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Alichanows Reise nach Germania – wie wichtig ist BMW für Kaliningrad?

Do, 26 Jan 2017 ... mit deutschem Akzent


Alichanows Reise nach Germania – wie wichtig ist BMW für Kaliningrad?

Der Kaliningrader Gouverneur Anton Alichanow ist am 25. Januar zu einer mehrtägigen Reise nach Deutschland aufgebrochen. Erstes Ziel seiner Reise ist nicht Berlin sondern München – der Sitz der deutschen Firma BMW. Alichanow fährt nicht als Politiker sondern als Leiter einer wenig erfolgreichen russischen Region nach Deutschland.

Keine Ahnung, wer die Reiseplanung erstellt hat und welche Aspekte da eine Rolle spielten, dass München das erste Ziel des Kaliningrader Gouverneurs in Deutschland ist. Abgeflogen ist er aus Gdansk, denn die aufstrebende Weltstadt Kaliningrad hat keine eigene internationale Fluganbindung. Vielleicht war die Verbindung von Gdansk nach München günstig. Aber es gibt auch eine gute Anbindung an Berlin. Oder München wurde ausgewählt, weil die Gespräche mit BMW für den Gouverneur wichtiger sind als die geplanten Maßnahmen in Berlin? Meine Erfahrungen aber sagen, dass das Wichtigste bei den Russen immer ganz zum Schluss kommt. Also ist Berlin doch wichtiger als München, denn nach Berlin fährt er am Freitag. Es bleibt genug Spielraum für Phantasien, warum die Russen das alles so organisiert haben.  

Lassen Sie mich ein wenig überlegen, was der Gouverneur wohl in München bei BMW will. Eines weiß ich ganz genau: er will sich keinen neuen Dienstwagen in München kaufen, denn BMW produziert seit vielen Jahren in Kaliningrad. Böse, gehässige Zungen behaupten, dass BMW in Kaliningrad nichts produziert sondern nur zusammenschraubt. Rein sachlich ist das richtig. BMW liefert Einzelteile nach Kaliningrad und hier wird durch die Montage von Fahrzeugen im Rahmen der Fahrzeugholding „Avtotor“ ein vollwertiges Auto montiert, welches für den russischen Markt bestimmt ist. Es erfolgt eine Wertschöpfung in Kaliningrad. Und diese Wertschöpfung ermöglicht es, dass man als Resident der Sonderwirtschaftszone in den Genuss von vielen Vergünstigungen kommt, die der russische Staat zahlt.

Nun ist Russland vor einiger Zeit der Welthandelsorganisation beigetreten und die bisherige Form der Sonderwirtschaftszone darf es nicht mehr geben. Im Rahmen der ganzen Veränderungen und um einen qualitativen Schritt in der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland zu tun, wurde irgendwann, ich glaube es war im Jahre 2012, besprochen, dass BMW sein Engagement in Kaliningrad wesentlich erweitert und einen vollen Wertschöpfungsprozess in Kaliningrad organisiert. 50 Mio. Euro sollten in eine komplett neue Produktionsstätte, mit dazugehörigen Logistikeinrichtungen, gesteckt werden. Es sollte eine neue Stadt am Stadtrand von Kaliningrad gebaut werden, Kindergärten, Schulen, Supermärkte … BMW wollte eine Bildungsstätte für die Ausbildung von Kfz.-Spezialisten schaffen – es hörte sich an wie in einem modernen Märchen. Im Gegenzug wurden wieder viele Vergünstigungen versprochen und das notwendige Grundstück wurde von der Stadt Kaliningrad „für´n Appel und ´nen Ei“ fest zugesagt. Ich kann mich noch an aufgeregte Diskussionen erinnern, wie es denn sein kann, dass man diesen Deutschen alles vorne und hinten reinsteckt … Aber dann kam das Jahr 2014.

