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Die Zeit ist gekommen, die Medien schlagen aus

Fr, 19 Mai 2017 ... mit deutschem Akzent


Die Zeit ist gekommen, die Medien schlagen aus

Politik ist schmutzig. Jeder der sich damit beschäftigt muss wissen, dass er sich schmutzig macht oder schmutzig gemacht wird. Niemand, egal auf welcher Ebene er sich mit Politik beschäftigt, wie alt oder jung er ist, wird davon verschont. Starke Persönlichkeiten halten durch, schwach Besaitete steigen aus. In Kaliningrad wird der Gouverneur getestet – zumindest scheint es so.

Seit einigen Tagen ist nun weltweit bekannt, wie schlecht wir von „Kaliningrad-Domizil“ sind, denn „WOT“, das kostenlose Internet-Bewertungsportal, hat sein Urteil gegen uns gefällt. Frei nach dem Motto: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“, habe ich mir gedacht, dass ich mich für diesen neuen Artikel durchaus auch als Plagiator betätigen kann und habe den Titel des Songs „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus“, etwas umgewandelt in „Die Zeit ist gekommen, die Medien schlagen aus.“

 
In Kaliningrad haben wir auch Mai, wir haben einen Zeit- oder doch besser Uhren-„skandal“ und die Medien beginnen um sich zu schlagen.
 
So finden wir bei unserem Medienpartner „newkaliningrad“ am 17. Mai, um 23.55 Uhr freigeschaltet, ganz brandaktuell einen Artikel, dessen Anlass eigentlich ein Besuch des jüngsten Gouverneurs der Russischen Föderation Anton Alichanow (30) in der Stadt Gussew, der Lieblings- und Geburtsstadt des Ex-Gouverneurs Nikolai Zukanow, war. Aber eben dieser Artikel behandelt nicht den Besuch an sich, sondern die Uhr des Kaliningrader Gouverneurs.
 
 
Der Chefredakteur von „newkaliningrad“ Alexej Milowanow, war persönlich in Gussew, um den Besuch des Kaliningrader Gouverneurs oppositionell-medial zu begleiten. Er ist nicht nur ein begnadeter Journalist, wie einige behaupten, sondern auch ein guter Fotograf (was unbestritten ist) und so gab es eine Mini-Serie von Fotos, wo der Gouverneur Anton Alichanow mit einer teuren Schweizer Uhr der Marke „Blancpain Leman Ultra-Slim Big Date“ zu sehen ist.

Im weiteren teilt Alexej Milowanow dem nicht informierten Leser mit, was das für eine Uhr ist, dass Putin auch so eine ähnliche Uhr hat, dass sie teuer ist, wieviel sie denn kostet wenn sie gebraucht gekauft wird (9.500 USD) und wieviel sie denn neu kostet (13.200 USD). Er vergleicht das offiziell deklarierte Einkommen des Gouverneurs für das Jahr 2016, stellt fest, dass Anton Andrejewitsch ein Viertel seines Einkommens geopfert haben muss, um diese Uhr zu kaufen und vergisst nicht zu erwähnen, dass Anton auch noch zwei Kinder zu ernähren hat. Verwundert hat mich, dass in dem Artikel nicht die Hypothek erwähnt wurde, die der Gouverneur jeden Monat zu bedienen hat, für eine Wohnung, die er in Moskau vor einigen Jahren gekauft hat und über die er, mit einem stöhnenden Seufzer in einer TV-Homestory vor wenigen Monaten dem interessierten Kaliningrader Fernsehpublikum berichtet hat.

Es ist ein Hobby vieler Journalisten in Russland auf den demonstrierten Reichtum von Politikern zu schauen und zu fragen, woher denn all dieses Geld stammt, mit dem sich die russischen Entscheidungsträger dieses oder jenes leisten können. Manchmal entwickeln sich daraus Skandale (aktuell der von Dmitri Medwedjew, davor die Uhr von Dmitri Peskow, um nur zwei Beispiele zu nennen) und für mich persönlich ist unklar, warum diese Leute sich mit der Demonstration von derartigen Dingen diskreditieren. Immerhin sind es doch Politiker und keine Schauspieler. Schauspieler, ja, die brauchen regelmäßige Skandale, um im Gespräch zu bleiben, aber Politiker …?

