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Kaliningrader Schüttelfrost oder der Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft 2018

Mo, 08 Sep 2014 ... mit deutschem Akzent


Kaliningrader Schüttelfrost oder der Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft 2018

MEINE MEINUNG, … mit deutschem akzent, kommentiert russische wirtschaftliche, politische, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse aus dem Blickwinkel eines Deutschen. Die Rubrik ist der Versuch, mit etwas BLOGGER-Hintergrundwissen dem deutschen Leser die, manchmal nicht einfachen, Verknüpfungen in der russischen Realität etwas verständlicher zu machen.

 

Kaliningrader Schüttelfrost  

Kaliningrad scheint aus dem Zittern nicht mehr rauszukommen. Vor vielen Monaten berichteten wir über das „erste Zittern“, als in Moskau die Städte ausgewählt wurden, die die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 ausrichten sollten.

Am 11. August 2014 berichteten wir über das „zweite Zittern“:


Es wurde gezittert, weil die Gefahr einer Auslistung Kaliningrads bestand. Joseph Blatter hatte da einige Gedanken in Auswertung der vergangenen Weltmeisterschaft und Putin hatte versprochen, darüber nachzudenken. Und dann waren sofort drei Städte im Gespräch, denen die Fußball-Weltmeisterschaft entzogen werden könnte – aus unterschiedlichen Gründen – und Kaliningrad stand mit auf dieser Liste. Markige Töne waren da aus Kaliningrad, von führenden Politikern zu hören – aber, der Gouverneur Kaliningrads hatte Recht behalten – es wagte niemand in Russland Kaliningrad die Weltmeisterschaft zu entziehen, denn Putin bestätigte vor wenigen Tagen, dass alles so bleibt wie es ist.

Und jetzt zittert Kaliningrad zum dritten Mal – und das im doppelten Sinne: Zittern um das bestmögliche Stadion in Kaliningrad und Zittern um mögliche Realisierung von Boykottforderungen des Westens, die immer lauter werden. Man könnte meinen, Kaliningrad lebt im Dauerzustand Schüttelfrost.

Es geht mal wieder um die Fußball-Weltmeisterschaft 2018. Kaum das Präsident Putin, unerwartet und vorfristig verkündet hat, dass es keinerlei Änderungen an der Anzahl der Ausrichterstädte und Stadien geben wird und man sich natürlich in Kaliningrad mächtig freute, kam gleich der Dämpfer aus Moskau.

Der für die Vorbereitung und Durchführung der Fußball-Weltmeisterschaft verantwortliche föderale Sportminister Witali Mutko erklärte, dass das Kaliningrader Stadion zu teuer ist und man sich eine andere Variante einfallen lassen solle. Er hatte auch gleich eine Idee: das altdeutsche Stadion „Baltika“, mitten im Stadtzentrum gelegen, wäre bestens für eine Rekonstruktion und für 35.000 Zuschauer geeignet.


Er meinte, dass natürlich das jetzige Gebiet der „Insel“ für die Stadt und deren Entwicklung sehr wichtig, aber für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 viel zu teuer ist. Für jedes Stadion stehen 15,2 Mrd. Rubel (317 Mio. Euro) zur Verfügung und alle Städte haben Projekte in dieser Größenordnung vorgelegt. Nur Kaliningrad fällt aus dem Rahmen. Kaliningrad braucht, eben wegen dem schwierigen Baugrund weitere 20 Mrd. Rubel  (417 Mio. Euro) und die ist Mutko nicht bereit zu geben – er hat sie einfach nicht.

Der Kaliningrader Gouverneur N. Zukanov bemühte sofort seine Spezialisten, die begründeten, warum das Stadion „Baltika“ für die Weltmeisterschaft ungeeignet ist. In seltener Einigkeit sprang ihm auch der Kaliningrader Bürgermeister Jaroschuk zur Seite, der auch von dem Gedanken der Rekonstruktion des Stadions „Baltika“ nicht begeistert ist. 


Foto: Links Bürgermeister Jaroschuk, rechts Gouverneur Zukanov

Man führte ins Feld, dass die Stadion-Forderungen der FIFA durch das Stadion „Baltika“, auch nach der Rekonstruktion, nicht erfüllt werden. Außerdem widerspreche diese Rekonstruktion Bestimmungen zur Städteplanung. Des Weiteren müsste ein dort vorhandener Kindergarten abgerissen werden und überhaupt wären vier Jahre intensiver Bautätigkeit den Anwohnern nicht zuzumuten. Von anderen Dingen, wie z.B. fehlenden Parkplatzmöglichkeiten und Sicherheitsanforderungen für den Besuch von 35.000 Fans mal ganz abgesehen.

