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Deutschland befreit sich - oder?

Mo, 29 Sep 2014 ... mit deutschem Akzent


Deutschland befreit sich - oder?

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

 

Deutschland befreit sich  - oder?

Deutschland befreit sich von russischem Gas – zumindest besteht die Absicht. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Deutschland befreit oder sich befreien lässt. 1871 wurde Deutschland von der Kleinstaaterei befreit, 1918 vom Kaiser, 1933 von der Weimarer Republik, 1945 vom Faschismus, 1989 von der kommunistischen Diktatur und ein wenig später von den sowjetischen Besatzungstruppen. Und jetzt will sich Deutschland vom russischen Gas befreien. 

Und um es auf die Spitze zu treiben, fordern ein paar vereinzelte Stimmen in Deutschland, dass man sich auch von der Abhängigkeit der USA befreien müsse. Wieso? Befindet sich Deutschland in einer solchen Abhängigkeit? Wie kann das sein, wo doch sowohl die Amerikaner wie auch die deutschen Politiker immer von der vorhandenen Freiheit sprechen.  

Aber Abhängigkeit kann es in vielfältigen Formen geben, eben bis hin zur totalen Abhängigkeit, manchmal auch Hörigkeit genannt. Aber dazu kommen wir etwas später.

Da gibt es einen Herrn Wissmann in Deutschland. Vor ein paar Jahren hat er sich aus der Abhängigkeit als politischer Beamter gelöst, ist in die Wirtschaft gewechselt und bekleidet den Posten des VDA-Präsidenten. Und Herr Wissmann forderte frei und unabhängig in einem Interview mit der „Süddeutsche.de“ mehr Unabhängigkeit vom russischen Gas. Ich finde, Herr Wissmann hat Recht. Man sollte immer ein Risikomanagement betreiben und wenn Abhängigkeiten sehr hoch sind, so sollte man versuchen, ein wenig zu diversifizieren.

 

Herr Wissmann äußerte:

„Sollte sich Europa dazu durchringen können, mittel- und langfristig unabhängiger von russischen Gaslieferungen zu werden, würde die russische Regierung das spüren.“

Auch hier hat Herr Wissmann völlig Recht. Und man muss gar nicht mittel- oder langfristig warten, denn Russland spürt natürlich schon jetzt die Sanktionen des Westens und bemüht sich, diese, nicht ganz erfolglos, durch das Finden neuer Partner auszugleichen. Die sind zwar im Osten und nicht mehr im Westen, aber was soll´s …

Und in einem weiteren Satz sagt Herr Wissmann noch eine richtige Tatsache:

„Um das zu erreichen, müsse verstärkt in Hafenanlagen investiert werden, um verflüssigtes Gas aus anderen Regionen zu beziehen.“

Und diese Empfehlung von Herrn Wissmann ist natürlich in noch einem weiteren Sinn für Deutschland von Vorteil, denn wenn in Hafenanlagen und die notwendige andere Infrastruktur investiert wird, um Gas aus anderen Regionen zu beziehen, dann werden Arbeitsplätze geschaffen (zumindest zeitweilig während des Baugeschehens), Steuereinnahmen des Staates erhöhen sich und vermutlich gibt es noch andere angenehme Nebeneffekte. So könnten die Banken sich ein wenig sanieren, denn Kredite werden vergeben – also, eine Trennung von Russland könnte einen regelrechten positiven Boom für die deutsche Wirtschaft auslösen.

Wenn dann alles gebaut ist, braucht man neue Lieferer. Welche? Wieviel Neue? Bisher erhält Deutschland 34 Prozent des Gases aus Russland. Um sich richtig abzusichern wären vielleicht 5 bis maximal 10 Prozent Gas aus Russland völlig ausreichend. Das ist erheblich weniger als bisher und wer weniger kauft, bekommt vermutlich auch weniger Sconto auf seine Bestellung. Also das bisschen Gas aus Russland wird ein bisschen teurer. Dafür wird aber die Unabhängigkeit von Russland wesentlich größer. Nichts ist eben zum Null-Tarif zu erhalten – auch nicht die Unabhängigkeit.

Das Gas, was Deutschland nicht mehr kauft, wird Russland nach China umleiten oder einfach in der eigenen Wirtschaft verbraten, denn die wird sich nun kräftig im ureigensten Interesse entwickeln müssen, wenn der Westen Russland rechts liegen lässt. Somit braucht Deutschland noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen zu haben, das es vielleicht Russland Schaden zugefügt hat.

