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Abreise eines Diplomaten – Fragen bleiben offen

Mo, 17 Nov 2014 ... mit deutschem Akzent


Abreise eines Diplomaten – Fragen bleiben offen

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

Abreise eines Diplomaten – Fragen bleiben offen

Diplomaten leben immer „auf Koffern“. Der Entsendestaat gibt ihnen die Möglichkeit drei, manchmal vier Jahre, in wenigen Ausnahmefällen auch mal länger an einem Ort zu verweilen – wenn dies dienstlichen Notwendigkeiten und persönlichen Wünschen entspricht. Manchmal aber entscheidet auch der Staat, dass ein weiterer Verbleib eines Diplomaten nicht „sinnvoll“ ist.

Im deutschen Generalkonsulat in Kaliningrad ist es nicht das erste Mal passiert, dass deutsche Mitarbeiter, entgegen ursprünglicher Planung, vorzeitig abberufen werden. Den ersten Fall hatten wir schon im Jahre 2005, also nicht ganz ein Jahr, nachdem das Generalkonsulat Domizil in Kaliningrad genommen hatte. Der damalige Fall hatte „innenpolitische“ Gründe, also Dinge, die wirklich nur das Generalkonsulat betrafen und für die Russen nur von sehr mäßigem Interesse waren. Jetzt hat ein, in der Hierarchie doch recht hochstehender deutscher Beamter, Kaliningrad vorzeitig verlassen, denn noch zu Anfang des Jahres 2014 plante der Vizekonsul für Kultur und Pressearbeit Daniel Lissner, seinen Aufenthalt um mindestens ein weiteres Jahr zu verlängern. Nun kam es anders. Die Gründe hierfür haben wir in der vergangenen Woche in zwei Beiträgen auf unserem Portal publiziert.

Aber es bleiben Fragen offen!

Normalerweise ist es uninteressant, wenn es Personalveränderungen im deutschen Generalkonsulat gibt. Ein kommunistischer Altklassiker hat 1945 einmal gesagt:

„Diplomaten kommen und gehen – das russische Volk bleibt“, … äh, oder so ähnlich war wohl der Spruch.

Aber der Weggang von Daniel Lissner, einem, unserer Informationsagentur doch persönlich recht gut bekanntem Deutschen, wirft schon einige Fragen auf und hinterlässt Nachdenklichkeiten.

Daniel Lissner kam zu uns aus Polen, wo er als Zuständiger für Wirtschaftsfragen im deutschen Generalkonsulat Wroclaw tätig war. Aus seinen Sympathien für Polen hat er nie ein Geheimnis gemacht – er hat sich mit dem Land, welches ihm Gastrechte gewährte und ihn als Diplomat arbeiten ließ und den dortigen Menschen identifiziert. Und auch danach pflegte er intensive Kontakte, nicht nur zum polnischen Generalkonsulat in Kaliningrad. Er ist ein erfahrener langjähriger, sprachbegabter und engagierter deutscher Beamter – diesen Eindruck hatte ich persönlich im Verlaufe der ersten zwei Jahre unserer Bekanntschaft gewonnen, nach dem wir regelmäßig, bei einem Glas Wein und häufig bis weit nach der „Polizeistunde“, unsere Gedanken und Meinungen ausgetauscht hatten. Er war von uns beiden eigentlich immer der „Ruhigere, Besonnenere“, der mit sachlichen Argumenten mir genügend Stoff zum Nachdenken gab. Er war derjenige, der mich wieder näher an das deutsche Generalkonsulat herangeführt hatte, nach dem ich, nach einigen unappetitlichen Momenten beschlossen hatte, mich von deutschen staatlichen Einrichtungen im Ausland fernzuhalten. Und er war derjenige, der auch „zwischenmenschliche Missverständnisse“ geglättet hatte. Und letztendlich war er auch, zumindest indirekt, derjenige, der mich veranlasst hat, als Co-Organisator des „Trefftischs Deutschsprachiger in Kaliningrad“ Engagement zu zeigen. 

Dann änderte sich Anfang 2014 sein Verhalten – er wurde „undiplomatisch“ und verlor die von mir so geschätzte Sachlichkeit. Was war geschehen? Ich habe bis jetzt keine Ahnung.

Und somit bleiben Fragen offen.

