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Die Erdogan´s kommen und gehen, das türkische Volk wird bleiben

Mo, 30 Nov 2015 ... mit deutschem Akzent


Die Erdogan´s kommen und gehen, das türkische Volk wird bleiben

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

Die Erdogan´s kommen und gehen, das türkische Volk wird bleiben

Natürlich kennen Sie diesen Spruch, wenn auch anstelle des Namens „Erdogan“ im Originalausspruch der Name „Hitler“ stand und der Ausspruch 1945 von Stalin stammte. Kein russischer Staatsmann oder Politiker der heutigen Tage hat diesen Satz, den ich als Überschrift gewählt habe, jemals gesagt – vielleicht aber gedacht. Den krassesten Ausspruch im Zusammenhang mit der gegenwärtig angespannten Situation zwischen Russland und der Türkei hörte ich von Wladimir Schirinowski:

Foto: Für diejenigen unserer Leser, denen Schirinowski nicht bekannt ist: Er ist Russe, liberal und Demokrat und der Vorsitzende der Partei, die alle diese Eigenschaften in sich vereint.

 

Versuchen wir ein wenig über die Situation nachzudenken und glauben wir doch ganz einfach den Worten des türkischen Präsidenten Erdogan. Welche Worte hat er gesagt?

  1. Das russische Flugzeug hat den türkischen Luftraum verletzt.
  2. Das russische Flugzeug hat sich 17 Sekunden lang im türkischen Luftraum befunden.

Eine Luftraumverletzung passiert in den meisten Fällen unangekündigt. Wir lesen oft in den Medien, dass sich russische Flugzeuge irgendwo befinden und diensthabende Flugzeuge der NATO gestartet sind, um diese russischen Flugzeuge zu begleiten und wenn nötig, abzudrängen. Das ist normal, nachvollziehbar und internationale Praxis. Im vorliegenden Fall starteten aber keine türkischen Flugzeuge, denn sie befanden sich bereits in der Luft und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als ob diese Flugzeuge die Russen schon erwartet hätten, denn es gibt keinen Alarmstart innerhalb von 17 Sekunden, Positionierung und Bekämpfung eines Flugobjektes. Auch fünf Minuten reichen hierzu nicht aus. Aber woher sollen die türkischen Flugzeuge gewusst haben, dass die Russen im Anflug sind? Ich habe keine Ahnung.

Aber ich habe irgendwo gelesen, dass die Russen mit den Amerikanern ein Memorandum unterschrieben haben, welches dazu dient, die Flugsicherheit im syrischen Luftraum zu erhöhen und Zwischenfälle zu vermeiden. Darin haben sich beide Seiten verpflichtet, sich gegenseitig über Flugzeugeinsätze im Detail zu unterrichten. Und die USA haben sich verpflichtet, ihre Koalitionspartner von dem Inhalt des Memorandums in Kenntnis zu setzen und von den Russen erhaltene Informationen weiter zu übermitteln. Somit könnte man zu der Ansicht kommen, dass die Amerikaner die Türken (auf vertraglicher Grundlage) in Kenntnis gesetzt und die Türken sich „auf die Lauer gelegt haben.“ Womit ich nicht gesagt haben will, dass die Amerikaner auf einen Zwischenfall gehofft haben. Als er dann aber passierte, haben sich die Amerikaner beeilt zu erklären, dass die Russen eben gerade diesen Flug nicht angekündigt hatten. Aha, ausgerechnet diesen Flug haben die Russen nicht angekündigt. Warum eigentlich nicht? Einfach vergessen die Amerikaner anzurufen? Und selbst wenn dem so wäre – wie kam es, dass zwei türkische Jagdflugzeuge schon in der Luft waren? Viele Zufälle, zu viele … meine ich.

Ich habe aber für mich keine Antwort gefunden, was denn die Türken davon haben, dass sie ein russisches Flugzeug abgeschossen haben. Es macht für mich keinen Sinn. Hat man geglaubt, dass nach diesem Abschuss sich der Russe aus Syrien deprimiert und kleinlaut zurückzieht, wie es die Türkei fordert? Hat man geglaubt dass der Russe verkündet: „Und seit 5.45 Uhr wird nun zurückgeschossen …“ um damit den NATO-Bündnisfall auszulösen? Hat man geglaubt, dass der Russe sich vielleicht entschließt, gerade dieses Gebiet nicht mehr zu bombardieren? Die Türken müssen schlechte Analytiker haben, denn egal auf was sie gerechnet haben, die Rechnung ist nicht aufgegangen.

Warum bombardiert der Russe gerade diese Region?

