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Russland-Puzzle – Versuch einer Extremismus-Analyse in Kaliningrad

Di, 29 Nov 2016 ... mit deutschem Akzent


Russland-Puzzle – Versuch einer Extremismus-Analyse in Kaliningrad

Das Thema Extremismus zu beleuchten, ist für einen Ausländer im russischen Kaliningrad nicht ganz einfach. Man muss sich in Kreise begeben, die gesellschaftlich nicht akzeptiert sind. Und man muss aufpassen, dass man eine rote Linie nicht überschreitet. Dazu kommt, dass Extremismus ein internationaler Gummibegriff ist.

Was ist extrem? Extrem ist, wenn ich höre, dass Iwan Iwanowitsch kifft. Ich kiffe nicht, also ist Iwan Iwanowitsch Extremist – für mich. Für Pjotr Pawlowitsch ist er kein Extremist, weil der auch kifft. Tatjana Wladimirowna ist Extremistin. Sie schiebt sich jeden Tag fünf Stück Sahnetorte rein und wird dicker und dicker. Ich esse „Fillinchen“ und leide nicht an Übergewicht. Aber ich bin Extremist – in den Augen von Tatjana Wladimirowna – wie kann man sich nur selber so extrem quälen und den Genüssen des Lebens entsagen.

Und es gibt die Extremisten mit einem etwas ernsteren Hintergrund. In Deutschland werden die Neonazis als extrem eingestuft, aber auch die AfD soll extrem sein. Die PDS war Anfang der 90er Jahre extrem und natürlich ist PEGIDA irgendwie naja und so und überhaupt …

In Russland ist das ähnlich. Da gibt es auch Leute, Organisationen und Bewegungen, die extreme Ansichten haben – extreme Ansichten deshalb, weil eben ihre Ansichten vom gesellschaftlichen und politischen Standardleben in Russland abweichen, nicht mit den Ansichten des Staates und der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung übereinstimmen.

Ich werde nun nicht die Ansichten des russischen Staates übernehmen, wenn ich im weiteren über die kleinen Puzzleteile informiere, die ich irgendwo auf Kaliningrader Straßen gefunden habe. Ich nehme einfach als Grundlage meine eigenen Ansichten, um die Handlungen anderer zu beurteilen. Schauen wir mal, ob sich aus den wenigen Puzzleteilen, die ich bisher gefunden habe, schon ein Bild erahnen lässt.

Sie erinnern sich sicherlich noch an unsere erste Veröffentlichung am 7. November zur Kaliningrader Bewegung „BARS“, dem „Baltischen Vortrupp des russischen Widerstandes“.

Es war mein erster Versuch, im Rahmen eines Interviews, mich mit dieser Thematik zu beschäftigen. Ich bin dort in einen Bereich gelangt, der mir, trotz meines über 20jährigen Aufenthaltes in Kaliningrad, völlig fremd war. Diese Bewegung, bisher bestehend, nach eigenen Angaben, aus bis zu 10 Mitgliedern und ungefähr 50 Sympathisanten, erkennt das gegenwärtige politische System in Russland und auch die Entscheidungsträger im Lande nicht an. Sie sind illegitim an die Macht gekommen und haben nicht das Recht, im Namen des Volkes Entscheidungen zu treffen – so kurz zusammengefasst die politische Einstellung. Durch den Leiter der Bewegung Alexander Orschuljewitsch wird die Bewegung als „national-monarchistisch“ charakterisiert. Man zeigt sich aber nicht in national-monarchistischen Uniformen, sondern in Uniformen, die an andere Zeiten erinnert.

Foto: Alexander Wladimirowitsch Orschuljewitsch in Uniform der deutschen SS-Truppen und der angepassten Uniform der Angehörigen der Wlassow-Einheiten (Russische Befreiungsarmee)
 
Angesprochen darauf, dass diese Uniformen doch zur deutschen Wehrmacht, der SS und den Wlassow-Anhängern gehören, erklärte Alexander:
 

Soweit die Erklärung. Ob diese Erklärung für alle einleuchtend und logisch ist, muss ich jedem Leser selber überlassen. Für mich ist sie nicht logisch und ich glaube, Alexander hat gesehen, dass er mich nicht überzeugt hat.

