Kaliningrad-Domizil

Informationsagentur
+7 (4012) 32-65-32

Kaliningrader Admiral klagt gegen Putin-Entscheidung

Do, 19 Jan 2017 ... mit deutschem Akzent


Kaliningrader Admiral klagt gegen Putin-Entscheidung

Der Ex-Kommandierende der Ostseeflotte ist mit Entscheidungen des russischen Präsidenten gegen seine Person nicht einverstanden und klagt vor Gericht. Ein seltener Vorgang, welcher noch seltener in die Öffentlichkeit gelangt. Es geht nicht um Korruption, es geht um die Sicherheit Kaliningrads und die heruntergewirtschaftete kampfunfähige Ostseeflotte.

Sagen wir es gleich zu Anfang – die Ostseeflotte ist wieder einsatzbereit. Ich persönlich habe zwar daran ein paar Zweifel, denn eine nicht einsatzbereite Flotte in Friedenszeiten wieder auf Vordermann zu bringen, bedarf wohl mehr als nur sechs Monate – in Kriegszeiten, ja, da klappt es schneller.

Präsident Putin, gleichzeitig auch Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte, hatte aber zur Wiederherstellung der Einsatz- und Gefechtsbereitschaft Mitte 2016 die notwendigen Weisungen erteilt, die in Kaliningrad große öffentliche Aufmerksamkeit hervorriefen. Gehen wir einfach davon aus, dass man die Weisungen des Präsidenten energisch erfüllt.
 
Grafik: Baltisk – Standort der russischen Ostseeflotte im Kaliningrader Gebiet
 
Er löste den Kommandierenden der Ostseeflotte Vizeadmiral Viktor Krawtschuk und gemeinsam mit ihm fast die gesamte Führung der Ostseeflotte ab. Gegen diese Entscheidung klagt nun der Admiral.
 

Interessant dabei ist, dass einerseits die Vorgänge in der Ostseeflotte überhaupt bekannt geworden sind, denn immerhin handelt es sich zum Thema „Einsatz- und Gefechtsbereitschaft“ um militärische und Staatsgeheimnisse und andererseits kommt es äußerst selten vor, dass interne Auseinandersetzungen im militärischen Bereich an die Öffentlichkeit gelangen. Wenn dies trotzdem geschieht, so hat der Staat daran ein Interesse – meine ich.

Diese Formulierung alleine bedeutet für einen Militär, egal ob er Leutnant und einfacher Zugführer oder Marschall und Minister ist, eine vernichtende Beurteilung. Im Krieg erfolgt das Standgericht, im Frieden einfach nur die Ablösung mit disziplinaren Konsequenzen, je nachdem, wie sich die betreffende Person im weiteren verhält. Der Admiral hat sich – so vermute ich – nicht so verhalten, wie man es wohl erwartet hatte. Deshalb legte der russische Präsident nochmal nach, indem er formulierte:

Der Admiral wurde nicht nur von seiner Funktion abgelöst, sondern auch aus dem Armeedienst entlassen, entlassen mit einer Formulierung, die als Entlassungsgrund für einen Armeeangehörige, insbesondere einem Offizier oder sogar Admiral eine Schande darstellt, die nur noch durch Degradierung, Aberkennung von Auszeichnungen und Ausstoß aus der Armee getoppt werden kann.

Um es volkstümlich auszudrücken: der Admiral wurde beschuldigt, dass die ihm anvertraute Flotte nicht in der Lage war, einen möglichen gegnerischen Überfall abzuwehren. Russische Medien kommentieren, dass eine derartige Formulierung verwendet wird, wenn man einer Person entweder Verbrechen unterstellt oder andere tiefgreifende Verletzungen der russischen Gesetzgebung vorliegen.

Gleich, nachdem Präsident Putin seine Entscheidung getroffen und den Verteidigungsminister Sergej Schoigu mit der Umsetzung beauftragt hatte, reichte Vizeadmiral Krawtschuk Klage gegen seinen bisherigen Dienstherrn beim Obersten Gericht der Russischen Föderation ein. In der Klage forderte er die Rücknahme des Befehles über seine Entlassung wegen Unprofessionalität. Er wollte seine Entlassung selber beantragen und diese mit  „gesundheitlichen Einschränkungen“ begründen.

