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Kaliningrad – Stadt der unbeantworteten Fragen

Mo, 17 Mär 2014 ... mit deutschem Akzent


Kaliningrad – Stadt der unbeantworteten Fragen

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert Kaliningrader wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

Kaliningrad – Stadt der unbeantworteten Fragen

Kaliningrad ist eine sich dynamisch entwickelnde Region/Stadt – so spricht man allgemein. Und die Vielzahl der Pläne und Vorhaben scheinen diese stereotype Redewendung zu bestätigen. Versuchen wir einmal diese ganzen Pläne und Vorhaben aufzuschlüsseln und dann auf ein paar Einzelfragen Antworten zu finden. Ich befürchte, dass danach Kaliningrad vielleicht die Stadt der unbeantworteten Fragen ist.  

Begründet wird die goldene Zukunft Kaliningrads hauptsächlich mit zwei Projekten:

  • der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 - Kaliningrad wird fünf Spiele austragen,
  • dem Projekt „Herz der Stadt“ – der touristenattraktive Umbau der Altstadt.

Das Ganze wird begleitet durch die Liquidierung der Sonderwirtschaftszone Kaliningrad im Jahre 2016, der Suche nach einer Alternative und einem „Plan für die strategische Entwicklung des Kaliningrader Gebietes“.

All diese Dinge werden nun seit rund zwei Jahren diskutiert – ja, diskutiert und in der Realität sehe ich nicht, dass etwas passiert. Aber selbst die theoretischen Vorarbeiten werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Werden wir konkret:

Kaliningrad sieht im Tourismus eine seiner Hauptentwicklungsrichtungen. Durch Spezialisten der Gebietsregierung wurden Berechnungen angestellt, wie viel Touristen denn zu uns kommen. Es wurde die Zahl sieben Millionen Touristen jährlich ab 2020 genannt. Dann wurde korrigiert auf vier Millionen, danach zwei Millionen und plötzlich wieder sieben Millionen. In verschiedenen Artikeln wurden Statistiken herangezogen um die Realität dieser Zahlen zu beweisen. Die sind mir zu kompliziert gewesen und ich habe einfach mal geschaut, wie viel Touristen denn andere Städte haben:

  • Berlin 11 Millionen
  • Hamburg 5 Millionen
  • München 6 Millionen
  • Moskau 5 Millionen
  • Wien 6 Millionen

Wir wollen also mehr Touristen für uns interessieren als Hamburg, München, Moskau und Wien? Das freut natürlich das Herz eines Kaliningrader Lokalpatrioten.

Meine Frage: Womit wollen wir diese sieben Millionen Touristen anlocken?

Natürlich mit dem Umbau der Stadt. Der soll so erfolgen, dass er ein wenig an die altdeutsche, ostpreußische architektonische Schönheit Königsbergs bis 1944 erinnert. Finde ich toll. Aber die mit diesem Umbau beschäftigten Kaliningrader Spezialisten haben vor ein paar Tagen informiert, dass die theoretischen Vorarbeiten hierzu im günstigsten Fall bis 2018 abgeschlossen sein werden und vielleicht (mit ein wenig Glück) die erste Baugrube ausgehoben wird. Aber an sich geht man davon aus, dass die Umsetzung des Projektes „Herz der Stadt“ 20 – 30 Jahre erfordert. Ich also werde das dann vermutlich schon nicht mehr erleben.

Meine Frage: Können wir mit einer „Baustelle“ sieben Millionen Touristen anlocken?

Damit so eine große Anzahl von Touristen zu uns kommen kann, benötigen wir sehr gut funktionierende Grenzübergänge. Die sind zum jetzigen Zeitpunkt verstopft mit Polen und Russen, die im kleinen visafreien Grenzverkehr sich gegenseitig besuchen. Ein Ausweg wäre ein gut funktionierender Airport. Der ging im Jahre 2013 an einen neuen Investor und der wollte bis Mitte 2014 diesen „Unvollendeten“ in einen der besten Airports Russlands umbauen. Dann wurde der Termin präzisiert auf Ende 2014, jetzt auf Ende 2015. Danach soll er eine Kapazität von drei Millionen Passagieren haben.

Meine Frage: Schaffen wir es wirklich bis Ende 2015, oder sollten wir nicht lieber 2016 annehmen?

Und noch eine Frage: Wie kommen die anderen vier Millionen Touristen nach Kaliningrad?

