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Reizwort Steuerinspektion - Widerlegung überholter Ansichten

Fr, 16 Nov 2012 ... mit deutschem Akzent


Reizwort Steuerinspektion - Widerlegung überholter Ansichten

Steuerinspektion, Finanzamt – zwei Begriffe, ein Inhalt und ein gemeinsamer Feind für alle Steuerzahler (und insbesondere Nichtsteuerzahler) dieser Welt. Der Sozialismus, aus dem ich komme, hatte auch Vorteile: Der einfach-Sterbliche hatte nichts zu tun mit diesen weltweit „beliebten“ staatlichen Einrichtungen. Aber der liebe Gott hat in sieben Tagen die Welt erschaffen, anschließend Adam und Eva ins Paradies gesetzt – ja und dann wahrscheinlich gleich das erste Finanzamt geöffnet.

Und wenn selbst Adam und Eva im Paradies Probleme hatten, warum sollten wir, die wir nicht mehr im Paradies leben, sondern nur auf der schnöden Erde, es leichter haben? Vielleicht habe ich bisher den Eindruck erzeugt, dass ich ein Glückspilz bin, ich keine Probleme in Russland habe  – einige vermuten vielleicht auch irgendwelche „Beziehungen nach oben“ und „schützende Dächer“ (wie man in Russland sagt). Sind Sie sehr enttäuscht, wenn das alles nicht zutrifft? Ich bin ein ganz normaler 08-15-Deutscher in Kaliningrad, ein glücklicher Deutscher mit nur ganz wenigen, klitzekleinen Problemen, aber mit einem Unterschied zu anderen: Ich war zur rechten Zeit am rechten Ort. Aber deshalb gehöre ich noch lange nicht zu den „Unberührbaren“ in Kaliningrad.

Ja, ich habe so einen Leitspruch als gebürtiger ostelbischer Bürger Deutschlands: „Ein Kommunist ohne Beziehungen ist dasselbe wie ein Kapitalist ohne Geld“. Er, der Spruch, trifft zu und ich beherzige ihn, aber ich nutze ihn nicht aus. Und unter Beziehungen verstehe ich einfach nur ein gutes Verhältnis zu meinen Mitmenschen, egal ob es meine Wohnungsnachbarn sind oder Beamte in irgendwelchen Behörden. Ich habe nach meiner Ankunft im Jahre 1995 in Kaliningrad ziemlich schnell lernen müssen, wie die Uhr so tickt – in Kaliningrad. Und trotz meiner Lernfähigkeit läuft auch bei mir nicht alles glatt und unkompliziert.

Zwölf Monate gaben mir die Kaliningrader Steuerbehörden die Möglichkeit zu einem interessanten, aber vor allem intensiven Meinungs- und Gedankenaustausch über mehrere Verwaltungsebenen. Habe ich doch jetzt nett formuliert – nicht wahr?

Da, wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Da, wo Computer stehen, passieren noch mehr Fehler. Und wenn Menschen am Computer arbeiten – naja, … Und so passierte es. Durch eine Verkettung „unglücklicher Umstände“ wurde durch die Steuerinspektion meine Firma „dicht“ gemacht – ich erspare Ihnen Einzelheiten, bin aber gerne bereit, bei einer Tasse Kaffee in Kaliningrad Ihnen diese zu erzählen. Obwohl Ihnen das nicht mehr passieren wird, denn ich habe zusammen mit den Russen gut koordiniert (nicht jeder Koordinator soll ja gut koordinieren können – wie man so hört), man hat mir aufmerksam zugehört und wir haben gemeinsam die Probleme gelöst – in meinem Interesse und im Interesse Russlands. Das soll ja nicht jedem Deutschen gelingen – wie jüngste Ereignisse auf der politischen Bühne zeigen.

Viele andere haben das Problem, dass sie nicht wissen, wie man eine Firma in Russland abmeldet. Tja, für mich hatte das nun die Steuerinspektion übernommen. Und das Beste daran: Ich wurde nicht informiert. Ich wurde sechs Monate später zufällig durch den russischen Rentenfond informiert. Dort arbeitet eine mich liebende Mitarbeiterin, mit der ich mich schon seit vielen Jahren gut koordiniere. Sie rief mich an, um sich zu überzeugen, dass ich noch existiere. Wie groß war ihre Freude als sie meine Stimme am Telefon vernahm. Umso gruseliger war meine Stimme, nachdem ich vernommen hatte, dass ich in Russland nicht mehr existiere.

Mit anderen Worten: ich hatte sechs Monate illegal in Russland eine Firma betrieben. Aber was tun, wenn man es nicht weiß? Ich besuchte die für mich zuständige Steuerinspektion in Kaliningrad. Dort wunderte man sich erst mal das ich noch existiere, dass ich noch in Russland bin und prompt brach dann auch gleich große Freude aus: Man übergab mir eine Forderung zur Steuernachzahlung. Allerdings in doppelter Höhe, wie ich eigentlich als Unternehmer hätte zahlen müssen. Und so begann eine Periode des intensiven Meinungs- und Gedankenaustausches aber auch der Koordinierung von notwendigen Handlungen mit den Mitarbeitern der Steuerbehörden aller Ebenen.