Mit diesem Vorgehen wollte der Admiral einerseits das Gesicht wahren – was angesichts der bereits erfolgten Öffentlichkeit allerdings sinnlos ist und andererseits verhindern, dass der Staat ihm die zustehenden finanziellen Zuwendungen kürzt. Kann sich der Admiral mit seiner Klage beim Obersten Gericht nicht durchsetzen, verliert er einen großen Teil seiner zukünftigen Einnahmen in Form von Abfindungen und Renten. Das Informationsportal „Exklaw“ meint, dass es sich hierbei um einen jährlichen Millionenbetrag handeln könnte, denn immerhin war Admiral Krawtschuk Kommandierender einer der größten Militärgruppierungen der russischen Armee.

Das Gericht bewertete bei seiner Urteilsfindung die Kontrollergebnisse einer Reihe von Inspektionen die vorgesetzte Instanzen in den Jahren 2015/16 im Kaliningrader Gebiet durchgeführt hatten. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass die Entscheidung des russischen Präsidenten, den Admiral eben genau wegen „Nichterfüllung seiner vertraglich eingegangenen Verpflichtungen“ zu entlassen, völlig richtig war. Erschwerend kam für das Gericht wohl noch hinzu, dass bereits im Jahre 2015 eine Inspektion des Generalstabs der russischen Streitkräfte erhebliche Mängel festgestellt und Aufgaben zu deren Beseitigung gestellt hatte. Diese Aufgaben wurden nicht erfüllt. Im Ergebnis dieser Inaktivität kam es zu Einschränkungen in der Einsatz- und Gefechtsbereitschaft der Ostseeflotte. Dies stellte eine weitere Inspektion aus dem Verteidigungsministerium ein Jahr später, im Mai/Juni 2016 fest. In dem Kontrollbericht wurde erschreckend deutlich formuliert (… und jetzt in russischen Medien veröffentlicht!)

Augen- und Ohrenzeugen haben dem Informationsportal „Exklaw“ mitgeteilt, dass bei der Auslösung von Gefechtsalarm durch die Inspektionsgruppe des Ministers Mitte 2016 die Ergebnisse zeigten, dass nicht nur die vor einem Jahr aufgedeckten Mängel nicht beseitigt worden sind, sondern sich die Führung der Ostseeflotte auch unfähig zeigte, den plötzlichen Überfall eines Gegners abzuwehren. Man zeigte sich auch nicht in der Lage die Mobilmachung auszulösen. Im Ernstfall hätte dies bedeutet, dass der Gegner die russische Militärgruppierung im Kaliningrader Militärkreis innerhalb kürzester Zeit vernichtet und das Kaliningrader Gebiet, ein für Russland strategisch wichtiges Territorium, eingenommen hätte.

Nun kann man sicherlich verstehen, warum der russische Präsident so reagierte, wie er eben reagiert hat. Einerseits versucht er, die seit Jahren heruntergewirtschaftete Armee und Flotte wieder auf Niveau zu bringen und andererseits werden diese Anstrengungen neutralisiert durch die Passivität und Gleichgültigkeit von Führungskadern der höchsten Führungsebene.

Alle erfolgten Kontrollen hatten ja nicht nur das Ziel zu kontrollieren, nur um der Kontrolle willen. Wir wissen alle, in welch komplizierter Zeit wir leben und auch Nichtmilitärs ist die Rolle des Kaliningrader Gebietes und der dort stationierten militärischen Verbände klar. Ziel der Kontrollen war es nach Unzulänglichkeiten und Schwachstellen in der Sicherheit des Landes zu suchen. Das ist nichts Schlechtes. Es hilft, wenn andere mit dem nötigen Abstand einen Zustand beurteilen und dann an einer Verbesserung gemeinsam gearbeitet wird – nichts ist so gut, dass es nicht noch besser werden könnte. Deshalb sind Berichte mit Fehlerfeststellungen auch nichts Negatives. Negativ wird es dann, wenn man daraufhin nichts tut oder, wie es dem Admiral vorgeworfen wird, er noch schöngefärbte Berichte mit Falschmeldungen an seine Vorgesetzten schickt, um diese „in Sicherheit“ zu wiegen. Es sollte mich somit nicht wundern, wenn nicht die Rechtspflegeorgane der Russischen Föderation in der weiteren Untersuchung noch Elemente von Landesverrat finden.

