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Gummi-Wohnungen – ein rein russisches Geschäftsmodell

Mo, 06 Jan 2014 ... mit deutschem Akzent


Gummi-Wohnungen – ein rein russisches Geschäftsmodell

Man kennt Wohnungen aus Ziegelsteinen, aus Holz, aus Lehm, aus Beton, ja sogar aus Platten – aber Wohnungen aus Gummi? Auch die gibt es, allerdings wohl nur in Russland oder auch noch in anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Putin hat nun zum Jahresende ein Gesetz unterschrieben, welches vermutlich in der Praxis die Existenz dieser „Gummiwohnungen“ beendet. Wer sich dennoch mit diesem „Geschäftsmodell“ beschäftigen will und kein Schlupfloch im neuen Gesetz findet oder keinen anderen listigen Ausweg aus dieser neuen Situation, der muss zukünftig mit drastischen Strafen rechnen. Um was geht es eigentlich?

In Russland herrscht, wie eigentlich in allen zivilisierten Ländern, Meldepflicht für seine Bürger und die Menschen, die sich in Russland aufhalten. Natürlich kann man versuchen, sich nicht zu registrieren. Für Ausländer, die sich nicht ab dem neunten Kalendertag registrieren, kann dies vielleicht zu einem zukünftigen Einreiseverbot führen. Für Russen führt die Nichtregistrierung zu einer Verwaltungsstrafe, genau wie auch in Deutschland. Aber es gibt für Russen noch ein paar andere Nachteile.

Ohne Registrierung kann man keinen Arbeitsvertrag abschließen, kein Bankkonto eröffnen, keinen Kredit aufnehmen, kein Auto anmelden, keinen Handy-Vertrag unterschreiben – also die vielen kleinen tausend Dinge des täglichen Lebens. An sich ist das wohl auch in Deutschland so – man braucht eine Adresse, ohne dem läuft nichts. Ist ein Russe aber an einem anderen Ort bereits gemeldet und er befindet sich nur zeitweilig in Kaliningrad, so ist das wiederum ein ganz anderes Thema, welches unsere heutige Thematik nicht betrifft.

Wir reden heute über Russen und Nichtrussen, Residenten und Nichtresidenten die sich an irgendeinem Ort in Russland aufhalten weil sie dort leben und arbeiten wollen. Um leben und arbeiten zu können benötigen sie eine Registrierung, also eine konkrete Adresse. Also benötigt man eine Wohnung, die man auch findet. Aber der Vermieter ist nicht bereit, seine Mieter auch zu registrieren. Zum einen verursacht dies ein wenig Bürokratie und Zeitaufwand und zum anderen befürchten die Vermieter, dass der Staat über die Vermietung Kenntnis erhält. Und da 90 Prozent aller Vermieter in Russland schwarz vermieten und keine Steuern zahlen wollen, sind sie nicht bereit ihre Mieter zu registrieren. Der gesetzestreue Deutsche würde nun sagen, dass der Vermieter doch die Steuern in seiner Miete mit einkalkulieren soll und schon wäre das Problem erledigt. Ja, das ist richtig und wenn alle Vermieter dies so tun würden, dann wäre das Problem auch erledigt. Aber da es nicht alle Vermieter tun, verschaffen sich die Nichtsteuerzahler einen „Wettbewerbsvorteil“ – die Miete ist um 13 Prozent niedriger als beim ehrlichen Steuerzahler.

Da also der Vermieter nicht registriert, muss jemand anderes gefunden werden. Und hierfür hat sich ein ganzer Geschäftszweig in den letzten zwanzig Jahren in Russland entwickelt.

Für dieses Geschäft wird nicht viel benötigt. Irgendeine Wohnung, irgendeine Räumlichkeit die im russischen Grundbuchamt als Wohnimmobilie registriert ist. Man muss Eigentümer sein und man sollte Beziehungen zur Meldebehörde haben. Der „Zugereiste“ wendet sich an diese „Registrierer“. Es stellt überhaupt kein Problem dar, da diese Dienstleistungen ganz offen angeboten werden. Und unter dieser Adresse wird der Ausländer registriert.

