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Kaliningrader Sandkastenkinder oder Die Granateinschläge kommen näher

Mi, 05 Jul 2017 ... mit deutschem Akzent


Kaliningrader Sandkastenkinder oder Die Granateinschläge kommen näher

Gemeinsame Erlebnisse in Sandkästen im zarten Kindesalter verbinden manchmal ein Leben lang. Das kann gut sein, kann aber auch in späteren Jahren dazu führen, dass Sandkastenfreundschaften zum Nachteil der Gesellschaft gereichen und kriminelle Energien entwickelt werden, die eine ganze Region ins Wanken bringen. Kaliningrad durchlebt diese Periode wohl gegenwärtig, aber die Granateinschläge nähern sich diesen Sandkastengespielen bedrohlich nahe.

Der Artikel versucht die Analyse von Prozessen um zwei Personen und deren Anteil an der Entwicklung, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Kaliningrader Gebietes. Ich möchte mich in einer Analyse versuchen, wie man im föderalen Zentrum bei Bedarf eine Person deinstalliert oder aber auch aufbaut. Es geht somit um den Ex-Bürgermeister von Gussew, Ex-Gouverneur von Kaliningrad, (..)-Bevollmächtigten des russischen Präsidenten für die NordWest-Region Nikolai Nikolajewitsch Zukanow einerseits und den ehemaligen Mitarbeiter im föderalen Justizministerium, den ehemaligen Departementsleiter im föderalen Ministerium für Handel/Industrie, den ehemaligen Vizegouverneur, Premierminister und heutigen, durch den russischen Präsidenten mit der Führung der Region beauftragten Gouverneur des Kaliningrader Gebietes, Anton Andrejewitsch Alichanow andererseits.

Foto: (links) Gouverneur Anton Alichanow, (rechts) Ex-Gouverneur Nikolai Zukanow
 
Im Jahre 2010 endete die Gouverneurskarriere von Georgi Walentinowitsch Boos abrupt. Die Kaliningrader wollten diesen, im Jahre 2005 importierten Moskauer, nicht mehr. Man war mit ihm und seiner Art Probleme zu lösen, nicht einverstanden. Moskau war erschrocken und reagierte schnell. Boos wurde abberufen und der damalige russische Präsident Medwedjew setzte den Bürgermeister von Gussew Nikolai Nikolajewitsch Zukanow als Gouverneur ein. Viele Kaliningrader bedauern heute, dass sie mit Mandarinen Boos vertrieben haben. Hätten sie gewusst, was oder wer danach kommt, hätten sie sich bestimmt anders verhalten.
Foto: Georgi Boos weicht den Kaliningrader Südfrüchten
 
Aber es gab Leute, die von Anfang an den neuen König von Kaliningrad richtig eingeschätzt hatten. Hierzu gehörten die oppositionellen Medien „rugrad.eu“, „newkaliningrad“, „Dwornik“ und, was aber nur eine untergeordnete Rolle spielt, auch das deutschsprachige Informationsportal „Kaliningrad-Domizil“.
 

Es erschienen eine Unmenge von Artikeln, wo moralisches Fehlverhalten (Stichwort Dissertation) und Korruption/Amtsmissbrauch angesprochen wurde. Egal was vorgebracht wurde – es passierte nichts und man begann sich den Kopf zu zerbrechen, über welche mächtigen Kontakte dieser Ex-Bürgermeister verfügen muss, dass er wohl zu den „Unantastbaren“ gehört.

Dann kam im Jahre 2012 ein junger Mann nach Kaliningrad: Stanislaw Woskresenski. Er kam aus dem föderalen Wirtschaftsministerium und wurde als Beauftragter des Präsidenten für das Gebiet Kaliningrad eingesetzt. Schon wenige Momente später war allen klar, dass dieser Mann den Gouverneur ablösen soll. Auf diesem relativ bedeutungslosen Posten als Bevollmächtigter des Präsidenten, sollte er sich in Ruhe vorbereiten und dann, zum geeigneten Zeitpunkt, übernehmen. Das war natürlich auch dem Gouverneur Zukanow klar und hinter den Kulissen begann ein Machtkampf. Gouverneur Zukanow gewann den Machtkampf und der Präsidentenvertreter Woskresenski ging resigniert nach Moskau zurück. Moskau hatte einen taktischen Fehler begangen und die eingeschworene Kaliningrader Gemeinde, die Sandkastenkinder, nicht richtig eingeschätzt.

