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Kaliningrader Landwirtschaft – der Versuch einer Erklärung

Mo, 02 Jun 2014 ... mit deutschem Akzent


Kaliningrader Landwirtschaft – der Versuch einer Erklärung

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert Kaliningrader wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die manchmal nicht einfachen Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

 

Kaliningrader Landwirtschaft – der Versuch einer Erklärung   

Jeden Mittwoch findet in Kaliningrad der „Trefftisch Deutschsprachiger“ statt. Und während wir, die sich beim „Zötler“ versammelt hatten, uns die Würstchen aus Deutschland, Bier aus Deutschland, Sauerkraut aus … schmecken ließen, kam mal wieder das Thema „Landwirtschaft in Kaliningrad“ als Thema für deutsche Aufgeregtheit und Unverständnis auf.

Es wurden die üblichen Stereotype bemüht – alles liegt brach, keiner macht was, die Russen haben keine Ahnung von Landwirtschaft und so weiter. Und da diese Diskussionen sehr häufig durch Ausländer geführt werden, ohne dass diese die wirklichen Ursachen und Gründe für den bedauerlichen Ist-Zustand kennen, dachte ich mir, dass es vielleicht einen Versuch wert ist, die Kaliningrader Situation in der Landwirtschaft zu erklären. Und wenn man die Ursachen kennt, warum der Zustand der Kaliningrader Landwirtschaft so ist, wie er eben ist, dann findet man vielleicht auch einen Ausweg oder zumindest die Diskussionen werden mit etwas mehr Verständnis für die Situation geführt.

Zu deutschen Zeiten, also bis 1945, war Ostpreußen die Kornkammer Deutschlands. Alles blühte und gedieh, die Melioration war durchdacht und organisiert, die Bauern erfahren – also im Wesentlichen alles perfekt. Und alles was geerntet wurde fand in Deutschland eine Verwendung und vielleicht wurde auch ein Überschuss in andere Länder exportiert.

Das änderte sich nach dem 8. Mai 1945. Im Verlaufe der nächsten zwei Jahre wurden alle noch verbliebenen Bauern zwangsausgesiedelt und es kamen Neubürger aus der großen Sowjetunion. Sie brachten völlig andere Erfahrungen aus der Landwirtschaft mit und es war niemand mehr da, der ihnen die Besonderheiten der ostpreußischen Landwirtschaft erklärte. Und so begann man mit dem Pflügen – je tiefer umso besser. Und so vermischte man den in tieferen Schichten gelegenen Lehm mit dem guten Mutterboden – die Bodenqualität verschlechterte sich, die Ernten fielen geringer aus. Dann fand man bei der Bearbeitung der Äcker irgendwelche komischen Rohre und andere technischen Einrichtungen. Da man damit nichts anzufangen wusste, pflegte man diese Einrichtungen nicht. Das Resultat ist bis heute spürbar, das Meliorationssystem funktioniert größtenteils nicht und ein Kaliningrader Landwirtschaftsspezialist warnte vor wenigen Monaten davor, dass das Kaliningrader Gebiet in spätestens drei Jahren unter Wasser steht, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden.

Aber irgendwie funktionierte die Landwirtschaft, wenn auch weniger effektiv und mit weniger Ertrag. Und alles was Kaliningrad nicht selber benötigte, wurde im Rahmen der sozialistischen Planwirtschaft planmäßig für die anderen Sowjetrepubliken verplant – bis 1990.

Dann kam die „kapitalistische Revolution“ Anfang der 90er Jahre mit all ihren Veränderungen. Der Zerfall der Sowjetunion war für Kaliningrad die größte geopolitische Katastrophe nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (… Entschuldigung Wladimir Wladimirowitsch, dass ich Plagiator einer ihrer früheren Aussagen bin). Kaliningrad wurde zu einer russischen Insel mitten in Europa, getrennt vom Mutterland, umgeben von Litauen, Polen und den leise plätschernden Wellen der Ostsee.

Es begannen die Jelzin-Jahre, die Jahre der Stagnation oder des russischen Koma. Die eingeleiteten Privatisierungen, angeregt durch amerikanische Berater als Geburtshelfer der Oligarchen, kann man nicht wirklich als Entwicklungsprozess der russischen Gesellschaft bezeichnen.

