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Moskau wird abgerissen oder nach Sibirien verlegt

Do, 31 Aug 2017 ... mit deutschem Akzent


Moskau wird abgerissen oder nach Sibirien verlegt

Es ist beschlossene Sache – in Moskau werden 5.144 Häuser abgerissen. Die Stadt hat mit den Bürgern eine gemeinsame Sprache gefunden und löst mehrere Probleme gleichzeitig. Einerseits modernisiert man die Bausubstanz der Stadt, verbessert die Lebensbedingungen der Bürger die noch in den Abrisshäusern wohnen und entledigt sich andererseits eines Stücks einfacher sozialistischer Zweck-Architektur.

Das in diesem Zusammenhang zusätzlicher Wohnraum, durch die bessere Nutzung des freiwerdenden Baulandes und höherer Etagenbebauung, entsteht und die Bauindustrie in Moskau erheblich und auf viele Jahre angekurbelt wird, ist wohl auch kein unerheblicher Effekt.

Dieses Programm ist nicht das erste Programm zur Korrektur städtebaulicher Probleme in Moskau. Bereits der damalige Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow hatte ein ähnliches Programm, aber auf mehr privater Ebene, in den 90er Jahren gestartet. Nach der damaligen Planung sollten 1.722 Häuser abgerissen werden. Die damit beauftragten Firmen, die Verträge mit der Stadt abgeschlossen hatten, wurden aber mit dieser Aufgabe nicht fertig. Dazu kam die Krise im Jahre 2008-2010, so dass das Programm beendet wurde.

In der Erstvariante des jetzigen neuen Renovationsprogramms war der Abriss von 7.934 Häusern mit insgesamt 1,6 Millionen Bewohnern vorgesehen. Die jetzige, vom russischen Präsidenten Putin am 1. Juli bestätigte Variante sieht vor, dass 5.144 Häuser mit rund 16 Mio. Quadratmetern Fläche und einer Million Bewohnern, abgerissen werden. Ist das viel, ist das wenig? Moskau ist eine Riesenstadt und die Informationen die ich zum Wohnungsbestand in Moskau gefunden habe, stammen aus dem Jahre 2011 und wurden vom sogenannten „Technischen Büro   Immobilienbestand“ veröffentlicht. Das ist die Behörde, die jede Immobilie in Russland mit allen technischen Einzelheiten registriert – eine technische Behörde, nicht zu verwechseln mit dem Grundbuchamt. Dort veröffentlichte man, dass es in Moskau 39.869 Wohngebäude gibt. Nun hat sich natürlich seit 2011 noch einiges getan im Moskauer Wohnungsbau, aber wir reden hier von plus/minus 13 Prozent des vorhandenen Wohngebäudebestandes, der abgerissen und gegen modernere Gebäude ausgetauscht werden soll.

Bei den Häusern, die jetzt abgerissen werden sollen, handelt es sich um Gebäude die in den Jahren 1957 – 1968 errichtet worden sind, eine kleine Anzahl von Etagen (maximal fünf Etagen) haben und sich im baufälligen Zustand befinden. Abriss und Neubau erfolgen in den kommenden 15 Jahren. Betroffen sind davon im hauptsächlichen Gebäude der Periode des sogenannten industriellen Wohnungsbaus. Weiterhin beinhaltet die Liste rund 100 Gebäude aus der Vorrevolutionszeit (vor 1917), Häuser aus der Periode der architektonischen Avantgarde, sogenannte Stalinka-Häuser der späteren Periode und Häuser, die nach individuellen Projekten errichtet worden sind.


Foto: Beispiele der Gebäudetypen, die jetzt abgerissen werden sollen

Plattenbauten mit einer Etagenanzahl von neun Etagen wurden in die grundsätzliche Liste nicht aufgenommen. Allerdings besteht durchaus die Möglichkeit, dass auch diese Häuser mit abgerissen werden, wenn sie sich im Renovationsgebiet befinden, baufällig sind und die Bewohner sich einverstanden erklären. Bisher gibt es Anfragen von Bewohnern von rund 100 derartigen Häusern.

