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Gogols tote Seelen leben im modernen Russland weiter

Fr, 08 Sep 2017 ... mit deutschem Akzent


Gogols tote Seelen leben im modernen Russland weiter

Im Jahre 1842 veröffentlichte Gogol den ersten Band einer ehemals als Trilogie geplanten Ausgabe zu den „Toten Seelen“ in Russland. 175 Jahre nach der Veröffentlichung erweist sich, dass die „Toten Seelen“ immer noch im modernen Russland leben.

Die populäre russische Zeitung „Kommersant“ veröffentlichte Anfang September einen Artikel zu den modernen „Toten Seelen“ in Russland, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Übersetzt, ein wenig stilistisch bearbeitet, biete ich Ihnen Informationen, die einem Westeuropäer vor Staunen den Mund offenstehen lassen – zu den ungeahnten Möglichkeiten des Geldverdienens in Russland.

Verfasser des Artikels ist Pawel Worobjow, Vorsitzender der Moskauer städtischen wissenschaftlichen Gesellschaft der Therapeuten.

Im zaristischen Russland, zu Zeiten der Leibeigenschaft, hatte man gelernt, wie man mit verstorbenen Leibeigenen noch Geld verdienen konnte. Das System wurde bis zur Perfektion ausgearbeitet. Der russische Staat verfügte damals noch nicht über Computer, Telefon, Autos und sonstigen technischen SchnickSchnack und hatte somit auch keine Übersicht über „die Lebenden und die Toten“, was sich die nachgeordneten Beamten, aber auch Bürger zunutze machten, um Geld zu verdienen.

Heute verfügt der russische Staat über alle Mittel der modernen Technik, aber wenn man den Artikel liest, kommt man zu dem Eindruck, als ob der Staat trotzdem keine Übersicht über „die Lebenden und die Toten“ hat.

Der Verfasser des Beitrages bereiste über mehrere Jahre das moderne Russland und machte sich auf die Suche nach „Toten Seelen“ und er fand sie.

Erstmals stieß er mit diesem Thema der „Toten Seelen“ vor acht oder neun Jahren zusammen. Er fand im Internet Informationen über „ewige Alte“ in weit entfernten Gegenden im Gebiet Irkutsk, wo angeblich die Einheimischen nicht sterben. In Wirklichkeit war es aber so, dass die Verstorbenen, rein bürokratisch, nicht in den Todeszustand versetzt worden sind. Und so kam es, dass die Verstorbenen, wie zu Gogols Zeiten, einfach weiterlebten – zumindest auf einigen staatlichen Dokumenten. Aber warum lässt man die Toten weiterleben?

Es gibt zwei Gründe.

  1. Die Registrierung eines Todesfalles in einer großen Stadt verursacht Kosten, Mühe und einen gewissen Zeitaufwand, ist aber an sich nicht kompliziert. Es gibt eine organisierte Infrastruktur für diese Fälle des Lebens, oder besser: des Sterbens. Aber in einem provinziellen Städtchen oder einem Dorf, weit ab von jeglicher normalen Zivilisation, wo es keine Ärzte, keine Krankenschwestern oder anderes qualifiziertes ärztliches Personal gibt, ist die Registrierung eines Todesfalles eine fast unlösbare Aufgabe. Um den Tod offiziell festzustellen ist ein Arzt unabdingbare Voraussetzung. Nur er stellt den Totenschein aus. Aber wenn es keinen Arzt gibt, so bleibt nur die Möglichkeit, mit dem Toten zusammen in die nächstgelegene Stadt zu fahren, wo es einen Arzt gibt. Wenn wir an die Bedingungen in Sibirien oder dem Fernen Osten denken, so ist der Begriff „nächstgelegend“, relativ und kann manchmal hunderte von Kilometern betragen, dazu noch häufig ohne Straßenverbindung. Vielleicht muss man einen Fluss überwinden oder sogar mit einem Hubschrauber fliegen. Dafür braucht man Geld. Aber nicht jeder Fahrer eines Fahrzeuges, nicht jeder Kapitän eines Schiffes, nicht jeder Pilot eines Hubschraubers ist bereit, einen Toten an Bord zu nehmen. Aber wenn er sich einverstanden erklärt, so wird dies ein teures Unterfangen. Umgekehrt aber, einen Arzt aus der nächstgelegenen Stadt zu dem Toten zu bringen, wird auch nicht viel billiger. Was muss man also tun? Tja, am besten gar nichts. Man beantragt keinen Totenschein, informiert nicht über den Toten und beerdigt ihn in aller Stille. An sich lohnt es sich nicht über derartige Dinge zu sprechen, wenn es sich nur um ein paar dutzend solcher Orte in unserem großen Land handeln würde. Aber Russland verfügt über ungefähr 50.000 solcher Orte, wo nicht ein einziger medizinischer Mitarbeiter, egal welcher Qualifikation, anwesend ist, der einen Todesfall dokumentieren könnte.
  2. Der zweite Grund hat sich seit den Zeiten Gogols nicht verändert, denn die „Teuren Toten“ erweisen sich in der Tat als „teuer“, als „wertvoll“, denn man kann auch weiterhin für diese Toten Geld erhalten – z.B. die Rente. Aber auch andere Gelder können fließen. Die Anzahl derjenigen, die daran interessiert sind, dass der Staat die Zahlung verschiedener Gelder fortsetzt, ist nicht gerade klein. Seit Gogols Zeiten hat sich in der bürokratischen Welt wenig verändert. Auch in unserer umweltgeplagten Gegenwart braucht man eine Basis zur Berechnung von Sozial- und Rentenzahlungen. Je mehr „Seelen“ in einem Gebiet leben, desto mehr Geld stellt das föderale Finanzsäckel für die Versorgung der Anspruchsberechtigten im Gebiet, im Kreis, in jeder Kommune zur Verfügung.

