deutsche, die verwundert Multikulti erleben. Ein älterer Reisender hält das nicht aus und entgegnet ihm: „Erstens sind wir hier nicht in Russland, zweitens sollte auch ein türkischstämmiger Mitarbeiter in Deutschland Deutsche auf Deutsch anreden.“ Eine brisante Situation. Sie wurde erfreulicherweise dadurch entschärft, dass alle lachen mussten.

So groß wie Schleswig-Holstein

Air Berlin fliegt ab 6. Mai  täglich (bis dahin viermal wöchentlich) Kaliningrad an – ein Zeichen dafür, dass das einstige Nordostpreußen wieder mehr ins Bewusstsein Deutschlands gerät. Was vielen nicht deutlich ist: Kein Gebiet war bis zum Ende der Sowjetunion 1991 so hermetisch abgeriegelt wie der Kaliningrader Oblast (Verwaltungsgebiet). Er ist so groß wie Schleswig-Holstein, zählt aber nur 940.000 Bürger, von denen 420.000 in der Hauptstadt Kaliningrad (Königsberg) leben.

Bekenntnis zur deutschen Vergangenheit

Nach der Öffnung der Grenzen gab es Mitte der 90er Jahre zunächst einen Boom von Besuchern, die dort geboren und aufgewachsen sind. Diese Heimkehr-Touristen waren meist schockiert darüber, dass aus einer der schönsten deutschen Städte – Königsberg – eine russische Plattenbausiedlung – eben Kaliningrad – geworden ist. Doch die Zeiten haben sich geändert. Man besinnt sich der historischen Wurzeln und bekennt sich auch zur deutschen Vergangenheit. Heute kann jeder die Stadt nennen, wie er möchte. Also entweder Kaliningrad – nach einem Weggefährten Stalins, der ebenfalls Massenverbrechen beging, Kalinin – oder eben Königsberg (russisch ausgesprochen). Am 3. Oktober 2012 wurden sogar Nachbildungen von sechs historischen Gebäuden Altkönigsbergs vor dem Eingang zum bereits wieder (mit deutschen Geldern) aufgebauten Dom aufgestellt. Sie tragen den Namen „Königsberger Wahrzeichen“ und zeigen im Kleinformat die berühmte Albertina-Universität, das königliche Schloss und andere Wahrzeichen um 1930 – eine Initiative der Deutschen Fördergesellschaft Ostpreußenhilfe e. V. Der deutsche Generalkonsul in Kaliningrad, Rolf Friedrich Krause, sagte in seiner Ansprache, dass das Architektur-Denkmal am „Tag der deutschen Einheit“ enthüllt worden sei, bezeuge, dass Barrieren – die es in der wechselvollen Geschichte von Königsberg-Kaliningrad reichlich gegeben habe – nun überwunden würden. Mittlerweile wird sogar ernsthaft geplant, das Schloss wieder erstehen zu lassen. Für den Wiederaufbau soll Staatschef Wladimir Putin angeblich 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt haben.

Viel Armut, aber auch großer Reichtum

Das jetzige Kaliningrad zeigt beides: viel Armut, aber auch großen Reichtum, zahlreiche kaputte Straßen, aber überall auch großen Aufbauwillen, der sich besonders in der jungen Generation zeigt. Es boomt an vielen Stellen. Und es ist sauber! Im völligen Kontrast zu Berlin sieht man kaum Schmierereien an den Häusern und Müll auf den Straßen. Ein BMW-Großhändler aus der Pfalz, der Königsberg besucht, meinte völlig erstaunt: „Ich kenne keine Stadt, in der so viele BMWs und Mercedes zu sehen sind wie in Königsberg.“ Wobei niemand genau sagen kann, woher das Geld für die teuren Autos kommt. Die Hälfte aller in Russland verkauften BMWs wird in Kaliningrad produziert.

Hoffnung auf die Fußball-WM

Die große Hoffnung Kaliningrads ruht auf der Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland. Die Stadt ist überraschenderweise einer der Austragungsorte geworden. Dazu hat besonders auch das Engagement von Putin beigetragen, dessen Frau Ludmilla (von der er inzwischen geschieden ist) in Kaliningrad geboren und aufgewachsen ist. Putin hat überhaupt große Pläne mit dieser Stadt: Hier sollen künftig vermehrt Staatsbesucher empfangen werden. Auch dazu wird jetzt der Flughafen ausgebaut und modernisiert. Da Kaliningrad die westlichste Stadt Russlands ist – Luftlinie 527 Kilometer von Berlin entfernt (ähnlich Bonn – Berlin) –, soll sie auch zu einem internationalen Messe- und Ausstellungszentrum für Europa ausgebaut werden.