Foto: Stanislaw Woskresenski im Würgegriff von Nikolai Zukanow
 
Und so ging es weiter abwärts mit dem Reichtum der Region und weiter aufwärts mit dem Reichtum der „eingeschworenen Sandkasten-Gemeinde“. Aber auch innerhalb dieser „Gemeinde“ gab es Fraktionen, denn auch in Kaliningrad gibt es nicht nur einen Sandkasten. Und so begann ein offener Krieg zwischen dem Kaliningrader Bürgermeister Alexander Jaroschuk und dem Gouverneur Zukanow. Jaroschuk machte sich nun, nach dem Weggang von Woskresenski, Hoffnungen auf die Funktion – aber er hoffte vergebens. Viele Monate gab es unappetitlichen gesellschaftlichen und politische Dreck zu hören und zu lesen, bis sich beide Kampfhähne wohl hinter den Kulissen einigten und den Krieg beendeten. Aber es ging damit weder der Stadt noch dem Gebiet besser.
 
Foto: Bei Wind und Wetter – der Wettlauf um den Kaliningrader Gouverneursstuhl zwischen Nikolai Zukanow und Alexander Jaroschuk
 
Man näherte sich dem Jahre 2015 – dem Jahr, wo im September planmäßig Gouverneurswahlen stattfinden sollten und auch stattfanden. Traditionell nennen sich diese Wahlen in Kaliningrad „alternativlos“, weil die Opposition, obwohl sie schon 20 Jahre existiert, es nicht schafft, eine Persönlichkeit aufzubauen, die Charisma hat und sich im politischen und gesellschaftlichen Leben einen guten Ruf erworben hat.
 
Somit kam es, wie es kommen musste und die Kaliningrader mussten zur Kenntnis nehmen, dass das föderale Zentrum keinen neuen Anwärter für den Gouverneursposten aus dem Ärmel gezaubert hat und Nikolai Zukanow wieder antritt. Er trat wieder an, gewann haushoch bei einer mäßigen Wahlbeteiligung und qualifizierte sich mit dieser Wahl zum besten Gouverneur in Kaliningrad seit Beginn der neuen (russischen) Zeitrechnung. Warum? Nun, vor ihm war es keinem seiner Vorgänger gelungen, eine zweite Amtszeit anzutreten – er war der Erste der eine zweite Amtszeit erhielt und somit ist er der Beste – logisch, oder?


Grafik: Gouverneure des Kaliningrader Gebiets in der neuen modernen russischen Zeitrechnung

Nach den Wahlen beginnt dann immer die Regierungsbildung. Gouverneur Zukanow hatte seine erste Amtszeit genutzt, um rund 50 Minister in fünf Jahren zu entlassen. Logisch, das sich kaum noch jemand fand, der in der Regierung unter Zar Zukanow arbeiten wollte. Und hier half dann das föderale Zentrum, sprich die Administration des russischen Präsidenten, Personalengpässe zu überwinden und bot Nikolai Zukanow einen 28jährigen jungen Mann aus dem Ministerium für Handel/Industrie an. Nun, so ein Angebot kann man nicht ablehnen und so kam Anton Andrejewitsch Alichanow als Vizegouverneur nach Kaliningrad und kurierte hier den sogenannten realen Sektor. Das war dem Gouverneur Zukanow durchaus recht, denn er konnte den jungen Mann nicht so richtig einschätzen, ein Fremdkörper im Kaliningrader Sandkasten und in dem Verantwortungsbereich „realer Sektor“ kann man sich sehr leicht das Genick brechen.

Allerdings hatte Gouverneur Zukanow wohl eine weitere neue Personalie, die bereits im Mai 2015 plötzlich auftauchte, nicht bemerkt. Es handelte sich um Jewgeni Nikolajewitsch Sinitschew, der als neuer Leiter der FSB-Verwaltung (Russischer Föderaler Sicherheitsdienst) in Kaliningrad eingesetzt wurde. Er war bis dato über sehr viele Jahre ständiger Begleiter des russischen Präsidenten Putin. Nun hat sich Putin von ihm getrennt und ihn in die Provinz geschickt – sollte man meinen, richtig? Na, warten sie die weiteren taktischen Schritte ab … Sie werden erstaunt sein.

