Kaliningrad-Domizil

Informationsagentur
+7 (4012) 32-65-32

Kaliningrader Rufe – Teil 2

Di, 12 Feb 2019 ... mit deutschem Akzent


Kaliningrader Rufe – Teil 2
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation. Nur der Manuskripttext enthält nicht alle angebotenen Informationen, denn im Videobeitrag gibt es zusätzliche eingeblendete Text-, Grafik- und Fotoinformationen.

 

 

Es war irgendwann um das Jahr 2003, als Kaliningrad anfing, aus einer gewissen Depression zu erwachen. Stadt und Gebiet dümpelten irgendwie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor sich hin. Das Leben verbesserte sich natürlich, aber eine wirkliche Entwicklung des Gebietes gab es nicht.

Irgendwann, ich glaube, es war um das Jahr 1996, wurde dann die Sonderwirtschaftszone Kaliningrad erfunden. Sie funktionierte nie wirklich richtig. Sie war wohl zu kompliziert, zu bürokratisch und vor allem zu teuer. Daran änderten verschiedene Neuauflagen auch nichts.

2005 kam Georgi Boos, ein Moskauer Unternehmer, als Gouverneur nach Kaliningrad. Er brachte nicht nur neue Ideen für Kaliningrad und dessen Entwicklung mit, sondern auch Investoren. Es ging rasant aufwärts. Einer der sichtbaren Beweise hierfür war der Beginn eines sagenhaften Baubooms in Kaliningrad, der eigentlich bis heute, mit einigen Sinuskurven-Entwicklungen, anhält.

2010 verschwand Georgi Boos wieder. Er hatte einige subjektive Fehler gemacht und die Kaliningrader Bevölkerung zeigte sich mit ihm ungnädig. Moskau reagierte und beugte sich dem Druck der Demonstrierenden – leider, denn danach begann eine 6jährige Leidensgeschichte in der Entwicklung des Gebietes. Nikolai Zukanow, Ex-Bürgermeister der Kreisstadt Gussew und neuer Gouverneur, hatte andere Vorstellungen von der Entwicklung des Gebietes und diese Vorstellungen brachten nicht nur Stagnation, sondern auch wirtschaftlichen Rückgang.

Die russischen Investoren verschwanden ziemlich schnell wieder aus Kaliningrad. Boos war das Zugpferd. Es war nicht mehr da.

Ausländische Investoren verschwanden auch wieder. Sichtbares Beispiel – wenn auch nur bedingt als Beweis verwertbar – ist die Assoziation ausländischer Investoren im Kaliningrader Gebiet. Gegründet wurde sie im Jahre 2005. Und in besten Zeiten hatte sie, wenn ich mich recht entsinne, 45 Mitglieder, einen Vorstand, einen Aufsichtsrat, eine Revisionskommission und Reputation. Heute hat sie noch 21 Mitglieder. Auf der Internetseite findet sich kein Hinweis mehr zu einem Aufsichtsrat und einer Revisionskommission. Sie ist – so scheint es mir – eine sterbende Organisation. Ein mir bekannter deutscher Unternehmer äußerte vor kurzem in einem Telefongespräch: „Es ist eine Organisation, wo nur noch Wodka getrunken wird. Sachliche Arbeit wird dort nicht geleistet.“

Ich kann die Richtigkeit der Meinung nicht bestätigen, ich habe bereits im Jahre 2008 die Funktion als Leiter der Revisionskommission niedergelegt und die Assoziation verlassen.

Aber in Kaliningrad brach Mitte 2016 ein neues Zeitalter an. Putin legte die Verantwortung für das Kaliningrader Gebiet in die Hände des jüngsten Gouverneurs, den die Russische Föderation je gesehen hatte. Aber Putin hängte diesem jungen Gouverneur auch einen Rucksack mit noch zu erfüllenden Altlasten auf die Schultern, der diesen hinderte, sich sofort den brennenden wirtschaftlichen Problemen zu widmen – sprich: die Fußball-Weltmeisterschaft, die erstmal zu Ende gebracht werden musste stand an vorderster Stelle.

Zum 1. Januar 2019 hat der Kaliningrader Gouverneur nun an sich freie Hände.

