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Die polnische Alternative oder Das Leben nach AirBerlin

Mo, 15 Feb 2016 ... mit deutschem Akzent


Die polnische Alternative oder Das Leben nach AirBerlin

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

Die polnische Alternative oder Das Leben nach AirBerlin

Das waren noch Zeiten, als Kaliningrad über eine eigene Fluggesellschaft mit der Bezeichnung „KD-Avia“ verfügte und mit jedem Flugzeug was in München, Berlin, Düsseldorf, Hamburg landete, daran erinnerte, dass es uns gibt – uns Kaliningrad, getrennt vom russischen Mutterland, liebevoll umarmt von der Europäischen Union und jetzt auch der NATO. Aber im Jahre 2008 war es Schluss mit lustig, denn „KD-Avia“ wurde für bankrott erklärt. Man hatte sich wohl übernommen und sich auch im sonstigen Geschäftsgebaren nicht nur Freunde geschaffen.

Foto: KD-Avia zu den Zeiten, wo sich Kaliningrad vorwärts entwickelte


Dann gaben sich andere Fluggesellschaften die Klinke in die Hand: die SAS kehrte nach einigen Jahren Abwesenheit zurück, blieb ein paar Monate und verschwand wieder. Es kam die LOT und sie ging wieder. Es kam die AirBaltic und auch sie ging wieder. Und letztendlich kam die AirBerlin im Jahre 2012 und erklärte, dass Russland eine ganz wichtige Region für AirBerlin ist und Kaliningrad eine noch viel wichtigere. Man habe große Pläne. Ein Jahr später feierte man im teuren Schlosshotel in Jantarny das erste erfolgreiche Jahr. Die Flüge waren gut ausgelastet – kurz, es war alles bestens. Dann kam der Januar 2016 und AirBerlin hatte keine großen Pläne mehr – weder in Russland, noch in Kaliningrad. Es fand der letzte Flug statt und damit blieb die ewige Großbaustelle „Airport Chrabrowo“ ohne internationalen Anschluss Richtung Westen.

Foto: AirBerlin – letzter Flug Anfang Januar

 

Für mich begann eine Zeit der intensiven Arbeit mit dem Internet um herauszubekommen, wie ich denn nun nach Deutschland komme. Als russischer Rentner habe ich hierzu genügend Zeit. Ich kann mir auch den Luxus einer zeitaufwendigen Reise leisten. Aber was machen Investoren, Touristen, Kulturdiplomaten? Der Zeitaufwand ist gewaltig. 12 Stunden Reisezeit muss man einplanen.

Ich habe viele Bekannte die mir mit wertvollen Ratschlägen halfen. So meinte jemand, dass ich doch von Kaliningrad nach Moskau fliegen könnte, dort umsteigen und von Moskau nach Berlin. Wahlweise hätte ich auch versuchen können über St. Petersburg zu fliegen – eine Stadt die mir sympathischer ist als Moskau. Oder man kann mit dem Linienbus einen halben Tag nach Riga fahren, um von dort mit AirBaltic nach Hamburg zu fliegen. Dann schlug man mir vor mit dem Linienbus von Kaliningrad nach Deutschland zu fahren - Fahrzeit, wenn alles gut geht 17-18 Stunden. Oder alternativ die Kamikaze-Minibusse. Die sind zwar auch nicht schneller, dafür fahren sie aber bis zur Haustür, was für den letzten Fahrgast natürlich bedeutet, dass er viele unnötige Kilometer mitfahren muss.

Letztendlich blieb nur eine wirkliche Variante übrig – also das kleinste Übel von allen anderen Übeln und ich begann, wie es sich für einen pedantischen Deutschen gehört, mich intensiv mit der Organisation meiner ersten Reise nach Deutschland unter den Bedingungen der Transportisolation zu beschäftigen.