Foto: Der Unsichtbare, Unhörbare, Unbemerkbare im Sowjetski-Prospekt Nr. 3
 
Also, der neue Kaliningrader FSB-Chef wurde in der Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis genommen und er selber machte auch keinerlei Anstrengungen, bekannt zu werden. Die Kaliningrader Regierung nahm ihre Arbeit auf und mit dem Gebiet ging es weiter abwärts. Allerdings war Kaliningrad des Jahres 2015 schon nicht mehr das Kaliningrad des Jahres 2013. Dazwischen lag das Jahr 2014 und wie allgemein bekannt, war das Jahr 2014 nicht ganz so einfach für Russland. Westliche Länder zeigten sich über den Wunsch von rund zwei Millionen Ukrainern enttäuscht, die so schnell wie möglich wieder zum Bestand des russischen Mutterlandes gehören wollten und sie zeigten sich enttäuscht, dass das russische Vaterland nichts unternahm, um dies zu verhindern. Und so kam es zu Sanktionen und auch immer lauter werdenden Diskussionen im Westen, dass man sich das russische Ostpreußen doch auch wieder zurückholen könnte, denn was die Russen mit der Krim machen, kann Deutschland dann doch auch mit Königsberg machen. Die westlichen Scharfmacher ignorierte dabei großzügig, dass die Krimbewohner ein Referendum initiiert hatten, um sich mit Russland zu vereinen und die Kaliningrader kein Referendum initiiert hatten, um sich mit Deutschland zu vereinen. Parallel zu diesen Überlegungen, begannen die Diskussionen über eine Blockade des Kaliningrader Gebietes. Besonders laut sprachen die Polen und Litauer, unsere unmittelbaren Nachbarn, darüber.
 
Grafik: Kaliningrader Gebiet in liebevoller Umarmung der EU-/Nato-Staaten
 
Das Moskau darüber etwas unruhig wurde, ist wohl nachvollziehbar und es musste schleunigst etwas getan werden, um eine „Situation“ zu verhindern. Wie leicht könnte die Kaliningrader Bevölkerung sich an das Jahr 2010 erinnern, um sich von einem ungeliebten Gouverneur zu trennen, der es nicht versteht, das Gebiet zu entwickeln und zu Wohlstand zu führen. Und natürlich steht der Westen bereit, Konsultationen zu geben, wie man am besten ein buntes Treiben auf den Straßen und Plätzen der ex-deutschen Stadt Königsberg organisiert. Bestes Beispiel, wie bereit man ist, zeigt der Auftritt des deutschen Diplomaten und Vizekonsuls für Kultur im Generalkonsulat in Kaliningrad Daniel Lissner im Deutsch-Russischen Haus im August 2014. In einer antirussischen Hetzrede mischte er sich in die inneren Angelegenheiten Russlands ein und verleumdete das Gastland.
 

Es wurde also langsam Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen und vermutlich kam dabei Moskau ein Umstand zugute, der wirklich ungeplantes operatives Handeln erforderte, denn im Mutterland wurden eine Reihe spektakulärer Korruptionsfälle aufgedeckt und es mussten viele zentrale Funktionsstellen neu besetzt werden. Im Rahmen dieser Personalveränderungen wurde der Posten des Bevollmächtigten des russischen Präsidenten für die NordWest-Region vakant und man kam auf den Gedanken, Gouverneur Zukanow dorthin zu versetzen. Es handelt sich bei dieser Institution um eine, zum heutigen Zeitpunkt (meiner Meinung nach), völlig überflüssige Struktur. Ich habe den Eindruck, als ob diese Struktur nur dazu da ist, ungeliebte Beamte dort kaltzustellen oder befähigte Beamte zwischenzuparken, bis Personalbedarf an Brennpunkten entsteht.

Lange Rede, kurzer Sinn, Nikolai Zukanow wurde Mitarbeiter der Verwaltung des russischen Präsidenten – allerdings auf der niedrigsten Ebene. Warum man den Mann nach oben lobte und nicht woandershin komplimentierte, ist mir nicht ganz erklärlich. Neulich hatte ich ein Gespräch mit jemandem und der meinte: „… Uwe, der Mann weiß zu viel und wenn man ihn einbuchtet, dann fängt er an auszupacken.“ Ich widersprach meinem Gesprächspartner, denn mit welcher Logik sind dann in den letzten zwei Jahren so viele andere Gouverneure und sogar der russische Wirtschaftsminister Uljukajow verhaftet worden? Haben die alle nichts gewusst, niemanden gekannt, den sie ans Messer liefern könnten?