Die Ereignisse rund um die Ukraine, das Verhalten Russlands, sind natürlich Diskussionsthema für viele Menschen in der Welt. Aber ein Diplomat im Ausland hat in erster Linie die Aufgabe diplomatisch zu sein und kann sich eine eigene Meinung nur dann leisten, wenn sie entweder mit den offiziellen Verlautbarungen seines Staates übereinstimmt oder er diese eigene Meinung, wenn dies nicht der Fall ist, für sich behält. Und sein Auftritt im Deutsch-Russischen Haus am 28. August 2014 war provokativ und entsprach nicht dem „offiziellen Deutschland“ – oder?

Somit bleiben Fragen offen.

Oder war dieser Auftritt vielleicht doch geplant? Erfolgt denn keine Abstimmung im Generalkonsulat zu öffentlichen Auftritten von Mitarbeitern in Russland – gerade in dieser etwas angespannten Zeit? Hat der deutsche Diplomat seine Rede nicht „absegnen“ lassen? War es ein Test, wie die Russlanddeutschen reagieren würden auf den Aufruf, Russland zu zehntausenden zu verlassen, es letztendlich gleichzutun mit den Familienmitgliedern des russischen Präsidenten, des russischen Außenministers und des Kaliningrader Bürgermeisters? Ich lese aus der Rede des Mitarbeiters des Generalkonsulates sogar eine Aufforderung zum zivilen Ungehorsam heraus – aber vielleicht bin ich auch nur überempfindlich!

Auf alle Fälle bleiben viele offene Fragen.

Der „Vorfall“ passierte am 28. August 2014, also vor knapp drei Monaten. Und jetzt erst beginnt dieser „Inzident“ Wellen zu schlagen. Warum so spät? Wollte Russland der deutschen Seite die Chance geben, diesen Vorfall „intern“ zu lösen? Normalerweise enden solche Auftritte doch damit, dass der „Botschafter“ einbestellt wird oder die Person zur „Persona non grata“ erklärt wird. All das ist nicht passiert. Der Mitarbeiter hat das Land verlassen, Deutschland hat die Chance erhalten, gesichtswahrend das Problem zu lösen.

Aber es bleiben Fragen offen!

Quelle: http://www.newsbalt.ru/detail/?ID=17616

 

Wie hätte man wohl in Deutschland reagiert, wenn ein russischer Konsulatsmitarbeiter mit einer ähnlich gearteten Rede gegen Deutschland aufgetreten wäre? Vermutlich hätten sich die Zuhörer nicht schamhaft, verstört und geschockt zurückgehalten, wie dies nach den Worten des Leiters des Deutsch-Russischen Hauses in Kaliningrad passiert ist. Pfiffe und demonstratives Verlassen der Veranstaltung wären das Mindeste gewesen, was passiert wäre und am nächsten Tag wären die Schlagzeilen ganz bestimmt in den Zeitungen gewesen. Aber nichts von allem ist in Kaliningrad passiert. Alle haben „dicht gehalten“. Der Russe scheint hier wohl doch ein anderes Verständnis von Kultur im gegenseitigen Umgang zu haben. Mit diesem Verhalten hat Russland einen offiziellen diplomatischen Skandal vermieden – der Skandal findet nur in den Massenmedien statt und wird vermutlich nach wenigen Tagen schon vergessen sein, denn so wichtig ist das deutsche Generalkonsulat in Kaliningrad nun auch wieder nicht.

Aber es bleiben weitere Fragen offen.

Der Mitarbeiter Daniel Lissner hat die diplomatischen Gepflogenheiten im gastgebenden Land missachtet. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass man so einen Mitarbeiter vielleicht erst einmal die Chance geben sollte, in Berlin, im Auswärtigen Amt, etwas zur Ruhe zu kommen, um dann, vielleicht in zwei, drei Jahren, wieder eine Arbeit in einer Auslandsvertretung aufzunehmen. Das ist aber nicht geschehen. Er ist nach Kiew versetzt worden. Die Gefahr auch dort auf diplomatischem Parkett auszurutschen, ist bei ihm relativ gering, denn er war bereits vor zehn Jahren dort in der deutschen Botschaft tätig - allerdings war seine Person auch hier Thema in deutschen Massenmedien:

Und seine Gefühle für die Ukraine sind wohl stärker positiv ausgeprägt, als seine Gefühle für Russland. Vermutlich auch deshalb wurde er Anfang des Jahres auf „Kommandirowka“ in den Donbass geschickt, um seinen Dienstherrn zu informieren, was denn dort im Osten der Ukraine wirklich passiert. So ergibt natürlich seine Versetzung nach Kiew einen gewissen Sinn. In welcher Eigenschaft er allerdings jetzt in der deutschen Botschaft eingesetzt wird, das haben wir noch nicht erfahren – vielleicht als „Politischer Mitarbeiter“ oder als „Zweiter Botschaftssekretär“ - na, schau´n mir mal …

Aber es bleiben noch Fragen offen!