Für eine zeitweilige Registrierung bis drei Monate werden durchschnittlich 50 Euro gefordert, für eine Jahresanmeldung bis zu 250 Euro.

Je mehr Leute sich unter der Adresse fiktiv registrieren lassen, umso vorteilhafter für den „Registrierungsvermieter“. Es ist überhaupt nicht selten, dass in einer Wohnung 500 Bürger registriert sind. In Moskau sind es sogar Tausende.

Nun machen wir mal eine kurze Wirtschaftsberechnung.

Wenn unsere Wohnungsverwaltung eine möblierte Ein-Raum-Wohnung vermietet, so kostet diese im Monat, incl. aller Nebenkosten 350 Euro. Nach Abzug aller Kosten verbleiben davon rund 170 Euro. Für diese 170 Euro sind wir natürlich jeden Tag verpflichtet auf alle Wünsche, Sorgen und Nöte des Mieters einzugehen und den notwendigen Voll-Vermieter-Service zu leisten. Falls keine Instandsetzungen für die Wohnung anfallen, haben wir zum Jahresende 2.000 Euro verdient.

Derjenige, der nur in seiner Wohnung registriert, hat keine realen Bewohner seiner Wohnung, hat keine Sorgen und Nöte der Mieter, er hat nur reinen Gewinn, da auch keine Kosten anfallen. Und Steuern zahlt er sowieso nicht, da er für die Registrierung natürlich keine Quittung ausstellt.

Gehen wir von nur 100 Jahresregistrierungen aus, so sind dies 25.000 Euro Reingewinn im Jahr. Aber in diesen Wohnungen werden 500, 1.000 und mehr Menschen registriert!

Während wir für die Amortisierung einer Immobilie, nach dem von uns verfolgten Geschäftsmodell, mindestens 15 Jahre benötigen, amortisiert sich das Geschäftsmodell der Gummiwohnungen bereits nach spätestens sechs Monaten, denn eine einfache Ein-Raum-Wohnung kostet 30.000 Euro. Bruchbuden, und mehr braucht man eigentlich nicht, kosten weniger.

Gummiwohnungen nennen sich also deshalb so, weil sie sich beliebig ausdehnen können. Und je fleißiger der „Vermieter-Registrierer“ ist, umso schöner sieht seine Bilanz zum Jahresende aus.

Um dieser Praxis ein Ende zu bereiten, hat der russische Präsident Putin nun ein Gesetz unterschrieben. Mit diesem Gesetz soll einerseits diese Art des Geldverdienens unterbunden werden und andererseits Ordnung in das Meldesystem in Russland einziehen.

Und da wir oben beschrieben haben, wie viel Geld man verdienen kann, kann man auch die Strafen verstehen, die das neue Gesetz jetzt vorsieht:

Für eine fiktive Registrierung eines ausländischen oder eines russischen Bürgers muss man mit Strafen zwischen 100.000 bis 500.000 Rubel (2.200 – 11.000 Euro) rechnen oder mit Zwangsarbeit bis zu drei Jahren oder mit Freiheitsentzug bis zu drei Jahren.
Russische Bürger, die ohne Registrierung in einer Wohnung wohnen, bezahlen Strafen bis zu 3.000 Rubel (67 Euro). Besitzer der Wohnungen zahlen Strafen bis 5.000 Rubel (111 Euro) und für juristische Personen sind Strafen bis zu 750.000 Rubel (16.700 Euro) vorgesehen.
Umfragen in Vorbereitung dieses neuen Gesetzes haben ergeben, dass die Mehrzahl der Russen der Meinung ist, dass die Mieten weiter wachsen und die Korruption sich auf diesem Gebiet entwickeln wird.
Natürlich ist klar, dass die Leute, die sich mit dem Geschäftsmodell „Gummiwohnungen“ beschäftigen, so schnell nicht auf dieses Geld verzichten wollen, denn wie sagt ein altes deutsches Sprichwort:

„Und ist das Geschäft auch noch so klein, bringt es mehr als die schwerste Arbeit ein.“

 

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