Kaliningrad-Domizil

Informationsagentur
+7 (4012) 32-65-32

Das Spiel der Zahlen in Kaliningrad

Mo, 22 Okt 2018 ... mit deutschem Akzent


Das Spiel der Zahlen in Kaliningrad
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation.

 

Die in den letzten Tagen veröffentlichten Zahlen zum Bevölkerungszuwachs und zur Entwicklung des Tourismus lassen Freude und Nachdenklichkeit aufkommen. Aber was sagen uns diese Zahlen? Und - kann man den Zahlen glauben?

Die Bevölkerung Kaliningrads – also sowohl der Stadt, wie auch des Gebietes – wächst mit rasantem Tempo. Und dies, obwohl die Geburtenzahlen rückläufig und die Sterbezahlen zunehmend sind. Der Bevölkerungszuwachs resultiert also aus der Migration, dem Zuzug von Russen aus dem Mutterland oder aus anderen Ländern.

Noch vor einem Monat wurde verkündet, dass im Gebiet Kaliningrad 999.000 Menschen registriert sind und somit bis zur, mit Ungeduld erwarteten Zahl „Eine Million“, noch 1.000 Menschenkinder fehlen. Nun wurde am Wochenende gemeldet, dass mit Stichtag 1. September die Bevölkerung des Kaliningrader Gebietes 999.925 betrug. Somit kann man vermuten, dass zum Zeitpunkt, wo ich diesen Artikel schreibe, die Millionengrenze bereits erreicht ist. Erfahren werden wir das, wenn die Statistikbehörde die Zahlen publiziert – vermutlich Mitte November für den Stichtag 1. Oktober.

Interessant wäre einmal zu erfahren, wie sich die Bevölkerung des Kaliningrader Gebietes zusammensetzt. Also, rein von den Nationalitäten her ist das kein Problem, da gibt es öffentliche Zahlen.

Da sehen wir, dass der Genosse Stalin im Jahre 1946 ganze Arbeit geleistet hat, denn der Deutschen-Bevölkerungsanteil beträgt 0,8 Prozent. Aber diese 0,8 Prozent sind RusslandDeutsche, die mit den damaligen Deutschen, die in Königsberg und dem dazugehörigen Gebiet wohnten, überhaupt nichts mehr zu tun haben.

Viele RusslandDeutsche haben Kaliningrad als Durchgangsbahnhof genutzt, um, kommend aus den ehemaligen Sowjetrepubliken oder dem russischen Mutterland, ins gelobte deutsche Land, dem Land ihrer Vorfahren, dem Land, dessen Sprache sie kaum noch sprechen, dessen Mentalität sie kaum noch beherrschen, zu reisen.

Nein, mich würde interessieren, wie hoch der Bevölkerungsanteil derjenigen ist, die im Jahre 1946 nach Kaliningrad gesiedelt sind und natürlich deren Nachkommen. Eben diese würde ich als Stammbevölkerung Kaliningrads bezeichnen. Und vielleicht auch noch diejenigen, die bis zum Zerfall der Sowjetunion nach Kaliningrad umgesiedelt sind.

Alle, die irgendwann in den 90er Jahren gekommen sind, sind Zugezogene (also ich gehöre auch zu diesen Zugezogenen). Und dann würde mich mal interessieren, wie eine Abstimmung unter diesen beiden Bevölkerungsgruppen ausfallen würde, wenn wir die Frage nach dem Stadtnamen, nach der Identität der Bevölkerung, die immer mal wieder ins Gespräch gebracht wird, stellen würden. Also, um es auf den Punkt zu bringen: Mich interessiert, wer in der Stadt und dem Gebiet die Stimmung verbreitet, die wir heute als Germanisierung wahrnehmen. Wer sind diejenigen, die an ihren Fahrzeugen das „Königsberg“-Schild führen, wer sind diejenigen, die ihre Läden und Serviceeinrichtungen mit „Kenig“-Attributen schmücken. Sind es die, die ab 1946 die Stadt aus den Ruinen haben auferstehen lassen? Oder sind es die Zugereisten? Persönlich habe ich ja eine Vermutung, aber die absolute Wahrheit werden wir wohl nicht erfahren, denn eine derartige Umfrage wird es nicht geben.

Und dann haben wir noch weitere Zahlen. Die wurden von der Gebietsregierung veröffentlicht und betreffen die Touristen.

Ich war etwas erstaunt und enttäuscht über die Zahlen, denn ich hatte wesentlich andere Touristenzahlen für dieses Jahr erwartet, denn immerhin hatten wir ja die Fußball-Weltmeisterschaft. Aber es sieht so aus, dass einige sich von der Weltmeisterschaft eher haben abschrecken lassen und deren Ausbleiben wurde kompensiert durch die angereisten Fans.

