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Es wird ernst. Die Rentenreform in Russland nimmt Form an

Fr, 08 Jun 2018 ... mit deutschem Akzent


Es wird ernst. Die Rentenreform in Russland nimmt Form an

Diskutiert wird in Russland schon lange über die Notwendigkeit einer Rentenreform. Es geht um eine Verschiebung des Renteneintrittsalters.

Die Rentenkassen in Russland sind, genau wie in allen anderen Ländern dieser Welt, nicht üppig gefüllt. Und dann kommt ein Zeitpunkt, wo der Staat darüber nachdenken muss, wie er aus dieser misslichen Lage das Beste machen kann. Zum Glück hat in Russland niemals ein Politiker geäußert, dass die Renten sicher sind. Und so ist es allen klar, dass man eine vernünftige Rente zukünftig nur noch sicherstellen kann, wenn alle objektiven und subjektiven Momente der gesellschaftlichen Entwicklung in ein vernünftiges Rentenkonzept einfließen.

Ein wesentlicher Moment in der russischen gesellschaftlichen Entwicklung nach 1991 war, das das Sozialsystem eigentlich zum Zusammenbruch gekommen war und bis zum heutigen Tag nicht auf stabilen Füßen steht.

Natürlich werden die Renten in Russland gezahlt – jeden Monat mit absoluter Pünktlichkeit. Über die Höhe der Rente zu diskutieren ist möglich, aber mein Verständnis für viele derjenigen, die über eine kleine Rente jammern, ist sehr begrenzt. Denn nach 1991, als auch die Wirtschaft zusammenbrach und man zum wilden Kapitalismus wechselte, erachteten es viele Arbeitgeber nicht für nötig, für ihre Arbeitnehmer weiter in die Sozialkassen einzubezahlen. Für sie war es eine Belastung, denn in Russland zahlt der Arbeitgeber im vollen Umfang die Sozialbeiträge.

Und so erhielten viele Arbeitnehmer ihr Gehalt im Umschlag und hatten keinen Arbeitsvertrag. Die medizinische Versorgung in Russland ist kostenlos und wird in jedem Fall erwiesen. Aber die Rente wird berechnet auf der Grundlage der Arbeitsjahre und der Einzahlungsjahre und natürlich der Höhe der eingezahlten Beiträge. Und wer in jungen Jahren nicht an sein Alter denkt und sich auf Schwarzarbeit und Lohn im Umschlag einlässt, ist selber schuld, wenn die Rente dann mehr als mager ausfällt.

Aber der russische Staat zahlt Sozialleistungen. Und wer kein Anrecht auf Arbeitsrente hat, hat Anspruch auf Sozialrente – also niemals nichts eingezahlt und man erhält trotzdem Geld. Oder man erhält wegen Bedürftigkeit Sozialleistungen des Staates aus anderen Quellen – kurz, in Russland wird durch den Staat in jedem Fall ein Existenzminimum garantiert – aber auch das muss finanziert werden. Und je mehr sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber drücken, in die Sozialkassen einzuzahlen, umso knapper werden die Gelder.

Dazu kommt, dass in den letzten Jahren die Lebenserwartung in Russland stetig am Wachsen ist. Der Staat zahlt also Renten länger, aber trotz wachsender Lebenserwartung, hat sich das Renteneintrittsalter nie in Russland (der Sowjetunion) geändert: Frauen gehen mit 55 in Rente und Männer mit 60. Wer in den bewaffneten Organen gedient hat, erhält sogar noch wesentlich eher Rente für seine geleisteten Dienstjahre, kann dann noch ganz normal dazuverdienen. Und für diejenigen, die in schwierigen Orten gearbeitet haben, wird ein Arbeitsjahr als zwei, manchmal sogar drei Jahre gerechnet.

Es ist also klar, dass der Staat unter den modernen Bedingungen reagieren muss. In Deutschland steht man vor den gleichen Problemen, obwohl dort das Problem Schwarzarbeit und Gehalt im Umschlag wohl bei weitem nicht so ausgeprägt ist, wie in Russland. Aber Deutschland hat mit seiner Rentenreform schon vor Jahren begonnen und denkt jetzt schon an eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters, während Russland erstmalig über Veränderungen nachdenkt.

Das Thema ist natürlich empfindlich und man muss den richtigen Moment abwarten, um eine möglichst konfliktfreie, konstruktive Diskussion mit der Bevölkerung durchführen zu können. Diese Zeit scheint jetzt gekommen zu sein. Der Präsident ist gewählt und die neue Regierung gebildet. Und schon kommen von den verschiedensten Stellen, die etwas mit dieser Thematik zu tun haben, diverse Vorschläge.

Und so meldeten russische Medien, dass sich unter der Vielzahl der Vorschläge zur Rentenreform, eine Variante als die Wahrscheinlichste abzeichnet. Diese soll am 14. Juni durch die Regierung abgesegnet werden.

So werden Männer zukünftig mit 65 Jahren in Rente gehen, dürfen also fünf Jahre länger arbeiten und Frauen werden mit 63 Jahren in Rente gehen – arbeiten also acht Jahre länger. Warum die Frauen wieder bevorteilt werden, bleibt wohl erstmal das Geheimnis des Gesetzgebers, denn die Statistik – solange wie sie existiert – zeigt, dass russische Frauen eine wesentlich längere Lebenserwartung haben, als Männer. Das müsste sich dann doch eigentlich auch auf das Renteneintrittsalter auswirken – oder?

Es ist davon auszugehen, dass Russland die Reform ähnlich umsetzen wird, wie dies in Deutschland geschieht – also schrittweise Anhebung im Verlaufe von 10-15 Jahren, so dass der Einzelne es kaum so richtig zu spüren bekommt, dass er etwas länger arbeiten muss. Und der- oder diejenige, die heute 40 Jahre alt sind, denken bekanntlich überhaupt noch nicht über die Rente nach.

Uwe Niemeier

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Gesellschaft, Soziales

   Kommentare ( 1 )

Gerald Hübner Veröffentlicht: 9. Juni 2018 10:37:58

Stimmt, in DE ist ds Thema Schwarzarbeit nicht so rentenrelevant, da steht der Staat davor; rund 65% der Lohnkosten für einen Arbeitnehmer sammelt der Staat ein. Das Problem hier, es gibt zuviele Leute, die sich aus dem umlagefinanzierten System verabschiedet haben dürfen, ganze Berufsgruppen (Ärzte, Steuerberater, ..., von Beamten und Politiker ganz zu schweigen, um den analgen Anspruch eines Politikers zu haben, müsste ich (man) 380 Jahre lang arbeiten und einzahlen. Soweit ich den "Heißen Draht" vom vergangenen Donnerstag richtig verstanden habe, gibt es ein Problem, wenn jemand das Rentenalter erreicht hat und irgendwo, -wie weiterarbeiten möchte, legal meine ich. Verstehe jetzt meine Freundin auch besser (sie wohnt in Kasan, arbeitete als Politologin an der Uni und ist im vorigen Jahr verrentet worden). Nochmal zu DE, rund 20% der arbeitenden Bevölkerung arbeitet für das solidarische umlagefinanzierte Rentensystem. Das kann so hier auch nicht funktionieren.Hab keine Worte mehr VG

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