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Ein Hauch von Kälte in „Königsberg“

Do, 04 Okt 2018 ... mit deutschem Akzent


Ein Hauch von Kälte in „Königsberg“
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation.

 

Der 3. Oktober war ein stürmischer und verregneter Tag in Kaliningrad. Teilweise standen Straßen unter Wasser. Und auch im Saal „Königsberg“ des Hotels Radisson spürte man in den Abendstunden ab 18 Uhr einen Hauch von Kälte – trotzdem das Hotel bemüht war, gut zu heizen.

Wobei diese Kälte war weniger körperlich, denn mehr mental.

Das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland hatte zur Feier, anlässlich des 28. Jahrestages der Wiedervereinigung eingeladen. Gefolgt waren der Einladung geschätzte 150 Gäste.

Für die Feierlichkeiten wurden bereits das zweite Jahr die, wesentlich besser geeigneten, Räumlichkeiten des Hotels Radisson genutzt.

Für meine Informationsagentur ist es außerordentlich wichtig, an öffentlichen Veranstaltungen in Kaliningrad teilzunehmen – sowohl solche des russischen, aber noch mehr des deutschen Staates oder der deutschen Wirtschaft und Kultur. Derartige Veranstaltungen sind wie ein Fieberthermometer. Man kann innerhalb von wenigen Minuten erkennen, ob ein Organismus krank ist, Fieber hat, sich unwohl fühlt oder sich aufs sterben vorbereitet.

Das tägliche Analysieren von Medieninformationen kann diese Seismographen-Veranstaltungen nicht ersetzen.

Und ich habe, unerwartet für mich, doch noch die Möglichkeit erhalten, am Mittwoch die Temperatur der kranken Beziehung Deutschland-Russland zu messen. Die ganze Veranstaltung hat eine unheimliche Menge von Informationen und Eindrücken gebracht – auch wenn ich diese bereits nach einer Stunde wieder verlassen hatte.

Erste Informationen sammelt man, wenn man das Defilieren beobachtet – also das Händeschütteln, Küsschen geben und das Aussprechen von mehr oder weniger umfangreichen Glückwünschen. Man glaubt gar nicht, wie viele wertvolle Informationen man in diesen 30 Minuten des Eintreffens der Gäste sammelt.

Dann beginnt der offizielle Teil.

Der deutsche Generalkonsul Dr. Michael Banzhaf sprach über die gegenwärtigen, nicht ganz einfachen Beziehungen zwischen beiden Ländern und sprach die Hoffnung auf Besserung aus. Insgesamt redete er rund vier Minuten (wenn wir den Dolmetscher rausschneiden).

Danach sprach einer der  stellvertretenden Vorsitzenden der Kaliningrader Gebietsduma. Also nicht die Vorsitzende Frau Ogejewa, sondern die zweite Riege. Mit anderen Worten, Deutschland rangiert nicht in der ersten Reihe.

Und er überbrachte die Grüße und Glückwünsche der Vorsitzenden der Gebietsduma. Er bemerkte, dass die Zeit sehr schnell verfliegt und sich viele Dinge schnell ändern. Er bemerkte, dass es der Generalkonsul nicht einfach hat in Kaliningrad und sprach noch schnell „S Prasdnikom“. Zwei Minuten brauchte er und ich fragte mich im Office, nachdem ich den Filmbeitrag aufbereitet hatte: Tja, was hat er denn eigentlich gesagt?

Dann trat die Leiterin der Agentur für Außenpolitik der Gebietsregierung auf – also weder der Gouverneur, noch ein Vizegouverneur, sondern die Agenturleiterin, die den Rang einer Ministerin bekleidet. Sie verlas eine Grußadresse des Gouverneurs. Darin wurde von guter Nachbarschaft und Zusammenarbeit gesprochen. Man lobte die Arbeit des Generalkonsuls und die Grußadresse endete mit den üblichen Wünschen für Glück und Gesundheit. Auch ihr Auftritt dauerte insgesamt zwei Minuten.

Der dritte, nun kommende Auftritt, ist der Interessanteste von allen gewesen – so fand ich zumindest.

Die bisherigen drei Redner nutzten das Rednerpult – logisch, dafür steht es ja da.

Aber unser Kaliningrader Lawrow, also der Leiter der Vertretung des russischen Außenministers in Kaliningrad Pawel Anatoljewitsch Mamontow, stellte sich demonstrativ neben das Rednerpult. Er ist Diplomat durch und durch und jede Handlung ist überlegt und somit ist auch sein Auftritt genau überlegt und keine Nachlässigkeit. Ich verstehe das so, dass er sich nicht auf denselben Standpunkt stellen will, wie der Vertreter des deutschen Staates in Kaliningrad. Er, also der Vertreter Russlands in Kaliningrad, hat seinen eigenen Standpunkt und dies hat er optisch kundgetan.

Und im Verlaufe von 30 Sekunden verbrachte er die rhetorische Meisterleistung die Wichtigkeit des Verhältnisses zwischen Russland und Deutschland und die besondere Rolle Kaliningrads hervorzuheben.

Bemerkenswert, dass Pawel Anatoljewitsch persönlich erschienen war. Ich hatte damit gerechnet, dass er gar nicht kommt oder einen nachgeordneten Mitarbeiter schickt, der ebenfalls eine Grußadresse verliest.

Ein Hauch von Arktischer Kälte wehte durch „Königsberg“.

Vermisst habe ich die Vertreter der anderen, in Kaliningrad anwesenden diplomatischen Vertretungen. Ich kann mich erinnern, dass mindestens ein ausländischer Diplomat in der Vergangenheit mit Grußworten aufgetreten ist. Diesmal nicht. Da muss ich drüber nachdenken, was das bedeuten könnte.