Und so verkünden die regionalen Verantwortlichen, dass man dieses Jahr mehr als 1,5 Mio. Touristen erwarte. Und die Dynamik des Zuwachses soll immer noch 15 Prozent betragen. Etwas unklar, wenn man, so wie ich, die veröffentlichten, nicht sehr offiziellen, Zahlen jedes Jahr schön sammelt und zu einem informativen Diagramm zusammenbastelt. Ich sehe da keinen jährlichen Zuwachs um 15 Prozent. Ich sehe da nur merkwürdige Zuwachssprünge, für die ich keine Erklärung habe – außer, die Methodik zur Berechnung der Touristenanzahl hat sich verändert.

Die Gebietsregierung hat erklärt, dass man als Touristen all diejenigen zählt, die mindestens eine Übernachtung vorgenommen haben. Naja, ich hätte von einem Touristen eine andere Vorstellung, aber wenn eine derartige Definition gebraucht wird, um Erfolgsmeldungen produzieren zu können – Bog s nimi.

Was erzählen uns die Regierenden noch? Der Abteilungsleiter für strategische Entwicklungen im regionalen Ministerium für Tourismus und Kultur informierte, dass 260.000 Touristen zur Fußball-WM angereist sind. Sein Vorgesetzter, der Herr Minister Jermak sprach vor einiger Zeit noch von 130.000 Touristen zur Fußball-WM und ergänzte jetzt, dass es sich bei den 260.000 um korrigierte Zahlen handelt. Eine Fehlerquote von 100 Prozent? Tja, welchen Zahlen soll man nun glauben? Vielleicht nehmen wir einfach das mathematische Mittel?

Dann müssen wir aber auch noch die Zahlen der Zöllner berücksichtigen. Die informierten, dass rund 300.000 Menschen die Grenze überschritten haben sollen – also in beide Richtungen, sprich 150.000 Eingereiste und 150.000 Ausgereiste. Wenn dem so ist, wie kommen wir dann auf 260.000 Touristen?

Die Wirtschaft Kaliningrads war von der Weltmeisterschaft nicht sehr begeistert, denn wesentliche Umsatzzuwächse gab es, insbesondere im Restaurantbusiness, nicht. Die Hotels sollen im Jahresdurchschnitt, glaubt man den veröffentlichten Zahlen, zu 63,5 Prozent ausgelastet sein. Zur Fußball-Weltmeisterschaft sollen die Hotels und sonstige Übernachtungsmöglichkeiten zu 100 Prozent ausgelastet gewesen sein. Nun, die Auslastung war nicht im Gebiet, sondern in der Stadt Kaliningrad und im Umkreis von 50 Kilometern.

Der Tourismus- und Kulturminister Andrej Jermak informierte, dass man sich bei all den veröffentlichten Zahlen, auf Angaben der russischen Statistikbehörde und auf Expertenberechnungen verlasse. Sogar die Welttourismusorganisation der UNO hilft den Kaliningradern bei den Zahlen.

So, und nun lasse ich Sie einfach mal mit all diesen Zahlen hängen. Machen Sie sich selber ein Bild über das, was berichtet wird. Ich habe mir mein Bild gemacht und weiß, dass ich zukünftig doch sehr verhalten die veröffentlichten Zahlen jedweder Art konsumieren werde.

Ach so, ehe ich es vergesse. 92 Prozent aller Touristen in Kaliningrad haben einen russischen Pass im Reisegepäck. Nehmen wir die bekannten Statistiken, so sehen wir, dass die Deutschen die Region Kaliningrad langsam aber sicher vergessen – also zumindest als Tourismusziel. Ein deutscher Generalkonsul hatte mal geäußert: „Die Deutschen sind verwöhnt. Sie können frei reisen und haben schon alles in der Welt gesehen. Und was kann Kaliningrad bieten, was die Deutschen noch nicht gesehen haben?“

Reklame

Germanisierung, Migration, Tourismus, Weltmeisterschaft

   Kommentare ( 5 )

ru-moto Veröffentlicht: 23. Oktober 2018 01:53:27

[...Minister Jermak sprach noch von 130.000 Touristen zur Fußball-WM und ergänzte jetzt, dass es sich bei den 260.000 um korrigierte Zahlen handelt. Eine Fehlerquote von 100 Prozent? Tja, welchen Zahlen soll man nun glauben?]

