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Drei Jahre Sanktionen – zur Entwicklung der Kaliningrader Landwirtschaft

Do, 17 Aug 2017 ... mit deutschem Akzent


Drei Jahre Sanktionen – zur Entwicklung der Kaliningrader Landwirtschaft

Das Informationsportal „kaliningrad.ru“ analysierte die Lage auf dem Kaliningrader Lebensmittelmarkt und in der regionalen Landwirtschaft. Anlass hierfür war der dritte Jahrestag der Verhängung von russischen Import-Sanktionen gegen eine Reihe westlicher Staaten.

„Kaliningrad-Domizil“ gibt die wesentlichsten Momente dieses Artikels wider.
 
Im Verlaufe von drei Jahren, seit dem Moment, wo die russischen Grenzen für die Einfuhr europäischer und amerikanischer Lebensmittel geschlossen worden sind, bemüht sich Kaliningrad um Unabhängigkeit von Importen in die Region. Die Agrarier bringen sich in große Einzelhandelsunternehmen ein, kämpfen mit den Banken um Kredite zu annehmbaren Zinsen und entwickeln ihre Wirtschaft unter Nutzung eigener finanzieller Mittel und Fördergelder der Regierung. Die örtlichen Behörden rechnen damit, dass man noch ein Jahr benötigt, um endlich die jahrelang erwartete Importunabhängigkeit von Waren aus fremden Ländern zu erreichen.

„kaliningrad.ru“ hat sich aus Anlass des dritten Jahrestages der Verhängung der Sanktionen mit Unternehmern aus der Landwirtschaft unterhalten und versucht zu klären, was sich in dieser Zeit in diesem Bereich geändert hat und ob die föderalen Verbote genutzt haben.

Seit August 2014 wurde der Import von Früchten, Gemüse, Milch- und Fleischprodukte von den größten ausländischen Erzeugern sanktioniert. Dies war gleichzeitig ein Anreiz für die örtlichen landwirtschaftlichen Unternehmer, diese jetzt  entstandene Nische in den Verkaufsregalen der Handelsnetze zu besetzen. So begann die Firma „Kalina“, ansässig im Kreis Tschernjachowsk und bis dato spezialisiert auf den Raps-Anbau, sich auch mit dem Anbau von Kartoffeln und Mohrrüben zu beschäftigen und schuf die erste Apfelplantage im Kaliningrader Gebiet.

Insgesamt hat sich im Gebiet unter den Bedingungen des Lebensmittelembargos sehr ernsthaft die Erzeugung von Getreide, Fleisch und Kartoffeln entwickelt. Weiterhin ist man im Gebiet stark engagiert in der Eigenversorgung mit Milchprodukten. Wie die Leiterin einer landwirtschaftlichen Unternehmervereinigung aus dem Kreis Selenogradsk Natalja Lewajewa informierte, ist das Anwachsen von populären Waren von einheimischen Erzeugern gerade diesen Sanktionen zu verdanken.

Früher habe man überhaupt nichts verkauft, aber jetzt kaufen die Leute nur noch örtliche Erzeugnisse. Wir verkaufen unsere eigenen Käse und Milchprodukte in Kaliningrad im wesentlichen in fliegenden Ständen. Wir kommen jetzt sehr einfach auf die Stände in den Kaliningrader Märkten und manchmal ist es schon so, dass diese Plätze nicht ausreichen für unser Angebot. Ich beurteile die Sanktionen sehr positiv – so Natalja Lewajewa, gut, dass es sie gibt.

Foto: Das regionale Käsesortiment in den Supermärkten hat sich erheblich entwickelt.
 
Die durch „kaliningrad.ru“ interviewten Gesprächspartner bestätigten, dass die regionalen Behörden wirklich aktive Unterstützung für die landwirtschaftlichen Unternehmen leisten, insbesondere wenn es darum geht, Fördergelder zur Verfügung zu stellen, die dafür bestimmt sind, die Anbauflächen zu erweitern. Weiterhin gibt es Vergünstigungen, auf die die Behörden hinweisen und es wird aktiv an der Vervollständigung der Gesetzgebung gearbeitet, um den Landwirten das Leben zu erleichtern. So wurde nun auch die Verschrottungssteuer für Technik im landwirtschaftlichen Bereich abgeschafft. Leider gibt es aber Schwierigkeiten mit den Finanzorganisationen, die Kredite zur Verfügung stellen. Hier gibt es kein ausreichendes gegenseitiges Verstehen.
 

