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Putinvertreter Woskresenski - Kaliningrad und sein Potential

Do, 06 Dez 2012 ... mit deutschem Akzent


Putinvertreter Woskresenski - Kaliningrad und sein Potential

Stanislaw Woskresenski, seit Mitte 2012 Vertreter des russischen Präsidenten in Kaliningrad, hat der Zeitung „Rossijskaja gazeta“ (Zeitung der russischen Regierung) ein Interview gegeben. Es wird deutlich, dass Woskresenski sich, von vielen noch unbemerkt, mit großer Energie und mit der Fähigkeit Probleme bis ins Kleinste zu analysieren, bereits umfänglich mit Kaliningrad, seinen Vor- und Nachteilen bekannt gemacht hat. Seine, aus Moskau mitgebrachte Eigenschaft, persönliche Verdienste nicht hervorzukehren, fällt einem aufmerksamen Leser oder Beobachter angenehm auf.

Woskresenski entwickelt Vorstellungen, Kaliningrad enger an das „Große Russland“ heranzuführen. Dies soll auf vielen Gebieten passieren, so u.a. in der Wirtschaft, der Kultur und in den menschlichen Kontakten. Fast alle Kaliningrader fahren mehrmals im Jahr nach Westeuropa, aber nicht alle Kaliningrader waren schon irgendwann einmal im Mutterland Russland. Ein wesentlicher Hinderungsgrund sind die schlechten Verkehrsanbindungen und die hohen Tarife. Es ist einfacher und billiger nach Westen zu fahren als in die russische Heimat. Darauf wird nun Einfluss genommen und Woskresenski persönlich beschäftigt sich mit Detailfragen. Es geht um die radikale Senkung der Ticketkosten für Flüge nach Moskau und St. Petersburg, um die kontrollfreie Transitpassage von Zügen aus dem Mutterland nach Kaliningrad, bei gleichzeitiger Kürzung der Reisezeit. Wer das Originalinterview von Woskresenski liest (http://www.rg.ru/2012/12/05/kaliningrad.html) und vielleicht auch über diese oder jene andere Information verfügt, merkt, wie detailversessen Woskresenski dieses Hauptproblem nun endlich lösen will (… und auch wird).

In diesem Zusammenhang erwähnt er auch die Entwicklung der sozialkulturellen Beziehungen zwischen den Kaliningrader Russen und den Russen aus dem „Großen Russland.“ Es stimmt schon, dass die Kaliningrader sehr westlich eingestellt sind. Aber sie sind und bleiben Russen. Aber wie soll dieses Heimatgefühl vermittelt und gefördert werden, wenn es weder ausreichende Reisemöglichkeiten noch die damit verbundenen sozialkulturellen Austauschmöglichkeiten gibt?

Auf die Frage, wie er über Kaliningrad denkt, antwortet er sachlich korrekt: „Kaliningrad ist einzigartig und die Politik und unsere Beziehungen müssen das berücksichtigen.“ Er schätzt ein, dass Kaliningrad den ersten Platz in Russland einnimmt, bezogen auf die ungenutzten Möglichkeiten. Als ich diese Äußerung von ihm gelesen habe, war ich erstaunt, wie man in einem so kurzen Satz eine fundamentale Kritik vereinen kann mit einem kolossalen positiven Ausblick in die Zukunft Kaliningrads.

Woskresenski erinnerte an den besonderen Status Kaliningrads als Sonderwirtschaftszone und er ist davon überzeugt, dass auch unter den neuen veränderten Bedingungen des Beitritts Russlands zur WTO dieser, vielleicht ein wenig korrigierte Status, den Kaliningradern und anderen, ausländischen Investoren zugute kommt.

Woskresenski legt großen Wert auf die Verbesserung des Investitionsklimas in Kaliningrad. Hierzu gehören nicht nur Verbesserungen in der steuer-, zoll- und verwaltungstechnischen Arbeit, sondern in erster Linie der Ausbau der Infrastruktur. Besonders hob er den Energiesektor hervor – eines seiner weiteren Tätigkeitsfelder, denn er ist Mitglied der Föderalen russischen Energiekommission. Er vergleicht die Qualitäten der Energiesicherheit Kaliningrads mit Deutschland – und Kaliningrad kommt dabei nicht gut weg. Er aber will an das Niveau Deutschlands anschließen. Erst vor kurzem hat er dafür gesorgt, dass durch eine Vertragskorrektur mit dem föderalen Netzbetreiber riesige Summen freigesetzt werden, die nun in die Vervollkommnung der energetischen Infrastruktur investiert werden können.

