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Politische Lage in Kaliningrad stabil. Versteckte Kamera lässt daran zweifeln

So, 02 Apr 2017 ... mit deutschem Akzent


Politische Lage in Kaliningrad stabil. Versteckte Kamera lässt daran zweifeln

In der vergangenen Woche meldeten die Regionalmedien, dass die russische Innenverwaltung für das Kaliningrader Gebiet die politische Situation in Kaliningrad als „stabil“ einschätzt. „Stabil gut“ oder „stabil schlecht“ – eine versteckte Kamera und ein Beitrag des TV-Senders „WESTI“ zeigen, was sich hinter den Kulissen in dunkler Nacht abspielt.

Am Donnerstagabend strahlte der staatliche Nachrichtenkanal „WESTI“ eine 21-minütige Dokumentation aus. Anschließend fand eine TV-Diskussion hierzu statt. Das, was in dem Videobeitrag zu sehen ist, lässt daran zweifeln, dass die politische Lage im Kaliningrader Gebiet die Bürger ruhig schlafen lässt:

Fassen wir zusammen, was in dem Film gezeigt wird, der in Ausschnitten mit versteckter Kamera und verstecktem Mikrophon und ohne Kenntnis der darin agierenden Personen gedreht wurde und in die Hände der „zuständigen Organe“ gelangte:

Minute 01:50 bis 09:00 - Einsatz der Organisation „BARS – Baltischer Vortrupp für den russischen Widerstand“ in Nachtstunden zur Schändung sowjetischer und jüdischer Denkmäler in Kaliningrad mit faschistischen Symbolen.

Minute 09:00 bis 16:40 – Aktivitäten des deutschen Diplomaten Daniel Lissner in Kaliningrad und Arbeit von Viktor Hoffmann, Ex-Präsidenten des DRH zur Entwicklung einer „Situation“ um das Deutsch-Russische-Haus.

Minute 16:45 bis 20:00 – Aufforderung von Viktor Hoffman zur Vernichtung von Dokumenten zur Verschleierung von deutschen Finanzierungen extremistischer Tätigkeiten in Kaliningrad (Gespräch wird in deutscher Sprache geführt mit russischen Untertiteln).

Über die Organisation „BARS“ – Baltischer Vortrupp des russischen Widerstandes“ berichteten wir bereits am 5. November 2016. Der von uns veröffentlichte Bericht über einen Auftritt dieser Organisation im Deutsch-Russischen Haus, anlässlich des Gedenktages für die Repressionen in der Sowjetunion, erregte russlandweit Interesse.

Im Anschluss veröffentlichten wir ein Interview mit dem Leiter der Organisation BARS, Alexander Orschulewitsch:

Im Rahmen meiner weiteren Analysearbeit zur gesellschaftlichen Situation im Kaliningrader Gebiet hatte ich begonnen, eine Dokumentation über „Extremismus“ zu erarbeiten, die Veröffentlichung aber immer wieder hinausgezögert. Meine Erkenntnisse waren derart umfangreich, dass ich schon wieder zu zweifeln begann, dass dies alles wahr ist, denn wenn ich über diese Informationen verfüge, müssten auch die zuständigen russischen Organe darüber verfügen und eigentlich einschreiten. Aber es schritt niemand ein, wenn man mal von einem Gerichtsverfahren gegen den Leiter von BARS, Alexander Orschulewitsch absieht, welches im Februar stattgefunden hat und eigentlich nur damit endete, dass er Beauflagungen zur Umsetzung der russischen Gesetze erhielt.

Nun zeigte aber das russische Fernsehen einen Film, der mit versteckter Kamera gedreht wurde und der Aktivisten dieser Organisation im Einsatz zeigt, wie sie in Nachtstunden sowjetische und jüdische Denkmäler mit Nazisymbolen schänden.