Nach 25 Jahren Russlanderfahrung habe ich mir die Worte eines alten preußischen Ministers aus napoleonischen Zeiten zu Eigen gemacht: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“. Also, ruhig bleiben, keinen Skandal, keine Öffentlichkeit und vor allem nicht den deutschen Oberlehrer herauskehren – eine Eigenschaft, die man in Russland nicht so richtig mag an den Deutschen. Ich gebe zu, die Wochen und Monate dieser Gespräche kosteten Nerven und es fiel mir nicht immer leicht die Fassung zu wahren.

Das was mich immer wieder aufgebaut hatte war, dass ausnahmslos alle einfachen Mitarbeiter der unteren Steuerbehörde mich unterstützten – auch wenn sie in der Praxis für mich nichts tun konnten. Aber ein gutes Verhältnis brachte mir, dem Deutschen, so manchen wertvollen Insidertipp. Und so bat ich um eine Audienz bei der höchsten Kaliningrader Finanzbehörde. Mein Problem hatte natürlich Behördenintern schon die Runde gemacht und … mir zur Seite wurde sogleich die erste Stellvertreterin der Steuerverwaltung gestellt.

Dreimal haben wir uns getroffen, beraten und koordiniert. Es wurde ein Stab Steuerspezialisten hinzugezogen, die die ganze Angelegenheit bis ins kleinste analysierten. Der Fehler lag u.a. auch in der unvollständigen russischen Steuergesetzgebung. Man gab das unumwunden zu und wir suchten gemeinsam nach Lösungswegen (merken Sie? Gemeinsam!). Die Steuerverwaltung wandte sich an das föderale Ministerium in Moskau und dort nahm man den Vorfall zum Anlass, die Gesetzgebung den aktuellen Erfordernissen anzupassen. Gleichzeitig unternahm die Steuerverwaltung weitere Schritte, um meine Nerven zu schonen. Die Steuerverwaltung arbeitete also ganz anders, wie sonst immer von allen möglichen Leuten behauptet wird.

Gemeinsam wurde – anders ist dies nicht möglich gewesen – eine Klage gegen die Steuerbehörde in Kaliningrad eingereicht. Wenn Sie so wollen – die Steuerverwaltung verklagte sich selber. Und das im Interesse eines Deutschen! In kurzer Zeit, mit einer, mich beeindruckenden Gründlichkeit und Seriosität, wurden zwei Gerichtsverhandlungen durchgeführt und zu meinen Gunsten entschieden – so wie es beide Seiten wollten.

Man hört viel und oftmals wenig Schmeichelhaftes über die russische Gerichtsbarkeit. Ich kann mich dem nicht anschließen. Die Art und Weise ist es, das persönliche Auftreten ist es und die Ehrlichkeit und Seriosität ist es, die Probleme leichter oder schwerer lösen lassen in Russland. Wichtig ist, den anderen nicht zu beleidigen, nicht bloßstellen. Fehler machen wir alle, aber jeder soll die Chance haben sein Gesicht zu wahren. Leider wird das im politischen Leben nicht durch alle berücksichtigt. Ich selber kann aber weiterhin gegenüber meinen ausländischen Kunden mit positiven Erfahrungen zur Arbeit der russischen Behörden auftreten. Alle Probleme lassen sich lösen – völlig ohne Korruption oder sonstiger krummer Wege. Also ein weiterer Grund, keine Angst zu haben sich in Russland/Kaliningrad mal umzuschauen oder vielleicht sogar zu engagieren.

Und noch so nebenbei bemerkt: Nachdem alles erledigt war, habe ich einige Schreiben abgesandt und mich bedankt für die Hilfe und Unterstützung seitens der russischen Behörden. Warum nicht auch mal Komplimente machen – immerhin bin ich gut erzogener Deutscher.

Übrigens, noch mal nebenbei bemerkt, die Zeiten wo mit Bleistift und Radiergummi gearbeitet wurde, sind in den russischen Gerichten vorbei. Neben der sehr strengen konservativen Möblierung steht hochmoderne Technik. Die Richterin war sehr distanziert, aber die Protokollführerin war jung und hübsch. Ich war beeindruckt.

Und noch eine Bemerkung. Ich hatte soeben das böse, böse Wort „Korruption“ erwähnt – ein Reizwort in Russland und ein gern aufgegriffenes Thema in den westlichen Medien. Auch ich greife dieses Thema demnächst auf – in meinem nächsten BLOG. Sie können aber auch, bei Interesse eine zu diesem Thema interessante Diskussion im russland.forum (http://www.forum.aktuell.ru) nachlesen.

Uwe Niemeier

Reklame

Gesetz, Kaliningrad

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