Kehren wir nach Kaliningrad zurück und zur Taktik, die das föderale Zentrum nun verfolgt. Die Stelle des Gouverneurs wurde umgehend besetzt. Das ging so schnell, als wenn man dies schon im Mai 2015 geplant hätte. Sie erinnern sich an das Datum? Richtig, da kam der Vertraute des russischen Präsidenten Jewgeni Nikolajewitsch Sinitschew als FSB-Chef nach Kaliningrad. Und nun wurde er Gouverneur. Umgehend ernannte er den bisherigen Vizegouverneur Alichanow zum Premierminister der Gebietsregierung und stattete ihn mit umfassenden Vollmachten aus.

Foto: Ein unsichtbares Team-2015 hinter den Kulissen
 
Anton Andrejewitsch war damals 29 Jahre und 10 Monate alt. Die russische Gesetzgebung schreibt ein Mindestalter von 30 Jahren für einen Gouverneur vor. Und was soll ich Ihnen sagen? Wenige Tage nach dem 30. Geburtstag von Anton Alichanow bemerkte Gouverneur Sinitschew, dass dringende Familienangelegenheiten in Moskau seine ständige Anwesenheit dort erforderlich machen. Präsident Putin hatte dafür Verständnis und versetzte ihn in den Zentralapparat des FSB nach Moskau, wo er den zweithöchsten Posten, in dieser nicht ganz unwichtigen Organisation, bekleidet. Logisch, das als Nachfolger im Amt des Gouverneurs der Premierminister Alichanow vorgeschlagen wurde, der ja just in diesem Moment auch das notwendige Alter erreicht hatte.
 
An dieser Stelle hatte Ex-Gouverneur Zukanow wohl endgültig verstanden, welches Spiel seit Mai 2015 hinter seinem Rücken gespielt wurde und was er alles nicht gesehen hatte. Aber er gab sich nicht geschlagen und begann mit Intrigen und Einflussnahmen von seinem neuen Posten aus, auf Kaliningrad und die neuen „Machthaber“ Einfluss auszuüben. Er baute dabei wohl auf das personelle Netzwerk, welches er in den letzten Jahren geschaffen hatte. Aber er hatte Pech auf der ganzen Linie. Das föderale Zentrum hatte seit Beginn seiner Versetzung begonnen, alle föderalen Entscheidungsträger im Kaliningrader Gebiet auszuwechseln.
 

Grafik: Fast alle föderalen Entscheidungsträger im Kaliningrader Gebiet wurden gewechselt
 
Es gab also niemanden mehr, der ihn auf der föderalen Ebene schützte oder warnte. Die neuen Entscheidungsträger kamen alle aus anderen Regionen und es war wohl vorher sorgfältig geprüft worden, ob irgendjemand mit Ex-Gouverneur Zukanow in Kindheitstagen mal im Kaliningrader Sandkasten gespielt hat.
 
Dann versuchte Nikolai Zukanow auf Personalentscheidungen innerhalb des Kaliningrader Gebietes Einfluss zu nehmen. Hierzu gehörten so einflussreiche Posten, wie der Generaldirektor der Korporation für die Entwicklung des Kaliningrader Gebietes und der Posten des Beauftragten des russischen Präsidenten für das Kaliningrader Gebiet, der sogar sein Unterstellter ist und zu dessen Ernennung er auch das direkte Recht hätte – natürlich in Abstimmung mit Putin. Alle diese Pläne wurde vereitelt. Nicht eine einzige Personalie konnte Zukanow beeinflussen – der Sand im Kasten wurde ausgewechselt. Die Demontage eines Menschen lief auf vollen Touren.

Aber anscheinend hatte Zukanow wohl mit seinem Verhalten andere in der Präsidentenadministration verärgert. Man sah wohl, dass der Mann aktiv seine Interessen verfolgte und nicht die Interessen der Region. Es musste verhindert werden, dass die eingeleiteten Maßnahmen für die Entwicklung des Kaliningrader Gebietes, subjektiv gestört werden. Und so wurde wohl beschlossen, die Granaten näher einschlagen zu lassen.