Nach dem Interview und anderen Veröffentlichungen im Zusammenhang mit dem Russisch-Deutschen Haus in Kaliningrad, gab es einige Irritationen hinter den Kulissen. Meine Beiträge wurden vom russischen staatlichen Fernsehen übernommen und „BARS“ fühlte sich, durch die Sendungen des Fernsehens, nicht richtig verstanden, meinte, man unterstelle Dinge, die nicht der Wahrheit entsprechen. Mich betraf das Ganze nicht, aber irgendwie fühlte ich mich verpflichtet, zur Klärung beizutragen. Es gab einen intensiven Gedanken- und Meinungsaustausch und „BARS“ folgte dann meiner Empfehlung, dass Programm der Bewegung zu korrigieren – um alle Missverständnisse auszuschließen, denn die bisherigen Formulierungen im Programm der Bewegung, aber auch in anderen Dokumenten, die frei verfügbar im Internet sind, klingen schon extrem – egal wie man sie übersetzt:

Screenshot: Programms der Bewegung „BARS“ vor und nach der Korrektur von extrem klingenden Aussagen
 
Auch andere Dinge, die BARS zur Wahrung seiner Rechte umsetzten wollte, konnten wohl geklärt werden – glaube ich, auch wenn BARS vielleicht nicht so richtig zufrieden ist mit dem Endergebnis.

Soweit zur Vorrede und zur Erinnerung an Aktuelles. Irgendwann kam mir der Gedanke, mich mit der Gesamtsituation zu beschäftigen und zu analysieren, ob es noch andere Bewegungen gibt, egal ob sie sich „national-monarchistisch“, oder „national-sozialistisch“ oder „national-kapitalistisch“ oder sonst wie nennen. Und ich stieß bei meiner Suche auf „militärhistorische Clubs“. Einer dieser Clubs nennt sich „Militärhistorischer Club Merkur“. Angeregt wurde ich durch die Aussage von Alexander Orschuljewitsch, dass er Freunde habe, die sich mit der Pflege von alten Uniformen und historischen Ereignissen beschäftigen. Bei meinen Recherchen bin ich auf ein ausgeprägtes System dieser militärhistorischen Clubs, nicht nur in Kaliningrad, sondern in ganz Russland gestoßen. In diesen Clubs, häufig unterstützt und gefördert von staatlichen Einrichtungen, wird Militärhistorisches gepflegt, man stellt Schlachten dar oder zeigt einfach nur schicke Uniformen. In Kaliningrad ist die Nachstellung der „Schlacht um Gumbinnen“ (1. Weltkrieg) zu einem jährlichen Tourismusereignis geworden.

Foto: Veranstaltung eines militärhistorischen Klubs in Kaliningrad im Jahre 2013
 
Aber sprechen wir über den militärhistorischen Club „Merkur“. Wenn ich es richtig verstehe, ist Pawel Korschunow, ein Kaliningrader junger Mann und von Beruf Lehrer für Geschichte in der Dorfschule in Niwenskoje, der Leiter dieses Clubs.
 

Was hat nun dieser Club mit Extremismus zu tun? Eigentlich gar nichts. Ganz im Gegenteil, denn es scheint der beste militärhistorische Club des Kaliningrader Gebietes zu sein. Er ist so gut, dass er durch das Kaliningrader regionale Bildungsministerium, dem dortigen Department für Jugendpolitik, zur gesamtrussischen Versammlung der Leiter der militärhistorischen Clubs in Russland delegiert wurde. Die Veranstaltung fand am 19./20. November in Moskau statt.

Nun wollte ich mich mit diesem Club etwas näher bekannt machen und suchte im Internet. Aber es gibt keine Informationen – der Club hat wohl keine Internetseite. Ich fragte bei Bekannten nach, die kannten den Club auch nicht. Aber das niemand meiner Kontakte diesen Club und diesen Pawel kennt, will ja noch nichts heißen, denn immerhin kennt die Kaliningrader Gebietsregierung ihn und man kennt ihn in den einschlägigen Kreisen derer, die sich mit Militärhistorie in Kaliningrad beschäftigen, wie man Kommentaren im Internet entnehmen kann.