Woskresenski betonte, dass er keinen Zauberstab hat und somit auch nicht zaubern kann. Man sollte sich in Kaliningrad auf einige Schlüsselthemen konzentrieren, diese entwickeln und dem hiesigen Business freie Hand lassen für Eigeninitiative und diese dann bei Bedarf auch fördern. Wichtig ist, dass man sich nicht einseitig entwickelt und sich nicht in Abhängigkeit von einem Schwerpunkt bringt. Er erinnerte an die Autoindustrie, den Schiffbau, die Informationstechnologie, den Tourismus und – das ist neu – die Entwicklung des Medizinsektors in Kaliningrad. Die in Kaliningrad vorhandenen Bildungseinrichtungen, hier hob er besonders die KANT-Universität hervor, werden einem besonderen Entwicklungsprogramm unterworfen. Wichtig ist, hochqualifizierte Fachkräfte vor Ort auszubilden und die defizitäre Arbeitskräftesituation in Kaliningrad auszugleichen und ein Potential hochqualifizierter Menschen zu schaffen, die zukünftigen Investoren bei der Umsetzung ihrer Pläne sofort zur Verfügung stehen.

Angesprochen auf die Fußballweltmeisterschaft 2018, an der auch Kaliningrad als Ausrichterstadt teilnehmen wird, erklärte er, dass dies eine einmalige Chance für Kaliningrad ist. Er sieht den Schwerpunkt nicht auf das eigentliche Ereignis fixiert, sondern auf den Prozess, der bis 2018 zu bewältigen ist. Kaliningrad erhält die Möglichkeit, mit föderaler Hilfe zu einem der modernsten Zentren Russland, wenn nicht gar Europas zu werden.

Und zum Schluss wurde er noch zur Stadt Kaliningrad an sich gefragt. Viele Veränderungen sind angedacht. Der Aufbau des Königsberger Stadtschlosses, die Wiedererrichtung der Altstadt und andere Dinge. Woskresenski meinte, das Kaliningrad sein eigenes Gesicht bekommen muss. Es darf nicht das passieren, was in Moskau passiert ist, wo man heute Historisches suchen und wieder ausgraben muss. Kaliningrad muss ein Aussehen erhalten, welches unverwechselbar und unzerstörbar ist.

Und hier ist mir ein Satz, fast am Ende seines Interviews aufgefallen: „Wir haben hier einen einzigartigen Ort, wo verschiedene Konzepte vereint sind: das teutonische, das deutsche, das sowjetische und das neurussische Konzept. Und das müssen wir nutzen.“ Diese Formulierung habe ich bisher noch nirgendwo gelesen. Also ein neuer Satz von einem neuen Politiker in Kaliningrad – was dies in der Praxis bedeutet, werden wir vielleicht in den nächsten Monaten erfahren.

Er erinnerte abschließend an das Projekt „Herz der Stadt“ und für die Umsetzung (Anmerkung UN: Wiedererrichtung des alten Königsberger Zentrums), will er die besten Architekten Europas und Russlands und die besten Denker gewinnen. Aber letztendlich muss die Gesellschaft das letzte Wort zum neuen Kaliningrad sprechen.

Die Zeitung „Rossijskaja gazeta“ ist die offizielle Zeitung der russischen Regierung. Mit einem Beitrag dieser Art vermittelt Woskresenski nicht nur seine Ansichten zu einzelnen Themen. Er beginnt sich zu positionieren und beginnt öffentlich zu zeigen, dass er eigentlich schon nach sehr kurzer Zeit zu vielen Problemthemen Kaliningrads mit beiden Beinen im Leben steht. Nun hat ein Präsidentenvertreter einen gewissen Status, der sich von dem eines Gouverneurs unterscheidet. Es wäre wünschenswert, wenn der Gouverneur und der Präsidentenvertreter gemeinsam ihre Gedanken vereinen könnten, im Interesse der Entwicklung unseres Gebietes. Ein halbes Jahr ist vergangen, seit St. Woskresenski zu uns gekommen ist. Bei seinem Eintreffen hat der Gouverneur in überschwenglichen Worten über den neuen, jungen Präsidentenvertreter gesprochen – einmal und weiter habe ich nichts gelesen … Und Woskresenski hat sich bisher niemals öffentlich zum Gouverneur geäußert. Muss man sich da Gedanken machen?

Uwe Niemeier

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Föderales, Kaliningrad, Politik

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