Zu einer Wintersport-Großveranstaltung (WM) ermittelte ich die Anzahl jener Besucher, welche mit der Bahn an- und abgereist sind. Nach gewissenhafter Arbeit lagen die Zahlen fest.
Ich staunte nicht schlecht, als diese plötzlich korrigiert waren. Der für den Personenverkehr zuständige Mitarbeiter hatte diese selbst geschönt. Die "Fehlerquote" betrug da wesentlich mehr als 100%...

Offensichtlich will man den Flop von Veranstaltungen und sonstige Misserfolge dadurch verbergen, indem man realistisch ermittelte Besucherzahlen einfach manipuliert. Man belügt sich selbst um schöner dazustehen.

---

[Dt. Generalkonsul: „Die Deutschen sind verwöhnt. Und was kann Kaliningrad bieten, was die Deutschen noch nicht gesehen haben?“]

Da gäbe schon einiges, wenn man nur w...

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 23. Oktober 2018 02:34:25

"„Neue Bunker. Neue Raketen. Modernisierte Luftwaffenstützpunkte. Vergrößerte Munitionslager. Moskau hat etwas im Sinne in Kaliningrad – seinem militarisierten Außenposten, der ins Herz Europas zielt“, so der Kolumnist.
Laut Seidel (Kolumnist) ist Kaliningrad „wie ein Messer am Hals der Nato an der Ostsee“ positioniert.
Seidel schreibt über die „Aufrüstung“ Russlands im Baltikum – basierend auf Angaben aus einer CNN-Mitteilung.

Zuvor hatte CNN mit Verweis auf Satellitenaufnahmen der israelischen Privatfirma ImageSat International über die angebliche Modernisierung von Atomwaffenlagern im Gebiet Kaliningrad berichtet.

Es wurde behauptet, dass die Bilder Reparaturarbeiten „an vier Schlüsselmilitäranlagen“ zeigen sollen."

Da sieht man es mal wieder, wie gefährlich doch die Russen sind und trotzdem strömen die Zuzügler in dieses Gebiet. Ich vermute mal, daß die russische genauso wie ehemals die sowjetische Propaganda das alles verschweigt. (Sarkasmus aus!)

boromeus Veröffentlicht: 23. Oktober 2018 09:46:40

"Sie können frei reisen .und was kann Kaliningrad bieten,was die Deutschen noch nicht gesehen haben?“Genau hier liegt der Punkt.Warum soll ich mir diese Tortur antun,z.Zt nur eine direkte Anreisemöglichkeit,15 Stunden Fahrt mit dem Linienbus für nur 680 km von Berlin.Fehlenden Infrarstruktur im ländlichen Bereich.Was soll ich mir ansehen?Den Moloch KGD,der wie ein Schwamm alles aus dem Umland aufsaugt?Die Betonstadt,die mehr Autos hat,als Einwohner?Der Oblast hat so wahnsinnig schöne Flecken,aber man ist nicht ja nicht in der Lage,oder Willens diese Schönheiten zu nutzen,wie z.Bsp.für einen sanften Tourismus.Rominter Heide!Unerschlossen!Lieber lügt man sich jedes Jahr mit tollen Statistiken selber ins Hemd,schränkt die Bewegung der Touristen mit Registrierung,Propuskt und Visum ein.Wer Touristen will,muss schon etwas mehr bieten,wie betonierte Strandpromenaden und Hochhäuser in Cranz,oder Germanisierungdebatten.Darum auch nur 0,8 % Anteil.толко немцы!не очень важно?правильно?правильно!

Karsten-Wilhelm Paulsen Veröffentlicht: 23. Oktober 2018 11:07:13

In meiner Gemeinde hatten wir auch mal so einen Beamten (Kämmerer), wenn der gefragt hatte haute der irgendwelche Zahlen raus und alle waren zufrieden. Fast 10 Jahre hat es gedauert, bis es nachgewiesen wurde.

Hauke Veröffentlicht: 23. Oktober 2018 13:12:36

Mich würde mal etwas Anderes Interessiren.
Wie sind sie, die Menschen die jetzt in 3. Generation im Gebiet leben?
Unterscheiden sie sich von den neu Zugezogenen, von den Menschen im Mutterland?
In Mentalität, in Ausdrucksweise, in Sprache im Verhalten?
Zum Tourismus habe ich nicht mehr viel zusagen.
Vielleicht noch so viel, die Campingbranche in Deutschland verzeichnet zweistellige Zuwachsraten.
Profiteure hiervon sind uA. Polen und das Baltikum.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 23. Oktober 2018 13:51:15

... zum ersten Teil des Kommentars kann ich nichts sagen. Ich habe einfach keine repräsentativen Vergleichsmöglichkeiten.

Um einen Kommentar zu schreiben müssen Sie sich registrieren oder autorisieren
Melden Sie sich an