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Russische Freiheit des Wortes

Mo, 23 Sep 2013 ... mit deutschem Akzent


Russische Freiheit des Wortes

Russische Freiheit des Wortes

In Russland gibt es Unmengen von Zeitungen, Zeitschriften, Journalen und alles sowohl in Printform wie auch als Internetportal. Und all diese Massenmedien werden regelmäßig durch die freien westlichen Demokratien bedauert – wegen der fehlenden Pressefreiheit in Russland. Auf der Suche nach Beispielen zur Pressezensur bzw. zur Beschneidung des freien Wortes in Russland, bin ich auf einen Beitrag der Zeitung «Moskauer Deutsche Zeitung» gestoßen. Sie hat eine Umfrage unter Journalisten gemacht. Wie frei fühlen sich die russischen Journalisten denn nun – was ist dran an den Behauptungen über die Pressezensur des Kreml?

Unter der Überschrift «Das Risiko der Anderen» vom 23.07.2013 stellt die Zeitung die Frage: «Haben Sie einen Beruf zum Fürchten? Und die Antworten die dort gegeben wurden, haben mich echt überrascht. Ich dachte, dass jetzt die üblichen Antworten über alle möglichen bösen Dinge der russischen Pressefreiheit kommen – aber nein, dem ist nicht so. Die Journalisten vermuten Gefahren vielleicht irgendwo anders – aber selber können sie nicht über persönliche Negativerlebnisse berichten. Ja, es gibt schon heikle Momente, insbesondere wenn man sich in die Angelegenheiten des Business mischt, aber Gefahren die von der Politik ausgehen – nein, die konnte niemand bestätigen.

Die MDZ (Moskauer Deutsche Zeitung) ist eine (lt. Titelblatt) unabhängige Zeitung und finanziert sich, soweit bekannt, aus Anzeigentätigkeit und deutschen Steuergeldern – steht also nicht im Verdacht einseitig die Meinung des Kreml zu vertreten.

Dass die Zeiten des absolut freien Journalismus der 90er Jahre in Russland vorbei sind – das ist richtig und das ist auch gut so. Denn was da zusammen geschmuddelt wurde – das muss man sich nicht mehr antun. Qualität, Wahrhaftigkeit und reale Informationsvermittlung sollte doch eine erstrangige Rolle spielen. Und wenn die russischen Journalisten schon selber der Meinung sind, dass es keine Zensur und Bedrohung gibt, dann stellt sich die Frage, warum denn in den deutschen Massenmedien immer wieder dieses Stereotypes auftaucht?

Aber vielleicht meinen die deutschen Journalisten der etablierten Medien auch etwas ganz anderes.

Natürlich kann ein Journalist nicht alles schreiben und ein guter Journalist will auch nicht alles schreiben. Geschrieben werden sollte die Wahrheit - ruhig, sachlich und informationsvermittelnd. Das sollte übrigens auch Blogger betreffen, die in den russischen Medien immer mehr Raum in der Informationsvermittlung einnehmen. 

Aber wir haben auch die Leser, die User. Auch hier fühlen sich viele wohl zum Journalismus berufen und wenn ich in den Kaliningrader elektronischen Medien die hinterlassenen Kommentare lese, fühle ich mich wieder in die Freiheit der 90er Jahre zurückversetzt, wo jeder Kübel von Schmutz, Unwahrheiten und Beleidigungen ausschütten konnte.

Zum Glück regelt nun ein Gesetz schon gewisse Dinge. Die richtig primitive Wortwahl wird nun «zensored» - nicht immer, aber immer öfter. Aber was sich manchmal die Politiker, egal ob aus der Regierung oder der  weißen Opposition anhören bzw. lesen müssen ...

In der vergangenen Woche – um nur ein Beispiel zu nennen – trat der Gouverneur des Kaliningrader Gebietes zum Thema „Denkmalpflege für die Kriegsopfer“ auf und sagte eine Meinung, die man nicht unbedingt teilen muss. Schon wenige Momente nach der Veröffentlichung des Artikels bei „new.kaliningrad“ fanden die ersten wüstesten Beschimpfungen statt – und keiner zensierte die Beleidigungen. Dann fühlte ich mich berufen eine Stellungnahme abzugeben – entgegen jeglicher Vernunft. Ich bat die „Kommentierer“ um mehr Kultur und auch um Achtung der Persönlichkeit des Gouverneurs. Und ich vermittelte meine Meinung zu den Ansichten des Gouverneurs, die zu rund 90 Prozent nicht meine Ansichten waren.

Der von mir erwartete Beschimpfungswall in Richtung meiner Person trat nicht ein. Dafür fielen nun die Artikel-Kommentierer über sich selber her und verteilten dabei gleich noch einige Beleidigungen tief unter der Gürtellinie in Richtung Gouverneur – und das alles unzensiert. Dies soweit zur angeblich fehlenden Pressefreiheit und zur Unfreiheit des Wortes in Russland. Das es in Russland an Diskussionskultur fehlt – das steht für mich allerdings außer Frage.

Unsere Informationsagentur existiert nun schon etwas mehr als ein halbes Jahr. Unsere, uns selbst gestellte Aufgabe besteht in der Vermittlung optimistischer Informationen aus Kaliningrad. Das gelingt im Moment nicht so richtig, da es wenig Optimistisches zu berichten gibt und um die Loyalität gegenüber unseren Portalnutzern zu wahren, berichten wir auch über unser Unverständnis zur regionalen Politik. Auch der Gouverneur und einige Regierungsmitglieder erhalten auf unserem Portal nicht immer Bestnoten. Und so wurde ich in den letzten Monaten schon mehrmals besorgt gefragt, ob ich denn keine Angst hätte …

Angst? Wovor? Vor wem? Alleine die Frage zeigt, wie gut es den westlichen Medien bis heute gelingt, die Meinung über fehlende Pressefreiheit zu verbreiten. Mit mir wurde bis heute kein „Gespräch“ geführt, meine Internetverbindung steht stabil und unsere Server (insgesamt mehrere Server weltweit) arbeiten auch stabil.

Nun könnte man sagen, dass wir in deutscher Sprache vermitteln und deshalb einen Sonderstatus genießen, weil nicht alle Russen deutsch verstehen. Tja, nun haben aber russische Medien vor einiger Zeit begonnen, unsere Artikel, insbesondere aus der Rubrik „Meine Meinung – mit deutschem akzent“ zu übersetzen und zu veröffentlichen. Und noch immer kann ich in Ruhe meinen Kaffee im Office trinken. 

Mir scheint es also mit der Informiertheit und der wahrhaftigen Berichterstattung westlicher Medien über Russland und Kaliningrad nicht immer weit her zu sein.

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Deutsches, Gesellschaft, Gouverneur, Kaliningrad, Kultur, Moral

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