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Kant unser oder unser?

So, 09 Dez 2018 ... mit deutschem Akzent


Kant unser oder unser?
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation. Nur der Manuskripttext enthält nicht alle angebotenen Informationen, denn im Videobeitrag gibt es zusätzliche eingeblendete Text-, Grafik- und Fotoinformationen.

 

Da mache ich meinen sonnabendlichen Spaziergang am Morgen, schlendere Richtung Kant-Insel, steige die Stufen zum Kant-Dom hinunter, bewege mich Richtung Kant-Grab und sehe plötzlich einen jungen Mann, rechts neben der letzten Ruhestätte des bekannten Philosophen. Er hält ein Plakat in Händen. Darauf steht: „Kant nasch“ und mit kleinerer Schrift dazwischen „totschno“. Übersetzt heißt das Ganze: „Kant ist ganz bestimmt unser“.

Dagegen ist nichts zu sagen und ich freute mich, mal wieder einen deutschen Touristen in Kaliningrad zu treffen und wollte mich ein wenig mit ihm unterhalten. Vermutlich, so dachte ich, hat er von den unseligen Diskussionen der letzten Tage gehört, ist nach Kaliningrad gereist, um kund zu tun, dass Kant Deutscher ist … gut, Kant war Preuße, ich werde mich wegen derartiger Kleinigkeiten mit niemandem streiten.

Aber als ich näher kam, war er bereits im Gespräch mit einer Dame. Ich wartete geduldig ein paar Minuten, merkte aber, dass die Dame einen Monolog führt – in russischer Sprache. Und die kurzen Einwürfe, die der junge Mann versuchte zu machen, zeigte mir, dass er kein deutscher Tourist ist, sondern Russe. Und das verwirrte mich.

Wieso sagt ein Russe „Kant ist ganz bestimmt unser“, wenn Kant doch deutscher Preuße war?

In meiner Verwirrung wandte ich mich an zwei Polizisten, die ein wenig abseits standen und fragte, ob Kant vielleicht in den letzten Tagen eingebürgert worden ist. Aber die meinten, dass Kant Bürger dieser Stadt war und deshalb der junge Mann meint, dass er eben unser Bürger ist. Also es gibt da keinen Unterschied ob Königsberg oder Kaliningrad, Preußen oder Russland.

Nun war ich komplett verwirrt. Wenn das alles keinen Unterschied ausmacht, und alleine die Anwesenheit an einem Ort ausreicht, um von jemandem vereinnahmt zu werden, dann müssen die Diplomaten der Bundesrepublik Deutschland, die sich i.d.R. vier Jahre in Kaliningrad aufhalten, gewaltig aufpassen – nicht das sie plötzlich „unsere“ sind.

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Deutsches, Germanisierung

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