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Volkstrauertag 2017 in Deutschland löst politischen Skandal in Russland aus

Mi, 22 Nov 2017 ... mit deutschem Akzent


Volkstrauertag 2017 in Deutschland löst politischen Skandal in Russland aus

Am vergangenen Sonntag gedachte man im Deutschen Bundestag der Kriegstoten und Opfer der Gewaltbereitschaft und Gewaltherrschaft aller Nationen im Rahmen des Volkstrauertags. Es traten viele Redner auf, so auch ein russischer Schüler der 10. Klasse. Sein Auftritt löste in Russland eine Welle der Empörung aus. Gesellschaftliche Aktivisten forderten die Einschaltung des Sicherheitsdienstes und der Staatsanwaltschaft.

Nikolai Desjatnischenko, Schüler einer zehnten Klasse aus Urengoi, hätte sich vermutlich nicht im Traum gedacht, dass er Mittelpunkt eines politischen Skandals und einer Welle von Empörungen in seinem Heimatland Russland werden wird, als er mit einer, in russischer Sprache gehaltenen Rede, vor den Abgeordneten des Bundestages am Sonntag auftrat und mit „unglücklichen“ Formulierungen, die Verbrechen deutscher Soldaten in der Sowjetunion versuchte zu entschuldigen.

Es gibt jedoch nicht nur Kritiker des jungen Mannes in Russland – obwohl diese in absoluter Überzahl sind – sondern auch Personen, die versuchen, diesen Schüler zu schützen und Rechtfertigungen für seinen unpassenden Auftritt zu finden. Kritisiert wird von diesen, dass man in den russischen Medien nicht vollständig den Auftritt des Jungen zeigt und die veröffentlichten Teile der Rede ein unrichtiges Bild der Meinung und der Absichten des Schülers widergeben, denn immerhin hat er zum Schluss seiner Rede die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass der gesunde Menschenverstand siegen möge und es nie wieder Krieg geben soll.

Versuchen wir, die wesentlichsten Momente widerzugeben, die die Empörungswelle in Russland ausgelöst hat. Dies wird nicht einfach, denn die Denkweisen der Russen und der Deutschen unterscheiden sich zu vielen Fragen des schrecklichen, von Deutschland angezettelten Krieges, bei dem über 20 Millionen wertvoller sowjetischer Menschenleben vernichtet wurden und somit wird vielleicht die Rede des russischen Schülers vor dem Bundestag, in Deutschland kaum Emotionen, geschweige denn Verständnis, für den in Russland kochenden Skandal, auslösen. 

Für die Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag hatten deutsche Schüler Vorträge über sowjetische Soldaten vorbereitet, die während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland ums Leben gekommen sind und russische Schüler wiederum berichteten über deutsche Soldaten in sowjetischer Gefangenschaft, die ihr Leben einbüßten.

In seiner Rede brachte der russische Junge das Beispiel eines deutschen Kriegsgefangenen, der in sowjetischer Gefangenschaft starb. Die Art und Weise, wie er an Hand eines konkreten deutschen Gefreiten mit Namen Georg Johann Rau versuchte, die Geschichte aufzubereiten, rief bei vielen russischen Bürgern das Gefühl hervor, dass er die Verbrechen der Deutschen in der Sowjetunion rechtfertigen und die gefallenen deutschen Soldaten rehabilitieren wollte. Es gab Stimmen, die forderten, den russischen Sicherheitsdienst FSB und die Generalstaatsanwaltschaft einzuschalten, um festzustellen, „woher die Füße wachsen“ (Anm. UN: russische umgangssprachliche Formulierung).

Für russische Ohren klingt die nachfolgende Formulierung äußerst ungewöhnlich. Man ist nicht gewöhnt, die Schlacht um Stalingrad als „sogenannten Stalingrader Kessel“ zu bezeichnen und man ist es auch nicht gewöhnt, dass deutsche Soldaten unter schwierigen Umständen in der Gefangenschaft starben, wo gleichzeitig 20 Millionen Sowjetbürger unter noch viel schwierigeren Umständen das beste gaben, was sie hatten: ihr Leben.