Ich habe mir dann mal die Bilder mit der „Alichanow-Uhr“ in Gussew etwas genauer angesehen und konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, als ob Anton Andrejewitsch die Uhr demonstrativ zeigt, so, als ob er wollte, dass man sie bemerkt.

Und hier noch ein paar Fotoeindrücke, direkt von der Internetseite der Kaliningrader Gebietsregierung, damit auch wirklich jeder sieht, dass der Gouverneur eine neue teure Uhr hat:

Screenshot: Interneitseite der Kaliningrader Gebietsregierung. Die Alichanow-Uhr, nicht so auffällig wie auf den Fotos von „newkaliningrad“, aber präsent.
 
Und ich habe mich dann auf die Suche nach weiteren Uhren von Alichanow gemacht – habe ganz einfach „Антон Алиханов (Anton Alichanow)“ bei Google eingegeben und mir die hunderte und aber hunderte Bilderchen angeschaut.
 
Screenshot: Bildermodus der Google-Suche
 
Was soll ich Ihnen sagen, ich habe mit großer Mühe nur zwei Fotos gefunden, wo der Kaliningrader Gouverneur eine Uhr trägt. Bei der Masse der Fotos (99,999 Prozent) hatte ich den Eindruck, dass er überhaupt keine Uhr trägt und ihm andere sagen, was die Stunde geschlagen hat.
 
Foto: Zwei Fotos, eine Uhr – magere Google-Ausbeute
 
Und nun steht die Frage, was dieses ganze Theater soll? Der Gouverneur Alichanow hat mit den Kaliningrader Medien seit dem ersten Tag seines Amtsantritts Erfahrungen gesammelt. Insbesondere zwei Informationsportale nutzten jeden Anlass, um gegen den Gouverneur vorzugehen – manchmal oberhalb der Gürtellinie, manchmal unterhalb. In den sozialen Netzwerken geschieht dies meistens unterhalb der Gürtellinie – seit Monaten ungestraft. Der Gouverneur weiß also, dass man auf seine Kleidung achtet, denn vor zwei, drei Monaten hatte man an einer Kutte die der Gouverneur trug, als er mit Alexej Milowanow von „newkaliningrad“ unterwegs war, einen Aufnäher gefunden, der angeblich nazistische Symbolik darstellen sollte.
 
Foto: (links) Aufnäher mit angeblich nazistischer Bedeutung. Und wenige Tage später, dann eine neue Kutte (rechts), die nun wirklich patriotisch ist – direkt aus dem Shop der russischen Armee.
 
Ein anderes Internetportal hatte seine Kandidaten-Dissertation unter die Lupe genommen und gemeint, dass es da Unkorrektheiten gäbe. Jeden Tag wird an den Handlungen des Gouverneurs gemäkelt, egal was er tut. So muss ihm doch klar sein, dass eine neue Uhr, insbesondere eine derartige Uhr, auffallen wird. Warum tut er dies also? Warum lässt er es zu, dass durch solche übersteigerten Eitelkeiten in den Kommentaren zu dem Artikel vermutet wird, dass „Lukoil“ sich bei ihm erkenntlich gezeigt hat, für die Unterstützung der Gebietsregierung, für neue Schürfrechte? Warum lässt er es zu, dass durch solche übersteigerten Eitelkeiten sein bisher unbeschadeter Ruf als ehrlicher Beamter, der gegen Korruption ist, erste Kratzer bekommt? Selbst wenn mit dieser Uhr alles rechtens ist, also er diese von Mama und Papa zu irgendeinem Anlass vor ein paar Tagen geschenkt bekommen hat – ein russischer Politiker wie er, sollte sich einfach das Tragen derartiger Dinge versagen, wenn er denn will, dass das Volk sagt: „Das ist einer von uns, der versteht uns, der kommt mit dem Fahrrad zur Demonstration, der quatscht mit Studenten auf der Sessellehne in der Uni …“.
 
Foto: Alichanow – jung, locker, dynamisch, sympathisch und … volksnah (ohne Uhr)
 
Nein, er soll nicht in „Sack und Asche“ gehen, aber er soll sich als 30jähriger Entscheidungsträger in Kaliningrad, wo die „Elite“ sowieso gegen „Moskauer Importe“ eingestellt ist, nicht durch derartige Dinge angreifbar machen. Für mich steht die Frage, wie viele Ressourcen nun aufgewandt werden müssen, um in der Öffentlichkeit dieses Thema wieder gerade zu rücken, Ressourcen, die man an anderer Stelle für Argumentationen im Zusammenhang mit wirklichen Problemen, besser gebrauchen könnte. Gewisse Kaliningrader Medien haben ihre Ressourcen in den sozialen Netzwerken aktiviert und den ganzen Donnerstag die Uhren-Nachricht getrommelt und Kommentare gesammelt. Die verdienen damit Geld, denn die Klicks auf deren Nachrichtenportale wachsen und jeder Klick ist Geld!
 