Ein großer Hoffnungsschimmer sind natürlich die Fußball-Weltmeisterschaften 2018. Der Sportminister der Russischen Föderation Witali Mutko hat mehrmals laut und unmissverständlich betont, dass die Spiele in Kaliningrad stattfinden werden. Das ist der politische Wille der Führung des Landes. Finde ich toll.

Nun benötigen wir hierzu ein neues Stadion. Dieses Stadion wird auf sehr komplizierten Sumpfbauland errichtet und hat aber ansonsten dieselben Parameter, wie das Olympiastadion in Sotchi – es soll eine Besucheranzahl von 45.000 fassen können. Im Internet steht geschrieben, dass Baubeginn für das Olympiastadion das Jahr 2007 war und die Fertigstellung 2013 – also sechs Jahre. Bis zur Fußball-Weltmeisterschaft sind es noch vier Jahre.

Meine Frage: Wir wollen also ein gleichartiges Stadion in zwei Drittel der Zeit bauen?

Das Stadion wird auf der sogenannten „Insel“ gebaut. Um die Logistik dorthin ordentlich zu organisieren, müssen drei Brücken gebaut und zwei existierende restauriert werden. Nun haben wir Erfahrungen in Kaliningrad sammeln können mit dem Bau der zweiten Hochbrücke. Ich glaube wir bauen schon zwei Jahre oder länger daran und sie ist noch nicht fertig.

Meine Frage: Und jetzt wollen wir gleich drei Brücken in vier Jahren schaffen?

Dann haben wir zwei international bekannte Gebäude in Kaliningrad. Das „Haus der Räte“ und die „Kreuz-Apotheke“. Seit Jahrzehnten gelingt es nicht mit diesen beiden Gebäuden irgendetwas zu machen, damit sie einer Nutzung zugeführt werden können. Wenn diese beiden Gebäude nicht bis 2018 zu den „Perlen der Stadt“ gehören (und nicht nur Fassadenpolitik betrieben wird), dann ziehen wir uns (ähnlich wie 2005 zum Stadtjubiläum) den Spott und die Häme der westlichen Welt auf uns, die natürlich, genau wie in Sotchi, bis in die Kloos abtauchen um uns zu beweisen, dass wir „unfähig“ sind.

Meine Frage: Wollen wir das? Und wie wollen wir in vier Jahren diese Gebäude herrichten, wenn noch nicht mal die Rechtsstreite entschieden sind, geschweige denn irgendwelche Nutzungsgedanken vorliegen?

Dann wurde im vergangenen Jahr von der Entwicklung des Bernsteinsektors gesprochen. Da hat sich nun wirklich in den letzten Monaten viel getan. Aber dies betrifft die Produktion und Distribution. In der ul. Portowaja Nr. 3 steht ein Gebäude. Es ist die ehemalige Königsberger Bernsteinmanufaktur und dieses Gebäude nimmt eine ähnliche Entwicklung die die „Kreuz-Apotheke“. Man will dieses Gebäude als Bernsteinmanufaktur wieder beleben und die theoretischen Gedanken hören sich gut an. Nur es tut sich nichts.

Meine Frage: Schaffen wir das bis 2018 hier die Bernsteinmanufaktur einzurichten oder verbleibt dieses Gebäude als „Fotomotiv der Lächerlichkeit“ für westliche, weniger gutmeinende Journalisten?

Vor vielen Jahren wurde davon gesprochen, dass in Russland das Glücksspiel abgeschafft wird und es insgesamt drei Zonen geben soll, in denen das Glücksspiel gestattet ist. Eine der Zonen ist Kaliningrad. Unglaublich viel wurde darüber geschrieben und es wurde vom „Las Vegas“ in Kaliningrad gesprochen. Heute spricht niemand mehr darüber, außer vor wenigen Tagen, als mal wieder geäußert wurde, dass der Gedanke belebt werden soll.“

Meine Frage: Wann wird der Gedanke belebt. Schaffen wir es bis 2018? Oder vielleicht doch wenigstens bis 2020?

