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Stalin ist besser als sein Ruf – zumindest im modernen Russland

Do, 24 Aug 2017 ... mit deutschem Akzent


Stalin ist besser als sein Ruf – zumindest im modernen Russland

Russland ist ein Land, welches sich immer dann entwickelte, wenn es einen starken Führer hatte. Starke Führer hatten es in der Vergangenheit immer geschafft, in historisch kurzer Zeit, Probleme des Landes zu lösen. Grund hierfür könnte sein, dass sie wenig Rücksicht nehmen mussten auf Begriffe wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Das haben sie dann damit bezahlen müssen, dass die moderne Geschichte sie kritisch bewertet.

Stalin ist das Paradebeispiel dafür, dass eine grandiose Lebensleistung im Interesse des Landes vollbracht wurde, aber diese grandiose Leistung nur dadurch erreicht wurde, dass das Leben eines einzelnen Menschen und die Meinung von Minderheiten keine Rolle spielte.

Basierend auf dem Prinzip „Diktatur des Proletariats“ setzte er seine Meinung und Ansichten durch. Dies führte im Ergebnis dazu, dass sich Russland, Sowjetrussland und die Sowjetunion, innerhalb kürzester Zeit, zu einer Weltmacht entwickelte, die Industrie aufblühte und sich die Gesellschaft entwickelte. Dies führte aber auch zu Millionen Opfern, die diese Entwicklung, häufig unbegründet, mit ihrem Leben bezahlen mussten. 

Im Jahre 1959, also sechs Jahre nach dem Tod von Joseph Stalin, hielt Winston Churchill, sein größter Gegner, am 21. Dezember eine Rede im House of Lords, aus Anlass des 80. Geburtstages von Stalin:

Jahrzehntelang existierte das Thema „Stalin“ in der Gesellschaft nicht. Es wurde in den 50er Jahren, nach seinem Tod, eine sogenannte Entstalinisierung durchgeführt. Stalin wurde aus dem Mausoleum entfernt und an der Kremlmauer beigesetzt. Im weiteren sprach man nicht mehr über ihn. Das ändert sich in den letzten Jahren erheblich und Stalin ist im modernen russischen Leben präsent. Insbesondere wächst seine Popularität unter den Jugendlichen.

Eine Untersuchung des „Levada-Zentrums“ (Ausländischer Agent) zeigt, wie sich die Menschen in Russland nach einem starken Führer, einem starken Land sehnen und anscheinend dafür bereit sind, das westliche Verständnis für „Demokratie“ auf die Bedürfnisse in Russland zu adaptieren.


Schauen Sie, wie sich die Zustimmungsrate für Stalin im Jahre 1999, dem Tiefstpunkt des Verfalls des Landes, sprunghaft erhöht.

Fotografik: Verwendete Zahlen aus Umfrage „Levada-Zentrum“ 26.06.2017
 
Alle erinnern sich an den Zusammenbruch eines ganzes Gesellschaftssystems im Jahre 1990/91, an den Zusammenbruch der Sowjetunion und an die wilden 90er Jahre unter Führung eines Boris Jelzin, an den totalen Ausverkauf des Landes, der Degradierung der wichtigsten Elemente der Gesellschaft und des internationalen Niedergangs des Landes.
 
Stalin scheint für die Russen der Inbegriff des Sieges und der Stärke zu sein. Er ist historisch greifbar, während andere starke russische Persönlichkeiten wie Peter I. und Ekaterina die Große historisch bereits zu weit entfernt sind, um aktuelle Bedürfnisse des russischen Volkes zu befriedigen. Anhänger von Stalin werden oft unter den Alten und Ärmsten, also meistens den Verlierern der modernen russischen Geschichte vermutet. Aber dem ist nicht so. Unter den sich öffentlich äußernden Stalin-Anhängern befinden sich junge Leute, hochqualifizierte Leute und sozial gut gestellte Bürger. Welche Rolle Stalin im Leben der Menschen spielt ist u.a. wohl auch daran zu sehen, wie viele Menschen sich auf dem Roten Platz mit dem Stalin-Imitat fotografieren lassen wollen.
 
Lew Gudkow, der Leiter des „Levada-Zentrums“ (Ausländischer Agent) will wissen, dass die Mehrheit der demokratischen Historiker Russlands der Ansicht ist, dass Stalin aus der Geschichte verschwinden wird. Sollte er jedoch bleiben, so höchstens in Veröffentlichungen von professionellen Historikern und auch nur im allernegativsten Focus. Dem steht die Meinung des Volkes entgegen, denn heute steht Stalin an erster Stelle einer Liste der Personen, die als „Großer Führer von Land und Volk“ gerechnet werden.