Nikolai führte aus, dass er selber die Begräbnisstätte von Soldaten der Wehrmacht in der Nähe von Kopeiska besucht habe und kommentierte:

Schreckliche Formulierungen für die Ohren derjenigen, die den Krieg noch erlebt hatten oder für deren Hinterbliebene. Ein deutscher Soldat kann nicht unschuldig sein. Er befand sich ungebeten auf fremden Gebiet und unterstützte mit seinen Handlungen das verbrecherische faschistische Regime. Und die Schwierigkeiten, die diese faschistischen Soldaten auf fremdem Gebiet durchlebten, ist den sowjetischen Bürgern, die ihre Familien unter oft grausamen Umständen verloren, egal.

Der bekannte TV-Journalist Wladimir Solowjow meldete sich am Montagabend zu Wort und forderte den Schüler, der den Tod unschuldiger deutscher Soldaten bedauerte, nicht weiter zu quälen.  Man sollte mit dem Schüler eine Reise nach Wolgograd und nach St. Petersburg machen und ihn dort auf dem Piskarewskoje Friedhof alles ruhig erklären. Aber was seine Mentoren anbelangt – die müssen sich wohl Fragen gefallen lassen – so der Journalist.

Die Abgeordnete des Jamalo-Nenezker autonomen Gebietes Elena Kuschkina erklärte, dass sie die Staatsanwaltschaft informiert und darum gebeten habe zu untersuchen, wer dieses Projekt betreut hat. Sie kritisierte eine Reihe von Formulierungen, die in Bezug auf deutsche Soldaten unangebracht sind. Sie forderte, solche Dinge sofort in den Anfängen zu bekämpfen.

Sergej Koljasnikow, Bürger aus Jekaterinburg, sah in den Worten des Schülers den Versuch der Rehabilitierung nazistischer Verbrecher und forderte seine Mitbürger auf, sich an den russischen Sicherheitsdienst FSB, die Generalstaatsanwaltschaft und die Verwaltung des Präsidenten zu wenden. Interessant bei dieser Wortmeldung ist, dass dieser Bürger im Jahre 2007 durch ein Gericht zu einer Strafe, wegen Verbreitung von Nazi-Symbolen und faschistischer Propaganda verurteilt worden war. Er hatte in einem Geschäft deutsche Militaria verkauft.

Zu Wort meldete sich auch Irina Scherbakowa, Leiterin des Bildungsprogramms der internationalen Organisation „Memorial“. Der Junge habe wirklich absolut nicht korrekte Formulierungen verwendet, wenn er von „unschuldig Gefallenen“ spricht. Allerdings erinnerte sie, dass der Schüler nicht über die SS-Soldaten oder Soldaten von Sondereinheiten gesprochen habe, sondern über ganz gewöhnliche Soldaten, von denen viele unfreiwillig in den Krieg zogen.

Man müsse der Wahrheit in die Augen schauen – so Scherbakowa. Bei vielen sowjetischen Bürgern haben deutsche Soldaten Hass und Aggression ausgelöst, andererseits aber auch Mitleid, wenn man gesehen hat, in welch erbärmlichen Zustand ein ganz konkreter deutscher Gefangener sich befand, kurz vor seinem Tode.   

Scherbakowa meinte, dass man dem Schüler für seine unvorsichtigen Worte verzeihen sollte. Er wollte nur sein Mitleid zum Ausdruck bringen. Die russische Gesellschaft rufe ständig christliche Werte in Erinnerung – man sollte diese christlichen Werte jetzt auf den Jungen anwenden.

Auch der Bürgermeister von Neu-Urengoi Iwan Kostorgis und die Deutschlehrerin des örtlichen Gymnasiums Ludmilla Kononenko stellten sich schützend vor den Schüler. Der Schüler habe ganz bestimmt nicht den Faschismus rechtfertigen wollen. Sie erinnerten, dass der Schüler am Schluss seines Auftritts vor dem Bundestag dazu aufgerufen hatte, dass auf der ganzen Welt ein gesunder Menschenverstand einziehen sollte und die Welt niemals mehr Krieg sieht.