4.000-5.000 Russen sollen (nach russischen Angaben) in den Reihen des Islamischen Staates kämpfen. Ein Großteil dieser Kämpfer soll sich eben genau in diesem Gebiet aufhalten und Russland hat vor Wochen laut und deutlich erklärt, dass es möchte, dass alle diese Leute ihr Grab dort finden und auf keinen Fall nach Russland zurückkehren – fanatisiert und terrorisierend.

Dann befinden sich gerade in dieser Gegend eine der wichtigsten Finanzierungsquellen der Terroristen. Kilometerlange Fahrzeugschlangen mit Tankwagen bewegen sich aus Syrien in Richtung Türkei und liefern dorthin Erdöl, welches vom Islamischen Staat illegal aus den eroberten Quellen in Syrien gefördert wird.

Natürlich wird dies durch die Türkei im Allgemeinen und Erdogan im Besonderen bestritten. Aber „Quellen“ behaupten, dass der Sohn Erdogans genau diese Transporte organisiert und sich damit seinen Lebensunterhalt verdient. Auf dem umgekehrten Weg erfolgen dann Waffenlieferungen aus der Türkei an die Terroristen in Syrien. Weiterhin sollen sich in diesem Gebiet medizinische Einrichtungen befinden, die sich auf die Behandlung verwundeter Terroristen spezialisiert haben und dort soll auch die Familie Erdogan als „Investor“ aktiv sein. Und all das wird durch die Russen bekämpft und ruft natürlich nicht die Begeisterung der Erdogan-Familie hervor, die wohl um ihre Investitionen fürchtet.

Dies alles sind Informationen, die die russischen Medien verbreiten. Aber auch türkische Journalisten beschäftigen sich damit, den Anteil der Familie Erdogan an der Finanzierung des Terrorismus in der Welt aufzuklären. Und deshalb sind zwei der besonders aktiven türkischen Journalisten nun Ende vergangener Woche in der Türkei verhaftet wurden. Natürlich haben die USA ihre Besorgnis darüber sofort zum Ausdruck gebracht und sehen die Pressefreiheit in der Türkei bedroht. Die Europäische Union hat sich der Besorgnis der USA natürlich angeschlossen.

Die Reaktionen sowohl der NATO-Partner wie auch der Europäischen Union sind ja für alle deutlich zu verstehen – obwohl man es nicht laut sagt: Hier ist etwas schief gelaufen, egal, wer was organisiert, wer was gewusst hat. Und jetzt geht es um Schadensbegrenzung.

Persönlich glaube ich, dass Russland an einer Schadensbegrenzung nicht interessiert ist. Russland ist es leid, ständig der Sündenbock zu sein, ständig die Rolle des Angeklagten, zumindest des Schuldigen in dieser Welt zu spielen. Russland will, so mein Eindruck, den völligen Regimewechsel in der Türkei, will den Rücktritt Erdogans und in diesem Zusammenhang mindestens den Rücktritt der zentralen Figuren, d.h. des Außenministers und des Verteidigungsministers.

Wie könnte das weitere Szenario aussehen?

Putin weigert sich mit dem türkischen Präsidenten zu sprechen – weder per Telefon, noch persönlich im Rahmen irgendeines Treffens auf internationaler Ebene. Diese Weigerung ist einfach zu begründen: solange sich Erdogan offiziell nicht bei Russland entschuldigt und eine Wiedergutmachung vorschlägt, gibt es nichts zu besprechen. Erdogan wird sich aber nicht entschuldigen – zum einen liegt dies nicht in seinem Charakter und zum anderen ist eine Entschuldigung ein Schuldeingeständnis und dann muss, nach einer Entschuldigung, weiter erklärt werden, wie dieser Abschuss zustande kam – eine ganz einfache logische Handlungskette. Und egal wie wir es drehen, egal wie sich Erdogan in den kommenden Tagen verhält – seine Tage als türkischer Präsident sind gezählt – meine ich.

Und damit man nicht zu viele Tage zählen muss, hilft Russland, neben diplomatischen Aktivitäten im internationalen Rahmen, auch mit wirtschaftlichem Druck nach. Putin hat der russischen Regierung zwei Tage Zeit gegeben, einen Maßnahmenkatalog der Sanktionen gegen die Türkei zu erarbeiten. Am Samstag war es dann soweit und in knappen Meldungen, ohne tiefergehende Einzelheiten, wurden folgende Sanktionen verkündet:

Das scheint aber noch nicht alles zu sein, denn es gibt weitere Punkte in der russisch-türkischen Zusammenarbeit:

Es ist klar, dass jegliche Sanktionen die Russland verhängt, auch eine Auswirkungen auf Russland selber haben, aber damit kann und wird Russland leben. Immerhin trainiert man schon zwei Jahre und die Bevölkerung zeigt wachsende Solidarität und Verständnis für die Entscheidungen der Staatsführung. Das sieht aber in der Türkei schon ganz anders aus, denn dort hat man für die Handlungen der türkischen Staatsführung weniger Verständnis – um es einmal zurückhaltend auszudrücken. Per 1. Januar 2016 dürfen keine türkischen Bürger mehr in Russland arbeiten und der Migrationsdienst hat mitgeteilt, dass sich rund 200.000 türkische Bürger in Russland aufhalten. Die werden unzufrieden in die Türkei zurückkehren – und dann?

