Kaliningrad und seine Demokratie

Kaliningrad und seine Demokratie

In meiner Sammlung interessanter Äußerungen, mehr oder weniger bekannter Persönlichkeiten, habe ich eine Äußerung von Thomas Jefferson (dritter Präsident der Vereinigten Staaten) gefunden: „Information ist die Währung der Demokratie“

Vor über einem Jahr kam mir in den Sinn, mal wieder etwas Neues zu tun. Und da mir schon seit geraumer Zeit auffällt, dass man in Deutschland sehr wenig über das Gebiet Kaliningrad weiß und das, was man weiß, nicht immer der Realität entspricht, dachte ich mir, mal über die Wirklichkeit zu informieren. Um zu informieren braucht man in erster Linie Informationen. Und so schaute ich, ob es denn Informationen über Kaliningrad gibt oder ob der berüchtigte FSB vielleicht vieles geheim hält. Also entweder ist der berüchtigte FSB nachlässig, oder er ist eben doch nicht so böse wie immer behauptet wird. Tja, ich wurde fast erschlagen von einer Flut an Informationsangeboten. Neben persönlichen Bekanntschaften gibt es natürlich auch das Internet – man muss eben nur russisch lesen können – manchmal auch zwischen den Zeilen. Zumindest russisch lesen kann ich.

Mit meinen weiteren Beiträgen möchte ich zeigen, dass es überhaupt nicht schwer ist, zu allen Fragen und Problemen, Russland und Kaliningrad betreffend, Informationen und Antworten zu finden – auch für Ausländer. Vorausgesetzt, man spricht die Sprache. Viele sprechen die russische Sprache nicht. Und genau diesen möchte ich mit meinen Beiträgen zeigen, dass wir viel Demokratie in Russland haben – viel Demokratie deshalb, weil es eben viele Informationen gibt. Man muss sie nur verstehen wollen und können.

Das setzt natürlich auch eine gewisse Bereitschaft voraus, Russland nicht die westlichen Lebens- und Demokratieansichten einfach überstülpen zu wollen. Sie befinden sich in einem anderen Land. Und jedes andere Land hat seine ganz persönlichen Ansichten, Einstellungen, Charaktere und auch seine eigene Demokratie. Wir gestehen den USA ja auch zu eine eigene Demokratie zu haben, nicht wahr? Stellen Sie sich vor, alle Menschen auf der Welt würden gleich aussehen, sich gleich kleiden und alle hätten dieselbe Meinung. Und alle würden auf der Welt Currywurst mit Bier lieben – wie langweilig.

Kaliningrad pflegt seit Jahrzehnten erfolgreich sein schlechtes Image. Vor 1990 war es ein geheimnisumwitterter sowjetkommunistischer Militärstützpunkt – isoliert und selbst für Russen nur mit Sondergenehmigung zu betreten. So verbreitet man es im Westen bis heute. Wenn dem denn wirklich so war, steht die Frage, warum ich als ostelbischer Deutscher schon 1982 als Student dorthin reisen konnte? Vorsichtshalber habe ich mal meine Nachbarn gefragt, wie das denn damals so war in Kaliningrad. Kein Mensch kann sich daran erinnern, dass Kaliningrad für Russen eine „verbotene Region“ war.

Und nach Beendigung der „Isolierung“, also nach 1991? Da pflegten die Nostalgietouristen das Negativimage der Stadt und des Gebietes. Ich gebe zu, die sowjetischen Kultureinflüsse waren sichtbar und sind auch heute noch sichtbar. Und von einer gemütlichen russischen Stadt, in der es sich lohnt zu leben und zu arbeiten, konnte man im Jahre 1995, dem Jahr meiner Ankunft in Kaliningrad, wirklich nicht sprechen. Aber so war es nun mal. Der Sozialismus/Kommunismus hat einfach nicht das gehalten, was er immer versprochen hatte. Und deshalb existiert er eben heute auch nicht mehr. Die Erben mussten mit dem leben, was sie geerbt hatten. Und, die Russen hatten nicht das Glück wie die ostelbischen Bewohner Deutschlands nach dem 03.10.1990, wo eine demokratieverwöhnte, reiche Bundesrepublik nicht nur die Paragraphen der bundesdeutschen Verfassung nach Osten exportierte sondern auch noch jede Menge Geld und Spezialisten – auch wenn die Spezialisten häufig nur dritte Wahl waren. Aber selbst Spezialisten dritter Wahl sind immer noch besser als gar keine Spezialisten. Und der Abriss einer alten, unbrauchbaren Gesellschaftsordnung und der Aufbau einer neuen, besseren, braucht eben neben Spezialisten auch Zeit und Geld. Könnte man vielleicht vergleichen mit der heutigen Energiepolitik der Bundesrepublik Deutschland. Die Atomkraftwerke wurden schnell gebaut und als das Beste angepriesen, was man sich denken kann. Heute denkt man anders darüber, man ist klüger geworden. Aber der Abriss der alten Atommeiler dauert bis zu 50 Jahren und der Aufbau von Alternativen verschlingt Unsummen an Geld und dauert auch ein wenig. Und so sehe ich auch die gesellschaftlichen Umbruchsprozesse in Kaliningrad bzw. in Russland.