Sie erinnern sich sicherlich. Da tauchten die kleinen grünen liebenswürdigen Männchen auf der Krim auf, da brannte der Maidan und Putin wurde mit seinem Russland zum Inbegriff allen Bösen´s auf dieser Welt. Dann kamen die Sanktionen vom Westen, gefolgt von den Sanktionen aus dem Osten. Die Krise begann und mit der Krise gingen die Verkäufe von Neuwagen in Russland generell zurück. Es waren alle Fahrzeugmarken betroffen – außer den Super-Luxusmarken – so auch BMW. Irgendwie ist der Markt wohl um die Hälfte eingebrochen. Auch BMW in Kaliningrad hat seine Produktion zurückgefahren und richtige glaubhafte Zahlen, wieviel denn jetzt noch produziert wird, habe ich nirgendwo gefunden. Als ich im vergangenen Jahr mit dem deutschen BMW-Vertreter hier vor Ort in Kaliningrad ein Interview führte, bekam ich auch keine Zahlen. Es scheint also nicht gut auszusehen, denn wenn die Zahlen gut wären, könnte man ja damit ein wenig angeben – oder?

Natürlich ist auch klar, dass in Krisenzeiten neue Überlegungen einsetzen, wie man sich weiter engagieren möchte und es ist klar, dass diese Überlegungen Zeit erfordern. Wieviel Zeit braucht ein moderner, auf Gewinn orientierter Konzern wie BMW für seine Überlegungen? Also jetzt sind wir schon im fünften Jahr der Überlegungen und die Versprechungen aus dem Jahre 2012 sind in keiner Weise auch nur ansatzweise umgesetzt. Kaliningrad will aber auch planen und will wissen, wohin der Zug fährt und ob BMW mit dem Zug mitfahren will oder nur auf dem Bahnsteig wartet, bis ein passender anderer Zug kommt.

Einem Nikolai Zukanow, dem ehemaligen Gouverneur des Kaliningrader Gebietes, mag das egal gewesen sein. Er hatte andere Interessen und so braucht man sich nicht zu wundern, dass es mit Kaliningrad rasant bergab ging. Und BMW zeigte in dieser Situation auch keinerlei Interessen. Zukanow drängte nicht, die deutsche Politik hatte das Kommando „fass“ herausgegeben und persönlich habe ich den Eindruck, als ob sich BMW der deutschen Politik untergeordnet hat, die fordert, Russland dort zu schädigen, wo es eben nur möglich ist. Nun schädigt natürlich BMW nicht die russische Wirtschaft, man tut einfach nur nichts – aber das ist, unter den heutigen Bedingungen in Russland, schon schädlich genug.

Der neue Gouverneur hat nun die Initiative ergriffen und will wissen, woran er ist. Er muss dieses Gebiet aus dem Dreck ziehen und dabei könnte ihm BMW helfen. BMW ist eine internationale Marke – eigentlich die einzige internationale Marke, mit der das Kaliningrader Gebiet ein wenig „auf die Kacke hauen kann“. Dazu muss aber BMW aktiv sein, nicht nur Fahrzeuge montieren, sondern auch investieren. Würde BMW investieren, d.h. seine Versprechungen und Pläne aus 2012 umsetzen, so wäre dies ein Signal für die Welt: Wir investieren in Russland. Wir haben Vertrauen in die Zukunft. Wir glauben an den Standort Kaliningrad.

Fotomontage: Haupteingang der Holding „Avtotor“ im Kaliningrader Vorort Kosmodemjanskoje mit der „Straße der Besten“. Im Zentrum der Montage die Hoffnung Kaliningrads.
 
Aber BMW sagt nichts und tut nichts. Und deshalb ist wohl der jüngste Gouverneur der Russischen Föderation nach München unterwegs, um den dortigen Verantwortlichen in die Pupillen zu schauen, wenn er die Frage stellt: „Wollen Sie Geld verdienen oder wollen Sie sich mit Politik beschäftigen?“ Und wenn die Pupillen der Münchner Bosse nicht im richtigen Moment zucken, dann zuckt auch niemand mehr in Kaliningrad. Niemand wird BMW aus Kaliningrad rausschmeißen, aber niemand wird auch irgendwelche Streicheleinheiten an die Deutschen vergeben, die viel versprechen und nichts halten. Und wir kennen ja die jüngste deutsche Geschichte in Kaliningrad in den letzten zwei, drei Jahren – ein einziges Desaster.
 