Foto: Haupteingang Fußballstadion „Baltika“

Dazu kommt, dass bereits eine ziemlich große Geldsumme in die Vorbereitung des Bauplatzes auf der Insel geflossen ist, die nun „abgeschrieben“ werden müsste – obwohl, der Bauplatz ist ja nicht verloren, er kann für andere Neubauten genutzt werden.

Grafik (Archiv KD): Links die „Insel“, rechts ein Projketentwurf

Ein weiteres, nicht ganz unwesentliches Argument der Gebiets- und Stadtverantwortlichen ist der Zeitfaktor, denn das Projekt des Stadions, das zu rekonstruieren ist, muss neu erarbeitet werden. Da vergehen auch wieder einige Monate und bis zum Jahre 2018 ist verdammt wenig Zeit verblieben.

Sportminister Mutko ließ sich von all diesen Dingen nicht beeindrucken. Er hat nur 15 Milliarden Rubel und keine Kopeke mehr. Wenn die Kaliningrader unbedingt dieses superteure Stadion haben wollen, dann sollen sie es aus eigener Tasche bezahlen –
Basta …

Foto (Archiv KD): Sportminister Mutko … so viel und keine Kopeke mehr

Irgendwie fühlte sich Witali Mutko wohl auch ein wenig auf den Schlips getreten, denn er gab in einem Interview mit dem TV-Sender „Rossija-24“ zu verstehen, das ihm die, durch den Kaliningrader Gouverneur öffentlich geführten Gelddiskussionen, nicht so richtig passen – verständlich natürlich, insbesondere auch deshalb, weil der Kaliningrader Gouverneur sonst mit bestimmen Diskussionen nicht sehr in die Öffentlichkeit tritt und dies lieber hinter verschlossenen Türen regelt. Keine Ahnung, was den Gouverneur treibt, so öffentlich und kontrovers mit dem föderalen Sportminister zu diskutieren, der allem Vernehmen nach, einigermaßen gute Beziehungen zu Putin haben soll.

Der Kampf „Föderation“ gegen „Gebiet“ hat also begonnen. Lange wird er nicht dauern, denn die Zeit drängt. Mit allem Hochdruck wird weiter am neuen Stadion gebaut, aber spätestens wenn Mutko erklärt, für die erbrachten Leistungen nicht mehr zu zahlen, dann wird wohl Schluss mit Lustig sein. Es bleibt spannend in Kaliningrad – schau´n wir mal wer stärker ist.

Vielleicht enden aber alle Diskussionen schneller als wir denken und es wird überhaupt kein Stadion mehr gebraucht, weder als Neubau, noch als rekonstruiertes altdeutsches Sportobjekt.

Es geht darum, dass die Diskussionen über einen Boykott oder einen Entzug der Fußball-Weltmeisterschaft, vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Ereignisse, immer lauter werden. Natürlich hat sich Sepp Blatter schon geäußert und klargestellt, dass Fußball unpolitisch ist und es keine Änderungen an den Planungen sowohl für 2018 wie auch für 2022 geben wird. Aber wir wissen ja … das Leben ist schnelllebig und auch die Ansichten von Menschen können sich ändern. Und vielleicht verfügen die USA ja, dank des „Snowden-Systems“ über Kompromate gegenüber Blatter, mit denen er erpresst werden kann und einknickt …?

Und am Wochenende gab es ein Interview mit dem Präsidenten der UEFA Platini in der BILD-Zeitung. Er äußerte:

BILD: Ist es fair, die WM-Fans nach Russland und Katar zu schicken? Russland führt Krieg in der Ukraine, Katar soll die Terror-Organisation ISIS unterstützen.

Platini: Die Lufthansa fliegt jeden Tag nach Russland, Deutschland hat ein Konsulat in Katar. Aber der Sport soll die Länder boykottieren? Das ist doch albern. Es kann doch nicht sein, dass der Sport oder der Fußball immer Probleme lösen sollen, die die große Politik nicht lösen kann. Und wenn ich mich an den Boykott der Olympischen Spiele erinnere: Hat das irgendwas gebracht?


Schön, auch solche Meinungen zu lesen. Aber im „Presseclub“ von ARD am gestrigen Sonntag, trafen sich die Scharfmacher – vermutlich alles keine Fußball-Fans:

Foto: Der Presseclub von ARD am 7. September 2014


Der nette Herr, ganz rechts im Bild, ist Jörg Eigendorf, Chefreporter des Investigativteams sowie Mitglied der Chefredaktion der "Welt"-Gruppe. Er sprach in einer seiner Äußerungen genau das an, worum es geht: Es geht darum direkt und persönlich Putin Schaden zuzufügen. Sinngemäß sagte er … „wir müssen Putin bei seiner Eitelkeit packen und das schaffen wir am besten, wenn wir ihm die Weltmeisterschaft wegnehmen.“