Aber den Punkt auf dem „i“ setzte der Admiral nach seiner Ablösung. Er zeigte sich nicht kooperativ, sondern wohl eher wie ein bockiger kleiner Junge und es mag durchaus sein, dass gerade dieses Verhalten dazu geführt hat, dass es nun für keine „Instanz“ mehr möglich ist, das Urteil gegen den Admiral etwas seichter zu gestalten.

Der Admiral bestätigte dem Hohen Gericht, dass er sich nach seiner Ablösung im Zeitraum Juli bis September 2016 „zurückgezogen“ habe. Er war für niemanden zu sprechen, weder für den Vertreter des Ministers, noch für irgendwelche anderen Leute, die versucht hatten, ihn telefonisch zu erreichen. Er nahm nicht an der Übergabe der Dienstangelegenheiten teil und kümmerte sich nur um sich selber – gemeinsam mit seinem Rechtsbeistand. Das verärgert natürlich die andere Seite und bestärkt den russischen Staat in seinem Urteil über den Admiral.

Und so fällte der Oberste Richter O.A. Derbilow am 28. November 2016 sein Urteil: Die Klage des Vizeadmirals wird abgewiesen. Weiterhin wurde die medizinische Begutachtung des Admirals durch eine militärische Ärztekommission für rechtens befunden. Diese hatte festgestellt, dass sich der 57jährige Admiral bester Gesundheit erfreut – genau das hatte der Admiral bestritten und wollte, dass das Gericht ihn für krank erklärt.

So wenig wie der Admiral bereit war, um die Gefechtsbereitschaft seiner Flotte und das Wohlergehen des ihm anvertrauten Personalbestandes zu kämpfen, umso mehr ist er bereit, für sich selber zu kämpfen. So hat er auf die Entscheidung des Obersten Gerichts mit einer Appellationsbeschwerde geantwortet. Das letzte Wort wird nun am 7. Februar durch die höchste Instanz gesprochen. Dabei ist es für mich, als Außenstehendem, völlig wurscht wie dieser Spruch ausfällt – für mich als ehemaligem Militär, der an einer sowjetischen Militärakademie studiert hat, ist das Verhalten des Admirals mit seinem nachgeordneten Stab eine einzige Katastrophe und Schande. Die Vorfälle und die Reaktion der russischen politischen und militärischen Führung sind aber auch Signale an alle anderen militärischen Entscheidungs- und Verantwortungsträger zu schauen, ob in ihrem Bereich alles in Ordnung ist. Wenn nicht, so ist dies eine Chance, Ordnung zu schaffen. In Friedenszeiten ist dies möglich, in Kriegszeiten wird mit Unfähigen nicht lange gefackelt.

Reklame

Militär

   Kommentare ( 3 )

