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Firmensterben in Kaliningrad oder Gogols tote Seelen

Mi, 08 Mai 2019 ... mit deutschem Akzent


Firmensterben in Kaliningrad oder Gogols tote Seelen
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation. Nur der Manuskripttext enthält nicht alle angebotenen Informationen, denn im Videobeitrag gibt es zusätzliche eingeblendete Text-, Grafik- und Fotoinformationen.

 

 

Einige Kaliningrader Medien berichten über ein Firmensterben in Kaliningrad und rufen damit beim Leser den Eindruck hervor, dass es im Kaliningrader Gebiet wirtschaftlich bergab geht. Wenn man jedoch diese Art Meldung kommentieren würde, käme der Leser zu der Überzeugung, dass Gogols Buch „Tote Seelen“ wohl in Kaliningrad geschrieben worden ist.

So informiert das liberale Informationsportal „newkaliningrad“, bekannt für seine ausgeprägte regierungskritische Einstellung, dass im ersten Quartal 2019 die Zahl Firmen-Neuregistrierungen nur ein Viertel der Anzahl der Firmen beträgt, die liquidiert worden sind – also: es gab 414 Neuzulassungen und 1.797 Firmen wurden liquidiert. Dann wird noch weiter kommentiert, in welchen Wirtschaftsbereichen diese Firmen liquidiert worden sind. Weiteres erfährt der Leser nicht.

Wenn man dann versucht, diese Zahlen zu hinterfragen, so stellt man fest, dass das Informationsportal „newkaliningrad“ völlig richtige Zahlen gemeldet hat – man also dem Portal eigentlich gar keinen Vorwurf machen kann. Aber der Leser wird mit diesen Informationen alleine gelassen – ein etwas untypisches Verhalten, wenn man sich andere Beiträge dieses Portals anschaut, wo kräftig kommentiert und interpretiert wird.

Aber „Kaliningrad-Domizil“ hat sich mal dieser Zahlen angenommen und die Entwicklung der Anzahl der Firmen im Kaliningrader Gebiet seit 2012 analysiert.

So sehen wir eine durchaus positive Entwicklung. In den Jahren 2012 – 2017 gab es ein kontinuierliches Anwachsen der Firmen – also in einer Zeit des wirtschaftlichen Stillstandes, wenn nicht gar des Rückgangs. Und es steht die Frage, warum Firmen gegründet werden, wenn es dann keine Entwicklung gibt – welchen Sinn macht dies?

Es macht natürlich gar keinen Sinn. Sinn macht es nur, wenn man weiß, dass es in Russland seit vielen Jahren Praxis ist, Firmen auf Vorrat zu gründen, die man mit Gewinn an diejenigen verkaufen kann, die es mit einer eigenen Firma sehr eilig haben und gerne ein wenig mehr Geld für eine schlüsselfertige Firma auf den Tisch packen.

Und ein weiterer Teil von Firmen wird gegründet als sogenannte „Ein-Tages-Firmen“, also ähnlich wie die „Ein-Tages-Fliegen“. Sie haben die Aufgabe eine Aufgabe zu erfüllen und sterben dann. In Deutschland würde man dazu vielleicht „Steueroptimierung“ sagen.

Eine dritte Art von Firmen sind die, die nur für die Erfüllung eines Auftrages, häufig eines Staatsauftrages, genutzt werden. Ist der Auftrag erledigt und der Staat oder ein anderer Auftraggeber hat bezahlt, meldet sich die Firma ab und bei „Pfusch am Bau“ ist niemand da, der zur Verantwortung gezogen werden kann.

Im Jahre 2017 traten einige neue gesetzliche Regelungen in Kraft, die es den Steuerbehörden ermöglichen, Firmen zu liquidieren, ohne ein Gerichtsverfahren durchzuführen. Um eine Firma zu schließen, müssen zwei Voraussetzungen vorliegen:

  1. Die Firma kommt ihren Pflichten zur Berichterstattung gegenüber der zuständigen Steuerinspektion nicht nach
  2. Führt keinerlei wirtschaftliche Tätigkeit durch – d.h. es gibt keinerlei Finanzbewegungen auf irgendeinem der angemeldeten Firmenkonten.

Kommentiert wird, dass eine Firma geschlossen wird, wenn es Geldbewegungen auf den Firmenkonten gibt, aber die Firma keine Steuererklärungen und sonstigen Berichterstattungen abgibt. Und umgekehrt – eine Firma wird geschlossen, wenn es keinerlei Finanzbewegungen auf den Firmenkonten gibt, aber die Firma eine „Null-Berichterstattung“ der Steuerinspektion übergibt.

Es handelt sich also um sogenannte Tote Seelen, bzw. Tote Firmen. Und die Kaliningrader Steuerbehörde hat einfach begonnen, die Sünden der Vergangenheit aufzuarbeiten und liquidiert jetzt alle diese Firmen, die nur auf dem Papier stehen und keinerlei Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung des Gebietes geleistet haben.

Weiterhin ist es so, dass bei jeder Firmenneugründung der Antragsteller, also der Firmeninhaber, persönlich zu einem Interview bei der Steuerbehörde zu erscheinen hat. Dort überzeugt man sich, ob die beantragte Firmengründung wirklich ein reales wirtschaftliches Ziel hat. Ist dem nicht so, gibt es keine Firmengründung.

Das hätte eigentlich, in Kurzfassung, das Informationsportal „newkaliningrad“ dem nichteingeweihten Leser mitteilen können. Zumindest für die deutschsprachigen Leser unseres Portals haben wir nun das mysteriöse Firmensterben in Kaliningrad erklärt und der deutsche Leser weiß, dass die Wirtschaft in Kaliningrad nicht den Bach runtergeht, sondern eher umgekehrt.

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