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Kaliningrader schwarzer Freitag – wirklich „schwarz“? Teil I

Mo, 16 Dez 2013 ... mit deutschem Akzent


Kaliningrader schwarzer Freitag – wirklich „schwarz“? Teil I

Die Informationsagentur „Kaliningrad-Domizil“ unternimmt den Versuch, die Bankensituation in Russland im allgemeinen und die Ereignisse in Kaliningrad im Zusammenhang mit den Lizenzentzügen der letzten Tage zu analysieren. Wir unterteilen unsere Analyse in drei Teile:

  • Teil I – Analyse des Bankensystems in Russland insgesamt
  • Teil II – Analyse der Bankensituation in Kaliningrad am konkreten Beispiel der Investbank
  • Teil III – Analyse der Bankensituation aus der Sicht der Anleger

Die Veröffentlichungen erfolgen am 16, 17. und 18. Dezember.

Weiterhin veröffentlichen wir am Montag ein Porträt der Leiterin der russischen Zentralbank.

 

Beantworten wir zu Anfang dieses Stressthemas zwei Fragen:

  1. Steht Russland vor einer Bankenkrise? Wir glauben „NEIN
  2. Steht Russland vor einer Bankendisziplinierung? Wir glauben „JA

Womit begründen wir unseren Glauben. Schauen wir auf die Statistik der Bankenpleiten (russisch: Lizenzentzug) in den letzten Jahren, begonnen mit dem Jahr der internationalen Finanzkrise:

  • 2008 – 8 Lizenzentzüge
  • 2009 – 15 Lizenzentzüge
  • 2010 – 19 Lizenzentzüge
  • 2011 – 23 Lizenzentzüge
  • 2012 – 8 Lizenzentzüge
  • 2013 – 41 Lizenzentzüge (bis 13.12.2013)

Der sprunghafte Anstieg der Lizenzentzüge im aktuellen Jahr zwingt zu einer weiteren Analyse. Im ersten Halbjahr 2013 verloren insgesamt vier Banken ihre Lizenz, ab 25.06.2013 verloren somit bis zum 13.12.2013 weitere 37 russische Banken ihre Lizenz.

Am 24.06.2013 wurde eine neue Leiterin der russischen Zentralbank ernannt: Frau Elvira Nabiullina. Diesen Posten wird sie die nächsten vier Jahre bekleiden.

Foto: Elvira Nabiullina

Frau Nabiullina wird allgemein charakterisiert als „arbeitswütig“, „Stratege“ und „Globalist“. Vor ihrer Ernennung war sie von 2007 – 2012 Wirtschaftsministerin der Russischen Föderation und danach Beraterin des russischen Präsidenten Putin.

Foto: Leiterin der russischen Zentralbank im Gespräch mit russischen Präsidenten

Wir können also davon ausgehen, dass mit ihrer Amtsübernahme in der Zentralbank gegenüber dem russischen Bankensektor eine andere Politik gefahren wird. Warum?

Vermutlich wird das russische Bankensystem immer unübersichtlicher. Während Mitte 2012 in Russland rund 960 Banken registriert waren, so sind es aktuell per 13.12.2013 bereits 1072 (incl. Bankagenten). Davon sind 874 Banken zur Teilnahme am Bankeneinlagensicherungssystem zugelassen und 130 Banken sind vom Garantiesystem ausgeschlossen. Das 130 Banken nicht zum Einlagensicherungssystem zugelassen sind zeugt eindeutig davon, dass der Staat diese Banken als „unsicher“ einstuft und es somit den Bankkunden überlässt, mit diesen Banken zu arbeiten – auf eigenes Risiko. Jede neue Bank bedeutet aber auch eine neue Belastung für die Zentralbank, die in Russland für die Sicherheit des Finanzsystems die Verantwortung trägt. Und sicherlich hat die neue Chefin der Nationalbank eine Analyse der russischen Banken und ihrer Tätigkeit vorgenommen. Und sicherlich ist dabei auch die Wichtung der Banken im Prozess der finanziellen Wertschöpfung vorgenommen worden.