Um es kurz zusammenzufassen: Mit dem Linienbus von Kaliningrad nach Gdansk, von Gdansk mit der Wizz-Air nach Lübeck, von Lübeck mit dem Bus nach Hamburg. Wenn alles klappt, ist die Angelegenheit in 12 Stunden erledigt.

In Kaliningrad gibt es drei Firmen, die die Fahrt mit Linienbussen nach Gdansk organisieren. Der erste Bus von „Königavto“ fährt um 6.30 Uhr ab und dann gibt es von den Firmen „Selenogradsk-Trans“ und „Sputnik“ um 7.00 Uhr, 7.30 Uhr, 8.00 Uhr und 8.30 Uhr einen Bus. Angenehm ist der Fahrpreis – mit 500 Rubel ist man dabei, also umgerechnet sechs Euro. Und wer gleich die Rückfahrt kauft, bekommt zehn Prozent Sconto. Und wenn man Rentner ist, dann gibt es nochmal zehn Prozent Preisnachlass.

Die Wartezeit bei „Königavto“ bis zur Abfahrt des Busses ist angenehm, denn die Firma betreibt neben dem Busverkehr auch ein Hotel an der Abfahrtstelle am Moskowski-Prospekt. Da sitzt man warm, bekommt auch ein Getränk, es ist sauber und gemütlich.


Foto: Linienbus Königavto von Kaliningrad nach Gdansk (die Sterne sind nur Dekoration)

 

Wir sind pünktlich abgefahren. Voll war der Bus nicht – gerademal 13 Passagiere. Auf der Rückfahrt waren wir nur fünf Passagiere und da machte ich mir schon Sorgen um die Rentabilität. Aber der Busfahrer, mit dem ich auf der Rückfahrt einen Schwatz anfing, konnte mich trösten. Der Chef hat gesagt, dass wir unter fünf Passagieren nicht fahren sollen. Pech also für diejenigen, die zu einem Flugzeuganschluss müssen, oder vom Flugplatz kommen und in Gdansk keinen Bus nach Kaliningrad vorfinden.

Bis zur Grenze braucht der Bus rund eine Stunde. Die Tür ging auf, ein russischer Grenzer kam kurz rein: „Guten Morgen Genossen (Kameraden, Leute … das Wort „Towarisch“ kann man vielfältig übersetzen), haltet bitte die Pässe bereit.“ Dann ging es weiter bis zur eigentlichen Kontrolle. Der russische Zöllner, der als nächster kam, stellte eigentlich nur höflich die Frage, ob jemand etwas zu verzollen hätte. Ihm war anzumerken, dass er nicht auf eine zustimmende Antwort rechnete. Die Passkontrolle verlief schnell – pro Person zwei Minuten und eine halbe Stunde später befanden wir uns schon im Niemandsland. Im Unterschied zur russischen Passkontrolle, wo wir den Bus verlassen mussten, kamen die polnischen Grenzer in den Bus, sammelten die Pässe ein und kontrollierten „kompakt“. Die Polen brauchten für die Grenzkontrolle etwas länger – fast anderthalb Stunden für 13 Pässe. Das lag aber wohl weniger an den Passagieren des Busses, als vielmehr an der Effektivität der Arbeit selber, denn die drei PKW-Abfertigungsstreifen neben unserem Bus-Kanal zeigten lange Schlangen – schätzungsweise 30 Fahrzeuge pro Kanal und auch die bewegten sich langsam.

Während wir auf unsere Passabfertigung warteten, kam eine polnische Zöllnerin – auch mit der üblichen Frage und mit den üblichen Antworten. Für Unerfahrene kann es aber schnell ungemütlich bzw. teuer werden, denn während überall in der Europäischen Union einheitliche Freimengen für Alkohol und Zigaretten gelten, gibt es bei den Polen (und den Litauern) eine Ausnahme. Man darf nämlich nur zwei Schachteln Zigaretten mitführen. Jede Zigarette darüber hinaus wird teuer – wenn man sie nicht deklariert.

