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Unsinniger Namensstreit oder Wenn man nicht weiß, was in der Stadt vor sich geht

Do, 07 Jun 2018 ... mit deutschem Akzent


Unsinniger Namensstreit oder Wenn man nicht weiß, was in der Stadt vor sich geht

Die Stadt hat ein großzügiges Geschenk erhalten. Sponsor war die Sberbank. Das Geschenk erhielt den Arbeitsnamen „Börsen-Square“ – ein MischMasch aus Deutsch und Englisch in einer russischen Stadt. Und schon begann der Skandal.

Es geht um die neuen Wasserspiele, die die Sberbank für 200 Mio. Rubel der Stadt geschenkt hat und die in kürzester Zeit gebaut und pünktlich zu Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft, übergeben worden sind.

Vor einigen Wochen wurde durch die Verantwortlichen eine Ausschreibung im Internet veröffentlicht. Die Kaliningrader sollten sich eine Bezeichnung einfallen lassen, für dieses kleine Paradies im Zentrum der Stadt. Damit es nicht so schwer fällt, hatte man gleich eine Reihe von Varianten vorgegeben – alle Varianten waren so was von „unvorteilhaft“ und liefen eigentlich überhaupt nicht über die Zunge – außer einer: „Börsenplatz“.

  • Börsenplatz
  • Platz mit dem Namen Krusenstern
  • Seeplatz
  • Eleganter Platz
  • Platz des Kosmonauten Viktor Pazajew

Und so wurde, unter Protest von gesellschaftlich Interessierten beschlossen, den Platz „Börsenplatz“ zu nennen. Nun befürchteten alle, dass zur gestrigen Einweihung, dieser Name auch verkündet wird und somit der Skandal perfekt würde.

Es geht darum, dass einflussreiche gesellschaftliche Organisationen und Bürger der Stadt, eine Germanisierung, egal in welcher Form und in welchem Umfang, nicht zulassen werden. Andere wiederum tun alles, um diesen schleichenden Prozess voranzutreiben.

Am Mittwochmorgen wurde bekannt, dass auch Yandex dazu übergegangen ist, dem Platz die deutsche Bezeichnung zu geben und selbst eine anliegende Straße wurde plötzlich zur „Börsenstraße“, obwohl sie bereits über viele Jahrzehnte eine offizielle Straßenbezeichnung hat.

Gesellschaftliche Aktivisten machten mobil und forderten Stadt und Gebiet auf, sofort alles zu unternehmen, damit Yandex eine Korrektur vornimmt. Der Lärm war so groß, dass man während der Einweihung kein Wort über die Bezeichnung verlor. Am Donnerstag reichte die Stadtverwaltung bei Yandex dann offiziellen Protest ein.

Überhaupt wurde gefordert, dass die Abstimmung im Internet annulliert wird und man dem Platz den Namen „Platz der Seeleute“ verleiht. – angelehnt an die jahrelange Nutzung des historischen Gebäudes am Platz als „Haus der Seeleute“. Jetzt soll in dieses Gebäude das „Museum für Bildende Künste“ einziehen. Warum man den Platz somit nicht „Museumsplatz“ oder „Platz der Bildenden Künste“ nennt – ich habe keine Ahnung, obwohl diese beiden Vorschläge doch einfach nur logisch und vor allem völlig unpolitisch wären.

Am Donnerstag meldete sich dann der Vorsitzende des Stadtrats, Andrej Kropotkin zu Wort. Er verstehe überhaupt nicht, warum man nach einem Namen für diesen Platz suche. Der Platz habe bereits einen Namen und es gibt keinerlei Anträge, eine Umbenennung vorzunehmen.

Im Jahre 2016, anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung des Kaliningrader Gebietes, hatte der damalige Gouverneur Nikolai Zukanow vorgeschlagen (und dann angewiesen), dass der Platz die Bezeichnung „Square 70. Jahrestag des Kaliningrader Gebietes“, erhält.

Ja, die Russen lieben solche Bezeichnungen – die ewig langen, die keiner bis zu Ende ausspricht. Ich versuche mir mit meiner Phantasie vorzustellen, wenn sich zwei frisch Verliebte romantisch an diesen Wasserspielen bei klassischer Musik treffen wollen und er zu ihr sagt: „Ich erwarte dich dann um 19 Uhr am Platz des 70. Jahrestages des Kaliningrader Gebietes. Da ist die ganze Romantik schon futsch, bevor sie überhaupt begonnen hat. Aber wenn er ihr ins Ohr flüstert: „Museumsplatz – ok?“, tja, das hört sich doch an – oder?

Kropotkin kommentierte, dass er es richtig finde, wenn die Bevölkerung selber dem Platz einen Namen gibt. Und anscheinend findet er „Börsenplatz“ auch gar nicht so schlimm, denn in Moskau gibt es auch einen „Börsenplatz“ und ein „Börsen-Square“ – sagt er.