Wir wissen aus der Vergangenheit, dass viele russische Banken nur gegründet wurden, weil für die Finanzierung von bestimmten Objekten ein Finanzbedarf bestand. Nun könnte man hierfür natürlich einen Kredit bei einer Bank aufnehmen und 20 – 25 Prozent Zinsen zahlen, jede Menge Sicherheiten hinterlegen – eine teure Angelegenheit, die auf die Amortisierungsvorstellungen der Russen sehr negativen Einfluss hat. So gründet man schnell selber eine Bank, verspricht der Bevölkerung sehr gute Zinsen (10 – 12 Prozent) und bekommt so ziemlich schnell und ziemlich einfach die notwendigen Finanzmittel für die Finanzierung anderer Objekte zusammen. Laufen die so finanzierten Objekte gut, kann man den Bankkunden auch die Zinsen zahlen und bei Bedarf die Einlagen zurückerstatten. Laufen die Geschäfte schlecht und das mit der eigenen Bank finanzierte Objekt arbeitet unrentabel, so wird die Bank geschlossen und die Anleger verlieren entweder ihre Einlagen oder der Staat tritt mit seiner Bankeinlagengarantie ein. So einfach ist das. Und dies könnte, neben vielen anderen Faktoren, der Grund sein, den russischen Bankensektor zu disziplinieren und die Anzahl der Banken stark zu reduzieren.

Anna Granik, Leiterin des Pressedienstes der russischen Zentralbank äußerte am Freitag:

Foto: Anna Granik, Leiterin Pressedienst Zentralbank

„Die Investbank wurde mehrmals darauf hingewiesen, dass ihre Berichterstattung und Abrechnungen fehlerhaft sind. Die Zentralbank hat mehrere Male die Investbank aufgefordert zu einer korrekten Arbeit zu finden und die Mängel zu beseitigen. Dies hat die Investbank nicht getan. Deshalb haben wir beschlossen, der Bank die Lizenz zu entziehen.“

Und, nun kommt die Kernaussage, die darauf hindeutet, dass eine Disziplinierung des russischen Bankensektors bevorsteht:

„… für solche Finanzorganisationen wie der „Investbank“ ist einfach kein Platz mehr am Markt – sie arbeiten einfach nicht im Interesse ihrer Kunden. Die Investbank ist unsauber, fahrlässig und betreibt eine unausgewogene Geschäftspolitik. Der Entzug einer Lizenz erfolgt durch die Zentralbank nur als äußerste Maßnahme, wenn eine Bank grob und systematisch Gesetze verletzt.“

Also haben im Jahre 2013 bisher 41 Banken grob und systematisch Gesetze verletzt – wenn wir die Worte der Pressechefin der Zentralbank verallgemeinern. Und somit können wir sicher glauben, dass wir vor einer Disziplinierung des russischen Bankensektors im größeren Umfang stehen.

Unsere Vermutung geht dahin, das mit dem Entzug von Lizenzen für doch relativ bekannte Banken zum jetzigen Zeitpunkt (z.B. Master-Bank, Investbank usw.), die russische Bevölkerung für die Bankenspezifik sensibilisiert werden soll. Vielleicht hofft man auf einen freiwilligen Wechsel der Anleger, weg von kleinen, unbekannten, unsicheren, regionalen Banken, hin zu anderen größeren, soliden Banken. Damit wird  einem Großteil der Banken die Geschäftsgrundlage entzogen und dies führt zur Einstellung der Geschäftstätigkeit – ohne Einfluss des Staates, ohne Lizenzentzug. Der verbleibende „Rest“, der die „Zeichen der Zeit“ noch nicht verstanden hat, wird dann im Rahmen der Kontrolltätigkeit der russischen Zentralbank mit einem Lizenzentzug rechnen müssen. Wenn wir davon ausgehen, dass im Verlaufe des Jahres 2014 ungefähr 200 russische Banken ihre Lizenz verlieren könnten, so ist das wohl nicht übertrieben.

In der Charakteristik für die Chefin der Nationalbank steht, dass sie ein „Stratege“ ist. Und vielleicht ist Ihre Strategie folgende:

  1. Schritt – Schaffung eines überschaubaren soliden Bestandes an föderal wirkenden Banken.
  2. Schritt – Schaffung eines überschaubaren soliden Bestandes an regionalen Banken.
  3. Schritt – Liquidierung aller Banken die nicht in die Kategorie „solide“ passen und damit einen negativen Einfluss auf das russische Bankensystem und das internationale Image Russlands als Finanzplatz haben.
  4. Mit der Liquidierung von 50 Prozent aller russischen Banken (… eh, dies ist eine von uns genannte Phantasiezahl!) wird auch der staatliche Garantiefond für Bankeinlagen entlastet. Dieser kann dann von der bisherigen Garantiesumme von 700.000 Rubel getrost auf das zehnfache aufgestockt werden, da zukünftig kaum noch mit Bankenpleiten zu rechnen ist. Das erhöht wiederum das Vertrauen in das russische Bankensystem nicht nur bei den Kleinanlegern sondern auch bei denen, die ein paar Rubel mehr haben und diese zurzeit irgendwo im Ausland parken. Und vielleicht kommt es dadurch zum Kapitalrückfluss.

