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Führen diplomatische Vertretungen Schwarze Listen?

So, 30 Sep 2018 ... mit deutschem Akzent


Führen diplomatische Vertretungen Schwarze Listen?

Es gibt in Kaliningrad eine Unzahl von Medien – offizielle, halboffizielle, Blogger – russische, polnische, litauische, deutsche. Und im Rahmen der weltweiten Pressefreiheit, berichten diese Medien über alles, was irgendwie berichtenswert erscheint. Und natürlich spezialisieren sich die Medien und Blogger auf bestimmte Themen und auf bestimmte Länder.

Und nicht immer verteilen diese Medien Streicheleinheiten und berichten Angenehmes über Land und Leute, über Politik und Gesellschaft.

Und so gibt es ein ausländisches Medium in Kaliningrad, welches vor einiger Zeit – ist es ein oder ist es schon zwei Jahre her? – berichtete, dass es wohl auf der Schwarzen Liste der in Kaliningrad ansässigen diplomatischen Vertretung seines Heimatlandes gelandet ist. Als Beweis führte man damals an, dass man keine Einladungen zu öffentlichen Veranstaltungen der diplomatischen Vertretung mehr erhält und auch keine Pressemitteilungen. Auch der Kontakt zur diplomatischen Vertretung ist so gut wie abgebrochen, denn man erhält auf Anfragen keine Antwort oder so verspätet, dass sie wertlos sind.

Ich las dies damals etwas erstaunt und dachte mir, dass da das Medium wohl übertreibt, denn immerhin handelt es sich um ein demokratisches Land, Mitglied der Europäischen Union, der NATO und der UNO und die Presse- und Meinungsfreiheit wird in diesen westlichen Demokratien hochgehalten.

Aber dann unterhielt ich mich mit anderen, russischen Journalisten. Und die bestätigten mir, dass auch sie keine Einladungen mehr erhalten. Sie hätten wohl zu kritisch über bestimmte Länder und Ereignisse berichtet und sind dann auf der Schwarzen Boykottliste der diplomatischen Vertretungen gelandet.

Das lies mich dann doch aufhorchen – insbesondere die Formulierungen in der Mehrzahl.

Wenn denn diese Eindrücke und Erzählungen meiner Bekannten richtig sind, so würde dies doch bedeuten, dass die in Kaliningrad ansässigen diplomatischen Vertretungen engen Kontakt pflegen und Daten über „auffällige“ Bürger und Einrichtungen austauschen, um ein einheitliches Vorgehen oder Verhalten zu gewährleisten – richtig?

Das würde doch aber auch bedeuten, dass die ausländischen diplomatischen Vertretungen in Kaliningrad Personen beobachten und … hm, sagen wir mal „Aufzeichnungen“, „Aktennotizen“ zu den Personen und Einrichtungen tätigen. Richtig?

Und das nennt sich dann wohl Informationsbeschaffung, richtig?

Und dann steht für mich die Frage, was mit diesen Aufzeichnungen passiert? Liegen die da nur so rum, in den diplomatischen Vertretungen und sorgen dafür, dass bestimmte „Persona non Grata“ nicht mehr zu Theaterveranstaltungen eingeladen werden? Oder werden die Informationen noch weitergeleitet? Und vor allem, wer beschäftigt sich konkret damit? Also in den Botschaften der Länder, die sich in Moskau befinden, ist mir das klar, denn da gibt es offizielle Vertreter der Nachrichtendienste der Länder. Aber gibt es solche Vertreter auch in den Generalkonsulaten?

Böse Zungen behaupten – ja, es gibt solche. Allerdings sind die nicht offiziell und müssen aufpassen, bei der Informationsbeschaffung nicht erwischt zu werden.

Nun habe ich vor kurzem in meine Akte geschaut, die das Ministerium für Staatssicherheit über mich angelegt hatte. Immerhin war ich vier Jahre im Ausland, in der Sowjetunion zum Studium und ich wollte wissen, welche Informationen mein Staat DDR über mich gesammelt hat. Was soll ich Ihnen sagen – keine. Es gibt keinerlei Informationen aus dieser Zeit über mich. Soll ich nun enttäuscht sein, weil ich so unwichtig war?

Nein, ich bin nicht enttäuscht, ich bin irgendwie zufrieden, dass mein ehemaliges Vaterland mich im Ausland nicht überwacht hat oder durch den KGB hat überwachen lassen.

Und nun war ich am vergangenen Freitag eingeladen – zum jährlichen Oktoberfest der Vertretung der Handelskammer Hamburg in Kaliningrad.

Und dort traf ich Leute, die ich schon seit Monaten nicht mehr gesehen hatte und man freut sich natürlich und tauscht Nettigkeiten und Höflichkeiten und Neuigkeiten aus. Und einer meiner Bekannten sagte dann noch bei der Verabschiedung zu mir: „… na tschüss dann, bis zum 3. Oktober. Sie kommen doch zur Feier anlässlich des Jahrestages der Wiedervereinigung?“

Und da wurde ich nachdenklich, denn ich habe keine Einladung des Deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad erhalten. Und mir fiel auf, dass ich auch im vergangenen Jahr keine Einladung erhalten habe. Und mir fiel auf, dass ich auch keine Einladungen zu anderen Veranstaltungen in den letzten zwei Jahren erhalten habe – also z.B. zu Kranzniederlegungen am Totensonntag.