Machen wir uns nichts vor. Für Sie und für mich sind 50 Mio. Euro viel Geld. Auch für BMW ist dies Geld, aber doch nicht so viel, dass man existenzielle Ängste haben muss. Alle wissen, dass jede Krise einmal zu Ende geht und dann wird abgerechnet und geschaut, wer sich wie in dieser Krise verhalten hat und in dem Rahmen kann man dann auf gute, weniger gute oder gar keine Geschäfte in Russland mehr rechnen.

Vor wenigen Tagen habe ich irgendwo in den russischen Medien gelesen, dass Mercedes nun in Russland investiert und eine komplette Fabrik hochzieht. Leider nicht in Kaliningrad, sondern wie üblich, irgendwo in der Nähe von Moskau. Die Standortwahl ist natürlich ein strategischer Fehler. Strategisch richtig wäre Kaliningrad gewesen. Aber das man in Russland überhaupt investiert ist eine sehr weise Entscheidung. Ob es wohl noch mehr dieser weisen Entscheidungen von anderen Deutschen gibt, die in und mit Russland Geld verdienen wollen?

Wenn ich richtig informiert bin, findet heute Abend ein Treffen der Kaliningrader Delegation mit dem russischen Generalkonsulat in München statt und am Donnerstag von 10.00-11.00 Uhr die Gespräche mit der BMW-Führung. Also, liebe deutsche Investoren, achten Sie auf Ihre Pupillen und deren richtigen Reaktion, wenn Anton Andrejewitsch Fragen hat. Und nicht vergessen, die wichtigsten Fragen stellt ein Russe immer ganz zum Schluss des Gespräches, wenn er die Klinke schon wieder in der Hand hat.

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Avtotor, Deutsches, Gouverneur, Sonderwirtschaftszone

   Kommentare ( 5 )

.g Radeberger Veröffentlicht: 25. Januar 2017 21:36:24

Ich hoffe für Kalinigrad, seine Bewohner aber auch für den agilen jungen Gouverneur, daß er erfolgreich sein wird.
Meine Betrachtung zu Ihrem Bericht möchte ich von einer anderen Seite beginnen.
Die Bayrische Landesregierung mit Horst I. an der Spitze stinken die gegenseitigen Sanktionen offenbar sehr. Ihm geht es doch um seine Regierung. Und wenn er sich nicht kümmert, dann könnte doch auch mal eine andere Partei zur Abwechslung und Warnung gewählt werden. Also war Horst I. schon in Moskau, hat mit Wladimir von Moskau verhandelt und Möglichkeiten der Umgehung der Sanktionen ausgelotet. Wie man so hört, mit einigem Erfolg. Aber das betraf eben nur das Mutterland und nicht die Insel an der Ostsee. Aber wer hat das wirkliche Sagen in Bayern? Die Wirtschaft natürlich. Und BMW, als eines dieser Schwergewichte spendet doch Jahr für Jahr dem Traditionsverein Horst I. die CSU viele hundertausend Euro.
Also wenn Alichanov erst zu BMW, dann zu Horst I. und anschließend nach Berlin (zu Wem ?) fährt, ist doch diese Reiseroute eher von Erfolg gekrönt als umgekehrt.
BMW macht Horst I. Druck. Dieser macht wiederum Berlin Druck, weil BMW ja in Rußland weiter produzieren will und Bayerns Bäuerlein wieder ihre Bergkäse verkaufen wollen - und natürlich das Alpenheu aus dem Flachland. Berlins Chefin will ja schließlich beim anstehenden Wahlkampf die Unterstützung von Horst´s Trachtengruppe. Sonst könnte es für die Dauer-Kanzler-Angie ziemlich eng werden mit dem erneuten Kanzlerhut. Es ist nun mal so, wenn Politiker lange an der Macht sind, kommen sie mit zunehmendem Alter zu der Auffassung, daß sie unersetzlich sind. Das ist so bei der Angie, dem Horst I., dem Schäuble und war auch so beim dicken Kohl.
Da ja nun der Sanktionserpresser Obama nichts mehr zu sagen hat, muß die Gunst der Stunde, daß Angie auf den Neuen im Weißen Haus sauer ist, ausgenutzt werden.

Aber nichts destotrotz, es gilt weiterhin der Spruch für Deutschland: Neue Köpfe braucht das Land !

