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Das nicht einfache Leben der Kommunisten in Russland

Mo, 21 Aug 2017 ... mit deutschem Akzent


Das nicht einfache Leben der Kommunisten in Russland

Kommunisten hatten es nie einfach in Russland. Auch nicht in der Sowjetunion und auch jetzt nicht, im modernen Russland. Immer ging es ums Überleben. Aktuelle Ereignisse zeigen, dass auch jetzt die Kommunisten einen Überlebenskampf in Russland führen und kurz vor dem Hungertod stehen.

Natürlich haben die Kommunisten im modernen Russland aus der Vergangenheit gelernt, denn wie sagte schon der Genosse Lenin:

Zu Zeiten der Sowjetunion wurde der „Ein-Parteien-Staat“ kritisiert, wobei es auch sozialistische Staaten gegeben haben soll, wo es nicht nur eine Partei gab. Aber schweifen wir nicht ab. Die modernen Kommunisten haben jetzt in Russland gleich drei Parteien:

  • Kommunistische Partei der Russischen Föderation - gegründet im Jahre 2001
  • Kommunistische Partei für soziale Gerechtigkeit - registriert im Jahre 2012
  • Kommunistische Partei der Kommunisten Russlands - gegründet im Jahre 2009
 

Parteienvielfalt ist ja immer interessant und wohl auch ein Ausdruck von Demokratie und Freiheit. Wobei viele Parteien nicht auch immer ein Ausdruck von viel Demokratie sein müssen. Viele Parteien können auch manchmal das gesellschaftliche Leben eines Landes erschweren.

Russland verfügt gegenwärtig über 73 politische Parteien und, wie der nachfolgenden Grafik zu entnehmen ist, ist die Anzahl der Parteien, nach den Boomjahren 2012-2016 wieder am abnehmen – Slawa Bogu, wie der Russe zu sagen pflegt.

Wozu Russland nun aber auch noch drei kommunistische Parteien braucht – das bleibt wohl das Geheimnis derjenigen, die sich diese Parteien ausgedacht haben. Aber vielleicht hat ja irgendjemand ein besonderes Führungs- und Geltungsbedürfnis und das kann man eben nur in einer eigenen Organisation verwirklichen. Aber auch hierzu hat der Genosse Lenin schon vor hundert Jahren kluge Worte gesprochen:

Der Unterschied zwischen den drei kommunistischen Parteien besteht im wesentlichen wohl darin, dass die „Kommunistische Partei der Russischen Föderation“ es bis in die Staatsduma geschafft hat und die anderen beiden kommunistischen Parteien, im Zuge der Reformierung des Parteiengesetzes im Jahre 2011/12 es bisher nur geschafft haben, sich vom russischen Justizministerium registrieren zu lassen.

Nun streben aber die „Kommunisten Russland“ auch an die Macht. Natürlich noch nicht in Moskau, aber man will schon mal in Nord-Ossetien trainieren. Da finden Wahlen zum Parlament statt und die Kommunisten der Kommunistischen Partei Russlands wollen da einziehen. Zu deren Leidwesen, hat die zuständige Zentrale Wahlkommission aber etwas dagegen und hat die Partei nicht zugelassen. Man meinte, dass die eingereichten Unterlagen nicht korrekt gewesen sind – um es mal höflich auszudrücken. Böse Zungen sagen sogar, dass Unterschriften … na, Sie wissen schon, liebe Leser. Auch hierzu hat ein bekannter sowjetischer Klassiker sich geäußert und mit ein wenig guten Willen, kann man diesen Spruch auch auf die Vorwahl-Periode anwenden:

Die empörten Kommunisten haben nun überlegt, was zu tun ist und letztendlich haben sie sich entschlossen, in den Hungerstreik zu treten. Nun, nicht die ganze Partei tritt in den Hungerstreik, obwohl die Parteiführung, das Politbüro, sich an alle Grundorganisationen in den 77 Gebieten der Föderation gewandt hat, mit der Aufforderung, ihrem Beispiel zu folgen.

Hungern tut also nur die Parteiführung … naja, eigentlich auch nicht die gesamte Parteiführung, sondern nur einige herausragende Persönlichkeiten, insgesamt 20, die alle aus dem Politbüro stammen sollen.

Aber die Kommunisten sind nun auch schon nicht mehr das, was sie früher mal waren. Das verweichlichte westliche Wohlstandsleben, welches seit 1991 in Russland um sich gegriffen hat, fordert seinen Tribut. Und so stellten sich schon nach nur vier Tagen hungern bei einem Mitglied des Politbüros ernsthafte gesundheitliche Probleme ein, so dass die Schnelle medizinische Hilfe gerufen werden musste.

Foto: Unbefristeter politischer Hungerstreik gegen unehrliche Wahlen in Nord-Ossetien
 
Die Liste des Unwohlseins des Genossen Mitglieds des Politbüros war so lang, das die Ärzte ihn stationär in ein Krankenhaus aufnehmen mussten. Alle anderen Hungernden verweigerten jede medizinische Hilfe und der Genosse Vorsitzende erklärte kampfeslustig: „Ich werde hungern bis zum Tod.“ Hoffen wir, dass dieser nicht eintritt und zitieren zu seinen Gunsten noch einmal die Meinung des Genossen Stalin:

Die noch verbliebenen 19 Hungernden wollen ihren Streik so lange fortsetzen, bis das Oberste Gericht eine objektive Entscheidung fällt über die Teilnahme der „Kommunisten Russlands“ an den Wahlen. Bis zum 19.08.2017 gab es keine Entscheidung des Obersten Gerichts und es gab auch keine weiteren Informationen zu den Hungernden. Wer Interesse an dem „Schicksal der 19+1“ hat, kann dies auf der Internetseite der russischen Kommunisten weiter verfolgen.