Seit einigen Jahren ist es wieder populär, Stalin-Denkmäler in den verschiedensten Formen aufzustellen. Vom vorsichtigen Vortasten bis hin zur unangemeldeten Schaffung von Fakten ist alles vertreten. Das Informationsportal „Lenta.ru“ spricht sogar von einer Epidemie-Erscheinung. Staatliche Organe reagieren äußerst differenziert. Häufig wird gar nicht reagiert und das neue Denkmal oder die neue Gedenktafel zur Kenntnis genommen, wenige Male wird die Abschaffung gefordert, aber dann auch nicht mit der notwendigen Energie vorangetrieben.

Alle diese Denkmäler und Gedenktafeln kosten Geld und Initiative. Es scheint kein Problem zu sein, sowohl Geld als auch Initiative zu finden. Auch finden Schändungen dieser Denkmäler statt, deren Folgen aber immer wieder schnell beseitigt werden.

Foto: Stalinbüste in Surgut
 
Eine Umfrage unter Russen hat ergeben, dass 62 Prozent der Befragten sich dafür aussprachen, Stalin in geeigneter Form zu ehren, Denkmäler, Büsten, Gedenktafeln aufzustellen. 65 Prozent der Befragten wollten sogar nichts davon hören, dass Stalins Name im Zusammenhang mit Verbrechen genannt wird. Man war der Meinung, dass Stalin ein Teil der russischen Geschichte ist und sich auch die Kinder daran erinnern müssen.
 
Eine weitere Umfrage von „Lenta.ru“ unter Russen, die sich eindeutig zu Stalin bekennen, ergab folgende Motive für das Ansehen des Führers:
 
  • Stalin ist verantwortlich für eine mächtige unabhängige Ökonomie,
  • Stalin hat für ein Anwachsen der Löhne und ein Senken der Preise Sorge getragen,
  • Stalin war für geheime Wahlen,
  • Stalin war Garant für einen stabilen Rubel,
  • Stalin genehmigte die Arbeit von mehr als 140.000 Privatunternehmen im Land,
  • Stalin organisierte die Sonnenperiode in der Kunst,
  • Stalin schuf eine gewaltige Wissenschaft,
  • Stalin organisierte ein Anwachsen der Bevölkerung,
  • Stalin garantierte die Durchsetzung der Gesetze,
  • Unter Stalin funktionierte eine hochprofessionelle Diplomatie,
  • Stalin hatte ein sehr gutes Gedächtnis,
  • Stalin führte ein asketisches Leben,
  • Stalin war ein guter Redner,
  • Stalin war ein guter Führer und Stratege.

 

Russland möchte Großes vollbringen und die Bevölkerung ist bereit, sich in dieses „Große“ einzubringen. Ein Denkmal von Stalin demonstriert in abstrakter Form diese Größe, diesen gewaltigen Sieg im Großen Vaterländischen Krieg, diesen Sieg bei der Industrialisierung des Landes. Dass all diese Siege mit viel Blut und Repressionen begleitet wurden, wird heute zwar nicht geleugnet, aber man will es nicht mehr diskutieren. 

Die Anzahl der Russen, die meinen, dass die stalinschen Repressionen politische Verbrechen waren, hat in den letzten Jahren stark abgenommen. Waren im Jahre 2012 noch 51 Prozent dieser Meinung (also nur die Hälfte der Bevölkerung), so sind jetzt noch weniger dieser Meinung – 39 Prozent im aktuellen Jahr.

Grafik: Umfrageergebnisse des Levada-Zentrums vom 23.05.2017
 
Auch die Anzahl derjenigen die meinen, dass die Repressionen politisch notwendig und historisch gerechtfertigt waren, steigt von 22 auf 25 Prozent.
 
Ein großer Meinungsumschwung in der russischen Bevölkerung zu Fragen der Repressionen trat im Jahre 2014 ein, als die Probleme in der Zusammenarbeit mit dem Westen auftraten. Gefordert wurde hier durch die Bevölkerung ein hart durchgreifender Führer nach sowjetischem Vorbild und in diesem Zusammenhang sank dann auch proportional die Kritik an der Person Stalins. Russische Soziologen glauben bemerkt zu haben, dass, solange Russland sich auf dem „westlichen Weg“ befand, auch das Verhältnis zur sowjetischen Periode des Landes kritischer ausgeprägt war. Als dann die Wege auseinandergingen, mobilisierten sich andere Kräfte und Ansichten im Land.
 