Was wäre passiert, wenn Herr Lissner seine, im Deutsch-Russischen Haus offiziell vorgetragenen Argumente an unserem „Trefftisch Deutschsprachiger in Kaliningrad“ vorgetragen hätte? Hier versammelt sich jeden Mittwoch ein „buntes Völkchen“ – Deutsche, Russen, manchmal Schweizer und Holländer, Geschäftsleute, Touristen, Studenten, Lehrer, russische Staatsdiener und deutsche Diplomaten. Aber kommen wirklich deutsche Diplomaten zu uns? Oder kommen Fritz Müller und Paul Schulze zu uns, die einfach nur abends, nach einem stressigen konsularischen Arbeitstag ein Bierchen trinken, Königsberger Klopse essen und ein wenig schwatzen wollen?

Foto: Trefftisch Deutschsprachiger in Kaliningrad

 

Und wie muss man die Äußerungen solcher Besucher dann werten? Und wieviel Toleranz kann man zulassen? Wir sind ja Gäste in dieser gastlichen russischen Stätte und keiner hat etwas dagegen, dass man seine Meinung sagt. Und wenn ein Deutscher der Meinung ist, dass Putin ein schlechter Präsident ist, so kann er es sagen, sollte es aber auch sachlich korrekt begründen können. Ich z.B. bin der Meinung, dass Putin ein guter Präsident ist, dafür aber sein Vertreter in Kaliningrad – sprich der Kaliningrader Gouverneur, kein guter Gouverneur ist. Und darüber spreche und schreibe ich schon vier Jahre sachlich und begründet und es passiert nichts – ich bin ja auch eine Privatperson. Wie weit geht also die Toleranz, die man einem Mitarbeiter des Generalkonsulates am Biertisch gestatten darf, ohne in Gefahr zu geraten, wegen Duldung antirussischer Hetze zu einem Gespräch mit dem Inhaber des Restaurants gebeten zu werden? Wie würde ich mich, als Co-Organisator des Trefftisches verhalten, wenn ein Mitarbeiter des Generalkonsulates (… nur mal so angenommen …) verbreitet, dass die Ablösung von Putin als Präsident manchmal schneller passieren kann, als manche das so denken? Oder wenn (… einfach mal so angenommen …) behauptet wird, dass ein gewisses Kaliningrader deutschsprachiges Internetmedium eine Propagandaabteilung der russischen Regierung ist? Nun, ich kann mir den Luxus erlauben, solche Dinge zu hören und zu überhören.

Aber eins steht fest: Wir sind Deutsche und wir sind Gäste Russlands – der eine mit Visum, der andere mit Diplomatenpass und noch ein anderer mit Aufenthaltsgenehmigung. Und als Gast hat man Rechte, aber auch Pflichten. Und zu den Pflichten gehört nicht, den Gastgeber zu beleidigen oder sich in seine Familienangelegenheiten einzumischen. Ansonsten kann es sein, dass der Gaststatus schneller beendet ist, als mancher so glaubt.

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   Kommentare ( 1 )

Dietrich Völker Veröffentlicht: 17. November 2014 14:12:35

Dass Herr Lissner sich mit deratigen Aeusserungen wohl zu weit aus dem Fenster gelehnt hat, sei geschenkt. Trotzallem kann ich der Conclusio des letzten Abschnittes nicht zustimmen, denn das impliziert zu schweigen, bloss weil man zu Gast ist. Dieses Schweigen und Wegsehen wurde insbesondere meiner Elterngeneration vorgeworfen. Einige haben auch Heute noch ein Interesse der aktuellen Generation ein Schweigen vorzuwerfen.
Ich verstehe Sie, Herr Niemeier, aber durchaus, wenn Sie als Resident in Russland dies postulieren. Weil es eben genau diesem Status geschuldet ist. Wir sehen anscheinend wieder eine Entwicklung, dass man sich umschauen muss, bevor man sich zu offenherzig aeussert.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 17. November 2014 19:30:02

Vielen Dank für Ihren Kommentar.

Niemand hindert Niemanden in Russland seine Meinung zu sagen. Mich hat 25 Jahre in Russland niemand daran gehindert. Es kommt aber immer darauf an, wie man seine Meinung äußert. Und auch in Deutschland wird man darauf hingewiesen, wenn man in seinen Argumentationen zu irgendeinem (insbesondere politischen) Thema "Schwellen" überschreitet. Und dann sollte man auch immer noch die Gastregeln beachten.

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