Foto: Einheitliche Zollregelungen in der Europäischen Union - jedoch nicht gültig für Polen und Litauen

 

Und wenn man denn so sitzt und auf die Abfertigung wartet, kommen einem doch so ein paar analytische Gedanken: Warum benötigen polnische Grenzer für 13 Passagiere fast anderthalb Stunden zur Abfertigung und deutsche Grenzbeamte in Berlin am Airport für eine volle Flugzeugladung mit 70 Passagieren zwischen 15-20 Minuten. An sich müssen doch die Prozeduren einheitlich sein und somit auch die Abfertigungszeiten – oder an was mag das wohl liegen?

Und ich wunderte mich über eine andere Kleinigkeit. Meinen Reisepass musste ich einem polnischen Grenzbeamten übergeben, der ihn irgendwohin trug. Was er im Verlaufe von anderthalb Stunden mit diesem Pass machte, konnte ich nicht kontrollieren. Und ausgehändigt bekam ich ihn nicht von einem Vertreter des polnischen Staates, sondern von unserem Kaliningrader Busfahrer. Aber ich bin da sicher zu pingelig – oder?

Die weitere Fahrt verlief planmäßig und diejenigen, die bis zum Airport in Gdansk wollten, wurden auch dort abgesetzt. Da die Ankunft mit 10.30 Uhr (Ortszeit) angegeben war, war man also die langen polnischen Abfertigungszeiten gewohnt – unser Bus bildete hier also keine Ausnahme.

Der Airport in Gdansk ist ein Leckerli – im Vergleich mit dem Kaliningrader Airport. Und er ist auch nicht hektisch. Es gibt Cafés, kostenloses Internet, die sanitären Einrichtungen sind sauber und die Bedienungen sind überall freundlich. Für Leute die gerne Geld sparen empfehle ich Kaffee, Tee, Kuchen und Butterstullen mitzunehmen, denn die Preise sind auf „internationalem Niveau“.

Foto: Airport in Gdansk

 

Die Zeit bis zum „Go to Gate“ nutzte ich, um mich für den Rückweg kundig zu machen, denn der Bus nach Kaliningrad fährt vom Stadtzentrum, dem dortigen ZOB ab. Abfahrtszeiten der verschiedensten Anbieter sind 15.00 Uhr, dann 17.00 Uhr, 19.00 Uhr und 21.00 Uhr.  Vom Airport zum ZOB in Gdansk kommt man mit dem Taxi (20 Euro) oder mit dem Linienbus 210, der alle 40 Minuten fährt (rund 1 Euro) und bis zum ZOB, falls es keine Staus gibt, 50 Minuten benötigt.

Zloty kann man direkt am Airport tauschen, wenn es denn unbedingt sein muss. Der Kurs ist sehr ungünstig, so dass ich empfehlen würde, höchstens das Geld zu tauschen, was man für die Taxe oder das Busticket benötigt. In der Stadt gibt es dann bessere Möglichkeiten.

Was mich verwunderte/beeindruckte war dann der Flug selber. Die WizzAir nutzte ein großes Flugzeug und es war voll ausgebucht. Auf dem Rückweg war dies auch so und es stellt sich für mich die Frage, warum nur wenige Kilometer von Kaliningrad entfernt die WizzAir mit äußerst niedrigen Preisen so erfolgreich arbeitet und wir in Kaliningrad nicht einen einzigen internationalen Anbieter haben und die, die mal da waren, auch schnell wieder gegangen sind. Ich behaupte mal, wir in Kaliningrad machen da wohl etwas verkehrt.

Die Ankunft in Lübeck war pünktlich – na gut, wo soll bei einer Stunde Flugzeit auch eine Verspätung passieren? Der Lübecker Flugplatz ist ein, sich ständig im Zustand „Bankrott“ befindlicher Regionalflugplatz. Wie lange also die WizzAir diesen noch anfliegen kann – schau´n wir mal. Der Weitertransport mit einem Shuttlebus war, wie üblich in Deutschland, perfekt organisiert.


