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Deutscher fotografiert Militärobjekt in Kaliningrad – verhaftet …

Mo, 19 Aug 2013 ... mit deutschem Akzent


Deutscher fotografiert Militärobjekt in Kaliningrad – verhaftet …

Deutscher fotografiert Militärobjekt – verhaftet …

… wurde er nicht. Aber für westliche Vorstellungen zu Russland und Kaliningrad wäre es besser, wenn der Deutsche verhaftet worden wäre. Aber was passierte wirklich?

Am vergangenen Samstag zeigte sich Kaliningrad mal wieder von seiner besten Seite. Strahlender Sonnenschein lud zu einem ausgiebigen Spaziergang ein. Vormittags machte ich die Stadt „unsicher“ und schaffte mir genügend Informationsmaterial für zukünftige Berichte und am Nachmittag wollte ich noch einmal den Max-Aschmann-Park erkunden. Aber irgendwie schlug ich nicht die richtige Richtung ein und landete ziemlich schnell an der Nordseite des Parks. Dort entsteht schon seit einigen Jahren eine neue Siedlung aus Vorstadtvillen der gehobenen Klasse – Touristen verirren sich hierher eigentlich nicht – dieser Teil des neuen Kaliningrads ist touristisch völlig unerschlossen.

Und am Rand dieser Siedlung befindet sich noch eine alte deutsche Kaserne. Dort sind nun russische Truppen untergebracht. Teile der Kaserne sind schon in zivile Nutzung übergegangen. Sie dienen als Parkplatz für Privatfahrzeuge, Abstellplatz für große Trucks, auf einem Teil ist eine Tankstelle gebaut und ein nicht unwesentlicher Teil dieser Kaserne verfällt ganz einfach und steht leer. Das was an Technik zu sehen ist lässt vermuten, dass es sich um eine Pioniereinheit handelt. Die Technik selber könnte aber mal wieder einen Anstrich vertragen.

Zuerst fotografierte ich ein altes deutsches Gebäude durch den Stacheldraht der Kasernenmauer. Vermutlich war es zu deutschen Zeiten eine Schmiede – zumindest die Schornsteine lassen das vermuten.

Danach fotografierte ich zwei Gebäude im sehr desolaten Zustand.

Weiter ging es entlang der Kasernenmauer. Hier entstand die vierte Aufnahme.

Dann stand ich vor dem KPP – dem Kontrolldurchlasspunkt – der Zivilist würde sagen: Pförtner.

Vor der Kaserneneinfahrt befindet sich ein sehr gepflegtes Denkmal/Grab für gefallene sowjetische Soldaten bei der Einnahme von Königsberg 1945. Das war die nächste Aufnahme.

Und dann wurde ich mutig. Bisher waren alle meine Fotografien, selbst nach meiner eigenen kritischen Selbstzensur, nicht verboten. Aber in Russland ist nun mal das Fotografieren von Militärobjekten und Armeeangehörigen verboten. An sich eine normale Sache – jeder Staat hat eben so seine Vorstellungen zur Sicherheit. Einige Staaten lesen Millionen von emails von Ausländern und bespitzeln diese rund um die Uhr, um deren böse Gedanken im Voraus zu erahnen. Und andere Staaten möchten eben nicht, dass man sicherheitsrelevante Objekte fotografiert.

Beim „Pförtner“ war ich mir nicht mehr so sicher – aber ich fotografierte. Zum einen war die Kaserneneinfahrt einfach architektonisch nett anzuschauen und zum anderen standen davor einige Plakate, die die Geschichte des Truppenteils aufzeigten.

Danach ging es weiter zur „Militärstadt“ – ein etwas verwirrender, irreführender Begriff für Ausländer. Die vermuten da natürlich wirklich eine Stadt, vollgestopft mit Militärs und in jedem Keller liegt eine Atomrakete oder sonst irgendetwas Bedrohliches. Die Militärstadt ist auch nicht geheim. An jedem Bus der Linie 30 und der Linie 7 und an einigen Linientaxis steht als Endhaltestelle „Militärstadt“.

Es handelt sich bei einer Militärstadt um ein oder mehrere Wohnhäuser in unmittelbarer Nähe einer Kaserne. Berufssoldaten erhalten hier mit ihrer Familie Wohnraum zur Verfügung gestellt. Das Angenehme wird mit dem nützlichen verbunden. Der Armeeangehörige ist im Bedarfsfall immer schnell verfügbar und einsatzbereit.