Dann kommen wir zu den anderen Quellen. Wir kennen sie noch nicht, aber vermutlich wird es der Iran sein, Irak, die USA, Saudi-Arabien und weiß der Teufel, wer noch. Aber warum kauft Deutschland nicht jetzt schon dort ein? Vermutlich, weil das Gas dort teurer ist und es wird zukünftig wohl kaum billiger werden. Und je mehr Deutschland seine Lieferanten splittet (wegen der Abhängigkeit), umso geringer sind die jeweiligen Bezugsmengen und umso teurer wird das Gas, schon direkt beim Lieferanten. Zusätzlich kommen dann noch die zu amortisierenden Kosten für die neue Hafen- und Logistikstruktur hinzu, die auf den eh schon teureren Gaspreis draufgeschlagen werden. Das dann alles andere, was irgendwie mit Gas zu tun hat, auch teurer wird – das dürfte wohl jedem klar sein. Aber jeder muss eben Opfer bringen, wenn man sich von dem bösen Iwan … oh, ups, bin ich da in den Tonfall alter Zeiten zurückgefallen … , also wenn man sich von dem unsicheren Partner Russland trennen will. Aber dazu sind die Deutschen, die deutschen Steuerzahler, die deutschen Rentner, die deutschen Sozialhilfeempfänger ja auch durchaus bereit. Wir müssen alle Opfer bringen, denn immerhin geht es um die leidgeprüfte Ukraine, der Europa gegen das aggressive Russland eng zur Seite stehen muss.

Natürlich gibt es aus jeder Situation einen Ausweg und vielleicht ist es gar nicht nötig, sich viele neue Lieferanten zuzulegen. Es reicht ein einziger neuer Lieferant. Und wenn dieser neue Lieferant ein guter alter Bekannter ist, deren Verlässlichkeit und  Loyalität man seit Jahrzehnten kennt – warum nicht? Sie ahnen es, ich spreche von den Vereinigten Staaten von Amerika, dem besten und verlässlichsten Freund Deutschlands. Da braucht man keine Angst haben, sich in die Abhängigkeit zu begeben – es sind ja unsere Freunde. Und die Amerikaner sind auch bereit zu liefern. Ja, auch nicht ganz zu dem Preis wie die Russen, aber vielleicht nicht ganz so teuer, als wenn man den Bedarf auf zehn oder zwanzig Lieferanten aufteilt.

Und sicherlich ist es für Deutschland beruhigend zu wissen, dass man sich dann auch in Fragen der Energieversorgung in sicheren, amerikanischen Händen befindet. Sich in Abhängigkeit von den USA zu befinden ist natürlich etwas ganz anderes, als die Abhängigkeit von den Russen. Der Amerikaner würde niiiiiieeeee Abhängigkeiten ausnutzen.

Dass die USA ihre, in vielen Jahren erarbeiteten Monopolstellungen, auf vielen Gebieten jetzt gegen das ungezogene, widerspenstige Russland einsetzen ist etwas ganz anderes. So etwas brauchen andere Staaten nicht zu befürchten – so lange sie nicht ungezogen und widerspenstig sind und das machen, was die USA wollen. Und da Deutschland immer alles macht, was die USA sagen, ist alles bestens.

Aber wenn nicht?

Überlegen Sie doch ganz einfach mal, was passieren könnte, wenn Deutschland irgendwann einmal aufmuckt und die USA dieselben Sanktionen gegen Deutschland verhängt, wie sie jetzt Russland zu spüren bekommt. Ich weiß, eine sehr theoretische Überlegung. Aber diese Überlegung ist genauso theoretisch, wie der Gedanke vor einem Jahr war, dass die USA weltweit das Internet abhören und die europäischen Politiker ausspionieren, mit denen sie befreundet sind. Aber Sie sehen ja, wie schnell Theorie Praxis werden kann.

Und die USA beherrschen das Internet. Man kann es jederzeit für ein Land abschalten. Russland hat das erkannt und bereitet schon Gegenmaßnahmen vor, um nicht auch auf diesem Gebiet isoliert zu werden, denn von MasterCard und Visa ist es schon abgeschaltet und vom „SWIFT“ wird es sich wohl auch verabschieden können, denn die Europäische Union will es so – auf Verlangen der Amerikaner? Einige meiner Gesprächspartner drehen zwar die Tatsachen um und meinen, dass Russland sich selber von der Welt abschalten will … aber wir haben ja Meinungsfreiheit … und jeder kann meinen was er will.