Für Kaliningrad und seine Landwirtschaft brachten diese Veränderungen das „AUS“. Die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften zerfielen, Grund und Boden wurde privatisiert oder auch nicht, Bauern sahen keine Perspektive in einer Einzelwirtschaft, da Geld für die Entwicklung einer Bauernwirtschaft fehlte und sich der Staat um nichts kümmerte. Alternativ kauften die Kaliningrader in den Nachbarstaaten Polen und Litauen alles ein, was sie für das tägliche Leben und zum Überleben brauchten.

Nach dem Jahre 2000, dem Amtsantritt von Putin, vermuteten einige Russen, dass es in Kaliningrad irgendeine Entwicklung geben könnte. Was für eine Entwicklung das sein könnte, wissen wir bis heute nicht. Aber man begann schon mal Grund und Boden vom Staat günstig zu erwerben – die gesetzlichen Voraussetzungen waren hierfür geschaffen. Diese gesetzlichen Voraussetzungen sahen aber auch vor, dass der Besitzer den Boden innerhalb von drei Jahren zu bewirtschaften hatte, d.h. der Staat wollte irgendeine Entwicklung sehen. Aber die Mehrzahl der Besitzer hatte den Grund und Boden nicht erworben um Landwirtschaft zu betreiben, sondern als Spekulationsobjekt für irgendeine vermutete Entwicklung. Und der russische Staat (sprich Kaliningrader Regierung) war nicht in der Lage die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen zur Nutzung des Grund und Bodens zu kontrollieren. Somit ging es weiter bergab und das Unkraut entwickelte sich prächtig auf den Kaliningrader Äckern.

In den letzten Jahren sehen wir aber eine gewisse Entwicklung. Insbesondere seit vergangenem Jahr vergeht kaum eine Woche, wo der Kaliningrader Landwirtschaftsminister Wladimir Sarudni nicht über neue Erfolge in der Landwirtschaft berichten kann. Es ist das Ziel gesetzt, dass Kaliningrad seine Landwirtschaft so entwickelt, dass es vollständig seine Eigenversorgung sicherstellen kann. Und wie es jetzt aussieht, wird dieses Ziel auch in den nächsten drei bis fünf Jahren erreicht – dies sowohl in der Viehzucht wie auch der Pflanzenwirtschaft. Im Rechenschaftsbericht der Kaliningrader Regierung über die Erfüllung des Haushaltsplanes 2013 konnte man lesen, dass die Kaliningrader Landwirtschaft ihren positiven Beitrag geleistet hatte.

Trotzdem liegt vieles in der Landwirtschaft noch im Argen und es wird wohl auch so bleiben. Auch am Umfang der nicht genutzten Ackerflächen wird sich vielleicht nicht viel ändern. Warum?

Ein Bauer, der sich jetzt mit Landwirtschaft beschäftigen möchte – egal wie groß die Wirtschaft ist – wird, wie jeder gute Geschäftsmann, sich natürlich die Frage stellen, was er produzieren will und wem er seine Ernte verkaufen kann. Aber ein Bauer in Kaliningrad kann seine Ernte nur den Bürgern und Einrichtungen in Kaliningrad verkaufen und hat keine Chance, seine Produkte ins große russische Mutterland zu liefern oder seinen europäischen Nachbarn zu verkaufen. Die von ihm produzierten Waren sind einfach zu teuer oder es besteht kein Bedarf – kein realer Bedarf oder kein politischer Bedarf. Warum sind seine Produkte zu teuer?

Um eine Landwirtschaft aufzubauen, benötigt ein Kaliningrader Bauer Geld. Kredite sind teuer, Zinsen von bis zu 25 Prozent und hohen Sicherheitsforderungen der Banken sieht sich der landwirtschaftliche Investor gegenüber. Der russische Staat subventioniert zwar die Zinsforderungen der Banken in Kaliningrad, aber trotzdem muss der Bauer so effektiv wirtschaften, dass er selber leben und seine Kreditraten bedienen kann. Er kann aber seine Produkte nur in Kaliningrad absetzen, weil ein Transport der Erzeugnisse zu anderen Abnehmern außerhalb des Gebietes, durch die Transitgebühren, die Litauen und Polen fordern, so teuer werden, dass die landwirtschaftlichen Erzeugnisse nicht konkurrenzfähig sind. Kaliningrad selber ist aber nur ein Markt mit 950.000 mehr oder weniger hungrigen Mündern und der einheimische Bauer sieht sich auch in scharfer Konkurrenz mit Importwaren aus Polen, Litauen und Weißrussland. Somit ist es also fast nicht möglich, eine effiziente Landwirtschaft in Kaliningrad zu organisieren und schon gar nicht möglich, die gesamte landwirtschaftliche Fläche in Kaliningrad wieder zu reanimieren, weil die Produkte nicht absetzbar sind. Und somit braucht sich niemand über die vielen brachliegenden Flächen in Kaliningrad zu wundern.