Aber Kaliningrad ist gegenwärtig immer noch kein Ort für Investitionen. Und anscheinend investiert auch niemand, denn die vielfältigen Bemühungen der Kaliningrader Gebietsregierung, unter Führung von Anton Alichanow, zeigen noch keine wirklich sichtbaren Resultate.

Ich entnehme den Medien, dass der Niedergang der Kaliningrader Wirtschaft aufgehalten wurde. Wir können somit sagen: Die Entwicklung stagniert. Die beiden Industrieparks in Tschernjachowsk und bei Chrabrowo sind real vorhanden, mit besten Bedingungen für Investoren – alles schlüsselfertig. Aber keiner investiert. Die Sonderwirtschaftszone ist attraktiv und radikal-positiv überarbeitet worden – aber ein Ansturm von Residenten findet nicht statt.

Kaliningrad selber ist klein, übersichtlich und eigentlich der ideale Eintrittsort für ausländische Investoren – im Vergleich zum teuren, unübersichtlichen Moloch Moskau. Alichanow, mit seiner jungen Regierung ist bereit, alle Türen zu öffnen und für ausländische Investoren beste Bedingungen zu schaffen. Aber Investoren kommen, sprechen und reisen wieder ab. Warum?

Ich persönlich sehe mehrere Faktoren, warum Kaliningrad kein Industrie-Investitionsstandort ist und – ich fürchte mich fast es zu sagen – wohl auch nicht werden wird.

Zum einen ist es die geopolitische Lage. Über Kaliningrad hängt die Blockadeglocke und um Kaliningrad herum steht Militär der USA und der NATO, was einen friedliebenden Investor, der Produktions- und Transportfreiheit benötigt, natürlich beunruhigt. Es hängt Kriegs- äh… Krisengestank in der Luft. Was nützen mir alle guten Bedingungen in Kaliningrad, wenn ich meine hier produzierten Waren nicht zum Kunden bringen kann.

Unterstellen wir, dass diese Befürchtungen zu Recht bestehen, so müsste sich Kaliningrad neu ausrichten, d.h. Entwicklungen vorantreiben, die alle diese Bedrohungen wirkungslos machen. Also z.B. Kaliningrad als Finanz- und Kongresszentrum entwickeln, als Zentrum für Kultur und Sport, als Zentrum für IT-Dienstleistungen. Und warum sollen in Kaliningrad nicht auch internationale Organisationen einen Standort finden – Organisationen der UNO. Spöttisch könnte ich sogar eine Vertretung der NATO in Kaliningrad empfehlen – eine Abreise der Vertreter dieser Vertretung wäre dann ein gutes militär-politisches Fieberthermometer.

Damit wir uns richtig verstehen: ich empfehle nicht, Kaliningrad einen internationalen Status zu geben. Ich empfehle Kaliningrad zu einem russischen Zentrum für internationale Beziehungen zu entwickeln.

Zum anderen fehlen potentiellen Investoren in Kaliningrad Ansprechpartner. Natürlich gibt es Alichanow mit seiner Regierung. Und alle sind in der DD1 bereit, mit ernsthaften Investoren zu sprechen. Aber es ist die Regierung, die spricht mit Investoren in offizieller Tonlage. Ein Investor braucht aber auch Arbeitsinformationen zum täglichen KleinKlein einer Unternehmensgründung und -führung in Kaliningrad.

Es gibt die Korporation für die Entwicklung des Kaliningrader Gebietes. Auch die ist bereit, mit Investoren zu sprechen. Aber auch diese Behörde (man bestreitet, dass man eine Behörde ist), beantwortet wohl nicht alle Fragen, die Investoren haben, denn es kommen ja keine Investoren. Woran liegt`s?

… ach, es wäre übrigens mal interessant zu wissen, ob es eine Analyse dieser Korporation gibt, wie ausländische Investoren auf Kaliningrad aufmerksam geworden sind und warum sie sich dann doch nicht entschlossen haben, in Kaliningrad zu investieren. Welche Gründe haben sie abgeschreckt?

Und ein weiterer Grund ist, dass es wohl wirklich keine reale Businessorganisation in Kaliningrad gibt, die echter Ansprechpartner für ausländische Investoren ist und die mit Investoren in deren Sprache spricht – und mit Sprache meine ich in diesem Zusammenhang sowohl die Sprache der Unternehmer, wie auch die nationale Sprache.

