Putin der Paria

Putin der Paria

Im historischen Rückblick wird der Abschuss des malaysischen Liners am 17. Juli 2014 zwei entscheidende Zäsuren markieren: einmal den Verlust der politischen Handlungsfreiheit des kontinentalen Europas im Verhältnis zu Russland und dann, dass die Loyalität des (noch) Vereinigten Königreichs nun endgültig dem Partner westlich des Atlantiks gehört.

Keine fünfzig Stunden nach dem Absturz, noch am 19. Juli, verließ der englische Premierminister David Cameron die zögerliche, alle gutnachbarlichen Verhältnisse abwägende Riege der Europäer und stellte sich offen an die Seite des weitaus aggressiveren Amerikas. Unter dem Titel "This is an outrage made in Moscow ..." schrieb er am darauffolgenden Tag in der Sunday Times, und ein Kolumnist ergänzte: "Make Putin the pariah pay for this outrage".

Beweisermittlung, Beweisaufnahme, Voruntersuchung … welchen Politiker interessiert das, wenn er nur erst den Mantel der Geschichte vorüberrauschen sieht? Schon mehrfach ist an dieser Stelle angeklungen, dass der Abschuss von MH17 für den Westen ein Gottesgeschenk war. Man verdrückte Krokodilstränen, drehte sich um und rieb sich die Hände. Von einem Tag auf den anderen hatte Moskau seinen größten Trumpf eingebüßt, nämlich in der Ukraine auf Zeit spielen zu können.

Mit dem 17. Juli beginnt ein europäischer Albtraum: Amerika und Russland im Kampf um Eurasien — und Kontinentaleuropa gefangen in einer Koalition mit den Angelsachsen. Westliche Kommentatoren, die abwiegeln und darauf verweisen, dass Russland sich eine derartige Rivalität gar nicht leisten könne, irren fatal. Natürlich kann Russland einen Krieg gegen den Westen, ob kalt oder heiß, nicht gewinnen. Es hat auch gar nicht den Ehrgeiz. Es will nur in der Lage sein, dem Westen ebenso zu schaden wie der Westen ihm. Und dazu reicht die Kraft eines Landes, das von der Ostsee bis zum Pazifik reicht, über ungeheure Rohstoffvorräte verfügt und tausend Jahre Erfahrung im Umgang mit feindlich gesonnenen Fremden besitzt, allemal. Die breite Brust, mit der manche Kommentatoren in Deutschland sich derzeit schmücken, erinnert an Stimmen aus dem Generalstab im Sommer 1941: Was, gegen den Iwan? Opfer, keine Gegner. Bis Weihnachten ist Moskau gefallen und der Krieg ist vorbei.

Vorsicht, meine Herren! Und eins nach dem andern. Mit den EU-Sanktionen vom 29. Juli geht der Westen in die Offensive. Alles zuvor war Geplänkel. Damit ist auch klar, dass es längst nicht mehr um die Ukraine geht. Unsere Medien sagen es schwarz auf weiß: Putin und das "Putin-System" müssen weg. Was an deren Stelle tritt — eine liberale, demokratische Ordnung nach Schweizer Vorbild oder das schiere Chaos —, ist jedenfalls den Amerikanern egal. Im Zweifel beschäftigt das schiere Chaos sich mit sich selbst und stört nicht jenseits der Grenzen. Die Europäer mögen das differenzierter sehen, aber die Europäer werden nicht gefragt.

Und Russland wird durchhalten; für Putin wäre jedes Einlenken politischer Suizid. Zudem gibt es einen Strauß schmerzhafter Gegenmaßnahmen; die im einzelnen kennenzulernen steht uns noch bevor. Wenn Putin es schafft, seine Bevölkerung motiviert und bei der Stange zu halten, können die Sanktionen sogar noch segensreich wirken. Russland wacht immer dann auf, wenn es unter Druck gerät. Was hat man in den fetten Jahren bis 2008 nicht alles verschlafen! Die Abnabelung von den ukrainischen Rüstungszulieferern hätte direkt nach der Orangen Revolution 2004 einsetzen müssen. Schließlich pfiffen die Spatzen schon vor zehn Jahren von den Dächern, was der Westen mit der Ukraine plant. Aber so sind die Russen: Solange alles gut geht, knallen die Korken, und ein Morgen gibt es nicht. Allenfalls für deutsche Spielverderber. So gesehen ist die Konfrontation mit dem Westen, die überhaupt erst am Anfang steht, für Russland eine Riesenchance, und aller historischen Erfahrung nach wird das Land sie nutzen.

Schon ist zu spüren, wie aktiv der Kreml unter den nicht-westlichen Ländern nach Bundesgenossen sucht. Kandidaten gibt es viele; manche warten seit über hundert Jahren darauf, mit den Yankees endlich ihr Hühnchen zu rupfen. Doch alle haben sie die Lektion gelernt: man unterschätze die Amerikaner nicht. Umso gespannter geht der Blick in Richtung Moskau. Dass ausgerechnet der geschlagene Gegner aus dem Kalten Krieg sich als erster im neuen Jahrhundert mit dem alten Rivalen zofft, überrascht und macht neugierig zugleich. Für Russland ist diese Neugier allenfalls Ermutigung, kaufen kann man sich dafür nichts. Wer als erster den Platzhirsch angeht, wird je nach Ausgang bewundert oder bemitleidet. Zur Seite steht ihm niemand.

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