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Germanisierung von Fahrzeugen in Russland

Mi, 26 Sep 2018 ... mit deutschem Akzent


Germanisierung von Fahrzeugen in Russland
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation.

 

Allgemein ist bekannt, dass es in Kaliningrad fast nur ausländische PKW gibt. Es ist ein Ereignis, wenn man mal einen Lada oder Wolga sieht, von einem alten Moskwitsch mal ganz zu schweigen.

 

Dieses Missverhältnis, im Vergleich zu anderen russischen Städten im Mutterland, ist historisch bedingt, denn viele Jahre konnten in das Kaliningrader Gebiet Gebrauchtfahrzeuge zoll- und steuerfrei eingeführt werden. Diese Zeiten sind lange vorbei, aber wer einmal einen „Ausländer“ gefahren hat, wird dies auch weiterhin tun – koste es, was es wolle.

Aber wenn wir über die Germanisierung von Fahrzeugen in Russland, und hier speziell in Kaliningrad sprechen, so ist nicht dieser Umstand gemeint. Gemeint ist die Sitte, Halterungen für das polizeiliche Kennzeichnen zu nutzen, die die Aufschrift „Königsberg“ tragen.

Am Montag dieser Woche tauchte dann im Internet ein Foto auf, welches ein Fahrzeug mit einem derartigen Kennzeichen-Rahmen zeigte. Eigentlich nichts Besonderes, wenn dieses Kennzeichen nicht rot, mit weißer Schrift gewesen wäre.

Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Germanisierungswächter. Diese stellten fest, dass es sich um ein Fahrzeug des litauischen Generalkonsulats handelt. Ein litauischer Diplomat fährt also mit einem Fahrzeug in Kaliningrad und macht Reklame für Königsberg. Logisch, dass im Internet die Frage aufgeworfen wurde, ob es denn auch russischen Diplomaten in Litauen gestattet wird, ihre Kfz.-Kennzeichen mit „Memel“-Rahmen (an Stelle von Kleipeda) auszustatten.

Und da ich am Dienstag in der Stadt zu tun hatte, dachte ich mir, dass ich mal beim litauischen Generalkonsulat vorbeischaue um zu sehen, ob noch mehr Diplomaten sich mit „Königsberg“ identifizieren – aber es scheint wohl nicht der Fall zu sein. Alle anderen Diplomatenfahrzeuge waren diplomatischer.

Und bei der Gelegenheit erinnerte ich mich an andere Diskussionen im Internet, insbesondere in einigen deutschsprachigen Facebook-Gruppen, wo immer wieder erinnert wird, dass ein Großteil der Kaliningrader für eine Umbenennung der Stadt ist. Woher die dortigen Diskutierer dies wissen – ich habe keine Ahnung, denn ich kann es nicht glauben, dass diese Deutschen hier in Kaliningrad eine repräsentative Umfrage gemacht haben, um zu dieser Überzeugung zu gelangen.

Aber als ein Argument, dass die Mehrzahl der Kaliningrader gerne Königsberger sein wollen, werden eben diese Fahrzeugkennzeichen angeführt. Auch hier wird immer wieder behauptet, dass an einem Großteil der Kaliningrader Fahrzeuge die Kennzeichnung „Königsberg“ prangt.

Und da dachte ich mir, wenn ich sowieso unterwegs bin, warum denn nicht mal die Fahrzeuge zählen, die mit so einem „Königsberg“-Kennzeichen fahren.

Und so habe ich mir acht Parkplätze in der Stadt gesucht, wo ausreichend viele Fahrzeuge parken, habe die Gesamtzahl gezählt und die Fahrzeuge mit „Königsberg“-Kennzeichen. Und ich bin zu einem interessanten Ergebnis gekommen.

Auf dem Parkplatz beim Fitnessclub „Albatros“ im Norden der Stadt, standen 69 Fahrzeuge, davon zwei mit „Königsberg“-Kennzeichen.

Auf einem Privatparkplatz vor einem Wohnkomplex in der Gaidarastraße standen 73 Fahrzeuge. Davon kein einziges mit „Königsberg“-Kennzeichen.