Und als ich nun nach dem fotografieren dieser Militärstadt weiterging, klopfte mir jemand mit dem Zeigefinger auf die Schulter. Mein Gott war ich erschrocken! Ich drehte mich um und sah vor mir das Erschießungskommando …

… nein, es war nur ein Soldat mit einer Armbinde, die ihn als Wache auswies. Ich nahm die Ohrstöpsel meines Players aus den Ohren und hörte ihm zu. Er war ein wenig außer Atem und sagte: „Na, da kann ich lange hinter Ihnen herrufen, mit Ohrstöpseln können Sie mich ja nicht hören.“

Und er erklärte mir, dass das Fotografieren von Militärobjekten  verboten ist und fragte mich, was ich fotografiert habe. Ich erzählte ihm alles. „Können Sie das meinem Vorgesetzten noch einmal sagen, der sitzt dort wo Sie fotografiert haben?“ frage er mich. Wir liefen den Weg gemeinsam zurück und schwatzen ein wenig – er als Soldat hat wenig Gelegenheit sich mit Ausländern zu unterhalten und ein Gespräch mit einem Deutschen ist für einen Russen immer interessant.

Der diensthabende Offizier, ein Oberleutnant, begrüßte mich freundlich und ich fing gleich an loszuplappern. Unaufgefordert legte ich ihm meine russische „Aufenthaltsgenehmigung“ vor, um mich auszuweisen – die wollte er aber eigentlich gar nicht sehen. Dann fragte ich ihn, ob er die Fotos sehen will. „Wenn Sie mir die Fotos zeigen wollen, würde ich sie mir gerne ansehen …“, meinte er. Ich zeigte ihm alles und er fragte, ob es mir denn möglich wäre, die beiden Fotos vom „Pförtner“ zu löschen. Ich löschte sie – alles kein Problem. Dann plapperten wir noch ein wenig – für ihn sicherlich eine willkommene Abwechslung im Wachdienst: Endlich passierte mal etwas!

Er gab mir meine Aufenthaltsgenehmigung zurück und da er sich keinerlei Aufzeichnungen machte, ich aber aus meiner eigenen militärischen Vergangenheit weiß, dass eigentlich zumindest Name und Pass-Nummer im Dienstbuch vermerkt werden sollten, drängelte ich ihm noch meine Visitenkarte auf. Ich glaube mal, dass er diese höchstens verwenden wird, wenn er mal mit mir ein Bier trinken will und meine Telefonnummer braucht.

Ich hatte mich schon verabschiedet und wollte gehen, als ich von dem Soldaten aufgehalten wurde. Er erzählte mir noch, wo ich jetzt am besten hingehen sollte – nämlich zum Fort Nr. 4 – „Gneisenau“, gleich hier in der Nähe. Und er gab mir noch ein paar andere Wandertipps. Dann konnte ich gehen und wir winkten uns noch gegenseitig zu.

Foto: Das ist nicht "Gneisenau", sondern ein anderer geheimnisvoller Ort - darüber
        berichten wir ein wenig später.
 

„Schade“, dachte ich, „noch nicht mal für eine halbe Stunde hat man mich eingesperrt, noch nicht einmal ein Verhör hat stattgefunden und mindestens meine Kamera hätte man doch beschlagnahmen können – wie soll ich daraus eine Story machen?

Eine Story ist es nun nicht geworden, obwohl ich mit der Überschrift versucht habe, ein wenig Aufmerksamkeit zu gewinnen. Aber zumindest habe ich informieren können, dass viele Dinge, die über Russland, Russen, Militär und Verhaltensweisen von Vertretern des Staates angeblich gezeigt werden, einfach nicht richtig sind. Ich lebe seit 25 Jahren in Russland und seit 1995 in Kaliningrad und mir standen immer schon die Haare zu Berge, als ich von deutschen Touristen Schauergeschichten hörte, die sie gerade erst in Kaliningrad erlebt hatten.

Nun denn – lassen Sie sich nicht beeindrucken von Schauergeschichten. Kommen Sie zu uns und freuen Sie sich, wenn Sie wenigstens mal einen Soldaten zu Gesicht bekommen, denn Militär ist nun schon eine „Defizit-Attraktion“ in Kaliningrad geworden.

Uwe Niemeier

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