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Drei Sekunden, fünf Stiche – das war´s. Mordversuch an einem Abgeordneten

Mo, 21 Mär 2016 ... mit deutschem Akzent


Drei Sekunden, fünf Stiche – das war´s. Mordversuch an einem Abgeordneten

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

Drei Sekunden, fünf Stiche – das war´s. Mordversuch an einem Abgeordneten

Natürlich ist Kaliningrad eine Stadt wie jede andere auf der Welt – so auch zu Fragen der Kriminalität. Es gibt in Kaliningrad Ladendiebe und auch Mörder und natürlich auch alle anderen Gesetzesverletzungen die zwischen diesen beiden Extremen liegen.

Die heutige Situation zu Fragen der Sicherheit in Kaliningrad ist absolut nicht mehr zu vergleichen mit der Zeit, als ich im Jahre 1995 meine Zelte in Kaliningrad aufschlug. Da gab es fast täglich brennende Autos und Kioske, tote Zigaretten-Mafioso, Wodka-Kriege und irgendwie fühlte man sich nicht so richtig wohl.

Ich kann mich an eine Episode im Jahre 1995 erinnern, wo ich bei einem Bekannten zu Besuch war und sich ein weiterer Besucher per Telefon ankündigte. Wir gingen nach unten auf die Straße, wo der Besuch in einem gepanzerten Fahrzeug saß. Gemeinsam gingen wir die Treppe bis zur Wohnung in der vierten Etage hoch, da sich der Besuch weigerte den Fahrstuhl zu nutzen. Es stellte sich heraus, dass dieser Besuch den Kaliningrader Alkoholmarkt zu einem Großteil kontrollierte und bereits zwei Mordanschläge hinter sich hatte. Aus Sicherheitsbedenken nutzt er nie einen Fahrstuhl und unsere Begleitung war nötig, weil die Hemmschwelle drei Personen zu erschießen doch größer ist, als nur eine Person – meinte er als wir sicher in der Wohnung gelandet waren. „Na toll, noch mehr solcher Bekannten und ich brauche mir um meine Zukunft in Russland keine Gedanken mehr zu machen“, dachte ich damals und bekam nachträglich noch einen Schweißausbruch.

Den letzten Toten, einer aus der „Tabak-Gilde“, sah ich 2002 in unserer gut situierten Wohnsiedlung. Das war dann wohl der Letzte aus der Gilde, denn danach hörte der Tabakkrieg in Kaliningrad auf und irgendwie zog mit jedem Jahr mehr Ruhe, Ordnung und Sicherheit in Kaliningrad ein. Ein Blick in die Kriminalitätsstatistik des Gebietes Kaliningrad gibt aber doch interessante Details und Trends:

 

 

Die letzten drei Jahre, also wenn man so will die Zeit, wo sich Russland in der Wirtschaftskrise befindet, ist die Zahl der registrierten Verbrechen stark im steigen und hat fast das Niveau des Jahres 2010 erreicht – einem Jahr, wo auch Kaliningrad von gesellschaftlichen Spannungen erfasst war.

Aber es sind bei weitem nicht mehr die Zeiten von vor 20 Jahren, denn in der Statistik sind auch die Laden- und Fahrraddiebe erfasst, also „Verbrechen“, die für einen Kaliningrad-Besucher nicht angsterregend sind. Wenn man sich ganz normal in Kaliningrad verhält, die Dollarbündel nicht aus den Taschen raushängen lässt, nicht arrogant oder hochnäsig in Gaststätten auftritt und irgendjemand unter Alkoholeinfluss beleidigt oder den Großkotz spielt, dann lebt man genauso sicher oder unsicher wie in Auerbach und Zittau, München oder Hamburg.

Aber es passieren natürlich auch Morde und Mordversuche in Kaliningrad – so zeigt es die Statistik und diese ist auf einem erfreulich absteigenden Ast, denn seit 2010 hat sich die Anzahl dieses Verbrechens fast halbiert und auch die Aufklärungsquote ist erfreulich hoch, obwohl, für denjenigen den es „erwischt“ hat, ist das schon nicht mehr so wichtig – zumindest bei einem vollendeten Mord.

