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Die Kaliningrader Kakerlaken, die Kaliningrader Probleme

Fr, 11 Mai 2018 ... mit deutschem Akzent


Die Kaliningrader Kakerlaken, die Kaliningrader Probleme

Die Kaliningrader Kakerlaken, die Kaliningrader Probleme

Schlägt man eine Kakerlake tot, kommen hundert Kakerlaken zur Beerdigung. Mit Problemen in Kaliningrad scheint es ähnlich zu sein. Löst man ein Problem, schafft man gleich (mindestens) ein neues Problem.

Es gibt ein Gebäude in Kaliningrad. Zu deutschen Zeiten war es die „Königsberger Börse“. Geld wurde dort nicht gehandelt, aber Geld wurde dort verdient – im wesentlichen mit Getreide. Nach dem Krieg wurde es „Kulturhaus der Seeleute“. Jetzt wird es instandgesetzt und bis 2019 zum vollwertigen „Museum der Bildenden Künste“ umgestaltet.

Vor dem Gebäude gibt es einen Platz, der viele Jahre vor sich hingammelte. Bei vielen entwickelten sich Begehrlichkeiten. So wollte eine bekannte Handelskette hier einen Supermarkt hinstellen – logisch, was sonst?

Und dann kam Herman Gref, der Chef der russischen Sberbank und meinte: Ich schenke euch eine neue kleine grüne Parkanlage (Russisch nennt sich das dann „Square“ (skwer)). Neben der völligen landschaftlichen Neugestaltung, werden hier auch farbliche elektronische, sehr aufwendige Wasserspiele installiert – natürlich mit musikalischer Untermalung (Unterspielung).

Dann müssen natürlich bürokratische Dokumente, Ausschreibungen, Verträge erarbeitet werden – ein rein technischer Vorgang. Und in diesen Dokumenten wird immer vom „Börsenplatz“ gesprochen. So wie ich es verstehe, ist dies keine offizielle Bezeichnung, sondern nur ein kurzer Arbeitsbegriff.

Aber in Kaliningrad ist genau um diesen Arbeitsbegriff eine heftige Diskussion entbrannt, denn von den Wächtern der russischen Identität des russischen Gebietes Kaliningrad wird befürchtet, dass mit einer möglichen derartigen offiziellen Bezeichnung, dieser grünen Oase im Stadtzentrum Kaliningrads, die Germanisierungstür wieder ein Stück weiter geöffnet wird.

Früher, zu deutschen Zeiten, verlief an dieser Stelle die „Börsenstraße“. Das hatte eine gewisse Logik, in der Nähe der „Börse“. Aber die Börse existiert nicht mehr. Es existiert (noch), das „Kulturhaus der Seeleute“ und zukünftig das „Museum der Bildenden Künste“. Wozu also „Börsenplatz“, wenn es keine Börse mehr gibt? Und eine Börsenstraße gibt es auch nicht mehr – alles seit 1946 Geschichte, alles umbenannt.

Tja, da löst man ein Problem (Liquidierung einer zentrumsnahen Dreckecke) und schon hat man ein neues Problem: Die Kaliningrader Gesellschaft kommt in Wallung – in Wallung wegen der deutschen Vergangenheit der russischen (sowjetischen) Kriegsbeute.

Bei Facebook wurde eine Umfrage gestartet. Innerhalb von 17 Stunden sind 22 Namensvorschläge zusammengekommen – darunter natürlich auch weniger ernstzunehmende Vorschläge.

Ich selber höre natürlich auch immer die Kakerlaken husten, insbesondere, wenn es um das Thema „Germanisierung“ geht. Altdeutsche Bezeichnungen werden in Kaliningrad in massenhaftem Umfang missbraucht. Es gibt in Kaliningrad eine „Königsberger Apotheke“. Dort werden russische Medikamente verkauft und sie ist mit schlichter sowjetischer Ladeneinrichtung ausgestattet. Vor kurzem habe ich eine Zahnarztpraxis „König-Dent“ gefunden. Da erhält der Wunsch eines schmerzgeplagten Patienten, eine Krone zu erhalten, gleich einen neuen Sinn. Und es gibt eine Druckerei „König-Print“. Ich will hoffen, dass dort keine Könige gedruckt werden, wo wir doch in Russland (zumindest nach Meinung der Opposition), einen Zaren Putin haben. „Putin-Print“, oder „Zaren-Print“ wäre doch auch nicht schlecht – oder? Und man sieht an schrottreifen Mercedes-Fahrzeugen zwar keinen Stern mehr, aber dafür am Nummernschild „Königsberg“. Und es gibt einen „Danke-Shop“ in Kaliningrad. Hier spenden Russen für Russen. Und warum sagen die Betreiber dieses Ladens „Danke“ und nicht „Spazibo“?