Der Unternehmer plant nun die Einrichtung einer Geflügelfarm. Dies wurde für ihn real, weil es hierfür ausreichend Fördergelder durch die Regierung gibt. Viele Jahre hatte sich Semjon Bedenko nur mit dem Anbau von Gurken und Tomaten in Gewächshäusern beschäftigt. Jetzt erntet er bereits bis zu zehn Tonnen Obst in der Woche. Er verkauft seine Ernte auf spezialisierten Märkten, aber auch die großen Kaliningrader Einzelhändler gehören zu seinen Abnehmern. Er meint, dass die Kaliningrader Einzelhändler sehr an einer Zusammenarbeit interessiert sind und keinerlei Barrieren für die Platzierung der Ware in den Supermärkten aufbauen. Allerdings gibt es Probleme mit dem Verkauf der Ware, denn es gibt Waren, die nach wie vor aus europäischen Ländern auf den Kaliningrader Markt gelangen, trotz aller Sanktionen und Kontrollen. So kommen polnische Tomaten, umdeklariert als mazedonische nach Kaliningrad und drücken sehr auf die Preise, was bei den regionalen Erzeugern Probleme auslöst. Ähnlich verhält es sich mit weißrussischen Gurken, die den Kaliningrader Markt überschwemmen. Gegenwärtig gibt es noch keinen ausgeprägten Wettbewerb unter den einheimischen Erzeugern – meint Semjon Bedenko, aber der wird auch nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Sein Kollege Denis Tschetschulin bestätigt, dass die regionale Konkurrenz sich gerade zu entwickeln beginnt. Gegenwärtig sind die Kaliningrader Erzeuger noch nicht in der Lage, den einheimischen Bedarf zu decken. Aber es gibt schon gute Zeichen bei der Preisentwicklung. Er erinnerte daran, dass damals, als man gerade das Embargo verhängt hatte, die Preise sehr hoch waren. Heute sind die Preise gefallen und er nannte als Beispiel die Mohrrüben, die damals 80 Rubel kosteten und heute nur noch 30 Rubel. Daraus kann man die Schlussfolgerung ableiten, dass, wenn das Embargo aufrecht erhalten bleibt, so werden die einheimischen Erzeuger mehr und mehr anbauen, die Konkurrenz wird wachsen und die Preise werden fallen und der Verbraucher wird dies real in seinem Portemonnaie spüren – so der Leiter des landwirtschaftlichen Unternehmens „Kalina“.

Foto: Reichhaltiges Obst- und Gemüseangebot aus einheimischer Produktion auf dem Kaliningrader Zentralmarkt
 
Die Nachbarländer verfügen über eine wesentlich besser ausgebaute Infrastruktur. Und von dort gelangt auf irgendwelchen Umwegen Ware auf den Kaliningrader Markt, oftmals auch zu Dumpingpreisen. Dies wirkt sich natürlich auf die einheimischen Landwirte aus. Der Generaldirektor der GAG „Pebedinskoje“ aus Slawsk Nikolai Martjuschew zeigte sich pessimistisch und meinte, dass es keinerlei Embargo gäbe.

„Was denn für Sanktionen? Das ist alles nur Imitation. So wie früher eingeführt wurde, so wird auch heute noch eingeführt. Und das betrifft jede x-beliebige Ware: Äpfel, Kohl, Fleisch, Milch. Gehen Sie doch durch Kaliningrad. Da sehen Sie, wie aus offenen Kofferräumen von Fahrzeugen polnisches und anderes Zeug gehandelt wird – Fleisch und Milch. Ich hatte ein Treffen mit dem Abgeordneten Frolow und den habe ich gefragt: „Was denn, sehen Sie wirklich nichts, wenn Sie sich mal von ihrem Arbeitsplatz wegbewegen?“ Diese Abgeordneten kaufen doch selber dort und dann kommen sie und fragen, ob die Sanktionen uns helfen – regte sich Marjuschew auf.


Foto: Ganz normales Erscheinungsbild in Kaliningrad – Mobiler Verkaufspunkt für polnische leichtverderbliche Waren
 
Der Leiter der landwirtschaftlichen Vereinigung „Kalina“ zeigte sich überzeugt, dass man die Sanktionen noch mindestens fünf Jahre benötigt, um viele Löcher in der Landwirtschaft und in der Verarbeitung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen in Russland stopfen zu können. In fünf Jahren wird das Land in der Lage sein, sich selber mit Lebensmitteln zu versorgen.
 

Wir arbeiten nicht schlechter als in anderen Ländern. Wir haben alles. Das Wichtigste ist, dass die staatliche Politik sich nicht von der Landwirtschaft abwendet. Obwohl, ich glaube es gibt keinen großen Unterschied, ob es Sanktionen gibt oder nicht. Polnische Tomaten, spanische Pfirsiche, jedes beliebige andere Obst und Gemüse, welches bei uns auf dem Markt mal war, gibt es auch jetzt noch. Die Sanktionen gibt es angeblich, aber sie sind doch sehr vage. Sie werden umgangen. Ich denke, man sollte die Sanktionen belassen. Aber darüber zu sprechen, dass dies eine wichtige Bedingung ist, ist nicht real – so Bedenko.

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Handel, Landwirtschaft, Sanktionen

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