Die FIAS erfüllt schon lange nicht mehr die Aufgabe eines Ansprechpartners für ausländische Investoren, wenn sie jemals überhaupt diese Aufgabe erfüllt hat.

Persönlich bin ich der Ansicht, dass nationale Unternehmervertretungen in Kaliningrad die bessere Lösung sind. Deutsche Investoren haben ganz andere Fragen und Vorstellungen als polnische, litauische, französische Investoren. Die FIAS könnte, radikal reformiert, als Dachorganisation bestehen bleiben, wo man sich zweimal jährlich zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch trifft und um gemeinsame Probleme zu formulieren und an die Gebietsregierung heranzutragen.

Nun hat aber Kaliningrad bereits eine nationale deutsche Unternehmerorganisation – die Vertretung der Hamburger Handelskammer, die seit 1994 in Kaliningrad präsent ist. Und es gab bis vor zwei Jahren sogar noch das „Hanse-Büro“, eine Vertretung des Landes Schleswig-Holstein in Kaliningrad. Dieses Büro hat sich aufgelöst, nachdem das russische Justizministerium diese Vertretung zum Ausländischen Agenten erklärt hat. Jetzt figuriert dieses Büro nach einer Reorganisation in einem anderen Rechtsstatus. Beide Vertretungen befinden sich in einem Gebäude – gut erreichbar in Kaliningrad.

Aber trotz Anwesenheit beider Organisationen tut sich nichts. Keine deutschen Investoren kommen. Im Gegenteil, deutsche Unternehmer wandern ab. Was also macht Kaliningrad falsch?

Und wir sollten natürlich nicht vergessen, dass es auch noch ein deutsches Generalkonsulat in Kaliningrad gibt. Ich kann mich an eine meiner Argumentationen von vor vielen Jahren erinnern, wo ich die Anwesenheit einer derartigen deutschen staatlichen Vertretung immer als Vertrauens- und Sicherheitsfaktor für Deutsche bezeichnet hatte, als Signal des deutschen Staates, dass das Gebiet wichtig ist, so wichtig, dass man eine Vertretung benötigt.

Aber diese Vertretung hat keine Wirtschaftsabteilung. Ein ehemaliger Generalkonsul hatte mir mal gesagt:

„… brauchen wir nicht, wir haben ja die Vertretung der Hamburger Handelskammer.“

Möglich, aber in anderen diplomatischen Vertretungen Deutschlands in Russland gibt es Wirtschaftsabteilungen. Am 12.08.2008 verabschiedete sich der damalige Generalkonsul Dr. Guido Herz aus Kaliningrad. Er erhielt die Medaille für Verdienste um das Gebiet Kaliningrad. Kein anderer Generalkonsul nach ihm hat diese Medaille oder eine andere Auszeichnung erhalten. Bedeutet das, das es keine Verdienste Deutschlands um das Kaliningrader Gebiet mehr gibt?

Ich komme somit zu zwei Schlussfolgerungen: Entweder ist Kaliningrad wirklich nicht in der Lage, egal wer Gouverneur ist, eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung zu organisieren oder aber es gibt andere Kräfte, die nicht daran interessiert sind, dass sich Kaliningrad erfolgreich entwickelt und im Gebiet eine Million zufriedener Bürger der Russischen Föderation lebt.

Lassen Sie uns darüber in meinem nächsten Beitrag ein wenig plaudern. Plaudern wir über BMW und seine Investitionsversprechungen seit 2012.

Reklame

Gouverneur, Investitionen, Sonderwirtschaftszone, Wirtschaft

   Kommentare ( 5 )

Hauke Veröffentlicht: 12. Februar 2019 18:54:18

Ich denke man sollte aufhören sein Blick nach außen zu wenden und
auf Investitionen von außen hoffen.
Man sollte sich endlich besinnen auf das was man hat und was man kann oder können sollte.
Ich wesis nun , nach dem ich auf der Grünen Woche
Stand vom Kaliningrager Gebiet besucht hatte was man nicht kann und das ist Tourismus.