Vielleicht bei dieser Gelegenheit noch ein paar weitere Informationen zum vielfältigen Parteiensystem in Russland und wie sich die politische Struktur der Parteienlandschaft aus gegenwärtig 73 Parteien bildet. Dabei lassen wir mal die bekannten Parteien weg und schauen nur auf „Interessantes“ … ich wollte schon fast „Exoten“ schreiben:

Außer den drei kommunistischen Parteien, haben wir noch die Sozial-Demokratische Partei Russlands“. Und wir haben die Partei „Russische Sozialistische Partei“.

Auch die politische Partei „Allianz der Grünen“ hat nicht das Alleinvertretungsrecht für alles Grüne in Russland, denn die politische Partei „Russische ökologische Partei die Grünen“ steht ihr zur Seite.

Auch die russischen Rentner und Veteranen sind mit einer Troika in der Parteienlandschaft vertreten:

  • Partei der Pensionäre Russlands
  • Russische Partei der Pensionäre für soziale Gerechtigkeit
  • Partei der Veteranen Russlands

Wobei die Partei der Veteranen Russlands nicht unbedingt die Interessen der Rentner vertreten muss, sondern wohl im wesentlichen derjenigen, die in den bewaffnen Organen ihren Dienst abgeleistet haben und in den verdienten Status „a.D.“ oder „Reserve“ versetzt sind.

Dann haben wir in Russland noch die „Monarchistische Partei“, die Partei „Parteiloses Russland“ und die Partei „Gegen alle“.

Bei den beiden letztgenannten Parteien drängen sich natürlich sofort Fragen auf, denn wie kann eine Partei, die für ein parteiloses Russland eintritt, eine Partei gründen. Eigentlich müsste man sich doch nach der Gründung gleich wieder selbst auflösen. Ähnliche Gedanken kommen bei der Partei „Gegen alle“. Wenn man also gegen alle ist, ist man auch gegen sich selber – oder sehe ich da etwas nicht richtig?

Der Artikel ist in erster Linie ein wenig wissensvermittelnd, denn es gibt ja immer noch Leute in den entwickelten westlichen Demokratien, die glauben, dass Russland eine Diktatur ist, es keine Parteien gibt und überhaupt … Ich kann aber nicht verhehlen, dass ich diesen Artikel auch mit einem Augenzwinkern geschrieben habe.

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Gesellschaft, Parteien, Proteste, Wahlen

   Kommentare ( 2 )

.g Radeberger Veröffentlicht: 20. August 2017 20:50:10

Uwe, da hatten Sie aber ein ausführliches Parteilehrjahr - früher, meine ich. Und interessant muß der Parteilehrjahresverantwortliche es auch gestaltet haben. Denn sonst hätten Sie sich wohl nicht die ganzen Zitate so genau merken können. Oder unterschätze ich Sie da???
Oder muß ich mir Ihr Arbeitszimmer so vorstellen, mit Bücherregalen an den Wänden, die gesammelten Werke der fünf Klassiker von - Marx - Engels - Lenin - Stalin - Mao Tse Dung - säuberlich aufgereiht, einige etwas abgegriffen wegen öfteren Nachlesens? Auch noch Stelen mit Büsten und Köpfen? Wie ist es mit den Konterfeis an den Wänden? Fahnen und Sprüche?
Spaß beiseite!
Da merkt man mal, daß erstens hier im einseitig halb gebildeten Westen wohl die Angst Vorrang hat, wenn die Leute zuviel wissen, machen sie nur Scherereien.
Und zum anderen, daß gerade die, die noch lauthals die "Internationale" singen, deren Text offensichtlich nicht verstanden haben.

Danke, wieder was gelernt!

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 20. August 2017 20:59:10

... als ich 1984 Leningrad verlassen habe, hat mir meine Lehrerin 22 Stalin-Bände in Leder gebunden, schenken wollen. Ich musste das Geschenk ablehnen, denn wo hätte ich die Bücher in der DDR verstecken sollen? Ansonsten besteht meine Zitatensammlung nicht nur aus kommunistischen Klassikern. Ich sammle alles, was irgendwann mal, mehr oder weniger ernsthaft, verwertet werden kann. So auch Sprüche von Frau Merkel ... Ansonsten gibt es im Notfall auch immer noch das Internet und meine Kaliningrader Genossen sind auch hilfreich - bei Bedarf.

.g Radeberger Veröffentlicht: 21. August 2017 01:40:39

... als ich 1984 Leningrad verlassen habe, ...
1984 ? Da hat Ihnen diese Lehrerin ganz bestimmt nicht gesagt, daß der Keller noch voll ist von diesen Auszeichnungs- Bänden für die Besten von ehemals. Und heute könnten Sie damit prahlen. Wer hat schon sowas, 22 Bände, die gesamte Ausgabe und das in feinstes Leder gebunden.
In den Sechzigern konnte man an die Kreml-Mauer kommen, wann man wollte (jedenfalls solange ich da war), bei "Väterchen" Stalin lagen immer frische Blumen und nur dort war ein kleiner Trampelpfad.
Ja, ja, und bei Wladimir Iljitsch standen immer Schlangen von Besuchern. Aber Blumen durften keine mit reingenommen werden.
Auf die Sprüche der Frau Dr.-Physikerin, die offensichtlich keine Ahnung von dieser Materie hat, kann ich jedenfalls gut und gerne verzichten. Es ist echt eine Zumutung, sie noch mal 4 Jahre ertragen zu sollen.

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