Das Schema ist einfach. Der föderale Fond für die Krankenpflichtversicherung akkumuliert die finanziellen Mittel, die die Arbeitgeber für ihre Mitarbeiter überweisen (in Russland zahlt der Arbeitgeber die Sozialbeiträge im vollen Umfang für seine Mitarbeiter). Diese Gelder fließen dann, unter Beachtung der Bevölkerungsanzahl, in die Gebiete zurück. Diese teilen sie auf die Kreise, wiederum unter Beachtung der Bevölkerungsdichte, auf und diese wiederum auf die Krankenhäuser, Polikliniken und anderen medizinischen Einrichtungen, die ebenfalls das Geld in dem Umfang erhalten, wie in ihren Einrichtungen Patienten registriert sind. Das ganze System funktioniert auf der Basis der „Seelen“, also wieviel Personen statistisch erfasst sind. In den staatlichen Dokumenten findet man immer wieder die Formulierung „Pro-Kopf-Finanzierung“ (in Russisch wird formuliert: Pro-Seelen-Finanzierung). Ein Teil dieser Gelder fließt dann in die Taschen von Privatfirmen, die sich im Gesundheitswesen engagieren. Wir sprechen hier über Milliarden von Rubeln. Und gerade diese Firmen sind natürlich daran interessiert, dass möglichst viele dieser „Seelen“ existieren, egal ob sie real existieren oder schon tot, aber nicht tot gemeldet sind. Und den Firmen ist es egal, dass defacto eigentlich Tote gezählt werden. Wichtig ist, dass die Toten als lebend gelten. Paradox ist wohl dabei auch noch, dass diese „Pro-Seelen-Finanzierung“ auch angewandt wird, um den Beamten im Gesundheitswesen ihr Geld zu bezahlen.

Was die Rentenzahlungen anbelangt, so ist das Ganze noch einfacher. Die moderne Technik ermöglicht es, die Rente auf verschiedene Weise zu überweisen: Auf das Sparbuch oder auf eine Kreditkarte. Nur einmal, ganz zu Anfang bei Eintritt in die Rente mit 55 für die Frau, mit 60 für den Mann, ist es erforderlich, die Rente zu beantragen. Danach erfolgt nie wieder eine Prüfung, ob der Anspruchsberechtigte für diese Rente auch immer noch anspruchsberechtigt ist – sprich, ob er lebt. Nur derjenige Rentner, der seinen Wohnsitz ins Ausland verlegt und dorthin seine Rente haben möchte, muss sich nochmal mit einem Antrag extra an die Rentenzahlstelle wenden. Ich, so der Verfasser des Artikels in „Kommersant“, war selber Zeuge eines Vorgangs, wo ein Rentner seinen Sohn in den USA für ein paar Tage besuchen wollte. Aber er verstarb dort. Und der Sohn unternahm nichts, sondern ließ sich weiterhin die Rente seines Vaters ausbezahlen.  

Es ist sehr schwer, auch im modernen Russland, bis in den letzten Bärenwinkel zu gelangen. Das Land ist riesig und irgendwelche Leute, die eine Volkszählung durchführen oder die als Wahlbeobachter fungieren, haben keine Lust, in solche Ecken zu fahren. Nicht selten ist es auch so, dass örtliche Beamte, die Dinge feststellen könnten, gemeinsam mit denen zusammenarbeiten, die eben bestimmte Fakten verschweigen wollen, denn für sie ist es von Vorteil, wenn in Wähler- und Krankenhauslisten viel Bewegung ist und notfalls werden eben auch Unterschriften gefälscht.

Nun könnte man behaupten, dass das alles ausgedacht ist, aber es gibt Fakten, die beweisen, dass dem nicht so ist. Vor einiger Zeit wurde es der Bevölkerung ermöglicht, in ihre eigene Krankenakte, die in den medizinischen Einrichtungen liegt, Einblick zu nehmen. Und im Ergebnis dessen haben viele Bürger erfahren, dass sie regelmäßig zur Behandlung gehen, eigentlich krank sind, eine Gesundheitstherapie gemacht und Impfungen bekommen haben. Das Problem ist nur, dass sich die Bürger nicht daran erinnern können. Ich habe mit vielen Ärzten und Krankenschwestern in den Regionen Russlands gesprochen, so der Autor, und kam zu dem Schluss, dass bis zu 80 Prozent der erwiesenen medizinischen ambulanten Hilfe einfach nur auf dem Papier erfolgte. Wenn man so will, sind dies auch sogenannte „Tote Seelen“ aber eben in einem etwas anderen Sinne, denn es geht um lebende Personen, deren Phantasie nicht ausreicht sich vorzustellen, welche medizinische Hilfe sie auf dem Papier schon erhalten haben. Nehmen wir noch ein anderes aktuelles Beispiel aus dem vergangenen Jahr, als in der Hauptstadt eine Impfaktion gegen die Grippe in den Metro-Stationen lief. Eine unvorstellbar große Möglichkeit Millionen von Rubeln abzuschreiben, denn kein Mensch kann prüfen, wer welche Spritze erhalten hat.