Eine erste Vorwarnung erhielt Nikolai Zukanow mit einer Personalentscheidung von Anton Alichanow, der, auf vielfaches Drängen guter Berater beschlossen hatte, einem seiner Vizegouverneure die Krallen zu beschneiden, sprich, ihm einen wesentlichen Teil seines Einflusses wegzunehmen. Es handelte sich dabei um Alexander Wladimirowitsch Jegoryschew, die sogenannte Graue Eminenz aus der Zukanow-Regierung. Zu einer Entlassung dieses engsten Zukanow-Vertrauten konnte sich Anton Alichanow noch nicht entschließen, obwohl ihm zu verstehen gegeben wurde, dass es Zeit wird, dass Kuckucksei aus dem Nest zu entfernen. Aber er entfernte nicht, sondern beschnitt nur dessen Einfluss. Das wiederum rief die Kaliningrader Oppositionspresse auf den Plan und man begann Ende 2016/Anfang 2017 einige Dinge aufzudecken, die den Vizegouverneur Jegoryschew arg belasteten. Auch „Kaliningrad-Domizil“ informierte darüber.

Der Druck wurde so groß, dass sich Vizegouverneur Jegoryschew entschloss, freiwillig zurückzutreten. Eine weise Entscheidung dieser Ex-Grauen Eminenz und es bleibt zu hoffen, dass er auch weiterhin ein kluges Verhalten an den Tag legt, denn der neue Kaliningrader Staatsanwalt hat mit ihm in Kindheitstagen auch nicht im Sandkasten gespielt.

Eine weitere Warnung erhielt der Ex-Gouverneur Zukanow und Noch-Bevollmächtigte Vertreter des russischen Präsidenten vor wenigen Wochen, als im zentralen russischen Fernsehen Kaliningrader Zöllner über ihre heroischen Erfolge beim Schutz der Interessen des russischen Vaterlandes berichteten und dabei einem dieser Zoll-Patrioten, absichtlich oder aus Versehen, herausrutschte, dass man sogar schon mal die Verteidigung der Yacht von Zukanow trainiert habe.

Screenshot: Kaliningrader Zöllner schütz die Zukanow-Yacht
 
Das löste höchste Aufmerksamkeitsquoten bei denen aus, die sich mit dem Schicksal des jetzigen Bevollmächtigten des russischen Präsidenten in St. Petersburg beschäftigen. Aus der Gebietsregierung wurde umgehend mitgeteilt, dass man keine Yacht habe, die der Gouverneur nutzen darf und Zukanow selber hat auch keine Yacht – zumindest hat er keine in seinen jährlichen Vermögensübersichten deklariert, zu deren Veröffentlichung er gesetzlich verpflichtet ist. Aber was für eine Yacht ist das denn nun, die staatliche Sicherheitsorgane verteidigt haben? Mit dieser Frage wird sich wohl jetzt der Kaliningrader Staatsanwalt beschäftigen oder der neue Leiter der FSB-Verwaltung. Mit beiden hat Nikolai Zukanow in den Kindheitstagen nicht im Sandkasten gespielt.
 
Dann platzte am vergangenen Sonntag die Information in die Kaliningrader Redaktionsstuben, dass der ehemalige Kaliningrader Bauminister Amir Kuschchow in Moskau verhaftet worden ist. Gemeinsam mit ihm wurden zwei weitere Personen aus einer Baufirma und einer Regierungsstruktur verhaftet. Es geht darum, dass bei der Vorbereitung des sumpfigen Baugeländes auf der „Insel“ für den Bau des neuen Stadions zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018, Leistungen im Wert von 500 Mio. Rubel abgerechnet, aber nicht erbracht worden sind. So soll u.a. minderwertiger Sand in hunderttausenden Tonnen aufgeschwemmt worden sein, der nicht den technologischen und vertraglich vereinbarten qualitativen Anforderungen entsprach.  Der verhaftete Ex-Bauminister ist ein enger Vertrauter des Ex-Gouverneurs Zukanow und Zukanow hat in seiner Zeit als Gouverneur alles darangesetzt, damit die sumpfige „Insel“ Standort des neuen Stadions wird. Er trat sogar in einen offenen Konflikt mit dem damaligen Sportminister und heutigen Vizepremier der russischen Regierung Witali Mutko, der dabei den Kürzeren zog, denn Zukanow setzte die „Sumpfinsel“ als Stadionstandort durch. Aber ein Witali Mutko vergisst solche Niederlagen nicht – behaupte ich mal.