boromeus Veröffentlicht: 12. Februar 2019 19:54:55

Es gibt einige Gründe,die Sie schon nannten.Kaum oder keine kontinuierliche internationale Flugverbindungen,Seetransporte?Transporte auf der Schiene?Straßentransporte durch Polen?Unkalkulierbare polnische Grenzwartezeiten!Ein Investor möchte,sein Geld optimal mehren!Ist man dazu in KGD immer bereit,Investoren mit geöffneten Armen willkommen zu heißen?Auch Deutsche?Unnötige Auflagen,wie die des jetzige Visumregimes,Registrationen ect,tragen nicht unbedingt zu reibungslosem Ablauf bei.Ich will Profite,keine administrative Auflagen.Zeit ist Geld.Vielleicht fehlt es "drüben" auch ein wenig an Flexibilität und Verständnis.Ich möchte mir nicht vorschreiben lassen, was ich zu tun und zu lassen habe,als Investor.Sind Investoren aus Russia favorisiert,dann muß man sich nicht wundern,wenn Ausländer wegbleiben.Wenn man mich nicht hofiert,gehe ich halt wo anders hin.Dazu kommt die politische Situation.Solange die Basis auf "westlicher Seite"nicht geschaffen wird,ist es müßig darüber zu spekulieren

Frank Werner Veröffentlicht: 12. Februar 2019 21:26:47

ich würde auch sagen der Zug ist derzeit abgefahren. Unabhängig von der politischen Lage: die Weltwirtschaft schwächelt, die russische Wirtschaft und Markt sowieso - da halten sich alle mit Investitionen zurück. Die aktuellen Produktionsanlagen sind zwar oft ausgelastet - aber mit Rückgängen wird gerechnet. Und es sind ähnliche Probleme wie in Ost-Deutschland oder auch Rumänien und China: in immer mehr Zweigen der Produktion spielen die Lohnkosten keine wesentliche Rolle mehr (sind also kein entscheidendes Argument mehr, deswegen kommen auch wieder mehr Firmen aus China oder Rumänien etc. nach D'land zurück). Andre Faktoren sind wesentlich wichtiger. Da könnte ich mir in Kaliningrad z.B. vorstellen Transportschwierigkeiten - entweder nach Russland und auch in den Rest der Welt, was alles komplizierter macht und was von reinen Steuervorteilen nicht zwingend kompensiert wird.

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 12. Februar 2019 21:47:25

Es werden wohl weniger die inländischen, also Kaliningrader Einflüsse auf eventuelle Investitionsentscheidungen sein, davon wieder Abstand zu nehmen, sondern eher die äußeren Bedingungen, die von Investitionen abraten oder gar viele große Steine in den Weg legen.
Das große Ziel der äußeren Einfluß Nehmenden ist es doch ganz augenscheinlich, die Oblast KG sozusagen auszutrocknen. Das Gebiet soll für das Mutterland Rußland unattraktiv und teuer werden. Die Bevölkerung soll so beeinflußt werden wie im Westen von Weißrußland. Die Unzufriedenheit soll wachsen und es soll zu solchen "Volkserhebungen" führen, wie jetzt in Serbien oder verschäft auf der nächsten Stufe in Venezuela. Das Ziel ist, daß Rußland diese Exklave "gehen läßt". Wenn nicht, wird Blut fließen.
Wir sahen es in sovielen Ländern, wo die Revolutionsmacher aktiv sind. Und auch in KG gibt bereits solche russische Zellen. Wenn an den Häuserwänden die angesprühte stilisierte Faust von OTPOR/CANVAS auftaucht, ist es soweit.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 12. Februar 2019 22:27:30

... ich habe den Eindruck, als ob Sie Zugriff zu meiner Festplatte haben und den dritten Teil dieses Beitrages schon mal quergelesen haben ... na?

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 13. Februar 2019 02:28:33

Uwe Erichowitsch, wir beide haben in etwa gleiche Schulen durchlaufen, wo man gelernt hat, auch nach den ganzen W-Fragen alles zu durchdenken. Und wenn man ein Leben lang ein politisch interessierter und politisch denkender Mensch war - und ist - dann ist es wohl verständlich, daß man öfters zu den gleichen oder ähnlichen Schlußfolgerungen kommt.

Um einen Kommentar zu schreiben müssen Sie sich registrieren oder autorisieren
Melden Sie sich an