„Feste Arbeit und Toleranz“

„Feste Arbeit und Toleranz“

In Russland gehören Gastarbeiter und Einwanderer schon lange zur Realität. Die Attraktivität des Landes für Migranten lässt sich vor allem durch die höheren Löhne erklären.

Gastarbeiter erhalten für ihre Arbeit in Russland teilweise bis zu zehn Mal mehr Lohn als in ihren Herkunftsländern. Ein Gehalt von 25.000 bis 30.000 Rubel (ca. 400 bis 500 Euro) ist Grund genug für Einwohner Usbekistans, Tadschikistans, Kirgisistans und anderer Republiken der ehemaligen UdSSR, ihr Heimatland zu verlassen und für einige Jahre als Gastarbeiter nach Russland zu ziehen. Neben dem höheren Gehalt ist häufig die Aussicht auf Arbeit bereits ein Grund, die Heimat zu verlassen.

Ein Großteil der Gastarbeiter findet (ob qualifiziert oder unqualifiziert) keine Arbeit im Heimatort. Dies zwingt viele von ihnen, nach besseren Arbeitsmöglichkeiten beim „großen Nachbarn“ zu suchen, ungeachtet dessen, wie schwierig die Lage für Wirtschaftsmigranten in Russland ist. Das Kaliningrader Gebiet bildet diesbezüglich keine Ausnahme. Heutzutage verkehren sogar zwei Direktverbindungen  der Fluggesellschaft “Uzbekistan Airways” pro Woche zwischen Taschkent und Kaliningrad. Ein Flugticket kostet mehr als 300 Euro. Nichtsdestotrotz werden die Flüge gut gebucht. Ein Flug von Bischkek nach Kaliningrad mit Umsteigen in Moskau beträgt mehr als 200 Euro; von Duschanbe nach Kaliningrad fast 350 Euro. Diese Preise sind große Summen für diejenigen, die zu Hause häufig nicht mehr als 100 Euro pro Monat verdienen.

Warum fliegen viele Gastarbeiter aus den zentralasiatischen Republiken nach Kaliningrad, wenn sie günstiger nach Moskau reisen könnten? Mein Gesprächspartner Timur, 23 Jahre alt, stammt aus Kirgisistan. Vor fast zwei Jahren ist er aus einer kleinen Stadt im Süden Kirgisistans nach Kaliningrad gereist. Seine Familie wohnt hier bereits seit mehr als fünf Jahren. Als Hauptgrund für die Auswanderung nennt Timur höhere Gehälter. Nachdem er zwei Jahre in Moskau gelebt hatte, entschied er sich, nach Kaliningrad zu ziehen. Die Kaliningrader seien netter, so Timurs Begründung. Wahrscheinlich hat er Recht. Trotz der regelmäßigen Verhaftungen illegaler Immigranten im Gebiet ist die Lage für die Zuwanderer generell besser als im russischen Kernland. Im Kaliningrader Gebiet gibt es weniger Vorurteile gegenüber Immigranten, Morde aus ethnischen Gründen sind nicht bekannt. Timur, der jetzt als Kellner in einem usbekischen Restaurant arbeitet, hat keine Angst vor den Behörden, da seine Papiere (Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis) in Ordnung sind. Das Restaurant bietet eine authentische usbekische Atmosphäre; auch der Chefkoch und fast alle Kellner kommen aus den zentralasiatischen Republiken. Bei ihnen bestehen ebenfalls kaum Probleme mit dem Prozess der Registrierung, obwohl dieser sich nicht einfach gestaltet.

Seit Januar 2015 müssen Gastarbeiter ein Sprachzertifikat vorweisen können und an einem Kurs über Kultur und Rechtssystem Russlands teilnehmen, um arbeiten zu dürfen. Am Ende dieses Kurses erhalten sie ein sogenanntes „Patent“, dessen Kosten sich regional unterscheiden.

Die Gebietsregierung entscheidet, wie viele Migranten in der Region bleiben dürfen. Höhere anfallende Kosten bedeuten meistens weniger Migranten. Die Kosten für eine schnellstmögliche  Beschaffung der nötigen Papiere liegen bei etwa 50.000 Rubel (fast 900 Euro), so Timur. Eine Gesprächspartnerin aus Usbekistan konnte wenig aus eigener Tasche beisteuern, weswegen die Registrierung bei ihr wesentlich länger dauert. Sowohl sie, als auch Timur erzählen, sie seien in Kaliningrad gut vernetzt. In ihren Bekanntschaftskreisen befinden sich neben Kirgisen und Usbeken auch Russen. In Kaliningrad gäbe es alles, was sie bräuchten: feste Arbeit, gute Infrastruktur, Freunde, zentralasiatische Restaurants, um Kontakte mit den Landsleuten zu knüpfen. Außerdem wird momentan eine Moschee gebaut. Das Einzige, was den beiden nicht gefällt, ist das Wetter. Doch damit lässt sich leben.

Kristina Kotenkowa

KE-Redaktion: Die Situation der Arbeitsmigranten, wie sie die Verfasserin dieses Artikels darlegt, scheint uns etwas beschönigt zu sein. Es mag sein, dass Kaliningrad als Wohn- und Arbeitssitz verschiedener Nationalitäten eine freundliche und tolerante Stadt ist. Trotzdem erfährt die Zahl der Migranten hier in jüngster Zeit eine drastische Reduzierung, wie anhand der Statistik auf Seite 2 ersichtlich wird. Die Gründe dafür gestalten sich komplex und liegen wohl im Bereich von Politik und Wirtschaft.

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