 

Foto: Witali Mutko (links) und Nikolai Zukanow (rechts) vor dem Skelett des Stadions auf der Sumpfinsel
 
Und nun warten alle darauf, dass das Vögelchen Amir Kuschchow oder die beiden anderen oder die noch zu Verhaftenden anfangen zu singen.
 
Sie merken, liebe Leser, wie dicht die Granaten schon beim Beauftragten des russischen Präsidenten für die NordWest-Region einschlagen – ganz gefährlich nahe. Und so muss man sich nicht wundern, wenn sich mal jemand bei mir zum Kaffee einlädt und im netten Plauderton mitteilt, dass sich standhaft Gerüchte halten, dass der jetzige Bevollmächtigte Vertreter des russischen Präsidenten für das Kaliningrader Gebiet Michael Jurjewitsch Wedernikow, der erst vor wenigen Monaten aus dem Nordkaukasus zu uns gekommen ist, seine Koffer bereits wieder packt und in St. Petersburg auf Wohnungssuche ist.
Foto: Michael Jurjewitsch Wedernikow (Links) Bevollmächtiger Vertreter des russischen Präsidenten für das Kaliningrader Gebiet, Nikolai Nikolajewitsch Zukanow (rechts) sein (Noch)-Vorgesetzter in St. Petersburg
 
Aber kehren wir nochmal kurz zur russischen föderalen Taktik in Kaliningrad zurück und zu unserem Anton Alichanow. Der Mann kann anfassen was er will, es scheint ihm fast alles zu gelingen. Das liegt natürlich nicht daran, dass er so klug und weise ist (was ich nicht in Abrede stelle), sondern daran, dass er anscheinend genügend Rückhalt in Moskau hat – von wem auch immer. Da fließen plötzlich Gelder für den medizinischen Bereich, den Straßenbau, das Fährprojekt wird genehmigt, Visafreiheit eingeführt, Außenminister Lawrow, Verteidigungsminister Schoigu, der russische Sicherheitsrat und viele andere kommen nach Kaliningrad, um hier Beratungen durchzuführen … alles Momente, wo das föderale Zentrum zu erkennen gibt, dass Kaliningrad in der Föderation zukünftig eine ganz andere Rolle spielen wird, als bisher.
 

Aber es bleibt noch ein Problem, welches noch nicht entschieden ist: die sogenannte Kaliningrader Elite. Es wurde immer davon gesprochen, dass es so eine Elite gäbe und die soll sehr stark sein, so stark, dass man föderale Interessen „beeinflussen“ kann. Und es wurde immer verbreitet, dass die Kaliningrader keine Moskauer Importe mögen – die sind alle hochnäsig, überheblich, arrogant und haben keine Ahnung von den Kaliningrader Verhältnissen. Mit derartigen Argumenten hat man in der Vergangenheit erfolgreich operiert und eine Vermischung von Kaliningrader Blut mit Moskauer Blut verhindert. Mit anderen Worten, man ist in Kaliningrad unter sich geblieben, unter denen, die in Kindheitstagen gemeinsam im Sandkasten gespielt haben. Alichanow hat nun erklärt, dass er mit niemandem in einem Kaliningrader Sandkasten gespielt hat und somit auch keine Rücksicht auf Buddelbrüder und -schwestern in Kaliningrad nehmen muss. Das war eine Kampfansage an die Kaliningrader Elite, insbesondere an den Teil, die in Kindheitstagen mit Zukanow in einem Sandkasten gespielt hat.