Vielleicht sollte man beim Streit um den Namen für diesen neugestalteten Platz einfach nur die russische Realität beachten. Es gibt kein Königsberg mehr und es gibt auch keine Königsberger Börse und keine Börsenstraße mehr. Selbst eine Kaliningrader Börse hat es nie gegeben. Und das „Kulturhaus der Seeleute“ gibt es auch bald nicht mehr. Das altdeutsche Gebäude wird als „Museum für Bildende Künste“ genutzt. Es wird Bestandteil einer Museumsinsel (ähnlich der Museumsinsel in Berlin) sein. Warum sollte man also den Platz nicht einfach „Platz der Bildenden Künste“ nennen, oder „Museumsplatz“.


 

Reklame

Germanisierung, Gesellschaft

   Kommentare ( 3 )

boromeus Veröffentlicht: 11. Mai 2018 18:01:43

Da zeigt mal wieder die Verlogenheit der Menschen .Ihre Unfähigkeit die Vergangenheit aufzuarbeiten. 750 Jahre Kulturgeschichte löscht man nicht einfach mit einer Namensänderung aus.Sobald hier etwas an deutsche Vergangenheit erinnert ,dann kommen die selbsternannten Sittenwächter aus ihren Löchern.Im Verdrängen ist man eben Meisterhaft.Das zeigt auch die Posse um den grossen Stern auf dem Hansaplatz,oh Gott, was für ein Vaupax!Es muss natürlich Ploschatz Pobedi heissen ,der das 750 jährige Stadtjubiläum Kaliningrads anzeigt.Das aber mit dem Namen Königsberg,oder deutsche Bezeichnungen ,die in russischen Unternehmen und Restaurants geführt werden, wie "Königswurst","Albertina"oder "Königbäcker" jeden Tag richtig Kohle verdient wird,ja,.dass ist natürlich gaaanz was anderes.Da man meckert keener,dass das Geld ist ,das mit deutscher Reklame verdient wird.Oder in Cranz ,ääh Selenogradsk wo man mit riesigen Foto-Bannern Reklame aus der Kaiserzeit macht!?!Nein,da erhebt keiner den Finger

ru-moto Veröffentlicht: 11. Mai 2018 20:47:20

"Wien ist anders", heißt dort ein Werbe-Slogan, der auch gerne für weniger Verständliches herhalten muss. Auch Kaliningrad scheint für mich als Außenstehender immer öfter anders zu sein.
Ich denke, dass sich seit Beginn der Ära der neuen RF in Kaliningrad sehr viele von neuzeitlichem, westlichem Denken und Konsumrausch beeindrucken lassen und diesen als modern und zukunftsweisend überbewerten. Derart geblendet scheinen sie sich schon großteils ihrer russischen Werte und Wurzeln entledigt zu haben.
Wie ist es nur möglich, dass in einer Russischen Stadt anscheinend nicht das geschieht, was man für patriotisch hält?
Auch in manchen EU-Ländern ziehen an Staatsfeiertagen Gruppen mit ausländischen Flaggen durch Städte, die eigene Landes-Flagge dagegen sieht man aber höchst selten. Das fällt einem auf, wenn man reist und dadurch diese Gegensätze und sieht.
Wo sind die russischen Patrioten in KGD, die noch wirklich so handeln und denken, wie man es als Aussenstehender von Russen erwartet?

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 12. Mai 2018 01:31:55

Ich verstehe das ganze Problem entweder gar nicht oder nur unter diesem Aspekt, daß um das sowjetische/russische Kaliningrad so ein Tamtam gemacht wird. Vergleicht man das mal mit anderen Städten mit deutschen Namen in anderen Ländern, was wohl viele nicht machen, weil es nicht in das Denkschema paßt, dann regt sich niemand auf, daß diese Städte oder Gebiete mit einstmals deutschen Namen nun Namen in den neuen Landessprachen bekommen haben.
Das ist nun mal der Fluch der bösen Tat, daß dieser Überfall Hitler-Deutschlands in Verkennung der Realitäten auf den Aggressor zurück geschlagen ist und dieses Land eben viel Land, etwa ein Drittel seines Staatsgebietes, für immer verloren hat. es sind sind aber die gleichen geistigen Kräfte, wie sagte Putin, die Fratze zeigen, und wieder an Aggression denken. Aber das ist eben das Besondere, daß es sich gegen die RF und niemanden anders zeigt. Der Schmerz der Verlierer muß sehr tief sitzen.

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