Als ein Indiz für die Richtigkeit unserer Überlegungen mag die Anzahl der Neugründungen von Banken in Russland dienen:

  • 2008 – 11 neue Banken
  • 2009 – 5 neue Banken
  • 2010 – 2 neue Banken
  • 2011 – 3 neue Banken
  • 2012 – 4 neue Banken
  • 2013 – 9 neue Banken

Die Gründung von neun neuen Banken in Russland in diesem Jahr bringt uns fast auf das Vorkrisenniveau zurück – richtig? Aber nun analysieren wir doch einmal, wann diese Banken konkret gegründet wurden:

  • Februar – 2 neue Banken
  • März – 2 neue Banken
  • April – 2 neue Banken
  • Mai – 1 neue Bank
  • Juni – 1 neue Bank
  • Juli – 1 neue Bank

Wir wiederholen uns: Ende Juni trat die neue Zentralbankchefin ihre Funktion an. Und seit diesem Zeitpunkt gibt es keine neuen Bankenzulassungen mehr. Wir scheinen also mit unserer Analyse zumindest in die richtige Richtung zu denken.

Ein weiteres Indiz für unsere richtige Einschätzung, dass man die Bevölkerung für die Bankenspezifik sensibilisieren will, ist die Äußerung des Stellvertretenden Kaliningrader Finanzministers Anatoli Gorkin vom 13.12.2013:

„… die Situation mit der Investbank ist ein gutes Lehrstück für unsere Sparer (Bürger).“

Eine, nach unserem Geschmack, etwas zynische Äußerung, aber letztendlich zutreffend. Man sollte solche Wahrheiten aber nicht auch noch öffentlich in einer angespannten und emotionsgeladenen Situation äußern.

Und, um unsere These zu unterstützten, machen seit Freitag neue Gerüchte die Runde. Diese behaupten, dass drei weiteren Banken der Lizenzentzug droht. Und was glauben Sie, was das für Banken sind? Richtig, bekannte große Banken:

  • Petrokommerzbank
  • Bank Ewropejski
  • Bank Moskau

Während unsere Informanten sich zu den ersten beiden Banken sehr sicher waren, so ist das Schicksal der Bank „Moskau“ noch unklar. Immerhin ist diese Bank vor rund zwei Jahren in einer äußerst schwierigen Finanzsituation durch die Bank WTB24 gestützt worden und ein Lizenzentzug für die Bank „Moskau“ hätte somit auch Auswirkungen auf die Banken „WTB24“ und „WTB“. Aber beide Banken gehören, laut einer internen Liste der russischen Zentralbank, zu den systemtragenden Banken:

  • Sberbank
  • WTB
  • GasPromBank
  • WTB24
  • Landwirtschaftsbank РСХБ
  • Bank Moskau
  • Alpha-Bank
  • Raiffeisenbank
  • PromZwjasBank
  • NOMOS-Bank
  • JuniKreditBank
  • Russki Standard
  • Uralsib

Die im Internet seit ein paar Tagen existierende und von der Führung der Zentralbank bestrittene „Schwarze Liste“ beinhaltet folgende Banken, denen der Entzug der Lizenz drohen soll:

http://yfinance.ru/analytics/banks_license_to_revoke/

Es verwundert nicht, um unserer Argumentation über die Systematik der Bankendisziplinierung zu folgen, dass all diese 136 Banken im wesentlichen unbekannt, also kleine, wirtschaftlich weniger bedeutsame Banken sind.

Aber kehren wir noch einmal ganz kurz zur Chefin der Zentralbank zurück. Wir erinnern uns, dass sie ihre Funktion Ende Juni 2013 antrat. Nun sollte man nicht unbedingt irgendwelche Zusammenhänge, insbesondere personell gebundene, konstruieren, aber wir haben trotzdem einmal einen Blick auf die Rubel-Kursentwicklung geworfen. Der Kursanstieg begann im April, also genau in dem Monat, wo Elvira Nabiullina als Kandidatin für die Funktion der Leiterin der Zentralbank nominiert wurde.

01.01.13 – 40,22
01.02.13 – 40,71
01.03.13 – 40,10
01.04.13 – 39,66
01.05.13 – 40,62
01.06.13 – 41,44
01.07.13 – 42,71
01.08.13 – 43,77
01.09.13 – 44,01
01.10.13 – 43,81
01.11.13 – 43,94
01.12.13 – 45,18

 

 

Zusammengefasst behaupten wir, dass Russland nicht vor einer Bankenkrise steht, sondern vor einer Stärkung. Die Stärkung des russischen Bankensektors wird durch Selektion und Optimierung der Bankenanzahl erreicht.

Hinweis: Lesen Sie morgen den Teil II. In diesem Teil analysieren wir die konkrete Situation in der „Investbank“ und deren Folgen für die Anleger.

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Banken, Finanzen, Föderales, Politik, Russland

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