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 25. Januar 2017 21:46:03

... ein Treffen mit Seehofer ist nicht vorgesehen. Nach dem Treffen bei BMW am Donnerstag, wird es eine Präsentation des Kaliningrader Gebietes in München geben (14-16 Uhr). Danach geht es nach Berlin und am Freitag findet früh eine kurze Stadtbesichtigung statt, dann die Wiederholung der Präsentation des Gebietes vor deutschen Unternehmern (11-13 Uhr) und um 15.30 Uhr wird die Grüne Woche besucht - obwohl Russland dort nicht vertreten ist. Dann wird es wohl noch ein Bierchen geben und am Samstag erfolgt die 10stündige Rückreise.

Was die von Ihnen geschilderten Verknüpfungen anbelangt - sicher gibt es da gewisse Momente. Aber ich würde dies gegenwärtig nicht so komplex sehen. Ich reduziere einfach, dass BMW sich der Politik untergeordnet hat, so wie (fast) alle anderen deutschen Unternehmen auch. Dafür werden sie dann auch die "Rechnung" bezahlen.

.g Radeberger Veröffentlicht: 26. Januar 2017 02:13:43

Es muß ja kein offizielles Treffen mit Seehofer sein. Das wäre wohl dann auch etwas, worüber der Rest der wirklichen und Möchtegern-Politiker in deutschen Landen sich trefflich aufregen könnten. Und das auf Seehofers Kosten. Na, das wird der der wohl zu vermeiden wissen. Aber irgendwie kommt er ganz gewiß ins Spiel. Einen solchen Besuch kann er gar nicht ganz ignorieren.
Man muß ja auch beachten, daß eine volle Wiederaufnahme der Produktion und der Vielleicht-Einlösung der Versprechen von Seiten von BMW auch gewisse Zeiten der Vorbereitung und Entschlußfassung vonnöten sind. Und irgendwie wird der alte Fuchs das mit weiterem Entgegenkommen der russischen Seite bezüglich der Minderung oder Aufhebung der russischen Gegensanktionen zu verbinden wissen. Bayern besteht ja schließlich nicht nur aus BMW.

Karsten-Wilhelm Paulsen Veröffentlicht: 26. Januar 2017 11:12:06

Das der Herr Alichanow wie ein Tourist reisen muss ist aber nicht in Ordnung. Kann das Militär den kein Flugzeug zu Verfügung stellen? Ich finde, daß die Zentralregierung dem Gouverneur einen Flieger zu Verfügung stellen sollte der in der Lage ist zumindestens europäische Ziele anzufliegen.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 26. Januar 2017 12:18:57

... na, ob das diplomatisch wäre, wenn der Kaliningrader Gouverneur mit einem russischen Militärflugzeug auf dem Münchner Airport landet?

Ich finde, man sollte das Problem der Transportisolierung Kaliningrads nicht im Interesse einer Einzelperson lösen, sondern im Interesse aller einfachen Bürger (egal ob Russen oder Ausländer). Wenn es dem Gouverneur unbequem ist so zu reisen wie er reist, dann wird er sich mehr einbringen, um diese Situation zu ändern. Wenn er nur für sich selber Erleichterungen verschafft, dann hat er bald die Oppositionsmedien auf dem Hals, die nur auf solche Privilegien warten.

.g Radeberger Veröffentlicht: 26. Januar 2017 18:56:59

griepswoolder
Veröffentlicht: 26. Januar 2017 11:58:26

Kein schlechter Gedanke. Aber ich befürchte, daß dann die Polen gerade zu Mittag essen, wenn er an die Grenze kommt. Egal, wie spät es gerade ist.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 26. Januar 2017 22:48:29

... er ist gut über die Grenze gekommen, gut in München gelandet und wie die Gespräche bei BMW verlaufen sind, erfahren wir sicher bald. Jetzt ist er schon in Berlin eingetroffen.

.g Radeberger Veröffentlicht: 28. Januar 2017 04:45:55

Eckart
Veröffentlicht: 26. Januar 2017 19:04:43

Ich bin der Ansicht, daß Uwe Ihre Aussage schon richtig verstanden hatte, ohne linguistische Verfeinerung. Er hat Sie wohl bloß ein wenig foppen wollen.

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