Und nun sitze ich im Office und grübele, wo ich mich zuerst beschweren muss: Bei der russischen Post, die vermutlich die Einladung des deutschen Generalkonsulats nicht zugestellt hat, oder bei meinem Internetprovider, der die elektronische Einladung nicht zugestellt hat.

Allerdings gibt es auch noch eine andere Möglichkeit, weshalb ich, als einer von wenigen in Kaliningrad anwesenden Deutschen, keine Einladung mehr erhalte.

Seit 2017 stehen die großzügigen Räumlichkeiten des Ex-Deutsch-Russischen Hauses in der Jaltinskaja für die politischen Feiern der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr zur Verfügung und man organisiert die Feiern anlässlich der Vereinigung des deutschen Ostens mit dem deutschen Westen im Saal „Königsberg“ des Radisson-Hotels im Stadtzentrum von Kaliningrad. Und hier ist der Platz natürlich nicht so großzügig – er reicht nur für 450 Personen, wenn man Königsberg-1, Königsberg-2 und Königsberg-3 miteinander vereint (also ich meine jetzt die Säle im Hotel und nicht die zwischen Russland, Polen und Litauen aufgeteilten ostpreußischen Territorien) und man kann nicht mehr so viele Personen einladen, wie früher. Und da muss man eben die Einladungslisten umsortieren – die Guten ins Töpfen die Schlechten … auf die …hm, andere Liste.

Obwohl, wenn ich mich richtig erinnere … es sind eigentlich nie mehr als 250-300 Teilnehmer an Feierlichkeiten im Deutsch-Russischen Haus erschienen.

Wobei, so ganz richtig scheinen meine Überlegungen nicht zu sein, denn es erhielten auch Personen Einladungen, die schon lange nicht mehr in Kaliningrad anwesend sind – merkwürdig, nicht wahr? Es kann also nicht am wenigen Platz im Königsberg-Saal liegen. Aber woran liegt es dann? Vielleicht sollte ich einfach am 3. Oktober mal ins Radisson-Hotel gehen und fragen?

Und – welche Schlussfolgerung gibt es nun? Ich werde mir wohl im Supermarkt Viktoria eine Flasche guten russischen Krim-Sekt kaufen und mich mit meinen russischen Bekannten an die guten Zeiten vor und die Zeiten nach dem 3. Oktober 1990 in gemütlicher Runde in meinem neuen Gartenhäuschen im russischen Kaliningrad, im Ex-Königsberg, erinnern und an die Zeiten vor 2005, als noch kein deutsches Generalkonsulat das Leben der Kaliningrader erleichterte.  

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Deutsches, Diplomaten, Generalkonsulat

   Kommentare ( 3 )

Hauke Veröffentlicht: 30. September 2018 11:46:43

Sorry Herr Niemeier
waren Sie wirklich so naiv zu glauben dass es solche Listen nicht gibt?
Ich will mal ein Beispiel geben wie man in Deutschland überwachen möchte.
Als Rentner halte ich mich gerne in den Sommermonaten an der Ostsee auf und bin dann nicht erreichbar.
Jetzt wurde ich vom Amt aufgefordert nachzuweisen wann und wo und bei wem ich mich aufgehalten habe.
Sie glauben das gibt es nicht?
Doch , das Schreiben kann ich Ihnen gerne senden.
So etwas hat es weder bei Mielke noch bei Heidrich gegeben aber in der BRD gibt es so etwas.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 30. September 2018 11:53:24

... ach wissen Sie, es ist manchmal als Blogger sehr bequem "naiv" zu sein.

Frank Werner Veröffentlicht: 30. September 2018 11:59:04

@Hauke
Bleiben Sie bitte mal auf dem Teppich. Sie haben sicher eine Frist versäumt (Zahlungen oder ähnliches oder auf ein amtliches Schreiben nicht reagiert) etc. Dann ist das doch wohl völlig korrekt. Ansonsten interessiert sich niemand, ob Sie sich an der Ostsee aufhalten. Vergleiche mit Mielke oder gar Heidrich sind völlig inaktzeptabel.

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 1. Oktober 2018 19:21:12

"Jetzt wurde ich vom Amt aufgefordert nachzuweisen wann und wo und bei wem ich mich aufgehalten habe."
Sollten Sie neben Ihrem Wohnsitz in Deutschland noch einen Zweitwohnsitz im "Ausland" haben und auch als Rentner verpflichtet sein, Steuern zu zahlen, dann könnten Sie in die Boris-Becker-Falle getappt sein.
Andererseits ist es natürlich auch für die sogenannten deutschen "Sicherheitsbehörden" von enormen Nato-Interesse, wer nach Kaliningrad Verbindungen unterhält, so daß solche Aufforderungen einer anderen zivilen Behörde als Legende für eigentliche "Gespräche" interessierter in- und ausländischer Kreise sein könnten. Davor werden wohl alle Deutschen, die engere Beziehungen egal welcher Art zu KG haben, nicht gefeit sein, wenn irgendwelche "Gesprächsansätze" gefunden werden.

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