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Deutsche Emotionen – nur bei Bedarf

Mo, 21 Apr 2014 ... mit deutschem Akzent


Deutsche Emotionen – nur bei Bedarf

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert Kaliningrader wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

Deutsche Emotionen – nur bei Bedarf

Es gibt sie natürlich, die deutschen Emotionen oder die Emotionen der Deutschen. Und manchmal tut man auch nur so, als ob man Emotionen hat. Am besten kann man Emotionen am Stammtisch zeigen. Da geht es manchmal hitzig zu. Man hat seine Meinung gesagt und morgen ist alles wieder vergessen – weil es eigentlich gar nicht so wichtig ist – Hauptsache man hat was gesagt. Aber dann gibt es wieder Dinge, über die man sich irgendwann einmal aufgeregt hatte, die irgendwie „erhört“ wurden und darüber wird dann kein Wort mehr verloren.

Als sich Russland zum Beispiel entschloss, die „NGO“, die nicht staatlichen Organisationen, ein wenig mehr unter Kontrolle zu nehmen und per Gesetz regelte, dass sich diejenigen, die Geld aus dem Ausland erhielten um ihre Tätigkeit zu finanzieren, nun als „Agenten“ bezeichnen müssen – da hatte man genügend Gesprächsstoff an den deutschen Stammtischen.

Das Thema „Schwulengesetz“, welches gar nicht existiert (es handelt sich um eine Ergänzung des Gesetzes zum Schutze der russischen Kinder), gab dann weiteren Anlass, das Bier fließen und die Emotionen kochen zu lassen.

Dann gingen die bösen Russen auch noch gegen die Mädchengruppe „Bussi Rot“ (oder so ähnlich)vor und dankbar wurden auch hier die Emotionen hochgekocht.

Und genüsslich kann man sich zum aktuellen Zeitpunkt über die Russen im Allgemeinen und die Russen in der Ukraine und auf der Krim im Besonderen aufregen.

Aber das sind alles nur temporäre Probleme. Wie hatte schon der Genosse Stalin 1945 gesagt: „Die Probleme kommen und gehen, aber das russische Volk bleibt“ (… naja, irgendwie war der Spruch anders … ich muss da nochmal nachschauen).

Wichtig ist, dass Thema „Böser Russe“ immer schön am köcheln zu halten.

Ein Dauerthema, wenn auch nur für einen begrenzten Kreis deutscher „Emotionalisten“, ist die Stadt Kaliningrad. Nicht nur, dass dies eine deutsche Stadt ist und immer bleiben wird (wie einige Stammtischbesucher immer wieder betonen), nein, diese Stadt trägt auch immer noch die Bezeichnung eines sowjetischen Staatsverbrechers. Und das ist der dankbare emotionale Ausgangspunkt, um standhaft die Umbenennung der Stadt zu fordern. Selbst der Europaabgeordnete Werner Schulz von den „Grünen“, konnte es sich nicht verkneifen, vor nun schon fast zwei Jahren den Kaliningrader Gouverneur bei einem Auslandsaufenthalt eine provozierende Frage hierzu zu stellen. Mit ein paar Monaten Verspätung gab der Gouverneur N. Zukanov sinngemäß die passende Antwort: „… wenn ich auch nur eine Sekunde davon überzeugt wäre, dass ein anderer Stadtname das Lebensniveau der Bevölkerung anhebt, ich würde die Stadt sofort umbenennen.“

Nun gibt es verschiedene Diskussionen, die irgendwie darauf hindeuten, dass das Thema auch für die russische Seite interessant ist, aber es gibt doch zum jetzigen Zeitpunkt wichtigere Themen. So z.B. das Thema der Fußball-Weltmeisterschaft 2018. Die Olympischen Spiele sind vorbei und sowohl die föderalen wie auch die regionalen Verantwortlichen können sich auf den neuen sportlichen Höhepunkt konzentrieren.

Es wurde bekannt, dass Kaliningrad als Ausrichterstadt für fünf Spiele unumstößlich feststeht. Der föderale Sportminister Witali Mutko hat laut und deutlich gesagt, dass dies der politische Wille der Landesführung ist.

Foto: Sportminister Witali Mutko

Und es wurde bekannt, dass Russland nicht nur Fußballstadien neu bauen wird und vorhandene Stadien modernisiert – nein, Russland will auch die Bezeichnung der Stadien ändern.

Das Moskauer Stadion „Luschniki“ und das Kasaner „Kasan Arena“ behalten ihre bisherigen Bezeichnungen.