Dieser Teil des Filmes ist aber nur „Beiwerk“, wenn ich es richtig verstanden habe. Er zeigt, dass die politische und gesellschaftliche Situation in Kaliningrad wohl doch nicht ganz so friedlich ist, wie es die Kaliningrader Innenverwaltung am Freitag auf ihrer Internetseite verkündete, als man das Jahr 2016 auswertete und die Situation als „stabil“ bezeichnete – vermutlich ist „stabil besorgniserregend“ besser formuliert.

Der zweite Teil der Dokumentation ist Viktor Hoffman, dem ehemaligen Präsidenten des Deutsch-Russischen-Hauses gewidmet und seinem Verhalten in den letzten Wochen. Es ist allgemein bekannt, dass die Wellen seit August 2014, dem Beginn der „Affäre Lissner“, rings um das Deutsch-Russische Haus immer höher schlugen. Sie schlugen so hoch, dass dieses Haus heute, als gesellschaftliche Organisation nicht mehr existiert und die Organisation der Russlanddeutschen „Eintracht“ den Status ausländischer Agent erhielt.

Ich werde nicht alles wiederholen, was auf diesem Portal zu den deutschen Aktivitäten in Kaliningrad seit August 2014 geschrieben wurde. Loyal eingestellten Deutschen in Kaliningrad müssten die Haare zu Berge stehen, wenn man sieht, was hier alles durch unkluges Verhalten, oder vielleicht sogar durch bewusst provozierendes Verhalten, kaputt geschlagen wurde. Wenn man noch mit der These einverstanden sein kann, dass der Auftritt des deutschen Diplomaten Daniel Lissner im Deutsch-Russischen-Haus im August 2014 mit einer antirussischen Hass-Rede für die die Leitung des Hauses nicht vorhersehbar war, so ist das Verhalten der Verantwortlichen danach und bis zum heutigen Tag Ursache dafür, dass

  • das Deutsch-Russische-Haus nicht mehr existiert,
  • die Organisation der Russlanddeutschen „Eintracht“ den Status „Ausländischer Agent“ trägt,
  • eine ganze Reihe deutscher/deutschgeprägter Organisationen in Kaliningrad nicht mehr präsent sind, verboten wurden oder sich auflösten,
  • Das Ansehen Deutschlands und der Deutschen in Kaliningrad einen anderen Stellenwert erhält.

 

Wenn ich von „Verantwortlichen“ spreche meine ich sowohl Viktor Hoffman, wie auch das deutsche Auswärtige Amt mit seinen agierenden Personen, die eigentlich beratend und ausgleichend hier vor Ort tätig sein sollten.

Zur Erklärung der Situation, da dies aus dem Film nicht so einfach verständlich ist.

Das Deutsch-Russische Haus existiert in Kaliningrad ein Vierteljahrhundert. Es gibt zur Arbeit dieses Hauses Vereinbarungen zwischen Russland und Deutschland. Deutschland finanziert die Arbeit des Hauses aus deutschen Steuergeldern jährlich. Solange sich das Haus mit den Dingen beschäftigt, die in den Statuten stehen, ist gegen diese Finanzierung nichts zu sagen. Aber seit August 2014, beginnend mit dem Auftritt eines offiziellen deutschen Vertreters im Rahmen einer Gedenkveranstaltung, sieht dies der russische Staat anders und hat über zwei Jahre daran gearbeitet, diese Situation zu klären. Man hat festgestellt, dass das Deutsch-Russische Haus sich mit Politik beschäftigt, aktiv gefördert durch das deutsche Generalkonsulat in Kaliningrad und dafür auch noch Geld vom deutschen Innenministerium bekommt. Somit sind alle Voraussetzungen für den Status „Ausländischer Agent“ erfüllt. Um diesen Status nicht tragen zu müssen, hat sich Viktor Hoffmann entschlossen, im Dezember vergangenen Jahres das Deutsch-Russische Haus zu schließen – also er hat das Haus geschlossen, nicht der russische Staat. Mit weiteren Schritten versuchte er dann eine neue Organisation aufzubauen und nutzte hierfür eine schon lange existierende Vereinigung „Eintracht“, die auch schon Gesellschafter im nun geschlossenen Deutsch-Russischen-Haus war. Das russische Justizministerium reagierte umgehend und erklärte diese Organisation, dessen Leiter Viktor Hoffman ist, zum „Ausländischen Agenten“.