In einer Analyse schätzt das „Levada-Zentrum“ (Ausländischer Agent) ein, dass die Ereignisse der stalinschen Repressionen zu verblassen beginnen und auch das Wissen darüber nicht mehr so präsent ist. Vertreter der Organisation „Memorial“ behaupten, dass auch der gegenwärtige Staat daran mitwirke, das Denken und Wissen der Menschen zu dieser Periode der Entwicklung des Landes neu zu formieren.


 

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Gesellschaft, Persönlichkeiten

   Kommentare ( 5 )

.g Radeberger Veröffentlicht: 24. August 2017 01:55:26

Da muß ich wohl im Unterricht geschlafen haben, damals. Denn von einer Elisabeth der Großen höre ich heute zum ersten Mal. Man lernt eben nie aus.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 24. August 2017 07:38:35

... es ist in den letzten Tagen so viel von Elisabeth berichtet worden ... da habe ich mich wohl von beeindrucken lassen. Danke für den aufmerksamen Hinweis.

Karsten-Wilhelm Paulsen Veröffentlicht: 24. August 2017 11:06:22

@ Stalin führte ein aztekisches Leben
es ist wohl "asketisch" gemeint?
@ Stalin war für geheime Wahlen
Ja und die Wahlen waren so geheim, dass bis zum heutigen Tag niemand etwas davon wusste.

Danke für die Analyse.

.g Radeberger Veröffentlicht: 25. August 2017 01:08:13

Stalin. Was soll man dazu sagen. Von Lenin wurde kurz vor seinem Tode eindringlich davor gewarnt, ihm die Führung der KPdSU und der Sowjetunion anzuvertrauen. Er kannte die Stärken und Schwächen dieses Grusiniers ganz genau. Trotzdem gelang es Josef Dschugaschwili (Stalin), die Führung zu erlangen. Nun wäre es natürlich ein leichtes, alle diese Grausamkeiten allein diesem Mann zuzuschreiben. Aber er hatte auch Leute um sich, die diese Tour mitmachten. In erster Linie wäre da meiner Ansicht nach Beria, der Geheimdienstchef zu nennen.
In gewisser Weise führte er aber die eingeleiteten Maßnahmen von Lenin fort, so daß westliche Experten mit Erstaunen feststellen mußten, in welch kurzer Zeit große wirtschaftliche Fortschritte erreicht wurden.
Aber am meisten versetzten die westlichen Politiker eigentlich die Erfolge der Roten Armee im WK II in Erstaunen. Sie hatten ja einen ganz anderen Plan, in welchem sich die Rote Armee und die Wehrmacht gegenseitig aufreiben. Wer wäre der Sieger?

Karsten-Wilhelm Paulsen Veröffentlicht: 25. August 2017 14:45:45

@Sie hatten ja einen ganz anderen Plan, in welchem sich die Rote Armee und die Wehrmacht gegenseitig aufreiben. Wer wäre der Sieger?

Das wird öfter kolportiert, tatsächlich aber nie durchgeführt. Solche Erwägungen würden auch nur zu Beginn des kalten Krieges schlüssig sein, und da war das 3. Reich längst besiegt. Sonst hätten die USA die Sowjetunion nicht mit riesigen Lieferungen von Militärfahr- und Flugzeugen unterstützt.

.g Radeberger Veröffentlicht: 27. August 2017 02:19:08

Karsten-Wilhelm Paulsen
"Das wird öfter kolportiert, tatsächlich aber nie durchgeführt. "
Da haben Sie wohl recht, daß es nie - richtig - durchgeführt wurde. Aber diese Erwägungen gab es nicht zu Beginn des Kalten Krieges. Da waren diese schon andere. Man hatte ja als einzige die Atombombe - erfolgreich in Japan 2 x getestet. Aber nach dem Beginn des Planes "Barbarossa" hoffte man bis 1944 hinein, daß sich die Sowjetunion und das Deutsche Reich soweit gegenseitig schwächen, daß man dann selbst leichtes Spiel mit der Umgestaltung beider Länder habe. Auf die russischen Rohstoffe sind doch die Amis nicht erst 1990 aufmerksam geworden. Die amerikanische Militärhilfe war doch anfangs genau für dieses Ziel angelegt. Einen Siegt Hitlers wollte man doch tunlichst vermeiden. Dann wäre doch das Dritte Reich militärisch absolut zu stark und für die westlichen Alliierten nicht mehr besiegbar gewesen.

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