Danach erklärte der deutsche Generalkonsul den offiziellen Teil für beendet und lud zum Essen ein. Allerdings bat er die Anwesenden noch ein wenig den Darbietungen des Orchesters zu lauschen, bevor sie denn das Kalte Buffet stürmen.

Und auch hier konnte man eine Überraschung erleben. Nach der Europahymne, die niemanden veranlasste Gespräche einzustellen und sich auf die gute Arbeit des Orchesters mit seinem Dirigenten zu konzentrieren, erklang die deutsche Nationalhymne.

Ich kann eine Einstellung zu einem Staat haben wie ich will. Ich stehe dem deutschen Staat sehr kritisch gegenüber. Aber es gibt einige heilige Dinge – das ist die Unverletzlichkeit der Fahne und das ist die Nationalhymne, bei deren Abspielen man Gespräche einstellt und eine gewisse ehrende Haltung einnimmt.

Nun, Sie sehen selber, liebe Zuschauer, dass dies bei der deutschen Nationalhymne nicht geschehen ist.

Danach wurde die russische Nationalhymne gespielt. Na, dann schauen Sie mal!

Zusammengefasst kann man sagen, dass diese Feier den realen Zustand des Verhältnisses zwischen beiden Staaten gezeigt hat: es herrscht eine Eiseskälte und keine warmen Worte von irgendwelchen Anwesenden können darüber hinwegtäuschen, dass es noch schlechter wohl kaum noch kommen kann – wenn wir mal einen Krieg als Steigerungsform ausschließen.

Somit haben sich meine Erwartungen an diese Feier erfüllt. Sie hat die Rolle eines Fieberthermometers, eines Seismographen erfüllt. Und ich weiß, dass ich mit meinen Einschätzungen völlig richtig liege – leider.

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Deutsches, Diplomaten

   Kommentare ( 4 )

Georg Veröffentlicht: 4. Oktober 2018 09:30:01

Ich halte den zweitklassigen Auftritt der geladenen Gäste für sehr kontraproduktiv, sollte man sich doch wenigsten im "Kleinen" mit mehr Pragmatismus begegnen. Deutschland und Russland sind irgendwo aufeinander angewiesen und beide Seiten sollten bestrebt sein, einen Interessenausgleich mit zielgerichteter Zusammenarbeit nicht aus den Augen zu verlieren.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 4. Oktober 2018 11:34:12

es soll ja deutsche Politiker und Offizielle geben, die zum größten russischen Feiertag, dem Tag des Sieges über den deutschen Faschismus (dem größten Massenmord aller Zeiten) nicht der Einladung des russischen Präsidenten gefolgt sind. Man hat in Deutschland sehr schnell vergessen, wem man sein physisches Überleben zu verdanken hat ...

Dietrich Völker Veröffentlicht: 4. Oktober 2018 14:08:45

Nun, anscheinend war von russischer Seite eben kein Diplomat anwesend.
Denn diplomatische Sensibilität beweist man wohl in derartigen Situationen. Selbst bei etlichen Fussballländerspielen soll das schon praktiziert worden sein.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 4. Oktober 2018 14:26:24

... mir ist in den Sinn gekommen, das man diplomatische Sensibilität auf russischer Seite dadurch beweisen wollte, das man sich möglichst wenig zu innenpolitischen Dingen Deutschland äußern wollte. Die Wiedervereinigung ist ja eine innenpolitische Angelegenheit. Obwohl, wenn ich es mir nochmal überlege, könnten die banalen und nichtssagenden Reden der russischen Vertreter auch bedeuten, dass man die Entscheidungen, die zum 3. Oktober 1990 führten, heute vielleicht anders sieht, dies aber nur noch nicht äussern will. - aber das sind meine privaten Vermutungen.

boromeus Veröffentlicht: 4. Oktober 2018 19:12:15

Die Veranstaltung wirkte,als wenn Opa Bernd ein paar Gäste zum Kaffee geladen hatte.Ziemlich steril und wenig feierlich.
Kein Wunder also, wenn die "Kapelle" die deutsche Nationalhyme spielt und keiner sich dafür interessiert.Manche hören sich eben gerne reden ,anstatt zu machen.Sie haben absolut Recht,das man der Nationalhyme eines Landes Respekt erweisen sollte,ob man nun mit den jeweiligen Politikern,die am Ruder sind einverstanden ist oder nicht.Das alleine gebürt schon der Anstand.Wahrscheinlich lag das am großen Zeremonienmeister,der geladen hatte und es nicht schaffte eine feierliche Atmosphäre zu schaffen.Die akustischen Ergüsse der Offiziellen sind noch lange nicht des Volkes Meinung.Was Murkel in Lummerland von sich gibt,ist nur das was ihre Puppenspieler jenseitz des Teiches ihr vorplärren.Gute Beziehungen zwischen dem russischen und deutschen Volk sind unerwünscht.So die offizielle Version.Gut das es hüben und drüben Menschen gibt ,die das anders sehen und praktizieren.....

Herr Hoffmann Veröffentlicht: 7. Oktober 2018 21:24:17

Herr Niemeier, wissen Sie eigentlich, wieviele Menschen in Stalins Lagern umgekommen sind, bzw. ermordet wurden?
(Nur so ungefähr ...?)

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 7. Oktober 2018 21:27:36

... nein, mit der Frage habe ich mich noch nicht beschäftigt und ich glaube, dass es wohl kaum belastbare Zahlen in offiziell zugänglichen Quellen gibt.

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