Heute ist klar, dass dem russischen Justizministerium Informationen vorlagen, dass Viktor Hoffmann seine Aktivitäten mit Hilfe inoffizieller deutscher Gelder finanziert, von denen vermutlich auch das deutsche Auswärtige Amt und das deutsche Innenministerium keine Kenntnisse hatten.

In dem Film wird Viktor Hoffmann mit verdeckter Kamera gefilmt und ein Gespräch aufgezeichnet, welches er mit Frau Gisela Peitsch führt. Der „Königsberger Express“ informierte in seiner Ausgabe 11/2012, dass Frau Peitsch, geboren 1930 in Königsberg, 1. Vorsitzende der Fördergesellschaft Ostpreußenhilfe e.V. ist.

In dem Gespräch bittet Viktor Hoffmann Frau Peitsch die Finanzierung seiner NKO durch deutsche Quellen zu verheimlichen und alle Dokumente, einschließlich des Ordners, den er bereits aus Kaliningrad herausgebracht und ihr zur Verwahrung übergeben hat, verschwinden zu lassen.  

Der Film zeigt weiterhin das Jahr 2012. In diesem Jahr bot der Vorsitzende des Vereins „Ostpreußenhilfe e.V.“ Helmut Peitsch der Kaliningrader Gebietsregierung an, der Stadt ein Bronzerelief des historischen Königsberger Stadtzentrums zu schenken. Das Geschenk wurde dankbar durch die damalige Gebietsregierung angenommen und vor dem Königsberger Dom aufgestellt, wo es heute noch steht. Auf einer gesonderten Tafel wurden die Namen von berühmten Königsberger Bürgern erwähnt, so u.a. auch von Agnes Miegel, der Hitlerverehrerin und Leiterin der Frauenabteilung der NSDAP in Königsberg. Die russische Staatsanwaltschaft protestierte beim Kaliningrader Gouverneur Nikolai Zukanow gegen die Aufstellung, machte diesen Protest aber nicht öffentlich.

Screenshot: Beitrag des „Königsberger Express“ von 11/2012
 
Die Person Agnes Miegel und ihre Tätigkeit wurden, so wird im Film weiter dargelegt, durch Viktor Hoffmann, in seiner damaligen Eigenschaft als Präsident des Deutsch-Russischen Hauses aktiv gefördert. Mit ihm wurden durch die zuständigen russischen Organe hierzu Gespräche geführt. Viktor Hoffmann reagierte und begann daran zu arbeiten die Quellen zu verdecken, von denen er anscheinend Geld für seine Tätigkeit erhielt. Nachdem sich die Situation Ende 2016/Anfang 2017 dramatisch zuspitzte, entschloss sich Viktor Hoffmann, Dokumente aus Russland fortzuschaffen und lagerte diese wohl, so habe ich es dem Film entnommen, bei Vertrauenspersonen in Deutschland. Und ich habe aus dem Film verstanden, dass Viktor Hoffmann auch nicht möchte, dass das deutsche Innenministerium von diesen finanziellen Unterstützungen anderer deutscher Privatpersonen erfährt. Und Frau Peitsch antwortet ihm:
 
Screenshot: Ausschnitt aus dem Beitrag von „WESTI“
 
In dem TV-Beitrag wird erwähnt, dass Viktor Hoffmann auch aktiv in der „Nationalen Front“ tätig ist, einer Organisation, die durch den russischen Präsidenten Putin unterstützt wird und die sich für die Belange der Entwicklung der russischen Gesellschaft einsetzt. Führende Mitglieder dieser Organisation zeigten sich schockiert über das Verhalten ihres Mitglieds.  

Mit diesem Filmmaterial ist klar, dass Viktor Hoffmann in eine schwierige gesellschaftliche Lage geraten ist, vielleicht sogar in eine schwierige rechtliche Lage und sich die Angelegenheit des ehemaligen Deutsch-Russischen-Hauses weiter zuspitzt.