Vor dem Supermarkt Viktoria in der Gorki-Straße habe ich 127 Fahrzeuge gezählt, davon 5 mit „Königsberg“-Kennzeichen.

Vor dem neuen Handelskomplex „Baltiskaja Galereja“ im Wohngebiet „Selma“ standen 76 Fahrzeuge, fünf mit „Königsberg“-Kennzeichen.

Vor dem Bauzenter im Wohngebiet „Selma“ habe ich 191 Fahrzeuge gezählt, davon sieben mit „Königsberg“-Kennzeichen.

Auf dem großen Parkplatz vor dem Neumarkt im Stadtteil „Selma“ standen 155 Fahrzeuge, fünf davon mit „Königsberg“-Kennzeichen.

Auf dem kleinen Parkplatz vor dem Wrangel-Turm im Stadtzentrum habe ich 24 Fahrzeuge gezählt, davon zwei mit „Königsberg“-Kennzeichen.

Und die Baranow-Straße im Stadtzentrum war mit 98 geparkten Fahrzeugen ergiebig. Hier hatten sich sieben Fahrzeuge mit dem „Königsberg“-Kennzeichen geschmückt.

Rechnen wir alle Fahrzeuge zusammen, so kommen wir auf 813 Fahrzeuge, davon 33 mit Königsberg-Kennzeichen. Und wenn ich die Prozenttaste auf meinem Taschenrechner richtig bedient habe, so sind dies vier Prozent.

Vier Prozent Zinsen auf eine Geldanlage bei einer russischen Bank sind sehr sehr viel. Vier Prozent, die ein „Königsberg“-Kennzeichen tragen sind nicht sehr viel und schon gar nicht die Mehrheit.

Und wenn jemand argumentiert, dass es auch noch eine schweigende Mehrheit gibt, die sich nicht trauen „Königsberg“-Kennzeichen an ihren Fahrzeugen zu befestigen, so kann ich das nächste Mal eine Zählung derjenigen vornehmen, die an ihren Fahrzeugkennzeichen patriotische Aufschriften tragen – also solche wie „Russland“, „UdSSR“, „Kaliningrad“.

Um zusammenzufassen. Natürlich gibt es nicht wenige in Kaliningrad, die lieber gestern als morgen die Stadt umbenennen wollen. Und es gibt sicherlich auch einige, die lieber heute als morgen die deutsche Flagge, zumindest aber den Preußenadler am Hanseplatz 1 hissen wollen. Aber – um die Kirche im Dorf und die Russen in Kaliningrad zu lassen – es sind nicht eine große Mehrheit, sondern eine kleine Minderheit.

Gerne lasse ich mich durch andere Fakten und beweisbelastbare Informationen eines Besseren belehren.

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Deutsches, Diplomaten, Germanisierung, Litauen

   Kommentare ( 7 )

Hauke Veröffentlicht: 26. September 2018 12:38:44

Eine Germanisierung , so glaube ich gibt es nicht.
Aber ich glaube dass es viele Menschen im Gebiet gibt die ein bisschen mit Wehmut oder Stolz auf die Vergangenheit ihrer Region zurück schauen.
Das haben mir gerade wieder einige Filmbeiträge auf YouTube , von Kaliningrader gezeigt.
Ob nun Kaliningrad, Kaliningrad oder Königsberg oder Aistenberg oder sonst wie heißen soll,
das müssen doch die Menschen endscheiden die dort leben.
Wer aber war dieser Kalinin?
Es war doch wohl einer der Übelsten Steigbügelhalter von Stalin, der sogar seine Frau ins Gefängnis gebracht hatte.
Das Stalin noch heute von vielen Russen verehrt wird ist für mich unbegreiflich.
Für mich stellt sich diese Verehrung gleich da, als würden wir Deutschen Hitler verehren.
Und der wird ja wohl nicht verehrt.