Lutheraner gehen voran

Die Arbeitslosigkeit ist gering – ebenso wie allerdings auch die Löhne. Das Anfangsgehalt für einen Lehrer beträgt umgerechnet 150 Euro – und das bei Lebensmittelpreisen ähnlich wie in Deutschland. Von daher müssen Männer und Frauen oft bis ins hohe Alter arbeiten, um überleben zu können. Das führt dazu, dass zahlreiche Kinder auf den Straßen rumlungern, gibt es doch viel zu wenige Kindertagesstätten bzw. Kindergärten. Zurzeit stehen auf den Wartelisten für einen Kindergartenplatz 26.000. Deshalb gibt es in Kaliningrad auch große Sympathie dafür, dass die dortige Evangelisch-Lutherische Gemeinde (zu der vor allem Russlanddeutsche gehören) den ersten christlichen Kindergarten in Nordostpreußen errichten will. Dazu ist die Gemeinde freilich vollständig auf Hilfe aus Deutschland angewiesen.

Wer sich vor Aufträgen nicht retten kann

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind bis zu 15.000 Russlanddeutsche in das Kaliningrader Gebiet gezogen. Jetzt kommen vermehrt auch Einzelne aus der Bundesrepublik Deutschland. Einer davon ist Uwe Niemeier, ein ehemaliger DDR-Bürger, der bereits seit 1995 in Kaliningrad lebt. Gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea sagte er: „In Deutschland ist alles fertig und organisiert. Hier sind so viele Freiräume, die noch nicht besetzt sind. Wer hier wirbt mit ‚deutscher Handwerker, pünktlich und zuverlässig’, kann sich vor Aufträgen nicht retten. Man ist im Kaliningrader Gebiet sehr interessiert daran, mit Deutschland zusammenzuarbeiten. Man wartet nur darauf, dass Deutsche kommen.“ Einige der 2,5 Millionen, die einst in Ostpreußen lebten und nach 1945 flüchten mussten, setzen sich heute besonders sozial und kirchlich für die alte Heimat ein. Nur zwei Beispiele: Die evangelische Christin Margarete Pulver aus Braunschweig verkaufte ihr Haus und ließ mit dem Geld die lutherische Kirche in Groß-Legitten renovieren, so dass sie den dortigen Christen wieder zur Verfügung steht. Ungewöhnlich aktiv ist beispielsweise die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Laurentius in Schwarmstedt, die besonders in den armen Dörfern und Kleinstädten Kindern und Alten unter dem Stichwort „Brücke nach Kaliningrad“ hilft.

Schnittstelle der Völkerverständigung

Eine Schnittstelle der Völkerverständigung bildet das gut ausgestattete Deutsch-Russische Haus in Kaliningrad, das für Begegnungen, Veranstaltungen, Sprachunterricht, Jugendprogramme sorgt und beliebt ist. Von den 19 Städten – abgesehen von Königsberg – sind besonders sehenswert Insterburg (40.000 Einwohner), Tilsit (41.000), Pillau (32.000), Gumbinnen (28.000) sowie die wunderschönen Städte an der Küste Cranz (13.000) und Rauschen (11.000). Landschaftlich reizvoll ist vor allem die Frische Nehrung, die sich auf einer Länge von 65 Kilometern bis zur Nordspitze der Stadt Pillau (heute Baltijsk) erstreckt. Zu Russland gehören etwa 35 Kilometer. Seitdem die Nehrung kein militärisches Sperrgebiet mehr ist, wird sie vielfach von Touristen besucht.

Es gibt keinen schöneren Fleck

Geradezu weltberühmt ist die Kurische Nehrung, deren größerer Teil zu Russland und der kleinere zu Litauen gehört. Die 99 Kilometer lange Sandsichel in der Ostsee ist von einzigartiger Schönheit. Der Gelehrte Wilhelm von Humboldt (1767–1835) schrieb nach einer Reise, dass man die Kurische Nehrung wie Italien und Spanien gesehen haben müsse, „wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen solle“. In dem kleinen Ort Nidden auf der Nehrung hatte Thomas Mann ab 1930 ein Sommerhaus. In seinem Tagebuch schrieb er, er kenne keinen schöneren Fleck auf Erden. Wer auf der Nehrung entlangfährt oder wandert, kann links und rechts das blaue Wasser des Kurischen Haffs bzw. der Ostsee sehen, darüber die dunklen Kiefern und den blauen Himmel und unter sich den Sand. Der nördliche Teil endet gegenüber der wieder sehr schön aufgebauten Stadt Memel (250.000 Einwohner, im Deutschlandlied erwähnt), der südliche Teil am ebenfalls bezaubernden Samland mit seinen einzigartigen Steilküsten. 95 Prozent des weltweiten Bernsteinaufkommens stammen von hier. In Nidden kann auch das Thomas-Mann-Haus besichtigt werden. In diesem Ort – in dem im Sommer übrigens deutschsprachige lutherische Gottesdienste angeboten werden – trafen sich zur deutschen Zeit die bedeutendsten Künstler wie Max Bechstein, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Carl Zuckmayer usw. Das einstige Nordostpreußen dürfte bald kein Geheimtipp mehr sein. Das hoffen sowohl Russen wie Litauer.

Quelle: http://www.ead.de/nachrichten/nachrichten/einzelansicht/article/europa-wo-ist-die-mitte-europas.html

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