Haus der Räte in Kaliningrad – „Nützes“ oder Unnützes?

Haus der Räte in Kaliningrad – „Nützes“ oder Unnützes?

Wie oft hat man sich in der Welt schon geirrt, als es um Stadtplanungen, Zukünftiges, Vergangenes ging. Abgerissen ist schnell, aufbauen dauert etwas länger. Aber was einmal abgerissen ist, das kann man auch nicht wieder errichten – es sei denn als Kopie. Deshalb sollte immer gründlich überlegt werden – und an diesem Prozess sollten auch möglichst viele teilnehmen – damit es zumindest einen Mehrheitswillen gibt  - wie es in einer Demokratie üblich ist.


Viele Besucher, Touristen aus Deutschland und weltweite kennen den Anblick des „Hauses der Räte“ (Dom Sowjetov) und viele erhalten von diesem Anblick keine Befriedigung. Die Erklärung dafür ist denkbar einfach, denn man erklärt ihnen, dass an dieser Stelle bis 1968 das Königsschloss bzw. das was nach dem englischen Bombardement davon übriggeblieben war, gestanden hat. Und da Touristen immer auch von einer gewissen Postkarten-Idylle leben, kommt dann Traurigkeit auf und der Wunsch, dass der sichtbare Ausdruck von „Unschönheit“ oder „Unvollkommenheit“ im Zentrum Kaliningrad baldmöglichst verschwinden möge.

Dabei ist dieses Gebäude gar nicht so unschön, es ist einfach nur unvollendet.

Im Rahmen des neuen Projektes der Stadtentwicklung „Herz der Stadt“ gibt es nun Gedanken. Sie sind noch nicht zu Ende gedacht und deshalb wird es Zeit, vielleicht etwas genauer über das Haus der Räte zu schreiben, Wahrheiten und Richtigstellung von Gerüchten – bevor es vielleicht zu spät ist.

Wussten Sie zum Beispiel, dass das Haus der Räte nicht an der Stelle steht, wo das einstige Königsschloss gestanden hat? An dieser Stelle stand das Gebäude der Reichsbank. Das Königsschloss stand rechts vom Haus der Räte – eben dort, wo die Ausgrabungen erfolgt sind. Rein theoretisch könnte man also das Königsberger Schloss wieder aufbauen, ohne das Haus der Räte abzureißen.

Kaliningrad, als Bestandteil der großen Sowjetunion und jetzt des großen Russland, liebte schon immer große Pläne, Generalpläne für den Aufbau, Umbau und für sonstige strategische Entwicklungen. Und so existierte auch bereits Anfang der 50er Jahre ein Plan für die Rekonstruktion der Stadt. Der damalige Hauptarchitekt der Stadt, D. Nawalichin schlug vor, ein Verwaltungs-Hochhaus im stalinschen Baustil (in Deutschland auch bekannt als Zuckerbäcker-Baustil) zu errichten. Aber Papier ist geduldig und der Plan wurde nicht umgesetzt.

Einer der Gründe, weswegen sich in den Jahren nach dem Krieg wenig in Kaliningrad getan hat war, das Stalin und sein Nachfolger sich nicht völlig sicher waren, ob der Status quo in Europa erhalten bleibt. Warum also in den Aufbau einer Stadt, eines Gebietes investieren, dessen Zukunft aus sowjetischer Sicht unklar war.

1967 gab es schon mehr Klarheit und es gab auch einen neuen Generalplan für die Entwicklung der Stadt. Man war schon selbstbewusster und hatte sowohl die sozialistische DDR wie auch die imperialistische BRD vor Augen. Und man hatte eine Ideologie. Und diese besagte, dass alles was preußisch ist, imperialistisch ist. Imperialismus muss man bekämpfen und deshalb muss das Königsschloss abgerissen werden.

Zitat aus einem Brief des Vorsitzenden der Gebietsverwaltung J. Prushinski an den Ministerrat der RSFSR:

„… wir schlagen vor die Überreste des Schlosses zu vernichten. Das Schloss war immer eine Personifizierung von räuberischen Bemühungen, beginnend bei den Rittern, und dann bei den Faschisten gegen die slawischen Völker. Für die Wiedererrichtung des Schlosses, welches viel Geld kosten wird, werden uns nur die Revanchisten im westlichen Deutschland dankbar sein.“

Nun, wir kennen ja Übertreibungen auch aus der jüngsten deutschen Geschichte, wo es den neuen deutschen Politikern nach 1990 nicht möglich war, in Gebäuden zum Wohl des deutschen Volkes zu arbeiten, wo vorher kommunistische Parteikader ihr Unwesen getrieben hatten. Für viel (Steuer)Geld wurden dann ideologisch unbelastete Gebäude für die Verwaltung von Bürokratie gebaut. Aber lassen wir das …