boromeus Veröffentlicht: 26. September 2018 16:32:18

@Hauke.Da haben Sie in ein Wespennest gestochen.Diese Dinge hört man aber gar nicht gerne in KGD!Den Vergleich,ist durchaus berechtigt aus deutscher Sicht.In KGD verehrt man heute noch Stalin als grossen Führer und Landeslenker.Wen interessieren da schon die paar die Unwilligen,die dabei durch sein Raster fielen.Ein absolutes Nogo,wenn ein Deutscher öffentlich so etwas über den Sohn Alois Schickelgrubers verbreiten würde.Man glaubt heute noch in KGD,dass man deutsche Historie totschweigen kann,in dem man 764 Jahre Geschichte einfach ausradiert hat.Der heutige Stadtname ist der eines Stalingünstlings dessen Name schon sehr früh durch Josef aus allen Rollen und Schriften getilgt wurde.Königsberg ist auch schlecht,der erinnert ja an die "Stummen " wie der Russe sagt.Wenn ein paar Menschen ihre Freude an derartigen Kennzeichenhalter haben,Боже мой.Königsberg für mich ein Name ,der in der Welt bekannt ist.Kaliningrad??Was oder wer ist Kaliningrad ?Stadtname eines in Ungnade gefallenen..

Herr Hoffmann Veröffentlicht: 26. September 2018 18:10:50

... ich bin da eigentlich komplett leidenschaftslos.
Ostpreussen ist mit Königsberg wie Pommern und Schlesien passé, Kaliningrad kommt mir zwar auch schwer über die Zunge aber nun ja, man gewöhnt sich an alles.
Sollen die Russen selber entscheiden und es benennen, wie es ihnen beliebt - Ist doch jetzt ihr Land.

Hauke Veröffentlicht: 26. September 2018 19:23:47

boromeus: es ist mir egal ob ich in ein Wespennest gestochen habe.
Wie soll es denn eine ernsthafte und wirkliche Aussöhnung bzw. Versöhnung geben wenn nicht die ganz Wahrheit auf dem Tisch kommt?
Ich bin jahrelang belogen worden , Heute lass ich mich nicht mehr belügen.
Auch wenn es einigen nicht passt.

Hauke Veröffentlicht: 26. September 2018 19:38:59

Herr Hoffmann: Wer sagt denn das Pommern, Sie meinten sicher Hinterpommern und der Großteil von Schlesien passe sind und wo steht das?
Lesen Sie doch mal im Potsdamer Abkommen nach.
Bei Ostpreußen ist das etwas anders.
Kohl und Genscher wussten warum sie auf das Gebiet verzichteten obwohl es ihnen Gorbatschow angeboten hatte.
Denn dann hätte es wieder einen Korridor gegeben.
Und was das bedeutet hätte spürt ja Russland jeden Tag.
Deutschland musste diese Erfahrung von 1919 bis 39 machen.

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 26. September 2018 21:42:12

Ich finde, daß das eine sinnlose Diskussion ist. Wer soll sich denn mit wem aussöhnen? Dieses Ostpreußen ist wie auch andere ehemalige deutsche Gebiete für Deutschland verloren. Ich will hier keine Schulddiskussion eröffnen. Das führt auch zu nichts, weil es ja seit einiger Zeit ernsthafte Bestrebungen gibt, die Geschichte nach den verschiedensten Richtungen umzudeuten. Es soll doch keiner glauben, daß weder Polen, noch Rußland noch Litauen das zerstückelte Ostpreußen wieder an das (Rest)- Deutschland zurück geben werden. Putin hat zu Recht davor gewarnt, diese Büchse der Pandora zu öffnen. Wie groß würde dann Polen sein, wie groß Litauen? Wie groß die Ukraine und wie groß Italien? Denn Fakt ist doch, daß dann jedes Land, welches Gebiete sich mal zugeschlagen hat und dieses wieder abgeben soll, Forderungen nach diesen Gebieten stellen wird, die es einmal besessen hat.
Also schaltet die Hirne ein und denkt mal weiter.

ru-moto Veröffentlicht: 27. September 2018 11:34:51

@ Радебергер: "Also schaltet die Hirne ein und denkt mal weiter." Teil eines sehr guten Textes, aber leider nur ein frommer Wunsch!

So lange in Deutschland und Kaliningrad noch welche stolz in T-Shirts mit US-Flagge-Motiv herumlaufen, werden auch diese "Königsberger" Geschichte nicht begreifen können/wollen, geschweige daraus lernen.

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