 

 

Wenn dann aber ein Mord passiert, also ein extraordinärer wo eine gesellschaftlich bekannte Persönlichkeit betroffen ist, dann ist natürlich die ganze Stadt in Aufregung.

Und so war es auch in der vergangenen Woche in Kaliningrad. Am Donnerstag meldeten die Regionalmedien, dass es einen Mordanschlag (also kein vollendeter Mord) auf den bekannten Abgeordneten der Gebietsduma Igor Rudnikow gegeben habe. Die Meldungen waren sehr konkret und fast im Stundentakt gab es neue Einzelheiten.

Igor Rudnikow ist eine bekannte Kaliningrader Persönlichkeit. Neben seiner Tätigkeit als Abgeordneter der Gebietsduma ist er auch Verleger der Zeitung „Neue Räder“. Hier veröffentlicht er regelmäßig Skandale aus der Kaliningrader Gesellschaft, insbesondere aus dem Bereich Korruption und Amtsmissbrauch und es ist klar, dass er sich damit keine Freunde schafft. Aber er tut dies nun schon eine sehr lange Zeit und hatte bisher keine (bekannt gewordenen) wesentlichen Probleme.

 


Screenshot der Zeitung „Neue Räder“ mit Verleger Igor Rudnikow

 

Nun aber hatte wohl jemand „die Schnauze voll“ und beauftragte zwei „Rebjata“ (Jungs), das Thema zu schließen.

Zeugen berichten von einer außerordentlichen Dreistigkeit der Attentäter, denn diese hatten den zukünftigen Tatort schon Tage vorher ausgekundschaftet und waren dabei aufgefallen. Dann kamen sie am Donnerstag mit einem Mercedes und sie stellten sich demonstrativ auf einen Parkplatz, der anderen vorbehalten war. Sie spazierten mehr als auffällig vor dem Restaurant „Soljanka“, dem zukünftigen Tatort.

 


Foto: Schnellrestaurant „Soljanka“, am Haupteingang zum Zoo

 

Dann kontrollierten sie die Einsatzbereitschaft des Fluchtfahrzeuges und stellten fest, dass der Motor versagte. Sie telefonierten auffällig und wenige Momente später kam ein nicht weniger auffälliger großer schwarzer Jeep und man begann zu werkeln. Soviel Auffälligkeit macht schon nachdenklich.

Drei Sekunden, fünf Stiche und schon war alles vorbei – so fasste Igor Rudnikow, der den Mordanschlag überlebte und sofort in einem Kaliningrader Krankenhaus notoperiert wurde, die Tat zusammen.

Die Leute wussten, dass ich hier oft zu Mittag esse und man hatte meinen sehr einfachen Tagesablauf vorher ausgekundschaftet. Morgens fahre ich mit meinen Leibwächtern zur Arbeit und abends mit meinen Leibwächtern wieder nach Hause. Nur zum Mittagessen fahre ich ohne Leibwächter. Ich brauche nur 15 Minuten in diesem Selbstbedienungsrestaurant am Zoo und was soll da schon passieren – so Rudnikow in einem Interview im Krankenhaus. Tja, so kann man sich irren.

Es waren zwei kräftige Burschen – so Rudnikow weiter, die ihre Gesichter gezeigt haben. Als ich das Restaurant verließ traten sie auf mich zu. Einer hielt mich fest, der andere stach zu – drei Sekunden, fünf Stiche und danach wurde ich zu Boden gestoßen. Dann flüchteten sie in einem Mercedes in dem noch zwei weitere Personen saßen.

Rudnikow hat keine Zweifel, dass dieses Attentat im Zusammenhang steht mit seiner verlegerischen Tätigkeit. Die Täter, so seine Vermutung, sind zu suchen in den Kreisen, die er erst kürzlich kritisiert hatte – also in Svetlogorsk oder Gurewsk.