Auch im sowjetischen Kaliningrad gab es noch einige andere Übertreibungen. So erinnert sich ein schon älterer Journalist (und verdienter Architekt des (sowjetischen) Volkes), dass er in der Zeitung „Kaliningrader Prawda“ einen Artikel („Damit wir den Zeitgeist nicht vergessen“) veröffentlicht und die im Text behandelten deutschen Gebäude mit ihren historischen Namen benannt hatte. Das löste, nach seinen Erinnerungen, heftigste Reaktionen im „Kaliningrader Politbüro“ der KPdSU aus und man schlug vor, zukünftig die deutschen Namen eisern zu verschweigen und an Stelle dessen zu sagen: „… das Altgebäude, gelegen in der Straße … mit der Nummer …“ Tja, so war das damals.

Einer der wichtigsten Befürworter für die Sprengung des Stadtschlosses war der damalige Parteichef der Kommunistischen Partei, N. S. Konowaljow. Er führte ins Feld, dass das Gebäude der Gebietsverwaltung in der ul. Donskowo (auch heute noch Sitz der Gebietsregierung), als Gebäude nicht mehr nutzbar ist und leitete persönlich die Arbeiten zum Abriss des Königsschlosses.

Man beeilte sich Tatsachen zu schaffen und die Ruinen des Stadtschlosses wurden gesprengt, alles andere links und rechts fiel der Sprengung gleich mit zum Opfer. Und nach dem man den ganzen Schutt abgefahren hatte, stellte man fest, dass nun ein riesiger leerer Platz mitten in der Stadt entstanden war. Eine tolle Erkenntnis, die sofort beflügelte, sich Gedanken über die Neubebauung zu machen.

Da es nach dem Krieg, in allen vom Krieg nicht verschonten Städten, zu einer riesigen Bautätigkeit kam, hatte man genügend Beispiele vor Augen, wie man denn diesen leeren Platz wieder gestalten könnte. Und man wollte das 7-etagige Verwaltungsgebäude, welches gerade in der Stadt Perm (am östlichen Rand des europäischen Teils Russlands, am Eingang zum Ural gelegen) gebaut wurde, kopieren.

Foto: Haus der Räte in Perm (allerdings auch schon mit mehr als sieben Etagen)

Aber sieben Etagen waren den Kaliningrader Verantwortlichen zu wenig für die Verwaltung der Kaliningrader Bevölkerung, die zum damaligen Zeitpunkt ungefähr halb so groß war wie die Bevölkerung der Stadt Perm.

Nach den Gedanken des neuen Chefarchitekten Kaliningrads, sollte das neue Verwaltungsgebäude 28 Etagen haben und aus zwei gleichartigen „Haussäulen“, Türmen bestehen, die durch zwei Brücken miteinander in verschiedenen Etagen verbunden sein sollten.

Auf dem Platz vor dem Gebäude, heute eine Betonwüste auf der Märkte für den Verkauf von einheimischen Erzeugnissen der Landwirtschaft abgehalten werden, sollten nach Vorstellungen der damaligen Verantwortlichen blühende Landschaften mit Springbrunnen und einem Konzertplatz unter offenem Himmel entstehen.

Die Grundidee des Gebäudes entsprang dem damaligen „Geist der Zeit“, oder Ideologie (wie Sie wollen): Einer der beiden Türme sollte die Gebietsverwaltung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion beherbergen und der zweite Turm sollte Domizil für die Kaliningrader Gebietsverwaltung werden. Jede der Machtverwaltungen sollte einen eigenen Empfangsbereich haben. Für den Bereich der Kommunistischen Partei sollten nur Parteimitglieder und Bürger mit Spezialausweis Zutritt haben und für den Bereich der Gebietsverwaltung sollte es eine eigene Tunneleinfahrt für die PKW geben. Im unteren Teil des Gebäudes waren vier Konferenzsäle geplant und ein großer Versammlungsraum mit 600 Plätzen. Und im Gebäude sollte eine große „Stolowaja“ (also eine Betriebskantine) untergebracht werden.

Von der Architektur her war dieses Gebäude eine freie Interpretation von Gedanken des Architekten Oscar Niemeier (Erbauer der neuen Hauptstadt Brasiliens). Das Gebäude selber erhielt in der Sowjetunion einen Architekturpreis.

Der Bau des neuen Verwaltungsgebäudes begann im Jahre 1970. Während der Bauphase gab es einige Probleme mit dem Baugrund, der für ein so starkes Gebäude nicht ausreichend vorbereitet war. Auf Grund finanzieller Probleme mit Beginn der Perestroika, wurden Veränderungen am Bau vorgenommen. Von den ehemals 28 Etagen blieben noch 21, also fast in dem Umfang wie es im ersten Projekt aus dem 50er Jahren vorgesehen war (geplant 20 Etagen). Mitte der 80er Jahre wurde der Bau dann mit einem Baufortschritt von 95 Prozent ganz eingestellt.