Am späten Montagabend berichteten russische Medien, dass die Mutter ihrem Sohn geholfen hatte, diesen Vortrag vorzubereiten. Die Reaktionen der russischen Gesellschaft zum Auftritt ihres Sohnes löste bei ihr einen gewaltigen Schrecken aus – verständlich, … wenn Sie mich fragen. Auch sie bekannte, dass ihr Sohn versehentlich die Bedeutung seiner Botschaft verzerrt habe. Man habe im Sommer von der Reise des Sohnes nach Deutschland erfahren. Sehr kurzfristig wurde bekannt, dass man ihrem Sohn nur zwei Minuten für seinen Auftritt gebe und er habe selber seinen Auftritt gekürzt. „Mir selber ist es schrecklich zu lesen, was passiert ist. Ich glaube, dass er nicht verstanden hat, wie seine Kürzungen den Inhalt seines Auftritts verändert haben“, - so die Mutter.

Also, wenn Sie mich fragen, so lösen die Äußerungen der Mutter bei mir zusätzliche Fragen aus. Sie erzählte Journalisten, dass der Vortrag des Sohnes ungefähr einen Umfang von 7-8 Minuten gehabt habe und er musste diesen Vortrag auf zwei Minuten kürzen. Da die Mutter an der Kürzung nicht teilgenommen hat, geschah dies anscheinend in Deutschland, ohne die Möglichkeit, dass irgendjemand dem Buben helfen konnte. Wer hat das veranlasst? Waren es Deutsche? Warum? Wollte man den „Russen“ in eine Situation locken? Wollte man provozieren? Warum hat man dem russischen Schüler nicht gleich im Sommer 2017 gesagt, dass er nur zwei Minuten im Deutschen Bundestag sprechen kann? Also, wenn Sie mich fragen, so sollte hier das russische Außenministerium auch ein paar Untersuchungen anstellen und es wäre wohl besser gewesen, wenn Nikolai gar nicht gesprochen hätte.

Dann wandte sich der Ausschuss für internationale Angelegenheiten des russischen Föderationsrates an die Regierung des Jamalo-Nenezker autonomen Gebietes und forderte eine sofortige Prüfung der Literatur, die im Unterricht im Gymnasium des Schülers verwendet wird.

Auch Kaliningrader Medien nahmen sich dieses Vorfalls an und erinnerten an unangenehme Vorfälle in der jüngsten Vergangenheit mit deutschen Kulturereignissen.

Der staatliche TV-Sender „WESTI“ kommentiert, dass es auch in Kaliningrad mehrmals Versuche gab, die deutschen faschistischen Eroberer als „Kulturnation“, ja sie sogar als „Opfer“ darzustellen. Der größte Skandal, erinnert „WESTI“, geschah im Jahre 2008, als im bekannten Kaliningrader Kinotheater „Saria“ der deutsche Film „Ostpreußen – die Hölle der Jahre 1944-1945“ gezeigt wurde. Dieser Film ist in Deutschland verboten. Dieser Film zeigt angebliche Kriegsverbrechen sowjetischer Soldaten an der Bevölkerung Ostpreußens. Weiterhin wird in dem Film unterstellt, dass Offiziere der Wehrmacht sich sehr human gegenüber sowjetischen Kriegsgefangenen, die sie als „Mongolen“ bezeichneten, verhalten haben, denn Deutschland sei eine Kulturnation von seiner Mentalität her.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte die Zeitung „Neue Räder“, deren Eigentümer und Chefredakteur Igor Rudnikow gegenwärtig in Untersuchungshaft sitzt (Erpressung von Staatsangestellten) einen Artikel, der das Andenken an sowjetische Soldaten, die an den Kämpfen um Ostpreußen teilgenommen hatten, diskreditiert. In dem Artikel unterstellte man, dass sowjetische Truppen einen Flüchtlingszug bombardiert, Krankenschwestern und Patientinnen vergewaltigt hätten.

… also, wenn Sie mich fragen, da ist wohl einiges so richtig schief gelaufen und Nikolai Desjatnischenko wird wohl jetzt eine unvergessliche Lebenserfahrung sammeln. Er wäre wohl besser beraten gewesen, nicht in den Deutschen Bundestag zu gehen. Dies scheint kein Ort zu sein, wo sich ein russischer Bürger für sein Land einbringen kann – wie bereits ein anderer russischer Bürger viele Jahre vor ihm feststellen musste.