Und so muss man sich auch nicht über eine Einschätzung der Stiftung „Petersburger Politik“ wundern, die am Montag dieser Woche veröffentlicht wurde. Man kommt dort zu der Einschätzung, dass die Kaliningrader Region zu den Regionen gehört, wo sich in Vorbereitung der Gouverneurswahlen, vor den Kreml-Kandidaten neue Probleme und Risiken auftürmen. Der anfängliche Effekt, dass man in Kaliningrad einen sehr jungen Gouverneur eingesetzt habe, wurde unzureichend genutzt und nicht weiterentwickelt – meint die Stiftung. Man habe keine Schritte unternommen, um den Anspruch des Junggouverneurs auf die politische Führungsrolle und moralische Autorität in der Region zu festigen. Ganz im Gegenteil ist jetzt eine Konfliktsituation mit der örtlichen Elite entstanden und wenn sich diese Prozesse weiterentwickeln, so kann dies zu einer Verstärkung des elitären Widerstandes führen – meint die Stiftung.

Die Stiftung formuliert:

Ich denke, dass diese Einschätzung viel Wahres enthält und wenn die St. Petersburger Stiftung zu dieser Erkenntnis gekommen ist, so sind andere in Moskau auch schon zu einem ähnlichen Erkenntnisstand gekommen und werden entsprechende Schritte unternehmen. Die Nennung des Namens „Jaroschuk“, der wohl immer noch mit dem Posten des Gouverneurs liebäugelt, müsste dieser eigentlich gut verstehen. Aufmerksame Verfolger der politischen Vorgänge in Kaliningrad werden bemerkt haben, wie der Kaliningrader Bürgermeister in den letzten Wochen immer öfter und öffentlicher kritisiert wird. Andere aus der Kaliningrader Sandkastenelite, die sich nicht so in den Vordergrund drängeln, sollten auch nachdenken! Wenn nicht, wird wohl die Kaliningrader Alt-Elite, egal in welchen Sandkästen sie gespielt hat, recht schnell merken, dass das föderale Zentrum auch die Elite neu strukturieren kann. Helfen tun dort der neue Staatsanwalt, der neue Leiter des Untersuchungskomitees, die Steuerbehörden und andere, die in Kindheitstagen in weit entfernten Sandkästen gespielt haben. Wer dann zukünftig sich in Kaliningrad als „Elitär“ bezeichnen kann, werden wir nach dem 10. September erfahren.

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Gebietsregierung, Gesellschaft, Gouverneur, Kaliningrad, Korruption

   Kommentare ( 7 )

boromeus Veröffentlicht: 4. Juli 2017 22:07:26

Tolle Recherge,zeigt sie doch sehr plastisch, um welche Dinge es wirklich geht, im Oblast.Um Machterhalt und nochmehr Geld.Die "Normalos" sind dort nur Marionetten in einem ganz schlechten Polit-Kaspertheater.Einige Wenige stopfen sich in schier unsättlicher Gier die privaten Taschen voll und Babuschka Olga muss am Strassenrand von KGD selbsteingelegte Paprika verkaufen ,um ihre Pension etwas aufzubessern,die nicht mal zum Sterben reicht. Bleibt nur zur hoffen ,dass Alichanow genug Durchsetzungsvermögen und Energie hat ,um den verfilzten Sumpf mal richtig trockenzulegen, bis dass die Menschen von dem provitieren können ,für das sie in den letzen Jahrzehnten in ihrem Oblast Steuern bezahlt haben.Für Typen wie Zukanow sicherlich nicht.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 4. Juli 2017 22:09:59

... kleine Korrektur: Babuschkas verkaufen keine selbsteingelegten Paprikas. Da wäre der Wareneinsatz viel zu teuer für die Rente. Sie verkaufen Sonnenblumenkerne ...

Karsten-Wilhelm Paulsen Veröffentlicht: 5. Juli 2017 07:15:14

@Und so kam es zu Sanktionen und auch immer lauter werdenden Diskussionen im Westen, dass man sich das russische Ostpreußen doch auch wieder zurückholen könnte, denn was die Russen mit der Krim machen, kann Deutschland dann doch auch mit Königsberg machen.

Wo ist denn diese Diskussion geführt worden? In den hiesigen Medien habe ich davon nichts mitbekommen.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 5. Juli 2017 08:17:48

... wir hatten eigentlich ausführlich darüber auf unserem Portal berichtet, wie sich Bloomberg-Reporter gegenüber Putin mit provokativen Fragen äußerten, wie der litauische Außenminister sich mehrmals äußerte, die litauische Präsidentin, polnische Politiker, ukrainische Politiker ... es gibt Unmengen Informationen hierzu ... auch auf unserem Portal. Deutsche Politiker halten sich offiziell mit Äußerungen zurück - "arbeitsteilig" erledigen das andere Länder für Deutschland ...

