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Russland und seine Rentner

Mo, 03 Mär 2014 ... mit deutschem Akzent


Russland und seine Rentner

Leser die aufmerksam im Internet und auch auf diesem Portal lesen wissen, dass mein Geburtsdatum im 55 Jahr des vorigen Jahrhunderts liegt. In Deutschland ist das völlig uninteressant, in Russland bedeutet dies, dass ich ab 1. April 2015 eine wohlverdiente russische Rente bekomme. Da bin ich 60 Jahre alt, habe 20 Jahre in die russische Rentenkasse ehrlich Beiträge eingezahlt und komme nun in den Genuss meiner „staatlichen Sparkasse“.

Und so ist es verständlich, dass mich das Thema „Rente in Russland“ interessiert. Und welcher Westeuropäer kennt sich schon mit dem deutschen Rentensystem aus, geschweige denn dem russischen System? Und so werden wir die nächsten 12 Monate nutzen, um ab und zu dieses Thema auf unserem Portal zu aktivieren.


Foto: Versicherungskarte Rentenfond der Russischen Föderation

Vor ein paar Tagen war ich in der Rentenstelle um meine Angaben abzustimmen. Wie immer wurde ich ausgesucht höflich empfangen. Die für mich zuständige Mitarbeiterin hatte Geburtstag und bot mir Kaffee und Kuchen an. Ich gebe zu – keine Standardsituation, aber ich bin die sogenannte „weiße Krähe“ und da genießt man schon mal den „Sonderstatus“. Vermutlich bin ich auch der einzige „echte Ausländer“ in Russland der ab kommendem Jahr eine russische Arbeitsrente bekommt – man hat mir versprochen das zentral in Moskau anzufragen – eine Frage, die auch auf großes Interesse in der Rentenverwaltung stoßen wird. Vielleicht komme ich auch ins regionale oder föderale Fernsehen und Putin überreicht mir persönlich meinen Rentenausweis?


Foto: Gebäude des Rentenfonds Leningrader Stadtbezirk/Kaliningrad

Die Abstimmung des Rentenkontos ist relativ einfach gewesen – insgesamt aber für einen Russen doch erheblich schwerer. Warum?

Es scheint in der russischen Rentenverwaltung bis zum Jahre 2001 eine gewisse „Unordnung“ gegeben zu haben, denn der mir vorgelegte Kontoauszug meines Rentenkontos war bis ins Kleinste ab dem Jahre 2001 geführt, klar, einfach und übersichtlich. Alle Angaben davor waren sehr vage und man bat mich, von meinem ehemaligen russischen Arbeitgeber „eidesstattliche“ Selbstauskünfte einzuholen. Als Beleg für meine Arbeitstätigkeit kann ich aber auch das „Arbeitsbuch“ vorlegen.


Foto: Titelliste des russischen Arbeitsbuches

Da steht aber nichts drin zur Höhe meines Gehaltes oder der einbezahlten Rentenbeiträgen … also kurz, es scheint einiges verlorengegangen zu sein und für die Russen, die über viele Jahre viele unterschiedliche Arbeitgeber hatten, wird das Rekonstruieren sehr schwierig und zeitaufwendig. Hinzu kommt noch, dass vermutlich auch viele Firmen nicht mehr existieren. Und es kommt dazu, dass Firmen oftmals den Arbeitern nur einen winzigen Lohn, den offiziellen Mindestlohn gezahlt haben und den anderen „inoffiziellen“ Teil im Briefumschlag. Damit spart der Arbeitgeber die Rentenbeiträge ein, die in Russland zu 100 Prozent der Arbeitgeber zahlen muss. Leider sind viele Arbeitnehmer mit dieser Vorgehensweise einverstanden und denken nicht an das Rentenalter, denn eine Rente berechnet sich nun einmal auf der Grundlage der einbezahlten
Beiträge und wer nichts einzahlt, bekommt auch nichts aus der Rentenkasse.

Foto: Zunehmende Tendenz – Gehaltszahlung im Umschlag

Aber, wie schon gesagt, bei mir war alles sehr einfach und übersichtlich. Ich rief die Finanzdirektorin meiner ehemaligen Firma an und da wir uns nach wie vor lieben und gern haben, bereitet man alles für mich „rentengerecht“ auf, während ich in meinem Office sitze und für Sie diesen Artikel schreibe.