Es könnte aber auch sein, dass man den Gouverneur einfach nur einem Härtetest unterziehen will. Wer diesen Härtetest organisiert? Die Opposition? Die Partei „Einiges Russland“? Die Präsidentenverwaltung? Wenn er denn mal Präsident oder Papst werden sollte, dann muss er mit derartigen Dingen souverän umgehen können und um souverän damit umzugehen, muss „Stahl gehärtet werden“, wie Nikolai Ostrowski formulierte:
 

Politik ist nicht nur schmutzig, sondern häufig auch Theater und jeder spielt seine Rolle. Welche Rolle „man“ spielt, hängt davon ab, welches Stück gezeigt wird: Drama oder Posse.

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Gouverneur, Massenmedien

   Kommentare ( 4 )

ru-moto Veröffentlicht: 19. Mai 2017 00:36:46

Ich verstehe dieses dumme Theater wegen einer angeblich teuren Uhr des Gouverneurs nicht. Die gezeigte Uhr gehört sicher nicht zu den teuren Stücken. Aber alles ist bekanntlich relativ. Wirklich teuer (schweineteuer) sind dagegen die Uhren von ZENITH oder Chopard. Wen interessieren solche Nebensächlichkeiten, außer Leute mit Neid und Gier (zerfressenem Hirn)?

.g Radeberger Veröffentlicht: 19. Mai 2017 01:32:17

Wenn Alichanow vermutlich gewollt hätte, daß seine "neue" Uhr für diesen Herrn hätte unsichtbar bleiben sollen, so hätte er sie ganz gewiß nicht angelegt (nach Westsprech) . Entsprechend des Artikels hat es aber den Anschein, daß der Gouverneur diesen Herrn Chefredakteur von „newkaliningrad“ Alexej Milowanow, auf seine Uhr fixiert hat. Der hat es offensichtlich gar nicht mal gemerkt. Über kurz oder lang kommt die Zeit, wo es dieser wohl bereut, so oberflächlich den Alichanow angegangen zu sein.
Die Leute der schreibenden Zunft sind doch sehr eitel und meinen nach westlichem Muster die vierte Gewalt im Lande zu sein. Da wird wohl Milowanow keine Ausnahme bilden. Und diese Leute machen in ihrer Überheblichkeit Fehler. Wenn dann dieser Milowanow ganz bestimmt einen schweren Fehler zugeben muß, da geht es nicht um die Uhr eines Gouverneurs, was im Grunde keine Sau interessiert, sondern um schwerwiegende Verfehlungen, dann ist dieser "begnadete" Boulevardschreiber weg vom Fenster.

Eckart Veröffentlicht: 19. Mai 2017 10:06:54

Vielen Dank für den Artikel. Zeigt er doch, dass die Suche nach der Wahrheit sehr anspruchsvoll ist.

Nicht nur in der Politik, sondern überall ist eine Lüge schon dreimal um den Erdball geeilt, bevor die Wahrheit eine Meile geschafft hat. - Weil das Aufbringen der erforderlichen geistigen Energie so anstrengend ist, neigen viele dazu sich mit Halbwahrheiten zufrieden zu geben, und leider erwischen sie dabei oft die verkehrte Hälfte.

Man sollte die Prediger der Wahrheit nicht nach ihren Worten, sondern an ihren Taten bewerten.

.g Radeberger Veröffentlicht: 25. Mai 2017 21:58:19

"Weil das Aufbringen der erforderlichen geistigen Energie so anstrengend ist, neigen viele dazu sich mit Halbwahrheiten zufrieden zu geben,..."
Für (West)deutschland sechzig Jahre lang geistige Verkümmerung durch Springer, ARD, ZDF, Die Welt u. a., als auch ein Viertel Jahrhundert für die beigetretenen Gebiete des Ostens desgleichen, sowie offensichtlich auch diese überschwappende Einflußnahme auf das gewendete Rußland haben ihre Wirkung eben nicht verfehlt.

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