Obwohl, der Kreml ist hierzu anderer Meinung, denn am Dienstagvormittag erklärte Dmitri Peskow, Pressesprecher des russischen Präsidenten, dass sich der Kreml nicht in diese Angelegenheit einbringen werde. Einige überspitzen wohl die Situation. Es ist zu sehen, wie aufgeregt der Junge ist und er hatte ganz bestimmt nicht die Absicht den Faschismus zu verherrlichen oder die deutschen Soldaten zu rechtfertigen.

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Außenpolitik, Deutsches, Föderales, Gesellschaft

   Kommentare ( 4 )

Frank Werner Veröffentlicht: 21. November 2017 22:18:10

Die Worte mögen unpassend gewesen sein. Aber gleich mit der Staatsanwaltschaft und dem FSB drohen ist nun völlig überzogen. Genauso wie die Vermutung, der Junge sei in eine "Falle" gelockt worden. Bitte die Kirche im Dorf lassen.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 21. November 2017 22:57:41

... die Kirche im Dorf zu lassen hat auch Peskow, Sprecher von Putin, gefordert - obwohl er das etwas anders formuliert hat. Davon hat sich aber die russische Staatsanwaltschaft nicht beeindrucken lassen und Ermittlungen aufgenommen.

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 22. November 2017 02:43:51

Auch ich bin der Meinung, daß Nikolai wohl eher von anderen für eine gezielte Provokation mißbraucht wurde. Und diese Leute sollte man sich mal genau ansehen. Man muß sich das mal überlegen, daß sich russische Kinder und Jugendliche nach so vielen Jahren nach diesem schrecklichen Krieg um dieses Problem aktiv kümmern. Sie haben nicht die leisete Vorstellung von dem Grauen von damals. Und dann hat der Junge unterstützt von seiner Mutter einen Beitrag für ca. 7 - 8 Minuten vorbereitet, kommt nach Deutschland und muß ohne fachliche Unterstützung seinen Beitrag auf 2 Minuten kürzen. Ich frage mich, was da bei so manchem Erwachsenen heraus gekommen wäre. Er wollte offensichtlich zum Ausdruck bringen, daß eben nicht alle Wehrmachtssoldaten stramme Anhänger des NS-Regimes waren und in diesen Krieg gezwungen wurden. Das ist ja auch richtig. Aber man kann dem Jungen nun nicht den Vorwurf machen, daß die Zusammenhänge und Formulierungen nicht stimmten. Dafür sind andere verantwortlich.

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 22. November 2017 03:11:44

Nur noch etwas Ergänzendes zur Heimatstadt von Nikolai und deren Verbindung nach Deutschland.
Seit 2005 besteht zwischen der deutschen Stadt Kassel und dem russischen Novy Orengoi eine Städtekooperation, die bei einer Festveranstaltung 2015 in Kassel ausgiebig gewürdigt wurde von der ganzen Honoration Kassels.
Auch die Wintershall AG hat dieses Ereignis wie bereits die Jahre zuvor ausgiebig unterstützt. Es gibt zwischen Wintershall, die bei der Erdgasgewinnung in Rußland im Gebiet von Novy Urengoi tätig ist bereits viele Partnerschaften und Freundschaften,
In dem Beitrag wird treffend formuliert:" Dieser Austausch ist wichtiger denn je – gerade mit Blick auf die politische Lage. Als in Russland tätiges Unternehmen freuen wir uns, mit der aktiven Unterstützung dieses vorbildlichen Projekts ein Zeichen für Dialog und Partnerschaft zu setzen und auf diesem Weg auch im Kleinen unseren Beitrag zu den deutsch-russischen Beziehungen zu leisten.“ Ach ja, wie war das doch mit
nordstream 2?

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 26. November 2017 21:28:14

Hat sich denn die Aufregung ein wenig gelegt?
Es dürfte wohl für die russische Gesellschaft eine Lehre sein, bei solchen "Veranstaltungen" es nicht mehr zuzulassen, daß die Kinder und Jugendlichen in solche langen Messer laufen.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 26. November 2017 21:33:40

... ja, es ist ruhiger geworden - erstaunlich ruhig.

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