Bei meinem Gespräch mit der für mich zuständigen Abteilungsleiterin sagte diese, dass ab kommendem Jahr eine neue Rentengesetzgebung in Kraft tritt. Um zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt Anspruch auf „irgendeine“ Rente zu haben, muss man mindestens fünf Jahre nachweislich erwerbstätig gewesen sein. Ab kommendem Jahr sind das zwanzig Jahre. Was für ein Glück für mich, dass mich die russische Firma im April 1995 eingestellt hat.

Ein weiteres Problem für russische Rentner ist die Ehrlichkeit und Solidität der Arbeitgeber. Diese nehmen ihre gesetzlichen Verpflichtungen zur Bezahlung der Sozialabgaben nicht immer ernst und es gibt einen großen Schuldenberg von nicht bezahlten Rentenbeiträgen. In Russland übernimmt der Arbeitgeber vollständig die Sozialkosten und wenn diese nicht einbezahlt werden, dann kennt die Rentenstelle natürlich auch nicht die richtige Berechnungsgröße für die Rente – also kurz und gut, der Arbeitgeber ist unehrlich und Leidtragender ist der Arbeitnehmer und zukünftige Rentner. In Deutschland scheint diese soziale Verantwortung der Arbeitgeber eine Selbstverständlichkeit zu sein – in Russland ist das noch nicht so.

Und nun hat sich die russische Rentenverwaltung noch etwas Neues einfallen lassen. Ich kann innerhalb von fünf Jahren meine Rente um 50 Prozent erhöhen – ich muss einfach nur weiterarbeiten und auf meine Rente ab 60 (55) verzichten und meinen Rentenantrag erst mit 65 stellen. Russland schlägt da mehrere Fliegen mit einer Klappe: Man kompensiert ein wenig das demografische Problem, man braucht offiziell das Rentenalter nicht anzuheben (weil das natürlich durch die Bevölkerung negativ bewertet wird) und man entlastet die russische Rentenkasse. Die durchschnittliche Lebenserwartung des Russen liegt bei 70 Jahren… einige sollen schon eher sterben …

Ist also dieser Vorschlag für einen angehenden Rentner wirklich interessant? Ich möchte das bezweifeln. Zum einen verzichtet der potenzielle Rentner fünf Jahre auf seine Rente und weiß nicht, ob er sie überhaupt noch erlebt. Zum anderen verdienen sich die Rentner sowieso durch eine oder mehrere Nebenbeschäftigungen ausreichend gutes Geld zur Rente dazu. Warten wir also die Statistiken ab, wieviel Arbeitsveteranen sich für das neue Rentenmodell freiwillig entscheiden.

Wenn alles planmäßig verläuft, so erhalte ich meine erste Rente im April 2015. Man versicherte mir, dass ich eine sehr gute Rente erhalte, da ich als Angestellter einer russischen Firma immer gut verdient habe und auch als Unternehmer hohe Beiträge eingezahlt habe. Kurz und gut, ich rechne mit 250 Euro. Das reicht dann um ein Flugticket von AirBerlin zu kaufen und mich mit meiner Mutter in Deutschland über die Rentenunterschiede in Deutschland und Russland einmal monatlich auszutauschen.

Um diese Rente technisch zu erhalten kann ich ein Konto bei der Sberbank einrichten. Dorthin wird sie überwiesen, gut verzinst mit einem Spezialzins für Rentner (eine gut getarnte „Zusatzrente“ des russischen Staates). Mittels einer elektronischen Bankkarte kann ich dieses Geld wieder ausgeben.

Ich kann mich aber auch in die monatlichen Schlangen stellen – entweder in der „Sberbank“ oder der russischen Post, gemeinsam mit dem russischen Babuschkas, die sich nicht an die Geldautomaten trauen und mir meine Rente auszahlen lassen. Das hat mehrere Vorteile. Zum einen ist es immer ein schönes Gefühl so viel Bargeld zwischen den Fingern zu haben und zum anderen kann man mit den Babuschkas unendlich interessante Gespräche führen und man hört Lebensgeschichten.

Ich habe mich für eine kombinierte Variante entschieden. Die Rente wird elektronisch überwiesen und ich stelle mich monatlich trotzdem in die Schlange und lausche den Gesprächen – das gibt dann viele neue Artikel aus dem russischen Leben für unser Informationsportal.

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Gesellschaft, Russland, Soziales

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