Selbst wenn man die Transitkosten unberücksichtigt lässt, hätte die Kaliningrader Landwirtschaft mit einer stark entwickelten Landwirtschaft seiner unmittelbaren Nachbarn zu kämpfen – dort wartet niemand (schon gar nicht in der Europäischen Union), auf die Kaliningrader Erzeugnisse – schon rein aus Eigenschutz des Marktes und natürlich aus politischen Gründen. Denn geht es der Kaliningrader Landwirtschaft gut, dann geht es auch Kaliningrad gut und alle Menschen, auf der russischen (geographischen) Insel, sind zufrieden. Und manchmal habe ich Zweifel, ob dies ein Ziel ist, welches von allen angestrebt wird …

Zu deutschen Zeiten kannte man all diese Probleme nicht und Ostpreußen erfüllte voll inhaltlich seine Aufgabe als Kornkammer Deutschlands. Zu sowjetischen Zeiten hätte das Kaliningrader Gebiet auch als Kornkammer der Sowjetunion fungieren können – Grenz- oder Transitprobleme gab es nicht. Jetzt sieht die Situation eben völlig anders aus.

Welche Auswege aus der Situation könnte es geben?

In einem begrenzten Rahmen kann sich die Kaliningrader Landwirtschaft noch weiter entwickeln, um den Eigenbedarf des Gebietes zukünftig in vollem Umfang abdecken zu können. Dafür ist es aber nötig, dass der Staat die Bauern stark subventioniert, um die Startbedingungen und die ersten, sagen wir mal fünf Jahre, ein entspanntes arbeiten für die Bauern zu ermöglichen.

Wenn es im Rahmen einer „landwirtschaftlichen Sonderzone“ ebenfalls zur Subventionierung von Transportkosten und zu Steuerbefreiungen kommt und die Bauern ihre Erzeugnisse somit ins russische Mutterland liefern könnten – dann kann man sicherlich alle landwirtschaftlichen Flächen wieder einer Nutzung zuführen. Vielleicht ist aber auch ein Transport per Schiff eine alternative preiswerte Möglichkeit.

Aber in erster Linie müsste festgestellt werden, ob der russische Staat an einer Wiederherstellung der vollen Funktionsfähigkeit der Landwirtschaft im ehemaligen Ostpreußen interessiert ist. Wenn dem so ist, dann wäre eine weitere Möglichkeit ausländische landwirtschaftliche Spezialisten nach Kaliningrad zu holen, diesen Grund und Boden für einen gewissen Zeitraum (Zeitraum der vollständigen Kultivierung) kostenlos zur Verfügung zu stellen. Danach könnten die Bauern steuerbegünstigt Landwirtschaft betreiben und nach 15 Jahren … sehen wir dann weiter. Also ein ähnliches Modell in der Landwirtschaft, wie es jetzt schon in der Sonderwirtschaftszone für die Industrie herrscht.

Allerdings gibt es ein klitzekleines Problem: Viele landwirtschaftliche Flächen sind in Händen von Spekulanten und es gibt anscheinend kein funktionierendes Gesetz, welches die Enteignung oder die Beendigung von Pachtverträgen kurzfristig ermöglicht. Immerhin leben wir in einem demokratischen Staat und eine einfache Enteignung, wie im Sozialismus oder einer Diktatur, ist nicht möglich. Was für ein Aufschrei würden wir aus dem Westen hören, wenn …

Und wenn Deutschland sich mit seinen Erfahrungen und Spezialisten in die Lösung des Kaliningrader landwirtschaftlichen Problems einmischt und auch eine richtige „Tonlage“ für die „Einmischung“ findet, so wird dies von Russland sicher besser verstanden werden, als das jetzige deutsche Engagement in der Ukraine, wo noch niemand weiß, welche Ernte eingefahren wird.

 

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