Im moralischen Bereich besteht das Problem, dass er das Andenken an eine Nazistin in Kaliningrad hochhält, trotzdem ihm bekannt sein müsste, dass die deutsche Gesellschaft bereits eine andere öffentliche Einstellung zu dieser Person hat und sich von ihr distanziert. Sein Verhalten lässt bei mir heute auch Zweifel aufkommen, ob er wirklich nichts vom geplanten Auftritt Daniel Lissners im August 2014 gewusst hatte und ob ihm wirklich die Organisation „BARS“ nicht bekannt war, deren Auftritt er im Deutsch-Russischen Haus Ende 2016 nicht verhindert hat.

Schlimm ist auch, dass all diese Ereignisse sich vermutlich weiter negativ auf das russisch-deutsche Verhältnis auswirken werden, das auch so schon nicht zum Besten bestellt ist.  Wir müssen uns also nicht wundern, wenn der russische Staat immer empfindlicher reagiert, wenn es um Deutschland und die Deutschen geht.

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Deutsch-Russisches Haus

   Kommentare ( 3 )

Otto Russfreund Paul Veröffentlicht: 2. April 2017 10:20:16

Natürlich werden sich die Beziehungen zwischen Rusland und der BRD weiter verschlechtern. Das ist gewollte Politik der USA-Gefolgschaften, was ich mit einem sehr ernsten Gesicht, voller Traurigkeit und mit Wut im Bauch beobachte.
Was mich aber immer wieder befremdet ist, daß auf einer wunderbaren Heimatdichterin herumgehackt wird und sie gnadenlos für Propagandazwecke herhalten muß.
Aber es gehört nunmal in der BRD zum GUTEN TON, daß sogar belanglose Geschehnisse in der Zeit vor dem Kriegsende WK2, aber auch massenweise Begriffe/Wörter unerwünscht und oft verboten sind.
Gab es doch am 23.3.17 in Halle zur Begrüßung der Kanzlerin eine satirische Promerkel Demo (zu finden bei you tube) unter dem Slogan "Refugees Welcome - Heil Merkel", wo von der Hallenser Polizei den Demonstranten die Benutzung des Wortes "Heil" verboten wurde.
In diesem Sinne sage ich als Anglerfreund "Petri Heil", solang ich es noch sagen darf.
Schönen Sonntag.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 2. April 2017 10:28:30

... wie man in Deutschland über Agnes Miegel denkt, ist den Russen ziemlich egal. Im russischen Mutterland ist Agnes Miegel wohl auch im wesentlichen unbekannt - außer in der russischen Region Kaliningrad. Diese Frau hat den Treueschwur auf den Führer abgelegt, war NSDAP-Aktivistin und hat bis zum Sterbebett nichts bereut von dem, was sie getan, gedacht, geschrieben, gesagt hat. Das ist in Kaliningrad nicht akzeptabel.

Frank Schröter Veröffentlicht: 2. April 2017 15:55:29

Die von Ihnen nunmehr immer öfter beschriebene Situation der Deutschen in Kaliningrad macht mich traurig. Der Riss in der "kleinen" deutschen Gesellschaft in Kaliningrad widerspiegelt immer mehr auch den Riss, den es in Deutschland selbst gibt. Alte Scharfmacher stehen denen gegenüber, die Frieden und Freundschaft der europäischen selbstständigen Nationen wünschen und fordern. Ich hoffe sehr , das z.B. mit der auch in diesem Jahr wieder stattfindenden Freundschaftsfahrt Deutschland - Russland dieser Teil der deutschen Gesellschaft in Russland mehr gehört wird.

ru 39 Veröffentlicht: 29. Mai 2017 17:54:27

[29.05.2017 – BARS-Aktivisten in Kaliningrad verhaftet]
Der Rote Faden... wenn sich die Katze selbst in den Schwanz beißt, wird es lustig...

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