Wie der Moskauer Bürgermeister Sobjanin informiert, werden an Stelle der abzureißenden Häuser neue Häuser mit 6 – 14 Etagen errichtet. Daraus ergibt sich dann auch ein Großteil der Finanzierung dieses gewaltigen Projektes: Die ersten fünf Etagen sind die Investitionskosten für die neuen Abfindungswohnungen. Mit den Etagen darüber werden mehr oder weniger große Gewinne eingefahren. Der stellvertretende Bürgermeister Moskaus Marat Chusnullin, zuständig für den Städtebau, hatte sogar anklingen lassen, dass man in einigen Bereichen daran denke, Häuser bis zu 20 Etagen zu errichten. Somit steht fest, dass dieses ganze Renovationsprogramm kein Verlustgeschäft ist, sondern der Moskauer Bauindustrie über 15 Jahre großartige Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten bietet.

Die Bewohner der Abrisshäuser werden mit gleichwertigen Wohnungen oder finanziellen Entschädigungen abgefunden. Alles ist bis ins kleinste Detail geregelt, so dass es eigentlich zu keinerlei juristischen Missverständnissen kommen dürfte. Festgelegt ist, dass die neue Wohnung, die als Entschädigung angeboten wird, eine größere Fläche haben muss, als die alte Wohnung. Die Anzahl der Zimmer muss dabei gleichbleibend oder größer sein. Die Wohnungen sind schlüsselfertig zu übergeben (Standard in Russland ist der sogenannte Graue Schlüssel, d.h. nackte Wände ohne Türen und Sanitärtechnik). Das Umfeld des Hauses muss den städtebaulichen Festlegungen entsprechen und hergerichtet sein (Straßen, Grünflächen, Parkplätze, Kinderspielplätze). Die neuen Wohnungen müssen sich in den Stadtbezirken befinden, wo der Altbewohner auch jetzt schon wohnt, es sei denn, er äußert andere Wünsche. Der Altbewohner kann auch alle angebotenen Wohnungen ablehnen und für seine alte Wohnung eine finanzielle Entschädigung beantragen. Er hat das Recht, eine größere Wohnung mit mehr Quadratmetern und mehr Zimmer zu fordern, wenn ihm das angebotene Objekt nicht zusagt, hat dann aber eine Zuzahlung zu leisten. Sollten in den Wohnungen sozialberechtigte Bürger zur Miete wohnen, so bekommen sie eine gleichwertige Wohnung angeboten, d.h. gleiche Quadratmeter und Zimmeranzahl wie bisher.

Foto: Moskauer Standard-Wohnobjekte und Karte der Abrissobjekte in Moskau
 
Seit 1. August 2017 sind die Bewohner der Abrisshäuser von der Zahlung der sogenannten Eigentümergebühr für geplante Hauptinstandsetzungen befreit. Es handelt sich hierbei um eine seit rund zwei Jahren neue und stark umstrittene Gebühr, die die Instandsetzung des Gemeinschaftseigentums in den Wohnhäusern regelt. Da die Moskauer Häuser abgerissen werden, wird es auch keine Hauptinstandsetzungen mehr geben. Die Bewohner sparen somit ein schönes Stück Geld – jeden Monat.
 
Der ganze Vorgang zur Renovation wurde demokratisch organisiert. Die Moskauer Stadtverwaltung stellte ihre Gedanken vor, mit jeder Hausgemeinschaft wurde gesprochen und es wurde eine Abstimmung der Bewohner durchgeführt. Wenn sich die Mehrzahl der Bewohner gegen einen Abriss und eine Umsiedlung ausgesprochen hat, wurde das Haus aus der Liste wieder herausgenommen. Das ganze Neubauprogramm basiert also somit auf der Grundlage der Freiwilligkeit und demokratischer Mehrheitsentscheidungen. Gerüchte über Manipulationen der Abstimmungen entsprechen nicht der Wahrheit – so die Stadtverwaltung. Es mache auch gar keinen Sinn, Abstimmungslisten zu manipulieren, denn die Anzahl derjenige, die einen Abriss befürworten und sich neuen Wohnraum wünschen, ist derart groß, dass man gar nicht alle Wünsche erfüllen kann.
 