Es gibt aber auch Situationen, wo Krankenkarten in der Poliklinik bleiben, trotzdem der Patient umgezogen ist. Und diese Karten werden weitergeführt und sollen Aktivitäten beweisen, obwohl der Patient längst nicht mehr vor Ort ist.

Woher kommt es also, dass in Regionen in Sibirien oder des Fernen Ostens, wo es ein ausgesprochen niedriges Niveau der medizinischen Versorgung gibt, auch ausgesprochen niedrige Sterbequoten existieren? Die Vermutung liegt nahe, dass irgendein Beamter einfach nur mit statistischen Zahlen jongliert und niemand kann ihm das jemals beweisen. Aber es ist nicht ganz so, denn in diesen Vorgängen sind Versicherungsgesellschaften eingebunden und es gibt natürlich trotzdem irgendwo weitere Unterlagen, die die Wahrheit beweisen könnten. Ein Chefarzt aus einem Kreiskrankenhaus, in einem weit entfernten Ort, hat eine Reihe von derartigen traurigen Geschichten erzählt und zugegeben, dass ungefähr 30 Prozent aller Kranken in seinem Kreis „Tote Seelen“ sind. Und es stellte sich heraus, dass auch die örtliche staatliche Verwaltung über all dies im Bilde ist.

Es gibt noch ein weiteres Schema, wie man aus lebenden Seelen, „Tote Seelen“ machen kann. In weit entfernten Regionen werden staatliche Förderprogramme umgesetzt. Dort werden Leute in Regionen umgesiedelt, die klimatisch besser sind. Sie kommen aus Orten, wo niemals irgendetwas Wertvolles gefördert oder abgebaut wurde, also Kohle, Erdöl oder ähnliches. Ganze solcher Dörfer werden einfach nur deshalb umgesiedelt, damit den Bürgern ein besseres Leben geboten werden kann. Interessant dabei ist, dass kurz vor Beginn der Umsiedlung die Anzahl der Bewohner in diesen Dörfern sprunghaft anwächst. Und alle diese Dorfbewohner, egal ob alteingesessene oder Neubürger dieser Dörfer, wollen natürlich am neuen Ort mit Wohnraum versorgt werden und wollen Startgelder kassieren, so wie die staatlichen Förderprogramme es denjenigen versprechen, die umsiedeln. Derartige Fälle aufzudecken ist nicht ganz einfach.

Man soll jetzt aber nicht glauben, dass die modernen russischen Beamten das Fahrrad neu erfunden haben. Schon in den sowjetischen Jahren gab es Manipulationen. Wenn ein Kranker lange im Krankenhaus gelegen ist, so wurde er auf dem Papier entlassen und wenige Stunden später wieder stationär aufgenommen. Alles passierte innerhalb eines Tages. Somit hatte man zwei Kranke, anstelle von einem Kranken, behandelt. Ein hervorragendes Mittel, die Statistik in vielen Einzelpunkten zu beleben. Und da die Statistik positive Tendenzen aufzeigte, gab es für die Mitarbeiter der medizinischen Einrichtung Prämien.

Übrigens, „Tote Seelen“ gibt es nicht nur unter Kranken und Rentnern. Nein, es gibt sie auch unter Schülern. Der Autor des Artikels hat mehrere Lehrer in verschiedenen Schulen befragt und kam zu dem Schluss, dass 10 – 30 Prozent aller Schüler in den Schulen „Tote Seelen“ sind. Natürlich funktioniert dieses System nicht in allen Städten und schon gar nicht in Großstädten, aber es gibt dieses System und es funktioniert. Kein Lehrer wird einem offiziellen Inspektor bestätigen, dass es in der Schule „Tote Seelen“ gibt, aber in inoffiziellen privaten Gesprächen kann man die Bestätigung hierfür erhalten.

Die Zahlen zu den „Toten Seelen“ schwanken natürlich zwischen den Regionen und zwischen den Städten und Dörfern. Irgendwo sind es 10 Prozent, irgendwo anders einige dutzend Prozent. Gewissheit kann nur eine totale Revision des gesamten staatlichen Sektors bringen. Aber lohnt es sich, auf eine solche Revision zu hoffen? Diese Frage ist rein rhetorisch. Die „Toten Seelen“ feiern in diesem Jahr ihr Jubiläum und wir stellen fest, dass das Thema heute noch genauso aktuell ist, wie es vor 175 Jahren war.

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