Die Kaliningrader Bevölkerung begann die Sache mit Humor zu sehen. Das Volk findet ja für alle und alles immer einen passenden Witz. Man verglich die beiden Türme, die die beiden Machtstrukturen aufnehmen sollten, mit den kämpfenden Bullen vor dem heutigen Universitätsgebäude im Stadtzentrum. Beide Bullen kämpfen um die Macht – schon seit Jahrzehnten … und wenn sie nicht gestorben sind, so kämpfen sie noch heute …

Dann begannen die wilden 90er Jahre. Das Haus wurde im Jahre 1995 das erste Mal privatisiert. Es wurde eine Aktiengesellschaft „Kulturelles Geschäftszentrum“ gegründet. Diese AG sollte Investoren finden und das schon halbverfallene Gebäude in Ordnung bringen. Dies gelang nicht und die Aktiengesellschaft ging in Bankrott. Im Jahre 2003 wurde das Gebäude der Firma „Protostroi“ verkauft. Unmittelbar nach dem Kauf begannen Probleme mit der Stadtverwaltung Kaliningrad, die anzweifelte, dass bei dem Verkauf alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Die Stadt war der Meinung, dass das Gebäude erheblich unter seinem eigenen Wert verkauft worden war.

Zum 750. Jahrestag der Stadt, im Jahre 2005, wurde das Gebäude einer „kosmetischen“ Kur unterzogen. Es erhielt einen Außenanstrich und Fenster wurden eingesetzt. Allerdings schaffte man nur drei von vier Seiten bis zu den Feierlichkeiten fertig zu stellen und deutsche Journalisten ließen es sich nicht nehmen, genau die Seite zu filmen und zu fotografieren, die Jahrzehntelang nie fotografiert wurde (Rückseite des Gebäudes) und somit, wie so häufig, graues und gruseliges aus Kaliningrad/Königsberg zu vermelden.

Im Jahre 2006 wurde durch die Kaliningrader Stadtverwaltung, gemeinsam mit der Kaliningrader Regierung, eine Klage beim Vertragsgericht eingereicht. Im Jahre 2010 wurde durch Gerichtsbeschluss der Kauf/Verkauf des Gebäudes für rechtsungültig erklärt.  

Im Jahre 2011 erhielt das Gebäude vom Kaliningrader Gouverneur N. Zukanov den Titel „Schande der Stadt Kaliningrad“. Er trat für den Abriss ein und die Wiedererrichtung des Stadtschlosses.

So ungern ich es zugebe, aber hier hat der Kaliningrader Gouverneur irgendwie Recht. Ihm ging es aber bei dieser Aussage sicher nicht um das Gebäude an sich, sondern um die Gesamtgeschichte des „Hauses der Räte“, um das Unvermögen das „hässliche Entlein“ zu einem anständigen Schwan heraus zu füttern. Schuld daran, dass wir jetzt an diesem zentralen Ort der Stadt keine Parkanlage mit Springbrunnen, Wasserkaskaden, Sitzbänken und anderen schönen stadtarchitektonischen Kleinods sehen, sind viele Umstände. Es lohnt sich nicht zurückzuschauen, auf die Kommunisten zu schimpfen, denen das Geld ausgegangen ist, auf die Neukapitalisten der 90er Jahre, auf die Sünden und Unterlassungen der Jahre bis 2012. Jetzt steht die Aufgabe, der Stadt ein neues Herz zu geben.

Wieder ein Generalplan für den kompletten Umbau der Stadt wurde geboren. Heute steht aber die Finanzmacht und der föderale Wille dahinter, dieser Stadt endlich wieder ein Gesicht zu geben: Ein Gesicht mit deutscher Geschichte, sowjetischer Vergangenheit und russischer Zukunft. Hoffen wir, dass die jetzigen Stadt- und Gebietsverantwortlichen diese Chance nutzen.

Uwe Niemeier

P.S. Ach, vielleicht noch eine kleine Rand-Anekdote. Viele von Ihnen, die schon in Kaliningrad waren und durch die Stadt spazieren gegangen sind, werden bemerkt haben, dass es noch recht viele Kanalisationsdeckel gibt - mit alter Königsberger Aufschrift. Damals, zu sowjetischen Zeiten, bestand der Wille der Kommunistischen Partei, alles Deutsche in der Stadt zu vernichten. Nichts sollte mehr an „Früheres“ erinnern. Und auch die Kanaldeckel sollten verschwinden. Das Problem war, dass es in der sowjetisch-sozialistischen Mangelwirtschaft keine neuen Kanaldeckel gab. Und deshalb können wir uns heute noch ein wenig nostalgisch freuen, wenn wir auf unseren Spaziergängen solche Raritäten entdecken.

 

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