.g Radeberger Veröffentlicht: 19. Januar 2017 03:02:44

Ich finde, daß dieser Ex-Kommandeur irgendwie weder fachlich noch charakterlich diesen Aufgaben gewachsen war. Er mag ein guter Komandeur irgend eines Schiffes gewesen sein, der die ihm übermittelte Befehle korrekt ausführen konnte. Aber als Kommandierender der Russischen Ostseeflotte, da gehört wohl auch ein bischen mehr politisches Einschätzungsvermögen dazu. Denn er war nicht irgend ein Kommandeur im tiefsten Sibirien, sondern an einer der kitzligsten der Nahtstellen Rußlands zur Nato. Und diese hat ja ganz eindeutig ihre Ziele formuliert und bereits teilweise umgesetzt - Einengung und Isolierung Rußlands. Durchsetzung des Kordon Sanitair von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Stationierung der Natoraketen und Panzereinheiten unmittelbar an der russischen Grenze. Nach Wunsch und Wille Obamas in der Ukraine oft nicht weiter als 600 km bis Moskau. Unterschreitung der Reaktionszeit der russischen Raketenabwehr. Klappte bloß nicht so. Echt US-amerikanisch.
Die Ostseeflotte agiert auf engstem Raum zu den Natoeinheiten im Baltikum, Schweden, Finnland und Polen, die sich ja der Nato und der US-Army als auch der Navy auch außerhalb der Nato geöffnet haben. Also ist im Ernstfall eine Alarmierungszeit verdammt kurz.
Warum ich hier die Nato als Kriegsfeind von Rußland anführe, weil vor wenigen Minuten genau das aber andersrum von deutschen Politikern für Rußland im Fernsehen so eingeschätzt wurde. Rußland wird ganz offen als Feind der Nato, der EU und USA angesehen.
Und dieser ehemalige Kommandeur einer ganzen russischen Flotte samt seines Stabes hat permanent und vorsätzlich die Gefechtsbereitschaft dieses wichtigen Verbandes in jeglicher Hinsicht hintertrieben und die Staatsführung vorsätzlich falsch informiert.
Das wird ganz bestimmt auch der Natoaufklärung nicht verborgen geblieben sein. Die sind ja auch nicht blöd. Ebenso bestimmt eines Teils der Bevölkerung von Kaliningrad und der Leningradskaja Oblast wird das nicht verborgen geblieben sein. Also was sollte da noch geheim gehalten werden. Hier konnte nur noch öffentlich gehandelt werden, damit die übrigen Armeeangehörigen dieses Verbandes, die vermutlich diesen Schlendrian mitbekommen haben und auch Teil desselben waren, nicht an der Staatsführung zu zweifeln.
Außerdem ging es wohl auch darum, einigen Hitzköpfen von der anderen Seite zu sagen, es lohnt sich nicht. Diese Flanke ist wieder zu.

Eckart Veröffentlicht: 19. Januar 2017 12:07:32

Der Verteidigungsminister Schoigu hat ja unlängst resümiert, dass allgemein in den russischen Streitkräften noch sehr viel im Argen liegt.
Wenn ich mir das feiste und hohle Bonzengesicht von diesem V.P.Krawtschuk ansehe, fällt mir mit etwas Ironie dazu nur ein, dass Dick und Doof mal Zwei waren.
Es ist aber nicht ungewöhnlich, dass solche Psychopaten es bis in hohe Ämter schaffen. - Das ist bei unserer uniformierten Trachtengruppe nicht anders. - Aber das macht diese Leute so brandgefährlich. Sie halten sich für unheimlich wichtig und befähigt - sind aber nur strunzdumme machtbessene Egomanen.
Mit diesem unsinnigen Gerichtsbegehren hat er dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Das ist typisch für
Vollidioten, denn sie kommen eben mit Vernunft nie zur Vernuft.

An den Grenzen Russlands wird z.Z. eine Horde tollwütiger Hyänen in Stellung gebracht, und die Russen sollten langsam realisieren, dass es Zeit wird konsequent alle solche Psychopaten aus der Armee zu entfernen. - Wer die Amis kennt, der weiß, dass wenn die sich etwas vorgenommen haben, ziehen die das auf Gedeih und Verderb durch.
Wenn der Plan mit den Sanktionen sie nicht ans Ziel bringt - dann kommen die, und holen es sich mit Waffengewalt. - Man sollte nie vergessen, wie die Indianer eliminiert wurden!

In den Strategie Lehrsätzen des chinesischen Generals Sun-Tzu, der im. 6. Jahrhundert vor Chr. lebte, steht geschrieben: Solange ich den Zustand einer effektiven (!) Wehrhaftigkeit aufrecht erhalte, werde ich in Frieden leben können.

walter2000 Veröffentlicht: 23. Januar 2017 14:17:54

Ich gestatte mir als ehemaliger Militär ebenfalls meinen Senf dazu zu geben.
Normalerweise ist dazu nichts mehr hinzuzufügen. Verantwortungslos, Ichbezogen und seiner Aufgabe in keinster Weise gewachsen in Anbetracht der strategischen Stellung des Gebietes und seiner Flotte.
Im Ernstfall standrechtlich erschossen oder das Recht in die eigene Pistolenmündung zu schauen.
Das überhaupt so ein Wind um den Versager gemacht wird ist schon sehr interessant. Neuer Wind der russischen Demokratie.
Normalerweise muss sowas vor Gericht wegen Landesverrat.

Um einen Kommentar zu schreiben müssen Sie sich registrieren oder autorisieren
Melden Sie sich an