Wenn wir die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 zu einem perfekten Erfolgserlebnis für alle machen wollen, dann benötigen wir einen super funktionierenden öffentlichen Nahverkehr. Den haben wir jetzt nicht. Es gibt kein optimales Streckennetz, es gibt nur schrottreife Technik, es gibt keine Fahrpläne. Eine weißrussische Firma hat sich zwei Jahre um die Erarbeitung eines Vorschlages bemüht. Ergebnis: Außer Spesen nichts gewesen. Wir haben noch nicht einmal ein einheitliches elektronisches Ticket – so wie es weltweit üblich ist. Seit über zwei Jahren wird von der Einführung gesprochen und nun glaubt man, dass es im Jahre 2015 dieses einheitliche elektronische Ticket geben wird. Finde ich toll. Leider gibt es aber auch Zweifler.

Meine Frage: Wie wollen wir den ganzen öffentlichen Nahverkehr auf Weltniveau bringen, wenn wir es noch nicht einmal schaffen im Verlaufe von vier Jahren ein Einheitsticket einzuführen?

Damit wir uns hübsch und ordentlich unseren Gästen zeigen ist es auch notwendig sich mit den Fassaden der Häuser zu beschäftigen, die uns die Architektur der 60er bis 80er Jahre hinterlassen hat. Im Jahre 2005 haben wir es geschafft, die vorderen Fassaden der Häuser nett anzustreichen, die in der ul. Newskaja stehen. Das ist die Straße, die unsere Gäste zuerst sehen, wenn sie vom Airport kommen und ins Zentrum wollen. Es ist nicht mehr viel vom damaligen Fassadenanstrich zu sehen und es gibt noch viele andere Straßen in zentraler Lage, wo die Besucher der Weltmeisterschaft hinschauen und nach „interessanten“ Fotomotiven suchen.

Meine Frage: Wann sollen all diese Fassaden schöner gestaltet werden und wer bezahlt das alles, wenn man sich bis zum heutigen Tag nicht einigen kann über das neue Gesetz zur Hauptinstandsetzung gerade dieser Gebäude?

Wir haben in der Stadt und der unmittelbaren Umgebung eine Vielzahl interessanter Gebäude aus deutschen Zeiten. Dies beginnt bei den Festungsanlagen, geht über die alten Stadttore und endet letztendlich bei den vielen altdeutschen Villen die noch reichlich vorhanden sind. Die altdeutschen Villen befinden sich häufig in Privatbesitz, aber einiges ist auch noch „Volkseigentum“, wie z.B. die beiden Villen in der Thälmannstraße, die wohl der Ostseeflotte gehören sollen und den gleichen Zustand aufweisen wie die „Kreuz-Apotheke“. Die gesamten Festungsanlagen befinden sich in einem Zustand, dass es sich für mich nicht lohnt dort Gäste hinzuführen.

Meine Frage: Warum macht man da nichts? Das ist doch das, was die Touristen interessiert!

Wenn Kaliningrad von sieben Millionen Touristen in seiner Planung ausgeht, dann ist diese Zahl natürlich auch die Grundlage für alle weiteren finanziellen Berechnungen, wie z.B. die Einnahmen aus Steuern. Und auf diese Einnahmeprognosen baut man dann die weiteren Pläne auf. Aber wenn nun keine sieben Millionen Touristen kommen? Dann gibt es auch weniger Einnahmen und dann können geplante Aufgaben nicht erfüllt werden.

Meine Frage: Gibt dann irgendjemand anderes das fehlende Geld?

Wenn ich mir ein wenig mehr Mühe gebe, schaffe ich es bequem noch weitere 100 Fragen zu stellen. Aber ich habe Angst. Meine Angst begründet sich darin, dass wir immer den Mund zu voll nehmen, Erfolge melden, die erst eintreten sollen und wir uns vielleicht im Jahre 2018 mit einer halbfertigen Stadt blamieren.

Wenig hilfreich ist – und da muss ich dem Kaliningrader Bürgermeister Recht geben – die politische Mobbingsituation in Kaliningrad, gerichtet gegen den Gouverneur Nikolai Zukanov und gegen den Bürgermeister Alexander Jaroschuk. Die seit drei Jahren umlaufenden Gerüchte über die politische Zukunft von politischen Entscheidungsträgern hemmt die Entwicklung Kaliningrads, vergrault mögliche einheimische und ausländische Investoren und lässt viele in gesellschaftliche und wirtschaftliche Depression fallen. Deshalb wäre hier ein möglichst schnelles föderales Signal sehr hilfreich – sowohl für die betroffenen Personen, wie auch für Stadt und Region.

  

 

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Bauwesen, Föderales, Fussball-WM, Kaliningrad

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