Wie verknüpft ist die deutsche Wirtschaft, insbesondere Finanzwirtschaft mit den USA? Und wenn plötzlich MasterCard und Visa in Deutschland nicht mehr funktionieren? Und die USA das Internet für Deutschland abschalten? Natürlich übertreibe ich, natürlich ist das absolut undenkbar … oder vielleicht doch nicht?

Und wir haben die amerikanischen Truppen in Deutschland. Diese beschützen die Deutschen vor bösen Ländern, die Deutschland ein Leid antun wollen. Aber diese Truppen könnten im Bedarfsfall auch für Ruhe und Ordnung in Deutschland sorgen – für amerikanische Ruhe und Ordnung wohlbemerkt. Das wird natürlich nicht nötig sein, denn in Deutschland wird immer Ruhe und Ordnung herrschen und amerikanische Truppen müssen nicht dafür Sorge tragen … oder?

Und die Amerikaner haben auch das Wissensmonopol. Sie wissen, wann, wo, wie, durch wen ein Terroranschlag geplant wird und verhindern dies. Dafür ist die ganze Welt den USA auch dankbar – unzweifelhaft. Aber um die Welt (und Deutschland) beschützen zu können, haben die USA fleißig in das Snowden-System investiert. Natürlich wird das gewonnene Wissen aus dem Abhören der Handys deutscher Politiker nicht gegen diese Politiker verwendet. Auch das, was man über Fritz Müller und Paul Schulze erfahren hat, wird nicht gegen diese eingesetzt – also nicht sofort eingesetzt, sondern erst bei Bedarf, wenn die Beiden nicht mehr mitspielen wollen – im Interesse von Amerika. Aber das ist natürlich wieder pure Theorie – die Amerikaner würden niemals jemanden erpressen … niiiiieeeee.

Und jetzt erhalten die USA vermutlich auch das Gasmonopol in Deutschland, wenn nicht gar Europa und sorgen dafür, dass es immer schön warm, wenn nicht gar heiß in Europa ist – nun zumindest so lange, wie Europa und Deutschland mitspielen. Wenn das mal nicht mehr so sein sollte, dann könnte es auch ganz schnell kalt, eiskalt werden. Und auch hier sind jedwede Gedanken völlig abwegig – denn Gas als Waffe setzen nur die Russen ein, die Amerikaner würden dies niiiiieeee tun – schon gar nicht gegen Deutschland – oder?

Also ich finde es insgesamt sehr beruhigend, wenn Deutschland bzw. Europa dieses „Rund-um-Sorglos-Paket“ der Amerikaner erhält. Schon gleich nach 1945 haben die Deutschen viele Pakete, Care-Pakete aus Amerika bekommen und diese Pakete haben vielen geholfen zu überleben – und so etwas verbindet natürlich. Es wird schon nichts passieren, denn Deutschland ist mit Amerika eine katholische Ehe eingegangen: „… bis der Tod euch scheidet.“

Es ist auch praktisch – man hat zu allen Fragen nur einen Ansprechpartner. Das war damals in der DDR auch bequem: „Nicht verzagen – Sowjetunion fragen“ … und heute? „Deutschland denkt – Amerika lenkt …“

Aber ich merke schon, ich begebe mich wieder in die Gefahr, als Russenpropagandist eingestuft zu werden und das soll nicht sein. Ich wollte auch nur meine Meinung sagen.

Vor ein paar Tagen sagte noch ein anderer Deutscher in Kaliningrad seine Meinung. In seiner Begrüßungsrede zum Oktoberfest der Deutschen Wirtschaft in Kaliningrad sagte der Leiter der Vertretung der Hamburger Handelskammer Dr. Stefan Stein: „Wir sind gegen Sanktionen. Politische Probleme müssen mit politischen Mitteln gelöst werden und nicht auf Kosten der Wirtschaft.“ Da der deutsche Generalkonsul in Kaliningrad Dr. Dr. Krause anwesend war, kann man davon ausgehen, dass diese Meinung gehört wurde – ob sie von der deutschen Politik berücksichtigt wird – das hängt ab von der Abhängigkeit.

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Deutsches, USA

   Kommentare ( 2 )

Regul Veröffentlicht: 29. September 2014 10:24:14

Ein sehr interessanter Artikel. Vielen Dank für den etwas anderen Blickwinkel, Herr Niemeier.