Tja, wenn das so ist, dann sei noch daran erinnert, dass Moskau auch einen Kreml hat. Gut, einen Kreml hatte Kaliningrad nie. Nur Königsberg hatte ein Schloss. Dann sollte man das doch wieder aufbauen und bei der Gelegenheit auch gleich noch die Stadt umbenennen und die paar Siedlungen im Gebiet und überhaupt …

Uwe Niemeier

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Germanisierung

   Kommentare ( 6 )

Frank Schröter Veröffentlicht: 8. Juni 2018 11:44:09

Habe ich den Eindruck, dass die "Germanisierung" eventuell überbewertet wird? Ich hab ja einige Jahre in Kaliningrad gelebt, nannte die Stadt vorher und damals, und auch jetzt in Deutschland in Gesprächen , manchmal mit Stirnrunzeln der Zuhörer, immer Kaliningrad. Trotzdem werde auch ich und sollte auch jeder noch so patriotische Russe akzeptieren, dass es so etwas wie Geschichte gibt. Die ist nicht beliebig neu zu schreiben. Das geografische Gebiet der Oblast hat nun mal mehrere hundert Jahre deutsche Geschichte, 45 Jahre sowjetische und 28 Jahre russische. Da ist ein Name eines Platzes "Börsenplatz" mehr als akzeptabel.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 8. Juni 2018 13:02:33

... natürlich gibt es zum Thema "Germanisierung" Übertreibungen - von beiden Seiten. Und unter den gegenwärtigen politischen Umständen, wird Russland wohl alles tun, um keine Missverständnisse zur Gegenwart und Zukunft des Gebietes aufkommen zu lassen. Was die Bezeichnung der Stadt und des Gebietes in Gesprächen anbelangt, so ist dies ganz einfach: Geht das Gespräch über Dinge, die vor 1946 lagen, nenne ich die Stadt Königsberg. Alles was danach ist, ist für mich Kaliningrad. Mit anderen Städten handle ich ähnlich. In Gesprächen sage ich auch immer, dass ich vier Jahre lang in Leningrad studiert habe, und ergänze: "In Leningrad! nicht in St. Petersburg." Genau so, wie ich, wenn ich gefragt werde, antworte: Ich bin in der DDR geboren (und nicht in Deutschland).

Hauke Veröffentlicht: 8. Juni 2018 12:14:39

Noch ein paar Schatten spendende Bäume darum pflanzen
und dann den Platz vielleicht Perkuns Hain nennen.
Im Gedenken an die Menschen die vor den Deutschen dort lebten.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 8. Juni 2018 12:58:24

... also, wenn Deutsche diese Anlage gespendet hätten, könnte man vielleicht über mögliche Namensvarianten nachdenken. Aber so werden sich, unter den gegebenen aktuellen Umständen, ganz bestimmt diejenigen durchsetzen, die die russische Gegenwart und Realität unterstützen.

Hauke Veröffentlicht: 8. Juni 2018 14:55:01

Sorry Herr Niemeier
ich habe nicht von Deutschen geschrieben.
Ich habe von den Menschen geschriebe die vor den Deutschen dort gelebt haben
und einem Völkermord, bis auf wenige Ausnahmen, unterlegen waren.
Aber sicher müssen und sollen die Kaliningrader entscheiden wie der Platz benannt wird.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 8. Juni 2018 15:23:28

... ok, so tief bin ich in die Geschichte nicht eingedrungen. Allgemein weiß ich natürlich, dass die Stadt mal Twangste hieß und die Deutschen das Gebiet okkupiert hatten ... vor vielen hundert Jahren.

Herr Hoffmann Veröffentlicht: 8. Juni 2018 15:34:12

Boahh, lasst sie doch machen was sie wollen...

De Ostjebiete sind wech und kommen nich wieder ...

Meinetwejen können se dem Platz ooch nen chinesischen Namen jeben...

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 9. Juni 2018 02:42:21

Wie heißt denn der Platz nun bisher? Da bin ich bis jetzt noch nicht so richtig dahinter gestiegen. Hat er den Namen Namen nun offiziell von Zukanov,oder der den Namen von vorher?
wenn man mal den Vorschlag, der derzeit vorliegt, sich überdenkt, sträuben sich auch die Nackenhaare:
Ploschtschad (russisch); Börsen (deutsch) - Square (englisch). Ist auch irgendwie blöd.
Nennt ihn: Площадь Фонтанов

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 9. Juni 2018 07:12:23

... offiziell heißt der Platz gegenwärtig "Platz 70. Jahrestag des Kaliningrader Gebietes".

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 9. Juni 2018 19:43:48

"offiziell heißt der Platz gegenwärtig "Platz 70. Jahrestag des Kaliningrader Gebietes".

Das ist doch fast eine Gedenkansprache und kein Name für einen schönen Platz. Wenn man den Namen ausspricht, nimmt man doch vor Erfurcht die Mütze ab. Die Gläubigen bekreuzigen sich.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 9. Juni 2018 20:13:07

...na, sag ich doch. Die ganze Romantik ist futsch, bevor sie überhaupt begonnen hat.

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