Für alle anderen Stadien hat sich das föderale Organisationskomitee für die Vorbereitung der Weltmeisterschaft folgende Lösungen einfallen lassen und wird diese 2015 endgültig bestätigen:

  • Moskauer Stadion „Eröffnungs-Arena“ wird „Gladiator-Arena“ (auf Bitten der FIFA)
  • das Stadion „Zenit“ wird „Peter The Great Arena“ (zu Ehren des russischen Imperators)
  • das Stadion „Zentral“ in Ekaterinenburg wird in „Sverdlovsk-Stadium“ umbenannt (zur Erinnerung an die Stadtbezeichnung von 1924 – 1991)
  • das Stadion „Jubiläum“ in Saransk erhält die Bezeichnung „Saranosch Arena“ (angepasst an die Mokschansker Sprache in diesem Gebiet)
  • das Stadion in Samara mit der jetzigen Bezeichnung „Schiguli-Arena“ wird umbenannt in „SamArena“
  • das Olympia-Stadion „Fischt“ in Sotchi erhält die neue Bezeichnung „Olympic Stadium“
  • das Wolgograder Stadion „Sieg“ wird zu „Rotor Arena“
  • das Fußballstadion in Nischny Nowgorod „Pfeil“ erhält entweder die Bezeichnung „Gorky Park Arena“ oder GAZ Arena (zu Ehren des Autoherstellers)
  • das Stadion in Rostow am Don „Lewberdon Arena“ bekommt den Namen „Don Arena“ oder „Elizaveta Petrovna Stadium“.

Aber die bemerkenswerteste Umbenennung erfolgt in Kaliningrad. Die bisherige Projektbezeichnung für das auf der „Insel“ zu errichtende Stadion trägt den Namen „Baltik-Arena“. Die Kommission hat nun dem Stadion die Bezeichnung „Königsberg Stadium“ gegeben und setzt damit eindeutige Assoziationen zur ehemaligen Stadtbezeichnung bis 1946.


Redaktierte Fotografik Kaliningrad-Domizil

Und was soll ich Ihnen sagen? Es interessiert niemanden! Wo doch aber sonst immer wieder „Königsberg“ gefordert wird! Und nun kommt „Königsberg“ in Form eines internationalen Fußballstadions und als „russisches positives Signal an die Welt“ – und es interessiert niemanden!

Am 5. April veröffentlichten wir auf unserem Portal eine Mitteilung mit großen Foto. Keinerlei Kommentare erfolgten. Unsere Suche im Internet ergab zwar noch zwei Treffer mit einer lapidaren Kopie unseres Artikels, aber auch hier keinerlei „Emotionen“, keinerlei Kommentare, keinerlei Rückfragen.

Nun hat Russland endlich mal etwas getan, um die deutschen Stammtische mit positiven Nachrichten zu versorgen. Dazu auch noch verbunden mit einem Thema, dass alle interessiert – nämlich Fußball. Und nun wird nicht darüber gesprochen.

Im Umkehrschluss muss man dann wohl sagen, dass ein „gutes Russland“ für die deutschen Stammtische nicht interessant ist. Oder anders: Russland hat etwas getan, wo der deutsche Stammtischbesucher nicht die Rolle des Oberlehrers spielen kann – und das ist schlecht.

Ach, und da fällt mir noch etwas ein.

Seit 1991 ist Kaliningrad keine „verbotene Zone“ mehr und jeder der ein Visum hat, kann uns besuchen. Das war gut. Bis zu dem Zeitpunkt, wo der deutsche Stammtisch endlich wieder ein Thema hatte: die Grenzzonenregelung. Ach, was konnte man sich da schön drüber aufregen, dass der böse Russe einen Streifen von fünf Kilometer Breite entlang seiner Staatsgrenze eingerichtet hatte, wo er keine Ausländer sehen wollte. Und wenn der Ausländer unbedingt dahin wollte, dann brauchte er einen Sonderausweis. Jahrelang hat man sich darüber aufgeregt, obwohl der Deutsche selber gar nichts tun brauchte um zu diesem Grenzausweis zu kommen, denn diesen Ausweis konnte nur die einladende Seite (i.d.R. die Tourismusfirma) besorgen. Nun hat der böse Russe diesen Sonderausweis einfach abgeschafft und nebenbei auch die Grenzzone liquidiert und der Deutsche kann nach Herzenslust reisen und alle Orte besuchen, die ihm interessant erscheinen. Der böse Russe hat ihm also wieder mal ein Stammtischthema genommen.

