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Plötzlich und erwartet – der Rücktritt des Kaliningrader Bürgermeisters

Do, 22 Mär 2018 ... mit deutschem Akzent


Plötzlich und erwartet – der Rücktritt des Kaliningrader Bürgermeisters

Er kam plötzlich, aber nicht unerwartet – der Rücktritt des Kaliningrader Bürgermeisters Alexander Jaroschuk. Man hatte schon Ende 2017, im Rahmen der Ausschreibung des Amtes erwartet, dass Jaroschuk nicht mehr die städtischen Geschicke leiten wird. Aber anscheinend sind damals einige Pläne nicht aufgegangen.

Viele Gerüchte gab es im Jahre 2017, dem Jahr, wo die zweite Amtszeit des Kaliningrader Bürgermeisters Alexander Jaroschuk sich dem Ende neigte. Zuvor hatte man die Wahl des Bürgermeisters abgeschafft – eine sicherlich vernünftige Entscheidung, denn die Wahlbeteiligung war immer im ganz niedrigen Bereich, so dass die Einstellung eines City-Managers mit Arbeitsvertrag, durch eine Personalkommission, bestehend aus Vertretern der Gebietsregierung, des Stadtrats und der Opposition die bessere und preiswertere Lösung war. Und im Rahmen des Bewerbungsprozesses hatte sich Jaroschuk lange nicht geäußert, ob er sich bewerben wird oder nicht. Und es tauchten Gerüchte über andere Bewerber auf, die dann wieder dementiert worden. Also lange Rede kurzer Sinn, vermutlich ist damals, im Oktober/November 2017 einiges nicht so richtig gelaufen und man brauchte wohl noch ein wenig Zeit, um die Ablösung von Jaroschuk, zufriedenstellend für alle, richtig zu organisieren. Nun scheint wohl der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein. Seit Tagen brodelte es in den Kaliningrader Medien zu diesem Rücktritt und Jaroschuk selber unternahm eigentlich nichts, um diese Gerüchte zu dementieren – im Gegenteil, so wie er die Fragen der Journalisten beantwortete, war allen klar: er tritt zurück. Sogar das Datum war klar: Gleich nach den Präsidentenwahlen.

Am Mittwoch war es dann soweit. Der Kaliningrader Stadtrat änderte die Tagesordnung und nahm den Punkt „Kündigung des City-Managers“ auf.

 

… so hörte sich die Kündigung von Alexander Jaroschuk an.

Dann folgten noch weitere Danksagungen an andere ausgewählte Persönlichkeiten. Und er teilte mit, dass er sein Amt deshalb niederlege, weil er nach Moskau gerufen wurde, um dort eine Arbeit aufzunehmen, die auch im Interesse von Kaliningrad ist.

Da bleibt nur zu hoffen, dass er nicht in die Präsidentenadministration gerufen wird, um dort zu arbeiten, denn da würde er dem Ex-Bürgermeister von Gussew, dem Ex-Gouverneur von Kaliningrad, dem Ex-Bevollmächtigten des russischen Präsidenten für die NordWest-Region Nikolai Zukanow, seinem besten Intimfeind, wohl ständig über den Weg laufen. Und da Duelle heute nicht mehr erlaubt sind, wäre dies wohl keine gute Lösung, wenn beide im selben Gebäude und vielleicht sogar im selben Korridor arbeiten würden. Die Vermutung liegt allerdings nah, denn Zukanow soll sich jetzt mit Kommunalfragen beschäftigen – also damit, wovon Zukanow und Jaroschuk eigentlich Ahnung haben.

Über Emotionen im Stadtrat bei der Verkündung der Kündigung, liegen mir keine Informationen vor. Aber der Stadtrat selber beauftragte sofort Natalja Dmitriewa mit der Führung des Amtes. Sie ist die Vorsitzende des Ausschusses für Wirtschaft, Finanzen und Kontrolle. Lange wird sie wohl die Bürde nicht (er)tragen müssen, denn für den 16. April sollen Personalentscheidungen anstehen. Es werden auch schon Namen gehandelt.

Neuer Stadtmanager soll Alexej Silanow werden. Er ist gegenwärtig Abgeordneter der Staatsduma. Silanow selber weigerte sich, diese Gerüchte zu kommentieren. Er gehört nicht mehr zu den ganz jungen Politikern. Jahrgang 1961. Liest man seinen Lebenslauf, so ist man fast geneigt zu sagen: „Oi, ein ganz einfacher, einer von uns, einer wie du und ich.“

 

Foto: Alexej Silanow – bald neuer City-Manager von Kaliningrad?
 