Foto: Internationaler Regional-Airport Lübeck

 

Ehrlich gesagt, hatte ich mir die Reise nach Deutschland schlimmer vorgestellt. Die Reisezeit war zwar, im Vergleich zu der Strecke mit AirBerlin über Berlin um drei Stunden länger, aber insgesamt hatte ich subjektiv den Eindruck, dass ich mich auf dieser Reisestrecke wohl gefühlt habe. Aber vielleicht lag es auch daran, dass ich über 50 Prozent der bisherigen Reisekosten eingespart hatte?

Die Rückreise war genauso ohne „Besondere Vorkommnisse“. Angenehm empfand ich die Atmosphäre des Provinzflughafens in Lübeck – keine Hektik und alles war irgendwie individueller, selbst das Abtasten bei der Sicherheitskontrolle. Der Flieger war wieder ausgelastet und nach der Landung startete ich sofort zur Haltestelle des Busses der Linie 210 Richtung Bahnhof. Um nicht in Panik zu geraten, sollte man schon eine Stunde Fahrtzeit einplanen und auch die Suche nach dem Stellplatz des Busses gestaltete sich ein wenig schwierig, denn er ist zwar in der Nähe des Busbahnhofes, aber eben nur in der Nähe.

Die Rückfahrt versüßte mir unser Busfahrer noch mit einer Lektion russischer Gegenwartskunde. Er wusste natürlich nicht, dass ich in Kaliningrad über 20 Jahre lebe und glaubte mir einige Dinge unterjubeln zu können. Ich hörte geduldig zu, nickte oder wackelte mit dem Kopf, je nach Lage der Dinge – wer will schon das Verhältnis zu dem Mann verderben, in dessen Händen das eigene Schicksal für die nächsten Stunden liegt.

An der Grenze das gleiche Bild wie auf der ersten Reise. Für die Abfertigung von fünf Passagieren und einem Fahrer benötigten die polnischen Beamten 45 Minuten und die Russen 20 Minuten. Ich versuchte mir vorzustellen, wenn der Bus voll besetzt gewesen wäre – sagen wir 70 Personen. Dann benötigten die Polen rund neun Stunden für die Abfertigung – oder?

Natürlich gibt es ein Leben nach AirBerlin. Das Leben geht immer weiter – irgendwie. Und ich hatte mal wieder ein Erfolgserlebnis: Es war gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte.
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Kaliningrad, Transport

   Kommentare ( 3 )

boromeus Veröffentlicht: 14. Februar 2016 23:02:53

Hallo Herr Niemeier.Ihre Schilderung passt wie die Faust aufs Auge.Und wenn Sie dann auf polnischer Seite angekomnen sind und bemerken ,dass Ihnen beim Warten Moos um die Reifen wuchert und Sie dann ein kleines Resopalschild am Wachhäuschen entdecken, mit dem informativen Text:Dieses Grenzgebäude wurden mit Mitteln der europäischen Union errichtet,dann kommt einem irgendwann die Galle hoch, in Bezug auf die Abfertigungsdauer.Unfassbar so was.....

ru-moto Veröffentlicht: 15. Februar 2016 01:44:42

Beim Arbeiten waren sie noch die Schnellsten, diese politisch prostituierten Europäer und Ami-Kriecher.

A. Bienenfreund Veröffentlicht: 16. Februar 2016 10:46:06

"Was mich verwunderte/beeindruckte war dann der Flug selber. Die WizzAir nutzte ein großes Flugzeug und es war voll ausgebucht." Ob das an der grossen Zahl polnischer "Gastarbeiter" im Zielgebiet des Fluges liegen kann?

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 16. Februar 2016 14:04:47

... ja, ein Teil davon sind polnische Bürger und ich hatte auch den Gedanken wie Sie. Aber ein anderer Teil machte mir den Eindruck, als ob es Deutsche waren.

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