Was soll ich Ihnen sagen! Nicht nur, dass auch diese Meldung niemanden interessierte – obwohl das doch sonst immer soooooo wichtig war. Nein, jetzt behauptet man ganz einfach, dass es diesen Befehl des FSB-Direktors vom Dezember 2013 gar nicht gibt (obwohl er im Internet veröffentlicht ist) und man weiterhin einen Ausweis braucht und die Grenzzonen weiterhin existieren. Es darf eben nicht sein, dass Russland etwas Gutes tut. Und wenn Russland dann doch etwas Gutes tut, dann muss man es schlecht reden oder einfach ignorieren.

Aber keine Sorge, liebe deutsche Stammtischbesucher. Es bleiben noch Themen, über die man sich „emotionalisieren“ kann. Die Russen haben die Regelung zu den Sonderzonen in Kaliningrad nicht aufgehoben.

Sonderzonen sind aber etwas anderes wie die Grenzzonen. Grenzzonen sind Zonen an der Grenze und Sonderzonen sind Gebiete irgendwo im Kaliningrader Gebiet, wo weder Ausländer noch Inländer ohne Genehmigung hin dürfen. Das sind z.B. bestimmte Naturschutzgebiete, Wasserschutzgebiete, Wildgehege aber auch die Stellungen und Objekte der russischen Landesverteidigung. Und um eine deutsche Kaserne oder deutsches militärisches zu betreten, braucht man wohl auch eine Genehmigung – oder?


Grafik: Kaliningrader Gebiet „mit ohne Sonderzonen“

Foto: Ein befreundeter Journalist (Komsomolskaja Prawda) hat am Sonntag eigens für
         diesen Beitrag eine der "verbotenen Zonen" besucht.


Und was glauben Sie, wie viele Anfragen unsere Informationsagentur erhält, mit der Bitte, eine Karte zu besorgen wo diese Sonderzonen eingezeichnet sind? … ich sage es Ihnen nicht und wir besorgen sie auch nicht. Und wir freuen uns gemeinsam mit den deutschen Stammtischlern, dass Russland und Kaliningrad auch weiterhin im Gespräch bleiben. 

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Baltica, Föderales, Fussball-WM, Sport

   Kommentare ( 2 )

boromeus Veröffentlicht: 10. Mai 2014 22:50:23

Guten Tag Herr Niemeier,
Ich freue mich dass Passagen meines Emotionalisten-Kommentares in Ihren Bericht mit eingeflossen sind und
fuer Ihre Art zu schreiben.Sie haben Recht.Ich habe die Info etwas später bekommen und ich muss Ihnen sagen,dass diese Meldung zur Umbennung des neuen Fussballstadions in Königsberg Stadium grosse Freude bei mir ausgeloest hat.
Hierzu gehoert auch die Meldung zur möglichen Umbennung des Platz des Sieges,vormals Hansaplatz
,oder des Flughafens in Kant-Platz,oder Kant Flughafen.

Vor zwei Tagen erfuhr ich ,dass in Rominten ,dem heutigen Krasnolesje Hinweistafeln in russischer und englischer Sprache auf Gebäude ehemaliger deutscher Jagdhistorie hinweisen.
Da das ehemalige Jagdschloss Kaiser Wilhelm II sehr Nahe am Grenzzaun zu Polen liegt wird, wohl doch ein Propusk fällig werden.
Trotz alledem sind die Ereignisse als sehr erfreulich zu bezeichnen.Wir sollten bei einem Trefftisch in Königsberg uns zu einem Stammtischgespraech treffen.
Dann können wir uns ja gemeinsam echauffieren über das eine oder andere Thema..
Danke für Ihre Mühen um dieses Portal.

Mit herzlichen Gruessen

Engelhard Schaber

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 10. Mai 2014 23:01:59

... nun, ich bin fast jeden Mittwoch ab 19.00 Uhr im "Zötler". Dort findet der Trefftisch Deutschsprachiger statt. Da können wir beide gerne "emotionalisieren", Königsberger Klopse essen und deutsches Bier trinken. Herzlich willkommen!
... ach, und danke, dass Sie mir als Leser treu geblieben sind!

boromeus Veröffentlicht: 11. Mai 2014 10:49:32

ja fast immer,ausser beim letzten Mal.Übrigens für alles Besucher der Stadt.Zötler kann ich ebenfalls nur wärmstens empfehlen.
Die bayrische Spezialitätenplatte und die Königsberger Klopse:Aller Achtung.Spitze.

bis dahin ,alles Gute für Sie.

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