Dann gab es eine Veröffentlichung auf dem Informationsportal „Exclaw“ und dort schrieb man, dass der Club zwar unbekannt ist, aber existiert. Er soll erst in diesem Jahr, kurz vor dem gesamtrussischen Treffen der Leiter der militärhistorischen Clubs in Moskau gegründet worden sein.

Kaliningrader Journalisten setzten sich in Bewegung, um vom Leiter des Clubs zu erfahren, was das denn für ein „Club Merkur“ ist und Pawel Korschunow informierte, dass die Bezeichnung für den Club von der Luftlandeoperation auf Kreta, durchgeführt im Jahre 1941 durch die deutsche Wehrmacht, herrührte.

Das Pawel Korschunow bei seiner militärhistorischen Arbeit den Schwerpunkt auf „Deutsch“, auf die deutsche Wehrmacht legt, ist durch Fotos und natürlich die Bezeichnung des Clubs selber belegt.

Foto: Pawel Korschunow bei der Pflege militärhistorischer Traditionen
 
Für einen jungen russischen Geschichtslehrer finde ich es doch schon ein wenig extrem, dass er für seinen militärhistorischen Club die Bezeichnung einer Operation wählt, die von einer militärischen Organisation durchgeführt wurde, die eine Vielzahl von Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkrieges, insbesondere auf dem Gebiet der Sowjetunion zu verantworten hat.
 
Die Kaliningrader Regierung teilte mit, dass man Pawel Korschunow ausgewählt habe, weil er sich als Freiwilliger gemeldet habe und sich gut in der Thematik auskenne. Aber woher wissen das die Verantwortlichen im Department für Jugendarbeit der Kaliningrader Gebietsregierung? Als Journalisten fragten, konnte man die Bedeutung der Clubbezeichnung nicht erklären. Eine etwas oberflächliche Herangehensweise der Verantwortlichen in der Gebietsregierung – so scheint es zumindest. Allerdings gab die Pressesprecherin des Departements noch eine Meinung von sich:

Extrem einfach, diese Rechtfertigung – finde ich.

Wenn sich aber Pawel freiwillig gemeldet habe um nach Moskau zu fahren, so steht für mich die Frage, ob sich denn auch andere gemeldet haben – immerhin gibt es eine Vielzahl von militärhistorischen Clubs in Kaliningrad – und viele davon sind sehr bekannt und haben sich einen respektablen Ruf erworben. Gab es ein Auswahl- oder Delegierungsverfahren oder war es völlig Wurscht, wer das Kaliningrader Gebiet in Moskau vertritt?

Screenshot: Suche nach militärhistorischen Klubs in Kaliningrad über Google
 
Der Autor des Artikels bei „Exclaw“ stellt die Frage, warum man ausgerechnet die „Feinde Russlands“ nach Moskau geschickt hat?
 
Pawel Korschunow zeigte sich im weiteren Gespräch mit Journalisten „unschuldig wie ein Neugeborenes“, ja eigentlich möchte man seine Erklärungen ein wenig naiv nennen – eben so naiv wie die Antworten von Alexander Orschuljew mir gegenüber, als ich ihn auf die Uniformen angesprochen habe, die er so gerne trägt. Vielleicht ist aber Pawel Korschunow der Freund, über den Alexander mir gegenüber gesprochen hat und von dem er sich von Zeit zu Zeit mal eine Uniform ausleiht – rein aus Spaß an der Freude, aus Spaß an der Militärhistorie? Ich weiß es nicht, habe aber das zweite Puzzle-Teilchen ganz nah an das erste Teil gelegt.
 
Grafik: Russland-Puzzle mit vorläufig drei Teilen ergibt kein Gesamtbild
 
Bleibt nur noch die Frage zu klären, was denn der Geschichtslehrer Pawel seinen Kindern in der Dorfschule über die deutschen Heldentaten auf Kreta erzählt. Das will aber die Schuldirektorin klären, die „geschockt“ war, als sie vom deutschfreundlichen Hobby ihres Geschichtslehrers erfuhr.
 
Und Sie haben es sicherlich bemerkt, wir haben noch ein drittes Puzzle-Teil – die „Gruppe Feldmann, Sawwin, Fonarjow“. Um es kurz zu machen, das ist die Gruppe, die im Jahre 2014 eine Deutschlandfahne auf einem FSB-Gebäude in Kaliningrad gehisst hatte und damit ihren Protest gegen die Ereignisse, rund um die Krim zum Ausdruck bringen wollten.
 