Der Kaliningrader Gouverneur zeigte sich empört über dieses Verbrechen. Die Täter müssen sich sehr sicher fühlen, wenn sie am helllichten Tag im Stadtzentrum mit demonstrativer Öffentlichkeit so vorgehen. Er forderte von der Kaliningrader Polizei umgehend alle Maßnahmen einzuleiten, um die Täter zu finden. Er erinnerte daran, dass im Jahre 2014 auch ein Attentat auf den damaligen regionalen Sportminister stattgefunden hatte und dieses Attentat bis heute nicht aufgeklärt ist. Das darf sich nicht wiederholen.

Lange brauchten der Gouverneur und die Kaliningrader Öffentlichkeit nicht auf Meldungen der Polizei zu warten, denn seit 2014 hat sich in Kaliningrad einiges getan. So gibt es das System „Stadtsicherheit“, welches ständig vervollkommnet wird und sich nicht nur auf die Stadt Kaliningrad beschränkt, sondern auch im gesamten Gebiet nach und nach aufgebaut wird. Und die vielen Videokameras haben alles aufgezeichnet und so konnte bereits einen Tag später gemeldet werden, dass die Attentäter identifiziert und namentlich bekannt sind. Auch das für die Flucht benutzte Fahrzeug wurde entdeckt. An der Identifizierung möglicher Auftraggeber wird intensiv gearbeitet.

 

 

Geschockt hatte mich dann die Meldung, dass die Polizei ein Untersuchungsverfahren eingeleitet habe – auf der Grundlage des Strafgesetzbuches Artikel 213, Teil 2 – „Vorsätzliches Gruppen-Rowdytum“ (bis zu 7 Jahren Freiheitsentzug). Also ich meine, dass dies doch eigentlich geplanter Mord war – aber als Nichtjurist kann man sich ja auch irren.


Noch vor einer Woche hatte ich mich an dieser Stelle beklagt, dass in Kaliningrad nichts mehr passiert. Aber ehrlich, eine Aktivierung des gesellschaftlichen Lebens in dieser Richtung ist nun wirklich nicht wünschenswert. Für diesen Artikel hatten wir Sonntag früh Redaktionsschluss und gegen Mittag kamen die Meldungen über einen neuen Mord in Kaliningrad über die Ticker. Gemeldet wurde, dass der 62jährige Direktor des Kaliningrader Lyzeums Nr. 35 Wladimir Kober in seiner Wohnung ermordet aufgefunden wurde. Die Wohnung ist durch die Mörder anscheinend durchsucht worden. Hoffen wir, dass wir nicht zu den Verhältnissen der 90er Jahre zurückkehren, denn für den Tourismus wäre eine kriminalisierte Stadt, wo man Meinungsverschiedenheiten mit Pistole und Messer löst, der Tod – im wahrsten Sinne des Wortes.
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Recht und Gesetz

   Kommentare ( 1 )

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 21. März 2016 04:05:20

"Grundlage des Strafgesetzbuches Artikel 213, Teil 2 – „Vorsätzliches Gruppen-Rowdytum“ (bis zu 7 Jahren Freiheitsentzug). "

Ich bin ja weit weg und will niemandem zu nahe treten. Apropo treten. Kann es nicht sein, daß das Opfer, der Verleger Rudnikow nicht auch noch Uniformierten mit seiner Gazette auf die Füße getreten ist?
Und die deshalb erst einmal annehmen wollen, daß dem Verleger "nur Angst" gemacht werden sollte? Dann ist das doch schon von der öffentlichen Einleitung des EV her gesehen die Richtung, was die armen Täter nach einer möglichen Festnahme als Beschuldigte aussagen sollen. Immer nach dem Motto, wir wollten doch nur spielen.

Da wird der Herr Verleger wohl nicht mehr ohne kräftige Pistoleros zu Mittag gehen oder sich das Essen bringen lassen.

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