Dmitri Peskow, der Pressesprecher des russischen Präsidenten Putin erklärte am Samstag, dass das türkische Unternehmertum alarmierende Signale aussendet. Die Präsidentenverwaltung erhält Unmengen an Post von türkischen Unternehmern aus Russland, der Türkei, von türkischen Unternehmerverbänden und gesellschaftlichen Vereinigungen. Überall kommt zum Ausdruck, dass man die Handlungsweise der Türkei und des türkischen Präsidenten nicht versteht. Man fürchtet um die Existenz. Und überall wird die Frage gestellt: „Warum hat Erdogan das getan“. Und Peskow führt weiter aus: Wenn es den Türken schon schwerfällt, ein Motiv für die Handlungen des eigenen Präsidenten zu finden, umso schwerer ist es für uns, das Motiv zu erkennen: „Die Frage nach dem Motiv ist die größte gegenwärtige Frage“.

In Russland glaubt man zu bemerken, dass der Stuhl von Erdogan schon zu wackeln beginnt. Ein Abgeordneter im russischen Föderationsrat formulierte am Samstag:


Ich persönlich glaube nicht, dass es Erdogan wirklich leid tut. Er ist einfach nur erschrocken über die russische (und ein wenig auch über die internationale) Reaktion. Er hat mit solchen Maßstäben wohl nicht gerechnet und er ist intelligent genug sich auszumalen, wo das alles enden wird – aber, es ist zu spät, egal was er tut, es ist zu spät.

Natürlich versuchen sich auch russische Politiker, von mehr oder weniger großer Wichtigkeit, in der gegenwärtigen Situation zu profilieren und stellen alle möglichen Überlegungen an, was denn die Türkei gegen Russland unternehmen könnte. Und eine, öffentlich geäußerte Vermutung lautet, dass die Türkei den Bosporus für russische Schiffe sperren könnte. Und wissen Sie, was Dmitri Peskow darauf geantwortet hat: „Na, wir wollen doch nicht die Apokalypse vorzeitig heraufbeschwören.“ Lassen Sie sich diesen Satz mal ganz langsam auf der Zunge zergehen.
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Russland, Sanktionen, Türkei

   Kommentare ( 2 )

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 30. November 2015 04:50:20

Die Erdogan´s kommen und gehen, .... hoffentlich bald!
" Aber woher sollen die türkischen Flugzeuge gewusst haben, dass die Russen im Anflug sind? Ich habe keine Ahnung."
Aber Uwe, es gibt immer zwei Möglichkeiten.... Das kennen sie doch noch.
Die eine Möglichkeit ist, daß das türkische Militär in der Vergangenheit mittels Radar jeden Flug der Russen verfolgt und analysiert hat. So auch an diesem Tag. Die beiden SU-24 werden nicht von ihrer bisherigen Flugroute abgewichen sein. Und diesmal paßte es, daß die eine SU sehr dicht an die türkische Grenze kam. Wer weiß, wieviele Tage die Türken schon auf diese Gelegenheit gewartet haben.
Am 20.11.2015 wurde doch der russische Botschafter in Ankara einbestellt, wo sich über die Bombardierung der "moderaten Rebellen" beschwert wurde. Wie moderat diese sind, wissen wir ja nun.
Die zweite Möglichkeit ist doch auch durch die Führungsnation der Koalition gegeben, der ja immer an Zwist und Zwietracht gelegen ist.

Regul Veröffentlicht: 30. November 2015 12:17:38

@Geht-Doch
Treffende, weil folgerichtige, Analyse der gegenwärtigen Situation mit der Türkei.
Wenn man dieses Szenario einmal nimmt und auf Deutschland projiziert kommt man auf ein ganz ähnliches Muster. Einstweilen ist es allerdings noch (!) untersagt, die Bundeswehr zum Einsatz gegen die eigene Bevölkerung zu schicken, sollte diese einmal aufbegehren.
Ob man dies nun Despotismus oder Demokratie nennen möchte...ehrlich gesagt sehe ich unter dem Strich nicht mehr viele Unterschiede heutzutage.

Gute Zeit!

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