Ich bin seinerzeit im 'Westen', nahe der Grenze aufgewachsen. Die amerikanischen Truppen galten damals als Garant der Freiheit...brachten sie uns doch Coca-Cola, Hamburger...und jede Menge Drogen ins Land.

Ein Fall hat mir damals die Augen geöffnet, wie das alles global zu sehen ist:

Im Rahmen einer Verteidigungs-Übung, mitten im kalten Krieg, mit Einbezug der örtlichen Bürgermeister, wurde der Einfall russischer bzw. ostdeutscher Truppen nach Nordbayern/Hessen simuliert. Das Ganze wurde als Operation 'Frankenschild' deklariert.

Nun, die vorhandenen westdeutschen Truppen sollten die Angreifer als Puffer 1-2 Tage aufhalten, während sich die amerikanischen Soldaten eiligst in Richtung Rhein absetzen würden um eine 2te Verteidigungsstellung ein zu nehmen.

Sie fragen sich nun sicher, was die örtlichen Bürgermeister damit zu tun hätten. Das fragte ich mich zuerst auch. Durch den damaligen Würzburger Oberbürgermeister ist dann alles an die Öffentlichkeit gebracht worden. Diese Bürgermeister sollten die Bevölkerung weder evakuieren noch irgendwie sonst die öffentliche Ordnung beeinflussen, sondern ausschließlich Informationen zurückhalten und ihre Bevölkerung gezielt im Unklaren lassen, so dass keine Panik ausbricht. Denn im Rahmen von Operation 'Frankenschild' würden dann am Ende die, innerhalb von 2-3 Tagen, von den Russen eroberten Städte mittels Atombomben mitsamt den deutschen Einwohnern ausradiert werden.

Quintessenz:
Den Amerikanern sind ausschließlich die amerikanischen Interessen wichtig. Auf Grund des Marshallplanes nach dem Krieg glaubten viele Westdeutsche immer an eine uneigennützige Hilfe durch die USA.

Zwar steht man sich allein schon durch die Sprache nahe, Englisch ist seit jeher Pflichtfach in der Schule, Kultur kommt meist mit englischem Akzent und die gemeinsamen kulturellen Wurzeln werden auf die griechischen Demokratien begründet. Trotzdem sollte man die Scheuklappen abnehmen und globale Zusammenhänge zumindest wahr nehmen.
Deutschland wäre aus meiner Sicht 'freier', wenn es sich auf die alten Stärken als Bindeglied zwischen Ost und West (geographisch) besinnen würde.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 29. September 2014 10:32:36

... tja, da kann ich mich eigentlich nur noch für die Fortsetzung meiner Gedanken in Form Ihres Kommentars bedanken ...

Zbig Veröffentlicht: 2. Oktober 2014 01:26:12

Sehr geehrter Herr Niemeier,
nehmen wir mal zugunsten Wissmanns an, dass er sein Interview mit Blick auf den US-Absatzmarkt der deutschen Automobilindustrie gegeben hat. Selbst dann ist es jedoch das, was man im Englischen "brownnosing" nennt. Möglicherweise hat seine Haltung aber auch Gründe, die in diesem Aufsatz eines Mitglieds des deutsch-russischen Forums angesprochen werden:

http://www.ostinstitut.de/documents/Besitzt_der_gegenwrtige_Konflikt_mit_Russland_eine_kulturelle_Dimension.pdf

Zum Glück gibt es nicht nur die Wissmanns, oder diesen Kriecher

http://www.theglobalist.com/the-atlantic-civilization-and-its-enemies/

sondern auch noch einen deutschen Ministerpräsidenten, der allen Anfeindungen zum Trotz den Russlandtag durchgeführt hat

http://www.russlandtag-mv.de/home.html

Die Zukunft Europas liegt nicht jenseits des Atlantiks, sondern in der Umsetzung dieses Angebots von 2001

http://www.bundestag.de/kulturundgeschichte/geschichte/gastredner/putin/putin_wort.html

Beste Grüße nach Kaliningrad

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 2. Oktober 2014 06:57:47

... besten Dank für Ihren Kommentar.
Ich persönlich hoffe, obwohl ich nicht in Deutschland lebe, auf jede in Deutschland stattfindende Kommunalwahl (als Zwischenabrechnung für die Bundesregierung). Wenn sich alles so fortsetzt wie bei den letzten Wahlen, dann wird die gegenwärtige, nicht sehr weitsichtige Politik, in Deutschland sich wohl zu den Bundestagswahlen gründlich ändern ...

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