Für die Moskauer Stadtverantwortlichen steht nun als nächste Aufgabe an, bis 1. Oktober 2017 die Gebiete festzulegen, wo die neuen Häuser errichtet werden. Bisher gibt es schon 300 Bauplätze, über die die Stadt verfügen kann. Dann werden bis 1. Januar 2018 alle notwendigen Dokumente und normativen Akte für die Umsetzung des Renovationsprogramms erarbeitet und bis 1. August 2019 erfolgt die Erarbeitung der Stadtbauplanung.
 
Wie der stellvertretende Moskauer Bürgermeister für Städtebau weiterhin mitteilt, verfügt die Stadt bereits jetzt über einige dutzend fertiggestellter Häuser, die zu früheren Zeiten in Auftrag gegeben worden sind, als man noch nicht über das Renovationsprogramm nachgedacht hatte. Es handelt sich um rund 250.000 Quadratmeter, die man jetzt für dieses Programm schon einbringen kann und für die es auch schon viele Interessenten aus den betroffenen Wohnungen gäbe. Hier ist es möglich, bereits Ende 2017 mit dem Umzug zu beginnen. Weiterhin verfügt die Stadt über 23 weitere Bauplätze, wo die Bauarbeiten für 500.000 Quadratmeter Wohnfläche schon begonnen haben. Hier ist die Fertigstellung bis Ende 2018 geplant.
 
Interessant ist, dass vor kurzem noch eine Idee auftauchte, die den Moskauer Bürgermeister Sobjanin in „euphorische“ Begeisterung versetzte. Die Idee bestand darin, die russische Hauptstadt hinter den Ural zu verlegen. Ihm ist nur nicht ganz klar, woher die Trillionen und Trilliarden kommen sollen, um diesen Plan umzusetzen – meinte Sobjanin. Außerdem ist ihm nicht klar, wie man die verwöhnten Beamten aus Moskau von der Notwendigkeit eines Umzuges überzeugen kann. Aber ansonsten – so Sobjanin – ist es eine geniale Idee. Schon früher habe man Beamte nach Sibirien geschickt. Allerdings unter anderen Voraussetzungen und wesentlich billiger.
 
Der Vorschlag wurde wirklich dem russischen Präsidenten Putin unterbreitet. Er war in einem Dokument enthalten, welches sich „Doktrin der Ent-Moskauerisierung“ nennt und welches vom Vorsitzenden des Aufsichtsrates des Instituts für Demographie, Migration und Regionalentwicklung Juri Krupnow an den russischen Präsidenten geleitet wurde. In Moskau ist alles hyperzentralisiert – meinte Krupnow. Um das Land effektiver zu entwickeln würde eine Dezentralisierung der Führungsstellen helfen – so seine Meinung.

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Bauwesen, Immobilien

   Kommentare ( 1 )

.g Radeberger Veröffentlicht: 31. August 2017 03:18:58

Interessanter Beitrag! Wenn man sich das mal richtig überlegt, dann werden wohl die 6-Geschosser eine Eins voran gestellt bekommen. Denn der ständige Zuzug von außerhalb nach Moskau ist ja bei solchen Planungen nicht zu vernachlässigen. Und auch bei den Russen, ich meine bei den etwas besser verdienenden wird sich der Wunsch nach mehr Wohnfläche durchsetzen. Also können auf einer Etage weniger Wohnungen gebaut werden.
Diese Träumerei der Verlegung der russischen Hauptstadt hinter den Ural ist doch von der Idee her nicht neu. Mir fallen da als erstes die Hauptstädte von Brasilien und Kasachstan ein.
Aber ich vermute mal, daß wir das nicht mehr erleben.

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