Alexander Jaroschuk wollte sich zur genauen Arbeit noch nicht äußern. Er meinte nur, dass alles sehr aufregend ist. In seinem Leben gab es bisher zwei Momente dieser Art. Das erste Mal, als er um seine Entlassung aus der russischen Flotte bat und der jetzige Moment.
 
Und Jaroschuk konnte sich natürlich nicht verkneifen, spitzfindig ALLEN Gouverneuren zu danken, mit denen er Konflikte ausgetragen hat (Anmerkung UN: Es gab nur drei – Boos, Zukanow und Alichanow, wobei die Konflikte mit Boos im Detail nicht so sehr bekannt sind. Konflikte mit Zukanow waren öffentlich und konnten schon fast als Kriegszustand bezeichnet werden. Konflikte mit Alichanow wurden nicht öffentlich, konnten höchstens an Mimik und auf Fotos erraten werden).
 
Gründe für die Konflikte mit den Gouverneuren bestanden darin, dass er möglichst viel Geld von diesen für die Stadt haben wollte, was natürlich verständlich ist. Persönliche Konflikte soll es nie gegeben haben – versicherte Jaroschuk heute (Anm. UN: Die kleine Lüge sei ihm heute verziehen). Er bestätigte, dass die Konflikte manchmal sehr heftig waren, aber: „… ich bin in der Lage zu kämpfen und bin niemals auch nur einen Schritt zurückgegangen“. Und sofort ergänzte er, dass er auch Anton Alichanow sehr dankbar ist, dass er Kaliningrad als Priorität angesehen habe.
 
Auf die Frage von Journalisten, wer denn sein Nachfolger werden wird, antwortete Jaroschuk (in freier Übersetzung): „Bin ich Gott, wächst mir Gras aus den Ohren?“ Es wird die Personalkommission arbeiten und der neue Kandidat hat feststehende Kriterien zu erfüllen – so seine nichtssagenden Worte.
 
Alle seine Stellvertreter bleiben im Amt – vorläufig. Ob sie auch nach dem „vorläufig“ im Amt bleiben, entscheidet der neue City-Manager. Ab 23. März können Interessierte ihre Bewerbung einreichen. Zehn Tage haben Interessierte Zeit dafür. Am 16. April wird die Kommission aus der sicherlich zu erwartenden Vielzahl von Bewerbern, eine Vorauswahl treffen und am 18. April gibt es die Personalentscheidung.
 
Natürlich meldete sich auch der Gouverneur Anton Alichanow zu Wort. Er verabschiedete sich von Alexander Jaroschuk über Instagram:
 
 
Im weiteren kommentierte Alichanow, dass es sich beim Rücktritt des Bürgermeisters um eine gemeinsame Entscheidung gehandelt habe. Jaroschuk habe sich mit ihm zu dieser Frage konsultiert. Auch Alichanow bestätigte, dass Jaroschuk in hochgestellten föderalen Strukturen für Kaliningrad tätig sein wird. Aber Konkretes wollte auch er nicht verkünden. Das bleibt Alexander Georgiewitsch überlassen – meinte der Gouverneur.
 
Lässt man sich die ganze Angelegenheit nochmal durch den Kopf gehen und erinnert sich an Informationen aus früheren Zeiten, lange Zeiten vor Beginn der Ära „Anton Alichanow“, so wissen wir, dass Jaroschuk schon immer davon geträumt hat, Gouverneur zu werden. Als die großen Veröffentlichungen und Skandale zum damaligen Gouverneur Nikolai Zukanow begannen, sollen seine Koffer schon gepackt am Ausgang seines Dienstzimmers im Haus „Platz des Sieges Nr. 1“ gestanden haben. Dann wurden seine Träume mit Erscheinen von Stanislaw Woskresenski, dem damaligen (temporären) Bevollmächtigten des russischen Präsidenten für das Kaliningrader Gebiet zu einer Seifenblase – blups, und weg. Nach der Niederlage von Woskresenski im Kampf gegen Zukanow, kamen diese Träume wieder … aber wieder klappte es nicht, beide Kampfhähne (Zukanow und Jaroschuk) wurden wohl irgendwo zur Ordnung gerufen. Und dann gab es nochmal einen kurzen Hoffnungsfunken, als Zukanow im Mai 2016 plötzlich versetzt wurde. Die Einsetzung des 30jährigen Anton Alichanow durch den russischen Präsidenten, zeigte ihm endgültig, dass er sich keine Hoffnungen mehr machen brauchte auf diese Funktion.
 
Und dann kommt mir noch ein Satz von Alichanow in den Sinn, wo dieser äußerte (sinngemäß):
 
 
Und mit dem Weggang von Jaroschuk aus Kaliningrad, geht ein weiteres Sandkastenkind von hier fort. Mit anderen Worten: Die personelle „Entsandung“ läuft auf vollen Touren.


 

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