Karsten-Wilhelm Paulsen Veröffentlicht: 5. Juli 2017 13:41:12

@Deutsche Politiker halten sich offiziell mit Äußerungen zurück - "arbeitsteilig" erledigen das andere Länder für Deutschland ...

Naja, das glaube ich nicht. Kein ernstzunehmender Politiker in Deutschland würde sich mit der Frage der Wiedererlangung Ostpreussens befassen. Der hätte schon innerhalb Deutschlands Ärger am Hals. Ich persönlich hätte für das Grundstück meines Opas in Oschke auch keine Verwendung ;-)

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 5. Juli 2017 13:55:10

... ja, wir haben ja Meinungsfreiheit und so hat jeder seine Meinung.

kgd .ru Veröffentlicht: 6. Juli 2017 01:50:51

[KALININGRADER SANDKASTENKINDER...]

Sehr, sehr gut geschrieben (I'm lovin' it) - danke! Solche Meinungen über Sandkastenspiele finde ich höchst interessant und einer eigenen Meinungsfindung sehr hilfreich...

SteffenGoerlich Veröffentlicht: 8. Juli 2017 16:10:10

Da muss ich Herrn Paulsen energisch beipflichten - eine Übernahme Ostpreussens durch Deutschland ist vielleicht in irgendwelchen bedeutungslosen Kreisen oder von Leuten mit extremen Positionen in Litauen o.ä. diskutiert worden, aber in der deutschen Politik und unter den Deutschen absolut kein Thema. Solche Argumentationen tragen immer wieder zum gegenseitgen Unverständnis und zum Aufbau von Mistrauen bei. Ich hatte schon vor Monaten darauf hingewiesen, dass man zur Verbesserung der Situation mehr Verbindendes diskutieren sollte. Auch die Lissner-Rede von 2014 kommt vorhersehbar in jedem Artikel als Argument. Offensichtlich ist danach derartig Negatives nicht mehr passiert. Sollten wir das nicht positiv sehen??

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 8. Juli 2017 16:15:24

... nun, ich tummele mich im Internet auch in Bereichen, wo die "Heim-ins-Reich"-Diskussionen 24 Stunden am Tag laufen. Leider tut Deutschland nichts - zumindest sehe ich nichts - um seine Rolle in der EU zu nutzen und seine EU-Partner in diesen Fragen um Mäßigung und Sachlichkeit zu bitten. Und schweigen ist manchmal auch ein Zeichen von Einverständnis.

Karsten-Wilhelm Paulsen Veröffentlicht: 8. Juli 2017 21:05:40

Aus deutscher Sicht wird da nichts zu befürchten aber auch nicht zu hoffen sein. Ist das Internet doch für unsere Kanzlerin noch "Neuland." Wir haben hie im Moment ganz andere Probleme, zur Zeit löst sich der ehemalige Kulturkreis Deutschland zunehmend auf. Das was wir Deutschland nennen und meinen zersetzt sich gerade von innen.

.g Radeberger Veröffentlicht: 14. Juli 2017 19:19:32

"Das was wir Deutschland nennen und meinen zersetzt sich gerade von innen."
Dieser Zersetzungsprozeß beginnt aber wie beim stinkenden Fisch am Kopf. Und dieser Kopf hat den Auftrag, diesen Prozeß zu forsieren. Dazu sind auch die Millionen schon vorhandenen und noch kommenden "Flüchtlinge", die lt. Genfer Konvention gar keine mehr sind, vorgesehen und ins Land geholt worden.
Aber der geistige Zersetzungsprozeß in diesem Land hier hat bereits viel, viel früher eingesetzt. Und alle, die sich dagegen wehren, werden zu Rechtsextremisten oder gar Nazis abqualifiziert. In anderen Ländern werden solche Bürger, die für die erhaltung des Nationalstaates, der Sprache und Kultur eintreten, als Patrioten geehrt. In Deutschland werden diese Menschen in den Dreck getreten und mit den wohl auch vorhandenen rechten Rand gleich gesetzt.
Deshalb ist es für mich unverständlich, daß zu den Wahlen diese stinkenden Köpfe immer wieder gewählt werden.

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