Und dann kam die Zeit nach dem Jahr 2000. Putin begann Ordnung zu schaffen – in seiner Art, mit seinem Verständnis. Ich, als Ausländer, spürte dies sehr bald. Während ich bis 2000 als Angestellter einer Firma alle Höhen und Tiefen im russischen Geschäfts- und Privatleben durchlebte, entschloss ich mich im Jahre 2001 meine eigene Firma zu gründen – mit einem, wie sich später herausstellte – nicht ganz so einfachen Geschäftsgegenstand: Immobilien. Ich hatte aber ein glückliches Händchen (einerseits) und bemerkte auch andererseits, wie Russland intensiv an der Vervollkommnung seiner rechtlichen Basis arbeitete – ein nicht unwichtiges Moment für Leute, die sich in Russland niederlassen und Eigentum schaffen oder verwalten.

Es ging vorwärts, in Russland, in Kaliningrad. Wir bekamen einen neuen Gouverneur, Georgi Boos. Ein Moskauer mit Beziehungen und ökonomischem Sachverstand. Und, Sie kennen vielleicht den Spruch: „Ein Kommunist ohne Beziehungen ist dasselbe wie ein Kapitalist ohne Geld.“ Er hatte beides, obwohl er als Kommunist absolut untauglich war. Er führte die Region und die Stadt zum wichtigen Jubiläum: 750 Jahre Existenz der Stadt. Welcher Stadt? Königsberg, Kaliningrad?

Es begann eine unsägliche politische Diskussion – sie band unnötige Nerven und Kräfte, an Stellen, wo es nicht nötig war. Deshalb gelang uns auch nicht alles bis zum Jahre 2005. Da reisten Putin, Schröder und der französische Präsident zum Jubiläum an. Vieles hatten wir geschafft, aber wie gesagt nicht alles.

So haben wir ein „Ewiges Denkmal der Schande“ in unserer Stadt: das Haus der Räte, mitten in der Stadt, an der Stelle, wo einst das Königsberger Stadtschloss stand. Mit großem Aufwand wurden die Fenster in die Bauruine eingesetzt und die Fassade in einem freundlichen hellblau angestrichen. Allerdings schaffte man die letzte Seite nicht – die Seite, die bisher von den ausländischen Filmteams nie gefilmt wurde. Jetzt wurde sie gefilmt. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte: Kaliningrad darf kein gutes Image haben.

Und so setzt es sich fort. Filme die gezeigt werden, im deutschen Fernsehen, sind alt und fast immer mit gruseliger Musik hinterlegt. Aktuelle Beiträge sehr selten und natürlich auch fast immer mit negativem, wehleidig-nostalgischem Kommentar versehen. Es besteht, meinen Empfindungen nach, einfach kein Interesse an einer positiven Berichterstattung in den deutschen Medien – aus welchen Gründen auch immer.

Im Zuge der Kommentierung der Rede Putins „An die Nation“ vor zwei Tagen, sprach der Gouverneur davon, dass Kaliningrad die Vitrine Russlands sein wird. Andere sprechen vom Fenster Russlands zum Westen – auch keine schlechte Formulierung. Ich meine, Kaliningrad sollte auch zusätzlich noch als „Tür“ bezeichnet werden. Durch Türen tritt man nämlich ein. Und wenn ich es richtig sehe, will man wohl daran arbeiten, die Anzahl der Schlüssel zu dieser Tür zu verringern. Es geht um die Visafreiheit. Da geistert so der Begriff von „Visafreiheit für 72 Stunden“ durch die Luft und man hört hin und wieder auch von einer möglichen einseitigen Entscheidung der russischen Seite. In St. Petersburg gibt es diese Lösung schon für die Passagiere von Kreuzfahrtschiffen. Na, warten wir es ab.

Ich jedenfalls habe einen Schlüssel für die Tür. Obwohl ich ihn auch nicht brauche. Die Russen meinen, dass die Tür für mich immer offen ist. Und das sind die besten Voraussetzungen für meine Pläne. Ich lebe und arbeite in Kaliningrad seit 1995 und werde dieses wohl auch die nächsten zwanzig Jahre noch tun. Ich bin daran interessiert, die Stadt so darzustellen wie sie ist: Eine kleine, gemütliche, unfertige, interessante, nicht problemfreie, entwicklungsfähige, chancengebende, russische Stadt an der Westgrenze zur Europäischen Union in 45 km Entfernung bis zur Grenze und 600 km bis Berlin.

Sie werden mich in dieser Rubrik zukünftig mit Informationen aus der Kaliningrader Regierung und dem Kaliningrader Bürgermeisteramt finden. Ich stelle mir die Aufgabe, kein rosarotes Bild zu malen – natürlich haben wir Probleme. Aber ich möchte diesen oder jenen Leser zu einer etwas objektiveren Sichtweise auf unsere Region befähigen und vielleicht gelingt es mir auch Investoren zu interessieren. Ich würde auch gerne Touristen nach Kaliningrad locken, aber vorerst nur zu einem Kurzurlaub, denn wir müssen uns erst noch in den nächsten Jahren etwas aufhübschen und ein paar touristische Leckerlies organisieren.

Uwe Niemeier

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