Kaliningrad und seine Müllsorgen

Kaliningrad und seine Müllsorgen

Vor einigen Wochen ging eine Meldung durch die Medien. Man informierte über  einen offenen Brief, den 4.000 Kaliningrader Bürger an Putin gerichtet hatten. In diesem Brief kritisierten sie die unhaltbaren Zustände auf einer Müllkippe in unmittelbarer Nähe der Stadt. Sie wiesen auf die Inaktivität und die Verständnislosigkeit des Kaliningrader Gouverneurs in dieser Frage hin und ließen anklingen, dass, wenn 4.000 Unterschriften unter diesen offenen Brief nicht ausreichen, sie auch 200.000 sammeln können.

Das löst natürlich Handlungsbedarf aus. Und so kam es, dass das Thema auf einer gemeinsamen Sitzung des Kreisrates zur Sprache kam. Der Gouverneur schlug vor eine Arbeitsgruppe auf der Basis der Kreisverwaltung zu bilden. Prompt schlug der Bürgermeister vor eine Arbeitsgruppe unter Verantwortung der Stadtverwaltung zu gründen. Der Gouverneur legte nach, bestand auf seinem Vorschlag und wollte noch viele hochrangige Spezialisten aus der Stadtverwaltung zum Müll schicken – also ich meine zur Mitarbeit in dieser Arbeitsgruppe.

Als Leiter der Gruppe wurde Arsen Machlow, Abgeordneter im Kreisparlament vorgeschlagen. Arsen ist in seinem „früheren Leben“ ein kleiner Rebell gewesen – in Kaliningrad. Sein Vater betrieb eines der größten Verlagsunternehmen in Kaliningrad und er, Arsen, gründete 1999 die erste kostenlose Stadtzeitung für Kaliningrad. Sie heißt „Dwornik“ (Straßenfeger) und wird z.B. mir kostenlos jede Woche in den Briefkasten geworfen. Ich zähle nur sehr bedingt zu den Lesern, denn diese Zeitung beschäftigt sich mit der Aufdeckung von Skandalen im politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben und kritisiert Unzulänglichkeiten in der Stadt in einer Art und Weise, die nicht meinen Vorstellungen entspricht. Nichts desto trotz (meine Meinung spielt hier überhaupt keine Rolle), bewegt er mit seinen Veröffentlichungen viel. Und er hält auch viel aus, denn in seinem Leben hat er alles durch: Verleumdung, Verhaftung, Verurteilung, Verbrennung des PKW und einen Mordanschlag. Und auch viele seiner Mitarbeiter haben diesen „Erfahrungsweg“ durchlebt. Aber ihm ist es immer gelungen, vermutlich auch dank dessen, dass alle Mitarbeiter von „Dwornik“ an einem Strang ziehen, sich ungerechtfertigten Handlungen ihm gegenüber erfolgreich zu widersetzen. Er war auch einer der Initiatoren der „Mandarinenaktion“ im Jahre 2010, die zum Sturz des Vorgängers des jetzigen Gouverneurs, G. Boos führte.

Im Rahmen der letzten Wahlen zum Bürgermeister, wurde er in den Kreisrat gewählt. Nach dem er so viel in seinem bisherigen Leben kritisiert hatte, entsprach es einer gewissen Logik, dass ihn der Gouverneur als Leiter dieser – wirklich nicht einfachen – Arbeitsgruppe vorschlug. Kritisieren ist das eine, es besser machen ist eine andere Sache, die nicht jeder kann. Nun hat Arsen die Möglichkeit unter Beweis zu stellen, dass er auch ein guter Organisator praktischer Lösungen von Problemen ist. Da das Problem der Müllentsorgung keine „Melotsh“ (Kleinigkeit) ist, würde ich mich persönlich über einen Erfolg von Arsen freuen. Insbesondere auch deshalb weil er damit einen qualitativen Schritt in seinem Leben vorwärts geht, aber auch ein Problem der Stadt löst.

Die Aufgabe der Arbeitsgruppe besteht in der Erarbeitung einer komplexen Lösung des Müllproblems bis zum Jahre 2018, dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaften. Die Lösung sieht einerseits die Schließung bestehender, umweltschädlicher Deponien in Kaliningrad vor und andererseits die Einführung des Systems der Mülltrennung. Dies wiederum gibt der Versorgungswirtschaft in Kaliningrad neue Impulse, denn im Rahmen der Schaffung des Systems der Mülltrennung entstehen völlig neue Wirtschaftsbetriebe und Arbeitsplätze – eine spezifische Industrie, die bisher nicht existiert.

Uwe Niemeier

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