Foto: (rechts): Jörg Eigendorf – will Putins Eitelkeit treffen

Gut, Herr Eigendorf (… ach, ehe ich es vergesse – sind Sie verwandt mit der Frau Eigendorf, die in der Ukraine am detonieren von Granaten erkennen kann, ob diese aus einer russischen oder ukrainischen Kanone abgeschossen wurden und über deren heroischen Einsatz wir am vergangenen Freitag berichteten?), - das ist Ihre Meinung und Sie werden Putin ganz bestimmt in seiner Eitelkeit treffen, aber Sie werden ihm die Spiele nicht wegnehmen können, weil er sie nämlich nicht erhalten hat. Die Spiele wurden an Russland vergeben. Sie wollen also Russland bestrafen – eben darum geht es. Na, dann sagen Sie es doch auch und verstecken sich nicht hinter einem Putin. Was müssen die westlichen Politiker Respekt (Angst) vor Putin und seinen Bemühungen haben, Russland aus der Gosse zu holen, in der sich das Land viele Jahre befunden hat – ich bin beeindruckt.

Aber was wäre wenn …?

Wir müssen erst einmal klären, was passieren könnte. Wenn sich Blatter durchsetzt und es nicht zum Entzug der Weltmeisterschaft kommt, dann können die Staaten der Europäischen Union, der USA, Kanadas und andere immer noch die Spiele boykottieren. Also ähnlich wie die Olympischen Spiele in der Sowjetunion 1980. Man hat beiderseits mit so einem Boykott Erfahrung und weiß, wie man sich zu verhalten hat.


Grafik (KD): Sportgeschichte wiederholt sich? Olympische Spiele 1980 in Moskau wurden boykottiert

Natürlich sind boykottierte Fußball-Weltmeisterschaften keine wirklichen Weltmeisterschaften mehr. Mit dem Boykott will man Putin persönlich treffen, für den diese Spiele natürlich auch eine Imagefrage sind. Und man wird ihn treffen - zweifellos. Außer ihn wird man aber noch hunderte, tausende von Fußballspielern treffen und Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Fußball-Fans. Und wenn die Fußball-Fans noch Verständnis dafür haben, dass die Russen keine Äpfel mehr in Europa kaufen, so werden sie ganz bestimmt kein Verständnis haben, wenn defacto die Weltmeisterschaften nicht mehr stattfinden. Und wozu verärgerte Fans in der Lage sind, das sehen wir ja regelmäßig – auch in Deutschland. Man bestraft also in erster Linie andere und erst in vierter oder fünfter Linie diesen bösen Putin.

Aber vielleicht gelingt es ja auch, Russland die Weltmeisterschaft zu entziehen und sie einem anderen Land zu übergeben. England, einer der lautesten Schreier und Befürworter einer solchen Strafmaßnahme, käme dies sehr gelegen, denn es hat schon erklärt, dass es sich als Ausrichterland zur Verfügung stellt.

Damit hätten wir dann die Lösung des Problems und Putin wäre bestraft und beleidigt und die Spiele finden statt. Oder vielleicht doch nicht?

Na, es wird doch niemand so naiv sein und glauben, dass sich Russland so eine Entscheidung nicht anmerken lässt. Auch Russland wird alles unternehmen, wird alle Verbündeten mobilisieren, um diese verlegten Weltmeisterschaften zu stören und zu boykottieren. Also werden auch in diesem Fall nur wieder gestutzte Weltmeisterschaften stattfinden und es erfolgt kein echter und vollständiger Kampf um die Ermittlung der besten Fußballmannschaft der Welt. Wieder Millionen, Milliarden enttäuschter Fußball-Fans. Und das alles nur, um einem einzigen Menschen, dem bösen Putin, ein Leid anzutun. Welche Angst muss man vor diesem russischen Menschen haben, wenn man diese Kraftanstrengungen, diese zu erwartenden Fan-Unruhen bereit ist durchzustehen?

Was wäre noch zu bemerken? Finden die Spiele in Russland nicht statt, so braucht man auch nichts zu bauen. Mit anderen Worten, Russland spart 12 * 15,2 Mrd. Rubel, also insgesamt 182,4 Mrd. Rubel, also rund vier Milliarden Euro ein und könnte dieses Geld entweder für die Lösung sozialer oder infrastruktureller Probleme verwenden, oder aber auch für die materielle Ausgestaltung der Kosten, die durch die neuen Militärdoktrin entstehen, die Russland im Moment gerade überarbeitet und die noch in diesem Jahr in Kraft treten sollen.


Diese sehen ja, nach Aussagen eines der Autoren der Militärdoktrin vor, die USA und die NATO zu Hauptkriegsfeinden zu erklären.

 

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