Im persönlichen Gespräch mit Alexander Orschuljewitsch von „BARS“, hatte ich erfahren, dass diese Gruppe mit „BARS“ nichts zu tun hat, wovon ich ursprünglich ausgegangen war. Alexander selber meinte, dass er die Aktion damals nicht so richtig verstanden habe, aber es nicht seine Angelegenheit ist. Man habe mit der Gruppe nichts zu tun. Das habe ich erstmal zur Kenntnis genommen und das Puzzleteilchen aber nicht weggeworfen – vielleicht passt es ja doch irgendwohin in dieses Russland-Puzzle, wenn ich noch aufmerksam nach anderen Teilen suche.


Alexander Orschuljew gab vor einigen Tagen dem Portal „Pregel.info“ ein Interview. Auf eine Frage, welche anderen Jugendvereinigungen oder Subkulturen es noch im Kaliningrader Gebiet gäbe, antworte er:

… na, dann schau´n wir mal, ob ich da noch was finde.

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Deutsches, Gesellschaft

   Kommentare ( 3 )

A. Bienenfreund Veröffentlicht: 29. November 2016 14:40:32

"Militär-historische Clubs" gibt es ja jede Menge und quer durch alle weltanschaulich-politischen Lager und Interessen in Russland. Was sie alle eint ist, dass sie ein hübsches Deckchen für eine paramilitärische Ausbildung sind, für Übungen an Waffen aller Art und in verschiedenen Taktiken. Und , dass sie eine geradezu klassische Spielwiese für Dienste aller Art und Herkunft bieten. Ohne damit ein Urteil suggerieren zu wollen empfehle ich zur Weiterbildung das "Special Forces Unconventional Warfare Training Circular 18-01". Einfach Yandex mit "TC 18-01" füttern bringt das richtige Dokument zuoberst. Hier erfährt man in groben Zügen, wie ein Staat/Gebiet für die unkonventionelle Kriegsführung mit dem Ziel der Machtübernahme durch "freundliche Kräfte" vorbereitet wird. Es ist nicht schwer, das libysche, syrische oder ukrainische Szenario darin wiederzufinden.
Es lohnt sich sicher, zu schauen, inwieweit "TC 18-01" hilft das Puzzle zusammenzufügen.

Karsten-Wilhelm Paulsen Veröffentlicht: 30. November 2016 13:59:17

Deutsches Gegenstück solcher Bewegungen sind bei uns aktuell die "Reichsbürger". die die faktische Existenz Deutschland nicht anerkennen und immer noch von einem Deutschland in den Grenzen von 1917 faseln. Bislang hat man diese belächelt, bis Polizisten versuchten einen Reichsbürger zu entwaffen und dabei ein Polizist erschossen wurde. Die Spinnerei kann in eine radikale Gesinnung umschlagen, deshalb Hut ab, für Ihre Courage, diese Interviews zu führen.

.g Radeberger Veröffentlicht: 3. Februar 2018 02:57:42

Karsten-Wilhelm Paulsen
Veröffentlicht: 30. November 2016 13:59:17
"Deutsches Gegenstück solcher Bewegungen sind bei uns aktuell die "Reichsbürger". "
Da haben Sie wohl in gewissem Sinne Recht. Aber (!), wenn man sich mal mit dieser Materie nur ein ganz wenig mehr beschäftigt und bestimmte Probleme beachtet, auf
die sich diese Reichsbürger stützen, dann kommen echt Fragen auf. Und diese Fragen werden aber durch die aktuellen Politiker als auch durch die Historiker oder Völkerrechtsjuristen nicht oder nicht nachvollziehbar beantwortet. Aufhänger vieler solcher Reichsbürger-Spekulationen ist doch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts bezüglich des Weiterbestands des Deutschen Reichs in Form der BRD. Jaaa, und weiter? Was ist mit dem "Diktat" von Versaille? Was mit einer deutschen Staats(an)-
nicht (zu)-gehörigkeit? usw.
Es ist die übliche Politik von Merkel und Co. des Rumdocktern an irgendwelchen Symptomen, aber keine Offenlegung der wirklichen Probleme.

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